Anliegen der Kurdinnen und Kurden in Deutschland an die deutsche Bundesregierung,
verfasst zum 18.10.2001 anläßlich des Treffens mit der Parl. Staatssekretärin Frau Dr. Cornelie Sonntag-Wollgast, BMI und dem MdB Dietmar Schütz



Im Jahr 1998 wurde in der Europäischen Union eine Erklärung zu den Rechten von Minderheiten verabschiedet.

Unser Anliegen ist es, dass die ca. 600.000 bis 700.000 Kurdinnen und Kurden in Deutschland entsprechend dieser Erklärung von offizieller Seite als ethnische Minderheit bzw. als Volksgruppe anerkannt werden.

Auch die bisher ca. 100.000 kurdisch-stämmigen deutschen Staatsangehörigen müssen die Möglichkeit haben, ihre Identität zu bewahren und auch sie sollten rechtliche Anerkennung ihrer ethnischen und kulturellen Identität erhalten.

In der Praxis müssen aus der Anerkennung aber auch konkrete Schritte und Maßnahmen in verschiedenen Bereichen folgen. Diese werden im folgenden kurz und beispielhaft skizziert:


1. Muttersprachlicher Unterricht und Lehrerausbildung und -fortbildung in Deutschland

1a. Unterricht in der kurdischen Muttersprache sollte in ganz Deutschland angeboten werden, nachdem dies bisher in fünf Bundesländern der Fall ist (Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg).

Auch in diesen fünf Bundesländern ist die Situation noch verbesserungs- und ausbaubedürftig.

Dort sollte eine Gleichstellung für die Sprachen geschaffen werden, die in den Herkunftsländern nicht Staatssprachen sind, oder die aus den Herkunftsländern nicht unterstützt werden.

Eine entsprechende Nennung in den einschlägigen Erlassen und sonstigen Veröffentlichungen wären wichtige Signale zur Unterstützung.

1b. Für den Muttersprachunterricht Kurdisch erachten wir Lehrerausbildungs-möglichkeiten für notwendig, insbesondere auf dem Hintergrund der besonderen von Unterdrückung gekennzeichneten Situation der kurdischen Sprache und Kultur. Kurdisch sollte z.B. auch als ein Fach im Rahmen der Lehrerausbildung angeboten werden.

Wir wünschen uns, dass die bestehenden Initiativen unsererseits zur Lehrerfortbildung kurdischer Muttersprachlehrer anerkannt und unterstützt werden, z.B. durch entsprechende Zertifizierungen.

Wir halten Initiativen, die hier eine Kooperative Zusammenarbeit mit Universitäten und Bildungsträgern voranbringen, in diesem Bereich für sehr sinnvoll.

1c. Da der Muttersprachunterricht Kurdisch keine Förderung aus einem Herkunftsland erhält, gibt es auch kein entwickeltes Material dazu. Es ist daher notwendig, die Entwicklung von Unterrichtsmaterialien und deren Druck hier zu unterstützen.

Gleicher Bedarf besteht für die Entwicklung von Lehrplänen (und Curricula), die kooperativ zu den entsprechenden Lehrplänen der Bundesländer gestaltet werden sollten, um eine qualifizierte, integrative und kooperative Arbeit des Muttersprachunterrichts an allen Schulen zu ermöglichen.


2. Zugang zur Informations- und Kommunikationsmedien / Medienpolitik

Wie dies für anderssprachige Sender und Programme bereits lange der Fall ist, ist es überfällig, dass auch kurdische Sender und Programme der hier lebenden Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Dazu gehört vor allem die bundesweite Einspeisung in die Kabelnetze. Hier ist unseres Erachtens insbesondere die Bundesmedienanstalt gefordert.

Darüber hinaus sollten regelmäßig auch im Rahmen des öffentlich rechtlichen Rundfunks und Fernsehens in Deutschland kurdischsprachige Kultursendungen sowie solche zur Information und Beratung u.s.w. der hier lebenden Kurdinnen und Kurden gesendet werden können.


3. Kulturelle Rechte

3a. Wir wünschen uns, dass es ein selbstverständliches Recht für in Deutschland lebende kurdische Eltern ist, ihren Kindern auch kurdische Namen geben zu können. Die Anerkennung kurdischer Namen darf nicht der willkürlichen Entscheidungsbefugnis einzelner Standesbeamter oder -ämter liegen.

3b. Wir wünschen uns darüber hinaus, dass in öffentlichen Bibliotheken kurdische und kurdisch-sprachige Bücher und Zeitschriften der hier lebenden kurdischen Bevölkerung der Umgang mit den eigenen literarischen und schriftlichen Kulturgütern ihrer Volksgruppe ermöglicht wird.

Denkbar wäre auch die Eröffnung einer Bibliothek für Literatur und Zeitschriften von sprachlichen Minderheiten nach skandinavischem Vorbild.

3c. Kurdische kulturelle Initiativen und kurdische Bildungsinitiativen sollten unterstützt werden, z.B. bei der Veröffentlichung von Zeitschriften oder dem Angebot von Kursen zur Sprachaneignung und Sprachverbesserung.

Wünschenswert wären auch Kurse für Kurdisch als Fremdsprache, die für alle Interessierte offen sind.

4. Universitäre Sprach- und Forschungsarbeit

4a. Möglichkeiten zur Lehrerausbildung und -fortbildung sollten in Kooperation mit Universitäten gefördert werden.

Kurdisch sollte als reguläres Fach im Rahmen der Lehrerausbildung auch angesichts der relativ großen Zahl der hier zur Schule gehenden kurdischen Kinder ermöglicht werden.

Lehrpläne und Curriculas für den Muttersprachunterricht sind zu entwickeln.

4b. Die Gründung einer Sprachakademie zur Erforschung der kurdischen Sprache, zur Sprachpflege und zur Entwicklung der kurdischen Sprache würde ebenfalls der besonderen Bedeutung der Situation der kurdischen Volksgruppe gerecht werden.

4c. Zur konzeptionelle Entwicklung der Arbeit sowohl im Lehrerausbildungsbereich als auch im Sprachbereich wäre aus unserer Sicht die Bildung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe wünschenswert.

Wir wünschen uns als Kurdinnen und Kurden nicht eine parallele Gesellschaft, sondern eine integrative mit demokratischen Normen und Werten ausgestattete Gesellschaft, in der gegenseitige Akzeptanz und Befruchtung zum gemeinsamen Wohl aller beiträgt.

Unseres Erachtens gehört dazu auch die gleichberechtigte Akzeptanz unserer Identität, Sprache und Kultur als hier lebende Minderheit.

 

Berlin, am 18.10. 2001

 

Xiyasedin Zaroj Stêrk        (Kurdischer Lehrerverein in der Europäischen Union)
Eike-von-Repkow-Str. 38
26121 Oldenburg
Tel.: 0441-7775653

mail: x.zaroj@gmx.de

 

Z. Haco
(Kurdischer PEN)