Haydar Isik, 09.Oktober 2003-10-09

 

WERDEN DIE KURDEN NOCH EINMAL VERRATEN?

 

Der große Satiriker Aziz Nesin beschrieb in seinem Buch die Situation der Türkei der 60`er Jahre. Nachdem die `Demokrat Parti` auch Katzen als Mitglieder in ihre Partei aufgenommen hatte, schlug der verstorbene Schriftsteller vor, wenn eine Partei an die Macht kommen will, sollte sie erst dieser Partei beitreten. Dann wenn die mächtigen Parteiobersten sprechen, sollten sie Beifall geben. Auch wenn sie husten oder pinkeln oder irgend einen Laute von sich geben, sollten sie dann sofort applaudieren. Vielleicht könnte eine Partei nur auf diese Weise ungemerkt an die Macht gelangen.

Zur Zeit ist in der Türkei eine Partei allein an der Macht. Wie sie an die Macht kam, ähnelt der Beschreibung von Nesin. Anscheinend haben die Mitglieder dieser Partei den Weg des Satirikers gut verstanden und deshalb sind sie auf diese Weise an die Macht gekommen.

Da in der Türkei die Macht immer in den Händen der Genaräle liegt, haben die Politiker ihr Gesichter total geändert. Sie hängen einen Schleier vor ihr Gesicht. In der Öffentlichkeit sprechen sie so, hinterher aber ganz anders. Diese Partei war vor drei Jahren von der fundamentalistischen Erbakan Partei abgespalten. Um an die Macht zu kommen, haben sie die eigentlichen Machthaber des Landes, die Genaräle, die Wächter der Ideologie des Kemalismus: „ein Volk, eine Nation, ein Staat, eine Religion“ sind, , überlistet.

Wenn es um Säkularismus geht, sind sie die besten Laizisten, obwohl sie lebenslang nach der Scharia riefen und auch heute noch verdeckt danach rufen. Wenn es um Kemalismus geht, sind sie natürlich die besten Kemalisten. Der tiefe türkische Staat hat ein rotes Buch, in dem die Kurden als Staatsfeinde definiert sind. Wenn es um Kurden geht, verleugnet diese Partei die Kurden als erstes. Die Verantwortlichen dieser Partei haben seit ihrem Machtantritt am 3. November letzten Jahres bis heute offiziell das Wort „Kurden“ nicht in den Mund genommen. Sie überholen die Generäle rechts und sagen: „Wenn man nicht daran denkt, dass man Kurde ist, dann gibt es auch kein Kurden Problem.“

Diese Haltung bezeichnet man `Takkiye`, das heißt Doppelgesichtigkeit. Obwohl sie die wahren Fundamentalisten sind, und immer für einen Heiligen Krieg gegen die gottlosen der westlichen Welt standen, gegen Christen und Juden den Heiligen Krieg führen wollten, zeigen sie sich heute als beste Demokraten. Die Wandlungen dieser AK Parti (AKP) geschehen so verborgenund schnell, dass selbst die Windhunde sie nicht erreichen können.

Gestern noch religiöse Fundamentalisten heute als Demokraten lässt diese Partei  ihre eigentlichen Gegner, das Militär mit Kurdenkriegen ablenken, damit sie ihre Macht verlängern kann. Die Mehrheit dieser Partei hat am Dienstag, den 7.Oktober einen Parlamentbeschluss gefasst, um 10.000 Soldaten für ein Jahr im Irak zu stationieren.   

Wenn in der Türkei ein Drittel der Bürger- die Kurden – nicht einmal ihre Muttersprache sprechen und schreiben lernen und verbreiten dürfen, und sie staatlicher Repression ausgesetzt sind, und wenn in diesem Land die Folter noch an der Tagesordnung ist, wer kann glauben, dass die Türkei den Völkern im Irak helfen wird, um Demokratie und Menschenrechte zu bringen?

Man muss mit sich im klaren sein, dass die Türkei ein wahres Ziel hat. Nämlich den Kurden im Irak keine erweiterten Rechte zu lassen, wie die Eigenstaatlichkeit oder demokratische Föderation und die Kurden in der Türkei in einer Zeitspange auszulöschen.

Wir dachten, dass die USA Administration für die Änderung des Status quo stehen und einen demokratischen Nahen Osten schaffen, in dem die Völker frei nebeneinander leben werden. Außerdem werden sie den religiös fundamentalistischen Terroristen und  den Feinden des jüdischen Volkes und Antichristen ihr Terrorhandwerk abnehmen. Die USA haben tatsächlich in kürzester Zeit das Saddamregime zu Ende gebracht. Aber eine bleibende demokratische Ordnung wird  anscheinend schwieriger sein, weil verschiedene Kräfte gegen diese Änderung sind. Die Türkei war und ist die erste Kraft für den Status quo im Irak. Wie können die Amerikaner mit Saddams Freund Türkei eine Demokratie installieren, wo sie in der Türkei selber sehr mangelhaft ist?

Die USA haben seit Ende des Krieges nahezu hundert tote Soldaten zu beklagen. Ich denke, dass die USA vom eigentlichen Ziel, der Demokratisierung, abweichen. Um das Leben ihrer Soldaten zu schonen, wollen sie selbstverständlich die billigsten Särge mit Halbmond und Stern sehen. Somit wird das türkische Militär ihr Ziel erreichen, um die Kurden zu entrechten und, die AKP befestigt ihre Macht, und die USA haben weniger Tote.

Zur gleichen Zeit hat der Regierungsrat im Irak einen Beschluss gegen das türkische Militär gefasst und es abgelehnt. Die Türkei will jetzt erst recht in den Irak einmarschieren. Sie erwartet dafür von den USA mehr finanzielle Unterstützung und gegen die Kurden bessere Karten, um mit Hilfe der US-Armee gegen kurdische Guerilleros von KADEK (Kongress für Demokratie und Freiheit Kurdistans) vorgehen zu können.

Der KADEK hat sich schon seit der Änderung des Status quo im Irak auf die Seite der USA geschlagen. In vielen Erklärungen hat KADEK das Vorgehen der USA begrüßt, sogar ihre Bereitschaft gezeigt gegen Saddams Banden an der Seite der USA zu kämpfen. Jetzt wollen  die USA mit der Türkei gegen KADEK vorgehen, um ihn zu vernichten. KADEK, der für Demokratie und für eine Allianz der Völker im Nahen Osten steht, gegen  fundamentalistisch religiöse Banden ist, und im Türkisch Kurdistan die Mehrheit der kurdischen Bevölkerung hinter sich gebracht hat, im Iran, Irak und Syrien von den kurdischen Massen gestützt wird, und mit einer neuen Strategie sich an Israel und USA annähern möchte, wird auf Wunsch der Türkei bekämpft.

Wir wissen, dass die Kurden von den Weltmächten mehrere Male verraten worden sind. Vielleicht konnte man in der Vergangenheit nicht wissen, wie die Kurden sich verhalten werden. Aber jetzt ist es klar, dass sie, ob sie den irakisch kurdischen Parteien DKP und PUK, oder dem in allen Gebieten Kurdistans gut organisierten KADEK angehören, sich an die Seite derer, die den Status quo geändert haben, setzen wollen.

Wir Kurden werden unsere Augen auf die Politiker der USA richten, ob sie tatsächlich für die Änderung waren, denn dann müssten sie sich eigentlich dem Vorhaben der Türkei fernhalten. Das heißt, dass sie das türkische Militär nicht in den Irak holen dürfen. Wenn das türkische Militär in den Irak geht und die USA mit ihm gegen KADEK den gewünschten Krieg führt, werden sie  40 Millionen Kurden gegen sich aufbringen.

Die PKK hat eine durch die Politik der Türkei bedingte Vergangenheit, aber sie hat nach einem langen Prozess selbstkritischen Diskussionen den Weg der Gewalt verlassen.  Sie hat eine neue Strategie gewählt, die auf Gewaltlosigkeit, Frieden und Freiheit basiert. Der KADEK will sogar noch weiter gehen und sich vollkommen an die neue Weltordnung anpassen. So eine Kraft wie der KADEK, sollte von den demokratischen Kräften unterstützt werden. Wenn man diese gut organisierte Kraft beseitigen will, sägt man den Ast ab, auf dem man steht. Da die Türkei nur ihren Interessen blind nachgehen will, wird sie mit Provokationen die Lage der Region noch erschweren.

Man sollte die Türkei daran erinnern, dass sie ihren kurdischen Bürgern das Recht auf Muttersprache in den Schulen geben, und die kurdische Identität in ihrer Verfassung verankern, und ein friedliches gleichberechtigtes Leben für Kurden ermöglichen müssen. Dann gibt es kein Kurdenproblem in der Türkei.

Wir, die Kurden haben unsere Hoffnung auf die USA und die Intelligenz des israelischen Staates gesetzt, dass sie eine rasche Demokratie in die Region bringen. Nach Meldungen der Presse müssen wir diese Hoffnung nun aufgeben. Hoffnung ist aber das Brot des kleinen Mannes, das niemals endet.