Es ist etwa faul im tschechischen Staat

 Jiří Beránek

 

 

Im Hinblick darauf, womit sich unsere Journalisten und Redakteure in der letzten Zeit beschäftigen, sieht es so aus, als ob im Großen und Ganzen nichts passiert. Ein Glück, dass sie noch Anička Škrlová und Karel Gott haben, sonst müsste man sie sich wohl ausdenken. Viel Raum wird zwar dem Zweikampf um das Präsidentenamt gewidmet, doch auch das wird schon langsam langweilig. Die Medien haben jedoch eine riesige Macht und es ist nicht egal, was, wann und wie in ihnen präsentiert wird. In dieser Woche habe ich mit Entsetzen festgestellt, dass auch ich mich einst in einem Fall, in dem ich nur Informationen aus der Presse hatte,  zu einer bestimmten Meinung habe manipulieren lassen ...

Es ging um den Fall Dr. Uzunoglu, der von unseren Strafverfolgungsbehörden zu Unrecht beschuldigt wurde, unter  anderem sogar dreier Morde und Folterung ... An menschliche Gerechtigkeit glaube ich zwar schon lange nicht mehr, aber der Fall Uzunoglu hat mich förmlich erschüttert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass so etwas in einer demokratischen Gesellschaft geschehen kann ...

Yekta Uzunoglu, siehe http://www.uzunoglu.info/uvod.html, ist ein kurdischer Patriot (u.a. Übersetzer der Bibel und von Karel Čapek ins Kurdische), Arzt, Verleger, Geschäftsmann, Gründer von kurdischen Zentren und Mitautor einer kurdischen Grammatik. Zweieinhalb Jahre verbrachte er in tschechischer Haft. Im vergangenen Juli sprach ihn das Stadtgericht Prag in einem Fall, der klare politisch-ökonomisch-polizeiliche Hintergründe hat, in vollem Umfang frei. Über das alles wird angeblich im Buch von Petr Žantovský "Výpověď" (Die Aussage) geschrieben. Das Buch habe ich zwar noch nicht gelesen, doch gestern hatte ich die Gelegenheit, mir ein sehr interessantes 45 Minuten Interview von Petr Vaďura im Tschechischen Rundfunk anzuhören, in dem ich Dinge erfuhr, von denen ich keinen blassen Schimmer hatte. Herr Uzunoglu erzählt hier in spannender Weise von seinen Vorfahren und seiner Kindheit in Kurdistan, von seinen Kontakten zu tschechischen Christen und auch von seinem Lebensweg und seinen Abenteuern mit der tschechischen Nach-Wende-Justiz.  

Von ganzem Herzen empfehle ich allen Lesern, sich dieses Zeugnis anzuhören, weil es nicht nur eine schockierende Aussage darüber ist, wo die tschechische Gesellschaft fast 20 Jahre nach dem "Plüsch" steht, aber auch darüber, dass es gut ist nicht aufzugeben und zu kämpfen. Anhören oder herunterladen können sie es sich auf

http://www.rozhlas.cz/nabozenstvi/krestanskavlna/_zprava/411211

im Hinblick darauf, dass Herr Uzunoglu vom tschechischen Staat Entschädigung verlangen wird, hoffe ich, dass die Gerechtigkeit diesmal siegt und der tschechische Staat verliert.

Denn es geht um die Zukunft von uns allen. In diesem Zusammenhang ist es nämlich völlig einerlei, ob Švejnar Präsident wird oder Klaus.   

 

Jiří Beránek                                                                           18.1. 2008

 

Die Tageszeitung : Lidové Noviny

 

 

 

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