Über die Lage der kurdischen Literatur in Nord-Kurdistan

 von Haydar Iþik

„Es gibt ein Sprichwort im Türkischen: Kannst du eine Sprache, bist du ein Mensch; aber wenn du zwei Sprachen kannst, bist du dann zwei Menschen!“

Besser kann man die Bedeutung einer Sprache nicht erklären.

Nun, das ist die eine Seite, aber es gibt ja noch eine andere, über die man sich überhaupt nicht freuen kann.

Die türkische Sprache wird in der Türkei als „Sonnensprache“ gesehen und deshalb wurde sie von den Wissenschaftlern Kemal Atatürks als Mutter aller Sprachen definiert. Wenn man das Türkische als „Sonnensprache“ betrachtet, wird in so einem Land selbstverständlich die kurdische Sprache keinen Platz haben. Deshalb wurde sie unter strengstes Verbot gestellt und dieses Verbot wurde bis zum Jahr 2002 in der Verfassung verankert.

Die kurdische Sprache darf weder geschrieben noch gesprochen werden.  Wer von seiner Muttersprache, vom Kurdischen gebrauch macht, verletzt die nationalen Gefühle der Türken und beleidigt damit den türkischen Staat.

Die Praxis hat uns gezeigt, dass solche die von der nicht existierenden Sprache, also Kurdisch, Gebrauch machten, als Terrorist, Separatist, Bandit gesehen und in den türkischen Folterknast geworfen.

Der türkische Staat versucht seit 80 Jahren mit einem Ethnozide -die Türkisierung der Kurden- durchzuführen. Ich gestehe ehrlich, dass der türkische Staat damit ziemlich erfolgreich war und auf diese Weise Millionen Kurden von ihren Wurzeln entfremdet hat.

Als ich 1937 auf die Welt kam, hat die Türkei als Verbündete des Hitler-Deutschland meine Heimat in Dersim bombardiert, während zur gleichen Zeit Guernica bombardiert wurde, in diesem Aufstand sagte, der 75 Jahre alte Kurde Seyid Riza, der aufgehängt wurde als letztes: “Ich habe nach meinem Gewissen gehandelt. Meine höchsten Interessen galten der Freiheit meines Volkes und meiner Heimat.“ Zur selben Zeit verbündeten sich Demokraten der Welt gegen Franco, Hitler und Mussolini, und keiner wusste, dass weit hinten der Türkei ein Volk ausradiert wurde. Im Schatten des Faschismus führte die Türkei ihren Krieg gegen die schutzlosen Kurden.

Heute wird diese Verfolgung mit modernen Mitteln, aber mit den gleichen Zielen fortgesetzt. Da durch die Medien die Menschen nur auf den USA- Irak Krieg konzentriert werden, versucht die Türkei im Schatten dieses Krieg erneut die Kurden zu vernichten. 

Die vom Genozide übrig gebliebenen Kurden in der Türkei wurden methodisch assimiliert. Als Sieben-Jähriger musste ich im Chor in einem mir total unbekannten Idiom in der Schule brüllen: „Ich bin Türke, ich bin stolz Türke sein zu dürfen!“ Heute müssen meine Enkelkinder diesen Eid schwören.

Die kurdische Kindern müssen die Sprache ihrer Peinigern und Unterdrücker, die Sprache der Kolonisatoren lernen und erleben, dass ihre Muttersprache nicht als menschliche Sprache gesehen wird. In dieser Sprache durften unsere Menschen weder weinen noch lachen sprechen und schreiben war ohnehin untersagt.

Als der kurdische Politiker Vedat Aydin, der auch Lehrer war, sich vor Gericht aus Protest in seiner Muttersprache zu verteidigen versuchte, protokollierte der Richter diesen Vorgang so:

„Der Angeklagte sprach in einer unverständlichen Sprache.“

Daraufhin lachte Vedat Aydin. Als der Richter den Grund seines Lachen fragte, antwortete er: „Ich lache in einer unverständlichen Sprache. „ Kurz darauf wurde er von den türkischen Todesschwadronen entführt und nach Folterung getötet.

Heimat ist dort, wo man satt wird, sagt ein türkisches Sprichwort. Den Kurden bleibt kein anderer Weg, sich an diese Situation anzupassen. Deshalb verliert man seine Sprachheimat und lernt die Sprache der Unterdrücker.

Als Folge dieser Unterdrückungs- und Assimilationspolitik sind die meisten Kurden in der Türkei  in ihrer Muttersprache, mit Ausnahme einer handvoll Intellektueller, Analphabeten. Deshalb wurde dem Kurdischen in Nord-Kurdistan der Weg für die Zeitgenössische Entwicklung versperrt. Somit versuchen die türkischen Machthaber den Untergang dieser Sprache, die eine der ältesten der Welt ist, und der Indoeuropäischen Sprachfamilie angehört und noch von etwa 40 Mill. Menschen gesprochen wird., vorzubereiten.

Wer als Kurde in der Türkei lebt und aus Liebe zu seinem Volk redet oder schreibt, wenn er das Recht auf die eigene Sprache und Kultur einfordert, dann gilt er als schuldig, Separatist zu sein. Haben sie einmal diesen Stempel in ihrer Akte, sind sie in einem Teufelskreis gefangen. Sie sind fortgesetzten Belästigungen ausgesetzt. Entweder hat man Gerichtsverfahren am Hals wie Mehmet Uzun oder man bekommt eine Gefängnis- und Geldstrafe.

Und wenn man wie ich im Ausland lebt, wird man ausgebürgert und die Habe versteigert.

Die Türkei hat nicht nur meine Habe, sondern etwas, viel kostbareres  von mir genommen, nämlich meine Muttersprache. Das war sicherlich besonders für einen Mann des Wortes das schlimmste Verbrechen.

Die Aufteilung der Heimat der Kurden wurde mit Minen, Stacheldraht und Militärbeobachtungsposten so gesichert, dass die Kurden keine humanitären Kontakte mit ihren Verwandten in anderen Teilen Kurdistans haben können. Dies zeigt seine Folgen selbstverständlich auch in Sprache und der Literatur. Ein Volk, mit einer Sprache schreibt aber leider mit verschiedenen Schriften der  Kyrillischen, Arabischen und Latainischen. Dies erschwert den literarischen Kontakt mit anderen Teilen Kurdistans.

Paralell zur Formierung der nationalen Befreiungsbewegung der Kurden in der Türkei haben auch viele kurdischen Autoren Zivilcourage gezeigt, entweder Kurdisch zu schreiben oder die soziale und kulturelle Situation der Kurden als Thema zu behandeln. Alle diese Werke haben ausschließlich demokratische und antifaschistische Tendenzen.

Hier muss ich an unseren lieben „Onkel“ Musa Anter denken, der im Jahre 1992 von den türkischen Todesschwadronen in Diyarbakir auf der Strasse ermordet wurde. Er war 75 Jahre alt. Er beschrieb in seinen Novellen, die im Exil in Türkisch und Kurdisch veröffentlicht werden konnten, das Leben der kurdischen Menschen und machte auf Ausbeutung  Unterdrückung durch den türkischen Staat aufmerksam.

Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller können sich von diesen Ereignissen nicht befreien. Wie Picasso die Verbrechen der Faschisten in seinem Bild „Guernica“ angeprangert hat, wie Brecht und viele Antifaschisten ihre Klagen schrieben, so schreiben die Kurden über ihr vergebliches Aufbegehren, über Massaker von Dersim, Zilan, Piran, über dem Giftgasüberfall von Halabja und nationale Identität, über die Unterdrückung des kurdischen Volkes.

Trotz des Vernichtungsfeldzugs der Türkei gegen die Kurden haben sich die kurdischen Autoren in der Türkei nicht beirren lassen etwas für die Völkerverständigung zu tun.

Der weltberühmte Romanzier  Yasar Kemal nimmt sein Motive aus der bunten kurdischen Welt, aber er schreibt in türkischer Sprache.

Hier möchte ich einen Kollegen von uns, Herrn Mehmet Uzun, besonders hervorheben und ihm danken, dass er trotz aller Schwierigkeiten seine Kontinuität bewahrt und seine Werke in kurdischer Sprache verlegt hat. Der Kollege Uzun hat damit sehr viel für die kurdische Sprache und Kultur beigetragen.

Es wäre wünschenswert, wenn alle anderen kurdischen Autoren seinen Weg gehen würden.

Obwohl die Repressionen der Türkei unheimlich und ungemein groß sind, bleiben den Kurden nicht die Hände gebunden, und einige Schriftsteller versuchen ihre Werke in ihrer Muttersprache zu verfassen und in der Erforschung der Sprache Fortschritte zu erzielen.

Die Türkei hat den 20 Mill. Kurden in ihrem Land ohne die Begriffe Kurde und Kurdisch zu nennen, einige sehr dünne Versprechen gemacht,  die im Rahmen der Harmonisierung der Gesetze zur EU, am 3. August letztes Jahres vom türkischen Parlament beschlossen wurde. Mit dieser Gesetzreform  hätte die Türkei den sogenannten „Bergtürken“ einige kulturelle Rechte zugebilligt. Aber nach wie vor sind die Kurden ein verleugnetes und verfolgtes Volk in der Türkei.

Einerseits ist die Türkei wild entschlossen in die EU zu kommen. Damit muss sie die Kopenhagener Kriterien erfüllen, die Rechte der kurdischen Minderheit in ihrer Verfassung zu verankern. Zwar hat sie mit "getürkter“ Harmonisierung einige Gesetze geändert, aber sie wurden bis jetzt nicht in die Praxis umgesetzt.

Andererseits möchte sie sich nicht ändern, sondern die EU an ihr System heranziehen.

Die Türkei duldet weiterhin kein Kurdisch in den Schulen. Außerdem reagiert die Türkei mit brutalster Härte auf die an vielen Schulen und Universitäten erhobene Forderung nach Unterricht auf Kurdisch.

Vier Jahre nach der Festnahme des PKK Chef Abdullah Öcalan hat das Kurdenproblem neue politische Brisanz gewonnen. An Universitäten und den Schulen der Türkischen Metropole sind die kurdischen Jugendlichen aktiv geworden, um ihr Grundrecht, das Recht auf Muttersprache zu fordern. Die Türkei reagiert unzivilisiert  und lässt Tausende Jugendliche verhaften und aus der Universität werfen.

Auch nach dieser angeblichen Liberalisierung in der Türkei werden die Kurden mit neuen repressiven Maßnahmen konfrontiert.

Die Türkei will in diesem Jahr große Fortschritte bei der Annäherung an die EU machen. Unter den zu erfüllenden Kriterien befindet sich auch die Forderung nach muttersprachlichen Unterricht für Minderheiten. Aber die Türkei ist noch nicht entschlossen, die Kurden als Minderheit anzuerkennen.

Die Türkei hat ohne die Kurden zu nennen, folgendes,  allerdings nur auf dem Papier vorgesehen:

*Der Unterricht in Regionalsprachen darf im Rahmen von Privatkursen stattfinden.

*Kursteilnehmer müssen die achtjährige Grundbildung abgeschlossen haben.

*Die Lehrpläne müssen vom Erziehungsministerium genehmigt werden und Inhalte dürfen nicht gegen die Grundprinzipien der Republik oder die Einheit des Staates, des Territoriums und der Nation gerichtet sein.

Das heißt, die 20 Millionen Kurden in der Türkei zahlen ihre Steuer aber sie können nicht kostenlos ihrer Kindern die Muttersprache anbieten.

Dadurch wird die soziale Ungleichheit im Bildungswesen weiter verschärft.

Es ist übrigens wichtig, wenn die Alphabetisierung in der Muttersprache im Primarbereich stattfindet. Die Türkei gibt da keinen Weg frei.

Die Muttersprache als Privat Sprachkurs zu erhalten, hilft dem Schüler bei der Identitätsentwicklung  nicht.

Deshalb schlage ich ausdrücklich vor, dass das Kurdische PEN Zentrum zu diesem Problem ein Kommission gründen soll, um mit Hilfe der PEN-Clubs der EU Länder aktiv zu werden. Man muss den EU Behörden ganz klar vorstellen, dass die Türkei nicht willig ist, den Kurden ihr Recht auf Muttersprache zu zugestehen. Dieses Jahr ist das entscheidende Jahr für den Beitrittsprozess der Türkei. Wenn die Kurden ihr Problem nicht darstellen, werden sie auch erfahrungsgemäß kein Recht erhalten.

Ich habe versucht die Probleme der Muttersprache darzustellen. Wenn eine Sprache vom praktischen Leben verbannt ist, kann man selbstverständlich von der Literatur nicht sprechen. Deshalb müssen wir für die kommenden Generationen einen Sprachraum in Kurdisch vorbereiten, damit sie nicht wie ich in türkische Sprache sondern in ihrer Muttersprache schreiben können.

Um dieses Problem zu bewältigen, müssen wir über ein Konzept nach denken, wie die hier in Deutschland lebenden 6-700.000 kurdischen Menschen  Kurdisch lernen können.

Da der deutsche Staat die Kurden nicht als eine eigenständige Volksgruppe anerkennt, und sie laut ihrer Pässe nur als Türken, Araber, oder Perser betrachtet, muss das Kurdische PEN ZENTRUM eine Aktion starten, die das Recht der Kurden fordert.

Wenn ein in Bayern lebender deutscher Staatsbürger kurdischer Herkunft, wie ich, Bücher über sein Volk schreibt, dann wird er wegen Unterstützung des Terrorismus bestraft:

Nach den authentischen Tagebüchern dreier kurdischer Guerillakämpfer schrieb ich den Roman Safagi Beklemeyecegiz (Wir warten nicht auf die Morgendämmerung) auf Türkisch.

Das 286 Seiten umfassende Buch handelt von einer jungen Kurdin, die angesichts der Unterdrückung ihres Volkes durch den türkischen Staat ihr Studium aufgibt, um sich der Guerilla anzuschließen. Es beschreibt die Hoffnungen und Ängste der jungen Menschen, den Kampf gegen Hunger und Kälte im Gebirge und vor allem den Kampf gegen die Übermacht der türkischen Armee und gegen Verrat in den eigenen Reihen. Der Guerillakampf war eine Realität in der kurdischen Gesellschaft. Werke über den Krieg schildern meist seine Grausamkeit.

Die Münchener Staatsanwalt jedoch sieht das anders. Sie beschlagnahmte mein Buch mit der Begründung:

„Der nunmehr teilweise erfolgten Übersetzung des Buches ist zu entnehmen, dass in diesem in glorizifierender und verherrlichender Form über den Kampf der PKK-Guerilla gegen die türkische Armee berichtet wird.“ 

Die Kurden werden als potentielle Terroristen gesehen und auch so behandelt. Wenn man als Kurde für sein Volk an einer Demo teilnimmt, die nicht im Sinne der Behörden ist, wird demjenigen die deutsche Staatsbürgerschaft verwehrt.

Mir kommt es so vor, dass in diesem Land die Kurdinnen und Kurden arbeiten dürfen, Steuer zahlen müssen, aber den Mund nicht aufmachen dürfen. Ihnen ist es erlaubt Kebap zu essen, Bauchtanz zu machen aber keine Bücher zu schreiben und Kurdischunterricht für Kurden zu organisieren.

Bei uns gibt es ein Sprichwort. Wenn das Wasser in die Enge gedrängt wird, macht es Lärm. Wenn man die Kurden mit allen Mitteln bekämpft, in die Enge drängt, da ist selbstverständlich auch zu erwarten, dass diese Menschen irgendwie laut werden und manchmal einen Weg gehen, der nicht im Sinne der Gesetze dieses Landes ist.

Auch Bertold Brecht sagte: “Jeder nennt den reißenden Fluss gewalttätig, aber niemand spricht über das Flussbett, das ihn einengt.

Die Kurden sind ein Volk, das weltlich und westlich orientiert ist und keinen religiösen Fundamentalismus haben. Deshalb appelliere ich an allen, fordert das Recht der Kurden auf muttersprachlichen Unterricht und auf freie Identität hier und in der Türkei-Kurdistan.

Humbolt sagte:“ Die Sprache einer Nation ist ihre Seele, ihre Seele ist ihre Sprache!“

Wir sagen aber: Unsere Sprache ist unsere Identität, unsere Identität ist unsere Würde.

Die Welt steht in der Schuld der Kurden.