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- Unnachahmlich reden Helîm Yûsivs
Charaktere. Manchmal stellen sie sich dem Leser selbst
vor: »Ja, ich bin’s. Ich bin der Hecî, über den die
Frauen des ›Bezirks der Mullahs‹ immer reden. Es
scheint so, als kämen sie meinetwegen jeden Tag auf der
Straße zusammen.« So läßt Yûsiv in seinem Erzählband
»Der schwangere Mann« seinen Protagonisten die
Geschichte über »Liebe ohne Hand und Fuß« beginnen.
Unversehens ist das Publikum hineingerutscht in die
Geschichte, in der es eigentlich gar nicht um Hecî
geht. Man hockt – »als wären zweihundert Hühner
zusammen in einen kleinen Hühnerstall gesperrt worden«
– bei den tratschenden Frauen des Mullah-Bezirks, die
dem ungeschickt vorbeistolpernden jungen Mann auch noch
hinterherrufen: »Ja, Hecîko, alle Versammlungen und
Konferenzen der Frauen werden über dich abgehalten.«
Wer wollte bei einer solchen Szene nicht dabeisein?
Wir sind im kurdischen Teil Syriens, in dem eine starke
und lebendige Tradition mündlichen Erzählens die
Literatur geformt hat. Dramaturgischer Schnörkel bedarf
sie nicht; sie springt ohne viel Federlesens durch Zeit
und Raum und bezieht ihre Stärke meist aus dem Dialog.
Alles andere ist Handwerk und Talent. Beispielsweise
wenn Helîm Yûsiv seine hypochondrische und abergläubische
Großmutter vorstellt: »Wenn meine Großmutter eine
Medikamentendose sah, verlor sie immer den Kopf. Sie
fand keine Ruhe, bis sie nicht alles heruntergeschluckt
hatte. Es war ihr egal, ob weich oder hart, ob als
Tropfen oder ob es überhaupt zum Einnehmen war oder
nicht … Alles, was sie finden konnte, legte sie auf
ihren Fuß: Tomatensaft, Katzen- und Hasenfell,
Sperlingsfedern, Glassplitter, Seife, eine lebendige und
eine tote Eidechse, eine Maus, Küken, Hundeschwänze,
zerhackte Knochen und noch viele andere Sachen, die ich
hier nicht nennen kann, weil ich mich schämen würde.
Mit all diesen Sachen auf ihrem Fuß betete sie auf
ihrem Kaftan.«
Seit vier Jahren lebt Yûsiv als politischer Flüchtling
in Deutschland. 1967 als jüngstes von acht Kindern in
einer nordsyrischen Kleinstadt geboren, kennt ihn die
kurdisch- und arabischsprachige Welt seit mehr als zehn
Jahren als begnadeten Erzähler. In beiden Sprachen
erschienen in den 90er Jahren der Kurzgeschichtenband »Die
Frau im hohen Stockwerk« und der Roman »Sobarto«. Die
Sammlung »Die Toten schlafen nicht« kam 1998 in
Istanbul zudem auf Türkisch heraus. »Der schwangere
Mann« ist Yûsivs erstes Buch, das er 1991 im Alter von
24 Jahren in Damaskus veröffentlichte. Heidi Karge hat
es nun in Kooperation mit dem Autor ins Deutsche übersetzt.
»Nach der Erstveröffentlichung mußte ich erleben, wie
vier kräftige Männer mir den Weg abschnitten und mich
verprügelten. Die Geschichte, die sich danach
abspielte, ist lang. Während andere Schriftsteller nach
einer Buchveröffentlichung mit Anerkennung oder
Auszeichnung rechnen, erhielt ich meinen ›Preis‹ an
diesem Tag in einer Straße in Amûdê«, schreibt der
Verfasser im Vorwort.
Wenn Yûsiv seine Leser in die Gegenden führt, »die
nicht nur vom Staat, sondern auch von Gott vergessen
wurden und in denen bis zum Jahr 2000 Handys und das
Internet verboten waren«, ist klar, daß keine Märchen
aus 1 001 Nacht zu erwarten sind – auch wenn der Autor
seinen Kurzerzählungen Titel wie »Der fliegende Bart«,
»Das verliebte Skelett« oder »Die Tritte des weißen
Esels« verleiht. Die Allmacht von Staat, Geheimdienst
und Militär ist allgegenwärtig. In symbolhafter Form
oder konkret. Sie trifft einfache Bauern, und sie trifft
Toilettenhäuschen, die als Orte subversiver politischer
Botschaften so gut wie nicht kontrollierbar sind. »Ich
frage mich immer, warum die Menschen in unserer Stadt
keine Revolution für die Errichtung neuer Toiletten
machen«, läßt Yûsiv den Ich-Erzähler in »Die Welt
ist enger als eine Toilette« klagen, der letzten
Geschichte des Bands. »Solche Toiletten müßten so
stabil sein, daß Bulldozer sie nicht gleich zerstören
können, wenn regierungsfeindliche Sätze an der
Innenseite der Tür stehen, die so harmlos waren wie:
›Toiletten sind die Plätze der Demokratie unserer
Dritten Welt.‹«
Er sei nicht von der Idee zu überzeugen, die Welt sei
ein kleines abgeschlossenes Dorf, gibt der Autor seinen
Lesern als Lektürehinweis mit auf den Weg. Aber man
darf sich nicht täuschen. Trotz Handy und Internet
wissen wir so gut wie nichts über die Kurden im nördlichen
Syrien. Mit Helîm Yûsivs Geschichten können wir deren
Leben zumindest erahnen und vielleicht verstehen, warum
der Autor die dringende Hoffnung ausdrückt, die Männer,
die ihm vor Jahren auf der Straße den Weg versperrten,
mögen niemals erfahren, »daß ihr über sie in
deutscher Sprache lesen könnt. Sie würden sonst auf
jeden Fall bereuen, daß sie mich lebend entkommen ließen«.
Mit tollwütigen Eseln muß sich eben nicht nur das
vermutlich gar nicht so fiktive Personal in Helîm Yûsivs
Erzählungen herumplagen.
* Helîm Yûsiv: »Der schwangere Mann«, Erzählungen,
Unrast Verlag, Münster 2004, 161 Seiten, 13 Euro
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