Salihê Kevirbirî

 

Auf der  anderen Seite des Aras - zwei Zeitungen und ein Radio:

„Riya Teze“, „Welatê Rojê“ und „Radio Erîvan“

 Übersetzung: Jutta von Freyberg

Während in der Türkei die Diskussionen über den Unterricht in der Muttersprache und über kurdische Sendungen im Rundfunk und Fernsehen stattfinden, waren wir als Gäste bei kurdischen Medien in der Hauptstadt Armeniens,  Jerewan. Vor 75 Jahren begannen die Kurden in Armenien damit,  in ihrer Sprache den Unterricht abzuhalten, ihre Zeitungen in der eigenen Sprache zu lesen, und seit 1955 kurdische Lieder und Stimmen hören.

Außer der Sendung von Radio Jerewan, die jetzt von eineinhalb Stunden auf eine halbe Stunde verkürzt wurde, kommen in Jerewan zwei kurdische Zeitungen heraus, „Riya Teze“ (Neuer Weg)  und „Welatê Rojê“ (Heimat der Sonne). Zweifellos reichen einige Zeilen nicht aus, um die Rolle und Bedeutung von Radio Jerewan zu erklären; deshalb will sich der Beitrag zunächst diesem Thema widmen.  Bevor wir uns also den schon erwähnten Zeitungen zuwenden, ist es notwendig, dass wir  den Rundfunk, seine Väter und Großväter, also Radio Jerewan, untersuchen.

„Liebe Zuhörer, hier spricht Radio Jerewan!“

Jeder, der die Vierzig überschritten hat,  hat die Worte „Liebe Zuhörer, hier spricht Radion Jerewan!“ gehört, hunderte Male gehört aus dem Mund von Menschen wie Aznîva Reþid, Sêvaza Evdo, Gulîzera Casim, Lûsika Hiseyn, Nûrê Polatova, Keremê Seyad, Tîtalê Kerem und Leyla Kerem.

Die kurdische Abteilung von Radio Jerewan hat unter großen Schwierigkeiten Mitte der 50-er  Jahre und gestützt auf das Engagement von Menschen wie Haciyê Cindî, Eminê Evdal, Casimê Celîl und Xelîl Muradov seinen Sendungen begonnen. Die enormen Anstrengung von Casimê Celîl und Xelîl Muradov sind hier als besonders  wertvoll hervorzuheben. Nach den Informationen, die wir im Rundfunk erhalten haben, war Casimê Celîl der erste Verantwortliche für die Radiosendungen. Ihm folgte Xelîl Muradov, der zwanzig Jahr lang die Verantwortung getragen hat.

Nach der gleichen Quelle hat Eznîva Reþîd, die Frau von Xelîl Muradov, nachdem sie 20 Jahre lang Sprecherin war, 1980 wegen ihres hohen Alters die Arbeit beim Radio beendet.

In der Zeit von Casimê Celîl und Xelîlê Muradov wurde das leere Archiv des Radios mit den Liedern und Stimmen, Flöte und Melodien von Hunderten Sängern und Sazspielern gefüllt, unter ihnen Karapetê Xaço, Þeroyê Biro, Seîdê Þamedîn, Reþîdê Baso, Memê Kurdo, Efoyê Esed, Egîdê Têcir, Memoyê Silo, Þibliyê Çaçan, Xana Zazê, Asa Evdile, Belga Qado, Hovhannes Badalyan, Aramê Dîkran, Feyzoyê Riza, Egîdê Cimo, Xelîlê Evdile und Þamilê Beko.

Die Kurdische Sektion von Radio Jerewan steht heute unter der Verantwortung von Keremê Seyad, und unter Mitarbeit seiner Tochter und seiner Sohnes, Leyla Kerem und Tîtalê Kerem, sowie der Mitarbeit von Sîma Semend und manchmal auch von Cemîla Celîl setzt er seinen Weg fort. Die Radiosendung findet zwischen 18.45 und 19.15 Uhr  türkischer Zeit statt. Keremê Seyad informiert uns, dass bis in die 90-er Jahre die Sendung im Radio für ein einhalb Stunden gemacht wurde, dass aber aus wirtschaftlichen Gründen die Dauer  auf eine Stunde und jetzt auf eine halbe verkürzt wurde. Seyad sagt, dass die Sendedauer nicht nur für Kurdisch, sondern auch für die anderen Sprachen, selbst für Armenisch, kürzer wurde.

Es ist notwendig zu sagen, dass es unter dem Dach des „Armenischen Nationalen Rundfunks“ Sendungen in insgesamt zwölf Sprachen gibt, darunter auch in Kurdisch und Türkisch. Den Prinzipien und Gesetzen in der Zeit der Sowjetunion entsprechend, und nach ihrem Zusammenbruch, den armenischen Gesetzen entsprechend, hat jede Nationalität das Recht auf eine Radiosendung in eigener Sprache. Es ist überflüssig zu sagen,  dass die Radiosendungen unter schwierigen Bedingungen produziert werden. Das ist klar und ganz offensichtlich.

Zum Beispiel erhält Keremê Seyad, der seit 41 Jahren im Radio eine sehr wertvolle Arbeit leistet, monatlich etwa 30 000 armenische Dram, was ungefähr 30  US-Dollar sind. Trotzdem ist  „Apê Kerem“ für diese Tage dankbar. Vor  fünf bis sechs Jahren hätte er gesagt, dass es ihm schlecht geht: „Jetzt geht es mir einigermaßen gut, vor sechs bis sieben Jahren war außer mir niemand im Radio. Es gab weder Gas, noch Strom. Weil es kein Benzin gab, standen die Autos still. Jeden Tag bin ich acht Kilometer gelaufen, um zur Rundfunkanstalt zu gelangen. Damit die Stimme der Kurden nicht abbricht. Einmal hat der Verantwortliche für den Rundfunk zu mir gesagt: ‚Eines Tages wird dir auf diesem Weg etwas Schlimmes passieren. Du bist ganz allein. Es ist besser, wenn wir die kurdische Sendung schließen!’

Damals wollte mir das Herz brechen. Um die Radiosendung nicht schließen zu müssen, habe ich meinen Sohn Tîtal und meine Tochter Leyla zum Rundfunk geholt und in die Arbeit eingeführt.

Nachdem ich zu Fuß durch die dunkle Nacht vom Rundfunk nach Hause gegangen war,  habe ich jedes Mal für 300 Gramm Brot bis Mitternacht angestanden. Die 300 Gramm haben wir auf Lebensmittelmarken bekommen. Weil wir jetzt nicht mehr zu Fuß zur Arbeit gehen und für ein Gramm Brot  nicht mehr Schlange stehen müssen, sage ich: Unsere Lage ist gut. Dennoch ist unsere Situation wie ein Leiden, für das es keine Medizin gibt. Doch  meine Liebe und Leidenschaft für die kurdische Sprache und für Kurdistan lassen mich diese Arbeit fortsetzen.“

Eine 70-jährige  Zeitung: Riya Teze

Es sind jetzt 70 Jahre her, dass die Zeitung Riya Teze in Jerewan auf Kurdisch erscheint. Von 1955 bis 2000  wurden kyrillische Buchstaben für die Zeitung verwendet, aber seither werden lateinische Buchstaben benutzt. Von der Gründung der Zeitung an bis zum Jahr 1937 war sie schon einmal in lateinischer Schrift herausgekommen.

Wir gehen eine lange Strecke in die Geschichte der Zeitung zurück:

1929 beginnen Erebê Þemo und  der Assyrer Îsheq Maragulovê ihre Arbeit mit lateinischer Schrift. In den Schulen und kurdischen Dörfern geben sie Unterricht in Kurdisch; zwischen dem von ihnen gelehrten Alphabet und dem von Bedirxan gibt es kleine Unterschiede. Weil in jener Zeit unter den Kurden das Lesen und Schreiben nicht weit verbreitet ist, ist eine Zeitung unbedingt notwendig. Nach einem Jahr, also 1930, beginnt die Zeitung Riya Teze unter staatlichem Dach in Jerewan zu publizieren. Weil es unter den Kurden keine Führungspersönlichkeiten gibt, steht die Zeitung bis 1934 unter armenischer Leitung von Gevork Parîs, Hracya Koçar und Harûçî Migirdiçyan, die für Anatolien und Mezopotamien verantwortlich sind und die kurdische Sprache gut beherrschen. Aus der Verantwortung der drei armenischen Persönlichkeiten wird die Zeitung noch im Jahre 1934  in kurdische Hände übergeben. Von 1934  bis 1937 liegt sie bei Cerdoyê Genco.

1937, in der Stalin-Ära, ist die Lage der Kurden  aussichtslos. Unter kurdischem Namen kann gar nichts gemacht werden. Alles ist verboten. Bis 1955 bleibt die Lage der Kurden in Armenien so miserabel. 1955 sagt Riya Teze, wie auch der kurdische Rundfunk und andere Einrichtungen, zu seinen Lesern wieder „Guten Tag!“ Von 1955 bis 1989 trägt Mîroyê Esed 34 Jahre lang die Verantwortung. Danach wird für etwa ein einhalb Jahre Tîtalê Efo der Verantwortliche, und von 1991 an bis zum heutigen Tage ist es Emerîkê Serdar.

Emerîkê Serdar kommt 1959 als Sprecher zum Radio und setzt diese Arbeit zwei Jahre lang fort. 1962 nimmt er bei Riya Teze seine Arbeit auf, und jetzt ist er schon 40 Jahre lang bei dieser Arbeit geblieben.

Riya Teze ist in der  Zeit der Sowjetunion die einzige kurdische Zeitung gewesen. Bis zum Jahr 1994 erschien sie zweimal wöchentlich. Die Zeitung hat vier Seiten. Bis 1990, bis sich die Sowjetunion auflöste, gab es vier staatliche Zeitungen - in Armenisch, Russisch, Aserisch und Kurdisch. Riya Teze war die kurdische Zeitung. In jenen Zeiten wurde Riya Teze nicht nur in Armenien, sondern auch in der ganzen Sowjetunion verbreitet. Sie ging nach Europa, Amerika und Kanada. 4000 Exemplare wurden gedruckt  und  alle wurden auf dem Weg des Abonnements vertrieben.

Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wird die Zeitung nur noch in Armenien verbreitet und ihre Auflage ist auf 500 Exemplare gesunken.  Emerîkê Serdar erklärt, dass sie diese Exemplare in den kurdischen Dörfern verteilen.

In dem kleinen Redaktionsraum der Zeitung erfahre ich, dass der Nachrichtenredakteur, der im Sprachgebrauch der Kurden von Jerewan „miqaledar“ genannt wird, der fünfzigjährige Mirazê Cemal, ein Dorf nach dem anderen aufsucht und die Zeitung dort verteilt.

Die Zeitung Riya Teze setzt jetzt ihre Arbeit mit vier Personen fort: mit Emerîkê Serdar (Chefredakteur), Grîþayê Memê (stellvertretender Chefredakteur) , Rizganê Cango (Sekretär) und Mîrazê Cemal (Nachrichtenredakteur).

Wie kann eine Zeitung, die in 500 Exemplaren gedruckt und auch noch kostenlos vertrieben wird, finanziert werden? Um darauf eine Antwort zu erhalten, hören wir, was Emerîkê Serdar sagt: „Wir finanzieren uns, indem wir uns selbst helfen. Es gibt Solidarität und Hilfe für die Zeitung. Es sind jetzt acht Jahre her, dass der Staat uns keinen einzigen Cent mehr gibt. Außerdem müssen wir dem Staat Miete, Wasser und Strom zahlen.  Die Zeitung kann ohne die Solidarität von Landsleuten in der Ukraine, Kasachistan, Russland und in  Ländern außerhalb nicht erscheinen.“

Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion war Riya Teze eine Publikation der Kommunistischen Partei. Deshalb ist die Lage der Zeitung in jenen Jahren gut. Der Stellvertretende Chefredakteur Grîþayê Memê erklärt,  dass sie damals in einem vierzehn-geschossigen Gebäude ein Stockwerk bzw. elf Räume bewohnten, sie aber jetzt in zwei kleinen Räumen arbeiten müssen. Und Emerîkê Serdar sagt, dass sie in sowjetischer Zeit 25 kurdische Mitarbeiter hatten, aber heute nur vier übrig geblieben sind.

Seit dem Beginn bis heute sind viele bekannte Persönlichkeiten durch Riya Teze hindurch gegangen: Haciyê Cindî, Emînê Evdal, Qaçaxê Miraz, Þekiroyê Xidoyê Mihoyan, Mikayîlê Reþîd, Keremê Seyad, Eliyê Evdirehman, Tîtal Muradov, Hesenê Qeþeng, Babayê Keleþ und viele andere mehr.

 

Die Zeitung der Freiheitsbewegung: Welatê Rojê

Die Publikation des „Kurdischen Hauses“, die Zeitung Welatê Rojê erscheint seit Februar 1999. Am Anfang war sie eine vierzehntägige Publikation, jetzt erscheint sie monatlich. Früher umfasste sie vier Seiten, danach acht Seiten, und nun erscheint sie mit einem Umfang von sechzehn Seiten. Die letzten beiden Seite sind auf Kurdisch und mit lateinischen Buchstaben gedruckt, doch der größte Teil ist in Armenisch.  Der Chefredakteur der Zeitung,  der Wissenschaftler und Schriftsteller Çerkezê Reþ, kommentiert deshalb: „Wir wollten, dass das armenische Volk unsere Kultur, Geschichte und Literatur kennen lernt.“

Wenn man den Inhalt der Zeitung untersucht, kann man sagen, dass er Kultur, Literatur und Politik umfasst. Aber Çerkezê Reþ sagt, dass  diese Zeitung ideologisch und politisch ist und sich nicht von der kurdischen Bewegung loslösen kann. Diesem Anspruch des Chefredakteurs entsprechend wurde „Die Literatur der Kurden“  zuerst in dieser  Zeitung publiziert. Als weiteres Beispiel nennt er, dass damals zum ersten Mal in der Geschichte die Gedichte von Melayê Cizîrî, Feqiyê Teyran und Elî Herîrî ins Armenische übersetzt und von der Zeitung verbreitet wurden. Jjetzt arbeitet die Zeitung über Nîzamî Gencewî, der zu den großen Denkern und Poeten des 12. Jahrhunderts zählt. Çerkezê Reþ erklärt, dass von aserischer und auch von persischer Seite Gencewî als einer der Ihren reklamiert wird, dass er aber Kurde ist und aus dem Ort Genc kam,  der damals fest in den Händen des kurdischen Fürstentums der Þedadiden war.

Insgesamt bewältigen drei Personen die Arbeit der Zeitung: Çerkezê Reþ, Derya Botan und Karîne Usubyan. Früher betrug die Auflage der Zeitung 1200 Stück, jetzt ist sie auf 700 gesunken. Aber die technische Mitarbeiterin der Zeitung Karîna Usubyan sagt, dass diese Auflage nicht reicht und es notwendig ist, sie zu erhöhen. Als wir wollten, dass Usubyan die Beziehung des armenischen Volkes zu dem unseren erläutert, sagt sie:

„Das armenische Volk betrachtet unsere Zeitung mit Freude. Weil der größte Teil unserer Zeitung auf Armenisch geschrieben ist, schenkt es uns noch mehr Aufmerksamkeit. Es gibt auch einige Armenier, die herkommen und nach der Zeitung fragen.“

Hinsichtlich der Technik ist die Zeitung nicht gut ausgestattet. Computer und Scanner sind dringend notwendig. Deshalb, so Çerkezê Reþ, gibt es mit dem Kurdisch-Programm des Computers große Schwierigkeiten.

 Der Chefredakteur der Zeitung, Çerkezê Reþ, ist 1955 in der Kleinstadt Ecmîedzîn in der Provinz Jerewan geboren. An der Universität Jerewan hat er das Studium der armenischen Philologie abgeschlossen. Bis zu seinem 24. Lebensjahr war er an dieser Universität Lehrer für armenische Literaturgeschichte. Çerkezê Reþ hat seine Doktorarbeit unter dem Titel: „Die kurdisch-armenischen Beziehungen in der  armenischen Literaturgeschichte“ geschrieben. Es sind jetzt 22 Jahre her, dass er  Kurden und Armenier in Geschichte und armenischer Sprache unterrichtet. Er hat drei Bücher verfasst: „Þoreþa Xeberan“ (Die Revolution des Sprechens), „Du pa eþqê qîza þevîn“ (Die zwei Lieben des Nachtmädchens), und „Veçêkirinên Zargotina Kurdan di nav edebiyata Ermeniyan de“ (Einflüsse der kurdischen Volksliteratur auf die armenische Literatur). Ungefähr 150 Artikel und Aufsätze von ihm wurden von Radio Jerewan und der Zeitung Riya Teze veröffentlicht. In Moskau hat er vier Jahre in der Redaktion der Zeitschrift Kurdistan Report gearbeitet.

 

Übersetzung: Jutta von Freyberg

Der Artikel erschien im Jahr 2001 in Jerewan und danach in verschiedenen kurdischen und türkischen Zeitschriften.

 

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