Von Haydar Isik, Schriftsteller                                                       30.März.04

 

DEMOKRATIE IST IN DER TÜRKEI EINE FATA MORGANA

 

Die Türkei rühmt sich, dass sie ein demokratischer Staat ist. Ein Staat, in dem 99% Muslim  leben, kann durch ihr mäßiges Islamverständnis anderen islamitischen Staaten ein gutes  Beispiel sein, wenn sie in die EU aufgenommen würde. So ist auch die allgemeine Meinung der EU-Behörden. Jeder vernünftig denkende Mensch sollte eigentlich der Türkei beistehen, dass sie in die EU kommen kann. Eine westlich orientierte demokratische Türkei wäre ein Gewinn für diese unruhige Welt. Ich würde begrüßen wenn die Türkei die westlichen Normen voll akzeptieren würde, und als ein demokratischer Staat Vorreiter der  islamischen Länder werden würde.

Nur, das ist ein frommer Wunsch, der sternenweit im Himmel steht. Die Realität der Türkei ist ganz anders. Kann ein Land einerseits sich demokratisch erklären, andererseits 15-20 Millionen seiner Bürgerinnen und Bürger - den Kurden- ihre Muttersprache vorenthalten?

Wenn ich daran denke, dass mir das kemalistische Regime in der Türkei meine Heimat, die warmen Wörter meiner Mutter, die mich geboren, und vor den türkischen Soldaten gerettet hatte, diese Wörter, die ich als Heimat betrachte, gewaltsam weggenommen hat, habe ich immer noch eine Wut. Ich wuchs auf mit diesem fremden Idiom, das mir aufgezwungen wurde und heute auch meinen Enkelkindern aufgezwungen wird. Die Türkei hat unsere Sprache –das Kurdische- verboten.

Heute ist es dem kurdischen Wiederstand und dem Wunsch der Türkei in die EU aufgenommen zu werden zu verdanken, dass das Kurdische wenigstens auf dem Papier halbwegs legalisiert. Es wurde vorgesehen, dass 15-20 Millionen Kurden in der Türkei nur auf privater Basis und unter staatlich erschwerten vorgeschriebenen  Auflagen ihre Muttersprache lernen dürfen.

Betrachten die EU-Behörden die Muttersprache nicht als ein Geburtsrecht? Wie steht die EU zu diesem Recht? Warum die Türkei weigert dieses Geburtsrecht den Kurden? Wenn die Türkei demokratisch ist, müsste sie eigentlich den Kurden in den staatlichen Schulen das Recht zu sprechen, zu lesen, und auf Erziehung zugestehen. Bis heute wurden nur in zwei Städten in Van und in Batman privat Kurdisch Kurse geduldet. Nachdem die Behörden diese Kurse immer wieder mit neuen Auflagen erschwerten, haben die Kurden es geduldig geschafft die Kurse privat zu ermöglichen. Die Kurse können nur unter der Beobachtung einer staatlich abgeordneten Person stattfinden.

Ich denke die EU Behörden sind gefragt darauf zu antworten, ob diese Art der  Erlernung der Muttersprache von 15-20 Millionen Kurdinnen Kurden in der Türkei in Ordnung ist? Wenn man den Kurden ihre Muttersprache nicht kollektiv anbietet, verstößt das nicht gegen die angenommene Menschenrechts-Charta? Oder verdienen die Kurden  dieses Menschenrecht nicht? Kann man die  Türkei demokratisch bezeichnen, wenn sie das kollektive Recht den Kurden vorenthält?

Wie jeder aufrichtige demokratisch gesinnte Mensch haben die Kurden erwartet, dass die EU die Türkei wegen ihrer Haltung gegenüber den Kurden am schärfsten kritisiert und ihr einen Weg weist. So lange sie die Identität und die Sprache der Kurden dem Türkischen nicht gleich stellt, ist sie weder demokratisch, noch kann sie in die EU aufgenommen werden. Aber in der Türkei ist Demokratie noch eine Fata Morgana.

Die Türkei wird von einer Partei regiert, die eigentlich vom Radikal-Islam entstanden ist, aber sie  macht „takiyye“ und zeigt sich als mäßig. In Bezug auf Zypern will sie sich kooperativ zeigen, aber in Bezug auf das Geburtenrecht der Kurden hat diese fundamentalistische Partei von Erdogan mit dem türkischen Militär gleicher Meinung. Nach dem Motto: „Es gibt in der Türkei keine Kurden. Und wer nicht existiert, hat auch kein Problem.“

Demokratie, ist kein Begriff, den jeder für sich verwenden kann. Die Kurden verlangen nicht „getürkte“ sondern eine globale Demokratie. Was wir bitten, ist Frieden gegen unsere  Muttersprache, ist Frieden gegen unsere Identität. Wenn die Türkei keinen Frieden will, weil sie auf die Größe ihres Militärs pocht, ist es die Aufgabe der EU und NATO  die Türkei dahin zu bewegen, den Kurden die globalen Rechte zu gewähren. Aber die EU geht mit der Türkei mit einen rohen Ei um. Um die Türkei nicht zu verärgern, erwähnt sie nicht einmal in ihren Berichten die Begriffe „Kurden-Kurdisch-Kurdistan“. Ganz ernst denke ich, ob  die EU-Behörden  tatsächlich die Türkei wollen! Oder ist alles ein Theater?

Wenn die türkische Generalität mit einem geheimen Schreiben von den Landräten wissen möchte, wer EU-Anhänger ist, wer den USA und Israel nahe steht, wer separatistische Absichten hat - hier meint man die Kurden-, kann man in diesem Land noch von Demokratie sprechen?

Welchen Weg der politische Islam in der Türkei geht, wird uns tagtäglich gezeigt. Wenn die Massen nach dem Freitagsgebet aus den Moscheen kommen, skandieren sie „Tot den USA!“ Tot Israel!“Die Besatzer raus aus dem Irak!“  und verbrennen dabei die Fahnen von Israel. Die türkischen Machthaber sind in einem Schiff, das nach Westen segelt, aber ihr Blick ist nach Osten gerichtet. Diesen Blick auch nach Westen zu richten, ist die Aufgabe der EU. Die EU soll der Türkei den Weg ganz deutlich zeigen, dass sie die Geburtsrechte der Kurden den Türken gleich stellen muss, oder sie wird nicht in die EU aufgenommen.

Nachdem die kurdische Bewegung (früher PKK-KADEK- jetzt VOLKSKONGRESS KURDISTAN) sich von der Gewalt abgewandt hat und die demokratischen Werte der EU akzeptiert, um auf einem zivilen und demokratischen Wege das Kurdenproblem auszudrücken, erwarten wir von den EU-Behörden und Ländern dieses Problem in einem friedlichen Prozess politisch zu lösen. Eine Türkei, die das Geburtenrecht der 20 Millionen Kurden leugnet, wird niemals stabil und schon gar nicht demokratisch.

 

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