Buchbesprechung in der elektronischen Zeitschrift SCHATTENBLICK
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BUCHBESPRECHUNG/71: Die Vernichtung von Dersim - H. Isik (Kurdistan)
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Die Vernichtung von Dersim
von Haydar Isik

aus dem Türkischen von Sabine Adatepe
Unrast-Verlag, Münster, 1. Aufl., Okt. 2002

ISBN 3-89771-852-9

Eigentlich könnte der Begriff "Geschichte" als ein Teekesselchen deshalb bezeichnet werden, weil er - laut Etymologie seit dem 15. Jahrhundert - in der Bedeutung "Erzählung" nach heutigem Sprachverständnis ebenso geläufig ist wie in der seit dem 18. Jahrhundert überlieferten Vertiefung im Sinne von "Geschichtswissenschaft". Geschichte, verstanden als Wissenschaft und dem mit ihr erhobenen Wahrheitsanspruch, ist stets die Geschichte der Sieger und der von ihnen nach gewonnenen Schlachten den Besiegten, aber auch der übrigen Welt diktierten Position und Sichtweise. In der Geschichte der Kurden, des mit über 20 Millionen Menschen größten Volkes im europäisch- nahöstlichen Bereich, das sich nie in einem eigenen Staat konstituieren konnte, trifft die Unvereinbarkeit der Positionen zwischen Siegern und scheinbar Besiegten in besonders krasser Weise zutage.

Haydar Isik, ein kurdischer Schriftsteller, der nach dem Miliärputsch von 1980 aus der Türkei zwangsausgewiesen wurde und seitdem in München lebt, hat nun in der vom Unrast-Verlag herausgegebenen "edition arArat" einen Roman vorgelegt, der den Bedeutungsspalt zwischen einer erzählten und mithin scheinbar fiktiven Geschichte und einer wissenschaftlich als gültig bestempelten und insofern vermeintlich geadelten Geschichtsschreibung aufzulösen imstande ist. In dem Roman "Die Vernichtung von Dersim" wird die Geschichte der Dersimer Kurden, die mit ihrer physischen Vernichtung durch das türkische Militär Ende der 30er Jahre einen besonders grausamem Höhepunkt fand, in einer Weise erzählt, wie sie nicht glaubwürdiger sein könnte, ohne daß die darin unmißverständlich dargelegten Fakten auch nur im Ansatz durch namhafte Historiker oder renommierte Institute abgestützt werden könnten.

Dies liegt in erster Linie daran, daß der Konflikt, den Haydar Isik mit seinem Werk dem Leser einfühlsam und eindringlich zugleich nahebringt, bis heute nicht beendet ist. Insbesondere die in der Türkei lebenden Kurden sind ungeachtet einiger dünner Versprechen - etwa die im vergangenen Herbst vom türkischen Parlament beschlossene Gesetzesreform, mit der den sogenannten "Bergtürken" einige kulturelle Rechte hätten zugebilligt werden sollen - nach wie vor ein verleugnetes und verfolgtes Volk.

Dabei hat der Autor die Tatsache, daß eine Geschichtsschreibung im westlichen Verständnis über die Geschichte des kurdischen Volkes im vergangenen Jahrhundert gar nicht möglich war, in seine Romanhandlung eingearbeitet. Das kurdische Mädchen Gule, das das Massaker an den Dersimer Kurden unter den Leichenbergen wie durch ein Wunder überlebte, dann von den Mördern geraubt und als Tochter eines türkischen Generals aufwuchs, ohne seine Herkunft zu kennen, erfährt erst als junge Erwachsene die furchtbare Wahrheit ihrer eigenen Geschichte. Sie fragt nach den Kurden, ihren Leuten, wie sie nun weiß, und erfährt unter anderem folgendes:

"Du hast nach einem Buch über die Kurden gefragt. Wie sollte denn ein Buch geschrieben werden über etwas Nicht-Existentes? Du weißt, daß es in der Türkei offiziell kein Volk mit Namen Kurden gibt. Da dieser Befehl von oben kommt und die Staatsideologie das so vorschreibt, richten sich alle weiter unten in der Hierarchie genau danach. Wer in der Türkei lebt ist Türke. Auf dieser Lüge gründet der Staat. Ismet Pascha schrieb sich diese Lüge, die das Fundament, den Kitt des Staates ausmacht, auf die Fahnen. Der Marschall, Bayar und alle anderen Staatsmänner haben diese haltlose Lüge in den Himmel gehoben. Es gibt keine Kurden, sagten sie. Die Bücher, die über das Nicht-Existente geschrieben wurden, wurden verbrannt. Neue zu schreiben, ist derzeit ein Ding der Unmöglichkeit."

(S. 310)

Doch zurück in die 30er Jahre, die in Kurdistan dominiert wurden von einer rücksichtslosen Ausrottungspolitik des türkischen Staates, die den Vergleich zur gegen Juden und politische Oppositionelle geführten Vernichtungspolitik Nazideutschlands keineswegs zu scheuen bräuchte. Am 19. September 1930 hatte die damalige türkische Regierung in der Zeitung "Milliyet" unverhohlen verkündet, daß all diejenigen, die nicht reiner türkischer Abstimmung wären, in diesem Land nur das Recht hätten, Diener und Sklaven zu sein. Die Kurden nun, die sich vom Osmanischen Reich spalten ließen und die berüchtigte Hamidiye- Truppen stellten, die sich von 1915 bis 1918 an dem an den Armeniern verübten Völkermord beteiligten, kamen nun selbst an die Reihe und wurden - wenn überhaupt - vor die `Wahl' gestellt, die eigene Kultur und Volkszugehörigkeit entweder vollständig zu verleugen und sich als Türken assimilieren zu lassen - oder zu sterben.

Der türkischen Regierung gelang es in den frühen 30er Jahren jedoch nicht, die kurdischen Gebiete vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen, und so wurde 1932 ein Gesetz zur, wie es offiziell hieß, Verbreitung der türkischen Kultur erlassen. Das türkische Staatsgebiet wurde in drei Regionen unterteilt: In der ersten war die türkische Kultur stark verankert, in die zweite sollte die zu türkisierende Bevölkerung angesiedelt werden und schließlich die dritte, die "entvölkert" werden sollte. Wie der spätere Völkermord an den Juden durch den NS-Staat wurde auch der von der Türkei an den Kurden verübte Völkermord an höchsten Regierungsstellen beschlossen und gesetzlich geregelt, darf also keineswegs auf die Bestialität türkischer Offiziere reduziert werden, die in den unzugänglichen Bergregionen Kurdistans fernab der Hauptstadt systematische Massaker unter der Zivilbevölkerung anrichteten.

Zu den Regionen der dritten Kategorie, die, wie es im Gesetz von 1932 hieß, aus "gesundheitlichen, kulturellen, militärischen und sicherheitstechnischen Gründen entvölkert werden müssen und in denen sich niemand mehr ansiedeln darf", gehörte unter anderem auch die Bergregion Dersim, ein Name, der in heutigen Atlanten allerdings nicht zu finden ist. Das Verbot der kurdischen Sprache, die gewaltsam durchgesetzte Türkisierung sogar der angestammten geographischen Bezeichnungen, machte aus Dersim "Tünceli", was - angesichts des hunderttausendfachen Völkermords an den Dersimer Kurden keineswegs im übertragenen Sinne - "die silberne Faust" (Atatürks) bedeutet.

Die (offiziell bis heute ungeschriebene) Geschichte der Kurden zeugt jedoch nicht nur von Besatzung und Vertreibung, Ausrottung und Assimilierung und dies keineswegs nur durch den türkischen Staat; sie ist zugleich die Geschichte einer Widerstandsbewegung, eines um seine Würde und Selbstbestimmung kämpfenden Volkes. Eben diese Tradition hochzuhalten und allein durch ihre Weitergabe am Leben zu erhalten, ist das wohl größte Verdienst des Autors, der selbst als Kind die Massaker von Dersim überlebte, weil seine Mutter ihn in den Bergen verstecken konnte. Dieses Erbe, das Vermächtnis des Selbstbewußtseins eines durchaus kämpferischen Volkes, dessen Weigerung, sich dem militärisch übermächtigen türkischen Staat zu beugen, bis zum heutigen Tag ungeachtet schwerster Repressionen nicht zur Zufriedenheit Ankaras gebrochen werden konnte, legt der Autor in die Hände oder mehr noch die Worte einer Romanfigur, des Dorfältesten Alibinat.

Ende der 30er Jahre konnte zunächst, so schien es, der kurdische Widerstand gebrochen werden, der im Aufstand von Dersim 1937 bis 1939 seine letzte Bastion gefunden oder vielmehr verloren hatte. Gnadenlos wurden die Überlebenden "umgesiedelt". Die Rückkehr eines Vertriebenen in seine Heimat schildert Haydar Isik in seinem Roman, nicht ohne auch bei dieser Gelegenheit die Fahne des Widerstands insbesondere auch für die so sehr Gedemütigten hochzuhalten:

Im Gästezimmer lauschten die Männer lange Mirzalis Erzählungen. Er berichtete, wie sie sich in Mazgerd den Behörden gestellt hatten, wie sie in Viehwaggons gesteckt und abtransportiert worden waren. Er sprach vom Hunger, von der Verachtung, von Prügeln und Beleidigungen. Erstarrt lauschten die Kurden. Sie alle kannten Alibinats Geschichte genau. Ihre Gesichter waren gespannt, ihre Herzen voller Haß, als sie nun die Geschichte seines Sohnes vernahmen. Flüche und Verwünschungen wurden laut. Jeder sagte, was ihm gerade in den Sinn kam. Alibinat erzürnte das. "Mit Flüchen und Verfluchungen kommt man nicht weiter! Tagtäglich werdet ihr unter den Hoden des Feindes erniedrigt. Täglich gebt ihr eure Würde hin. Eure Kinder entfremden sich der Mutter. Selbst Kurdisch zu sprechen ist verboten. (...) Sie wollen charakterlose, leere Menschen aus uns machen, die dem Spiel, dem Alkohol und der käuflichen Liebe verfallen sind. Überlegt einmal, wie es vor dem Vernichtugnskriegs war, und wie ist es heute? (...) Ihr seht, sie machen euch alle zu Türken. Einige von euch merken das, viele aber sehen das nicht."

(S. 242)

Passagen wie diese haben nichts an Aktualität verloren. "Die Vernichtung von Dersim" ist ein politisches Buch, ein hochpolitisches Buch gerade deshalb, weil ein so tiefgehender und grundsätzlicher Konflikt unter vollständiger Außerkraftsetzung der Position eines - und sei es wohlmeinenden - Beobachters, geschildert und den Lesern, so sie es denn wissen wollen, nahe gebracht und verständlich gemacht wird. Der Roman ist 1996 in Istanbul unter den Bedingungen repressivster politischer Zensur erstveröffentlicht worden, weshalb leicht nachzuvollziehen ist, warum er keine politische Botschaft, keinen Aufruf zum Kampf etwa, enthält, was seinen Inhalt keineswegs schmälert. Es ist und bleibt eine romanhafte Erzählung, nicht mehr und nicht weniger, und übersteigt gleichwohl die Sprengkraft vergleichbarer Sachbücher um etliches. Besonders eindrücklich ist dem Autor beispielsweise die Schilderung eines Kurden gelungen, der sich als Unteroffizier in der türkischen Armee verdingt hat: 

Riza Tschausch hatte nicht sehen können, was draußen vor sich ging. Doch die Geräusche sagten ihm genug. Geruch, Staub und Rauch verrieten ihm, daß das Dorf niedergebrannt wurde. Das stundenlange Knattern hielt er für ferne Maschiengewehrsalven. Er war sehr ruhig oder sah zumindest so aus. Denn sein ganzes Wesen war tief vom Leid erfaßt. So hatte er also teuer zu bezahlen, daß er sich mit dem türkischen Staat eingelassen hatte. Wie sehr grämte er sich unter solchen Gedanken! Jetzt schämte er sich, sein Leben lang auf der falschen Seite gestanden, dem Unrecht Faust, Schwert und Zunge gewesen zu sein. Er wäre am liebsten im Erdboben versunken. Stünden nur nicht diese Soldaten hier, oder hätte er zumindest eine Waffe! Er dachte an Alibinat, der noch auf dem Duzgin war. Es hatte sich bewahrheitet, was der alte Mann gesagt hatte. Der türkische Staat machte keine Unterschiede, was das kurdische Volk betraf. Und jetzt vernichtete er es.

(S. 173/174)

Mit keinem Wort geht der kurdische Schriftsteller auf den kurdischen Widerstand späterer Jahre ein, wie ihn insbesondere die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) organisiert und geleistet hat, was in einem historischen Roman, dessen Handlungsschilderung in den 30er Jahren ansetzt und in die 40er und 50er Jahren hineinreicht, auch gar nicht möglich ist. Der politische Zusammenhang zu dem später organisierten bewaffneten Befreiungskampf des kurdischen Volkes seit 1984 dürfte eine der unvermeidlichen Konsequenzen gewesen sein.

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Quelle: Schattenblick, Pool: BUCH\ROMANE

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