Wer kennt die Dame?

 

Anwar.M.Ahmad

 

Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich telefonierte ständig, aber immer war die Leitung besetzt. Er sprach so lange mit jemandem oder er hatte den Hörer falsch abgelegt. Deshalb entschied ich mich zu ihm zu gehen. Es war vor Weihnachten. Die Fußgängerzone in der Stadt war voll. Ich ging wie immer nachdenklich durch die Menge.

-          Haben Sie einen Euro für mich?

Hörte ich von dem schlanken Mann mit dem Dreitagebart, der neben mir stand.

-          Einen Euro? – sagte ich- der ist immerhin zwei DM wert. Sind Sie mit 50 Cent einverstanden? - Fragte ich ihn. 

-          Na ja, antwortete er  mit saurer Mine – Konjunktur alles ist teurer geworden.

-          Betteln auch? – wollte ich wissen. Sie haben  auch das Almosen erhöht?

Zwischendurch drückte ich 50 Cent in seine ausgebreitete Handfläche und drehte mich um. Ich war noch nicht  so weit, als eine Frau mit fröhlichem Gesicht vor mir stand und sagte:

- Was? Ich träume wohl? – sagte die Frau. Sie sind doch.. ach.., wie war Ihr Name?

- Bitte? Reden Sie mit mir? – antwortet ich zweifelnd.

- Na klar mit wem sonst! – antwortete die Frau ganz ernst. Aber warten Sie mal. Oh, wie war Ihr Name? - wollte sie wissen.

Ich biss mir auf die Zungespitze um nichts zu sage. Lieberwarten, ich lasse mich überraschen – dachte ich- Was für ein einsamer Mensch, dem ich heute begegne. Und zwar in der Weihnachtszeit. Während ich mit Mitgefühlen dastand, sprach sie weiter:

-          Ich habe oft Probleme, mir die Namen zu merken und auszusprechen wo viel pz, stz, kw hinter einander kommen, oder wenn nach sch ein ch kommen muss.

Ich konnte mein Lachanfall nicht verhindern; glücklicherweise  lachte sie auch.

-          Na gut, - sagte ich ganz höflich, wahrscheinlich verwechseln Sie mich mit jemandem.

Als ich mich umdrehte um wegzugehen, sagte sie fliehend zu mir:

-          Moment mal, bitte, Sie meinen wohl, dass ich mich irre? Oder habe ich  Gedächtnisschwäche? – Dann fügte sie hinzu:

-          Was ist mit unserer Begegnung im Zug, nach Frankfurt? Das sollte doch kein Traum gewesen sein? Sie waren damals sehr gelassen. Was ist mit Ihnen los? Entschuldigen Sie, wenn ich vielleicht dumme Fragen stelle! Haben Sie auch Gedächtnisschwäche?

-          Das wüsste ich aber nicht – antwortete ich unverzüglich

-          Na bitte schön. Und warum haben Sie alles vergessen? Es wäre empfehlenswert, wenn Sie auch ein paar Tabletten für die Stärkung des Gehirns nehmen würden. Wie ich`s es mache.

Ich hatte Zweifel, ob ich ihr in der Tat  mal im Zug begegnet war? Ich  Bearbeitete  in mir die Wörter – im Zug – Richtung Frankfurt. Aber ich konnte keinen Zusammenhang finden. Und ich war wie betäubt. Ich murmelte innerlich: ist diese Begegnung mit der Frau in der Gegenwart, die über eine Begegnung in der Vergangenheit spricht, Traum oder Illusion? Ich beobachtete  mich, um  unser Dasein realisieren zu können. Ich war durch Ihre Art und Weise gefesselt.

 

-          Hören Sie bitte gut  zu, - sagte sie nonnenartig. Sie sollen mir nur geduldig Zeit zum Reden geben. Damit ich Ihnen über unsere Begegnung behilflich sein kann.

-          Ach so, - antwortete ich höhnisch. Und im Zug nach Frankfurt, wollen Sie behaupten.

-          In dem Gedränge suchten wir einen Platz, antwortete  die Frau. Als wir einander stießen, sind wir trotz leichter Schmerzen aufeinander zugegangen und anstatt zu schimpfen, entschuldigten wir uns gegenseitig. 

-          Ja das muss auch so sein, - antwortete ich höflich.

-          Bitte schön. Ich glaube, Sie werden sich langsam daran erinnern, sagte die Frau, und ich habe Ihnen an dem Tag sogar erzähl, dass ich eine kleine Operation hinter mir habe. Ein paar Tage zuvor hatte ich die Krampfadern beim Arzt rausziehen lassen. Deshalb war  es mir unerträglich auf den Beinen zu stehen.  Sie haben mir einen einzelnen freien Platz gegeben.

-   Ihren Beinen geht es besser? – Fragte ich.

-          Ja, vielen Dank für Ihre herzliche Aufmerksamkeit.

Ich dachte, dass ich einen passenden Trick gefunden hatte, mich von ihr zu befreien.   Ich fragte:

-          Ist es nicht schwer für Sie so lange auf den Beinen zu stehen?

-          So gut ist es auch nicht, antwortete sie, mir ist lieber dauerhaft zugehen als lange zu stehen.

-          Ach ja, man darf alt werden, aber nicht krank –philosophierte ich.

-          Sie sind ein gebildeter Mensch, was ich auch damals bemerkt habe, sagte die Frau. Sehr angenehm, wenig sprechen, aber mit sehr reichem Inhalt. Und dazu gut erzogen. Ich bin mir sicher, fügte die Frau hinzu, wenn es eine andere Person statt Ihnen gewesen wäre, wäre sie schnell zornig geworden. Und hätte gesagt: Lass mich in Ruhe, du alte Ziege! Ich weiß von keiner Begegnung. Bist du aus der Psychiatrie weggelaufen? Soll ich die Polizei rufen? Aber Sie sind so geduldig.

-          Na ja, das ist nicht meine Art. Wir Menschen müssen mit einander reden, sagte ich. Wir brauchen einander, sowohl in guten als auch in schweren Zeiten. Zwar bei mir gibt es keine Tabuthemen.

-          Wunderbar! Sie haben sich gar nichts verändert. Sie kam näher und fügte hinzu:

Sogar als wir damals im Zug nach Frankfurt zufälligerweise über Erotik gesprochen haben, haben Sie philosophiert und gesagt: „In den Wochen zwier schadet weder ihm noch ihr“. Als ich Sie mit Begeisterung gelobt habe, waren Sie so ehrlich und gaben zu, dass die Verse Martin Luther gehören und nicht Ihnen.

-          Habe ich so  was  gesagt? – wollte ich wissen.

-          Klar, sagte die Frau, kopfschüttelnd.

Ich wollte mir wirklich klar machen, ob ich nicht träumte.  Warf ich einen Blick um uns und sah ich die bunten Weihnachtslämpchen um uns herum. Da wusste ich, dass es weder Traum noch Illusion war. Plötzlich fiel die Frau auf dem Boden. Ein vorbei rasender Fahrradkurier hatte sie stark angerempelt.  Andere Passanten sind aufmerksam geworden. Sicher hatte jemand den Rettungswagen angerufen, während  wir damit  beschäftigt waren, der Frau Erste Hilfe zu leisten.

Auf die Frage  - “Wer kennt die Frau? “ hat keiner geantwortet. Ich auch nicht. Nach einer langen Weile, als ich wieder ging, dachte ich blitzartig, wahrscheinlich war die Frau meinem Zwillingsbruder begegnet.  

 

 

 

 

drucken

copyright © 2002-2005 info@pen-kurd.org