Noch Fragen?

An meine lieben Kinder Schene und Alan gewidmet

                                                                                                                                                                                                                                                               

Anwar.M.Ahmad                       

                                                                                                                                              

 

Ihre winzige Hand war in meiner Hand, die Tasche auf ihrem Rücken. Wir gingen die Straße Richtung Bushaltestelle entlang. Sie drehte sich plötzlich, stellte sich vor mich und schaute neugierig in den blauen, wolkenlosen Himmel. Ich hörte ihre zarte Stimme als sie mich fragte;“ Ist die Sonne auch schon wach geworden, Papa?“

„ Ja, sie ist es“ antwortete ich nachdenklich.

„ Ist die Sonne auch aufgestanden, weil sie arbeiten muss. So wie Du?“

Wir gingen still weiter. Als wir die Haltestelle erreichten, blieben wir stehen. Sie schaute noch mal in den Himmel und fragte mich;“ Was tut die Sonne den ganzen Tag, Papa?“ Ihre frage hatte mich überrascht, aber ich wollte ihr eine verständliche Antwort geben.

„ Die Sonne“, sagte ich, „ verbreitet das Licht, die Helligkeit und die Wärme“

„ Das Licht, die Helligkeit, die Wärme?“, erwiderte sie, „was ist das?“

„ Zum Beispiel kannst Du ohne Licht nicht sehen“, versuchte ich ihr zu erklären. „ wenn der Tag warm ist, brauchst Du keine dicke Kleidung anziehen“

„ Und die Helligkeit, Papa?“

„ Wenn es Hell ist“, antwortete ich, „ kannst Du gut sehen, so reicht ein Fenster und das Tageslicht erhellt den Raum“

„ Wenn ein Zimmer kein Fenster hat?“, fragte sie ernst. Ich atmete tief durch und antwortete; 

„ Dann ist es dunkel. In so einem Fall brauchst Du das Licht einer Lampe oder der Kerze“

„ Und was soll die Dunkelheit bedeuten, Papa?“ Sie schaute mir geradewegs in die Augen.

„ In der Dunkelheit“, erwiderte ich, „ kannst Du nicht gut sehen, deswegen ist das Licht notwendig. Auf der Strasse und in den Gassen stehen Laternen, um in der Nacht oder am trüben Tagen, die Wege zu beleuchten“.

Als der Bus kam, stiegen wir beide in Gedanken versunken ein und nahmen Platz. Sie beobachtete eine weile die Leute im Bus, dann schaute sie nach draußen. Ihre zarte Stimme war wieder zu hören:

„ Aber der Mond ist nicht da? “ 

Als ich eine Antwort formulierte, antwortete sie selbst auf ihre Frage:

„ Der Mond hat seine Arbeit getan, er ist Müde geworden, wahrscheinlich schläft er “

Liebevoll streichelte ich ihre Haare und sagte:

„ Wunderbar, so ist es “

„ Mama und du“, fragte sie ganz bewusst, “ ihr arbeitet doch auch? “    

„ Na, ja klar doch“, sagte ich und nickte sogar dabei.

„ Und warum arbeitet ihr, Papa? “

„ Um Geld zu haben“, antwortete ich.

„ Warum wollt ihr Geld haben?“ fragte sie.

„ Wir müssen mit dem Geld Lebensmittel, Getränke, Bekleidung und die anderen Lebensnotwendigen Sachen kaufen können“

„ Und was ist das Leben, Papa?“

Ich hatte nicht erwartet, dass sie so eine Frage stellt, denn das fragte ich mich sehr oft.

„ Das ist eine sehr schwierige Frage, aber warte bitte“

Nach dem ich den Kopf schüttelte, versuchte ich ihr kurz und klar eine Antwort zu geben.

„ Das Leben ist wie eine Haltestelle, in kürze erreichen wir beide die Endhaltestelle, steigen aus, und machen unsere Sachen, aber für manche Leute ist diese Haltestelle die Anfangshaltestelle, sie steigen ein und machen was anderes, End -und Anfangshaltestelle sind eins“

Sie schaute mich an, und ich wusste, dass sie das nicht verstanden hat, daher sagte ich:

„ Heute Abend fragen wir beide die Großmutter, vielleicht kann sie uns es erklären, was das Leben ist“

Wieder herrschte die Stille. Ihr Blick war auf ein Kind gerichtet, das auf dem Schoß einer Frau saß und eine bunte Tasche auf dem Rücken trug. Ich hörte ihre Stimme, sie sagte:

„ Ich gehe auch zum Kindergarten“, worauf ich antwortete:

„ Ja, und bald auch zur Schule“

Ihr Gesicht strahlte Freude und Zufriedenheit aus. Ich war in tiefer Überlegung, wie ich sie belohne.

„ Wenn Du klug sein willst, dann geht das nur, wenn Du viele Fragen stellst!“

„ Und, was ist eine Frage, Papa?“

Ich hob sie hoch und setzte sie auf meinem Schoß.

„ Eine Frage?“, wiederholte ich,“ du sollst viele Fragen stellen, so viele du möchtest, weil die Menschen, die wie Du, viele Fragen stellen, immer klüger sein werden“

„ Wenn ich groß bin“, sagte sie ganz stolz und selbstbewusst, „ werde ich so wie Du, die Mama, die Sonne, der Mond und auch wie die große Uhr in unserer Küche arbeiten!“

„ Aber mein Kind“, schmunzelte ich, „ Du sollst nicht nur arbeiten, wie unserer Küchenuhr, Du sollst auch spielen, Lachen, toben, einfach Leben und Lieben“

Ich drückte sie an mich, streichelte ihre erhitzten Wangen und küsste sie. Als wir an die Endhaltestelle kamen, stiegen wir beide aus, sie fröhlich, während ich nachdenklich die einsteigenden Fahrgäste beobachtete.

 

 

 

 

 

drucken

copyright © 2002-2005 info@pen-kurd.org