Feuilleton
Dirk Ruder

Sauerstoff auf Urlaub

Von Gott und der Politik verlassen: Helîm Yûsiv erzählt Geschichten aus dem kurdischen Teil Syriens
Unnachahmlich reden Helîm Yûsivs Charaktere. Manchmal stellen sie sich dem Leser selbst vor: »Ja, ich bin’s. Ich bin der Hecî, über den die Frauen des ›Bezirks der Mullahs‹ immer reden. Es scheint so, als kämen sie meinetwegen jeden Tag auf der Straße zusammen.« So läßt Yûsiv in seinem Erzählband »Der schwangere Mann« seinen Protagonisten die Geschichte über »Liebe ohne Hand und Fuß« beginnen. Unversehens ist das Publikum hineingerutscht in die Geschichte, in der es eigentlich gar nicht um Hecî geht. Man hockt – »als wären zweihundert Hühner zusammen in einen kleinen Hühnerstall gesperrt worden« – bei den tratschenden Frauen des Mullah-Bezirks, die dem ungeschickt vorbeistolpernden jungen Mann auch noch hinterherrufen: »Ja, Hecîko, alle Versammlungen und Konferenzen der Frauen werden über dich abgehalten.« Wer wollte bei einer solchen Szene nicht dabeisein?

Wir sind im kurdischen Teil Syriens, in dem eine starke und lebendige Tradition mündlichen Erzählens die Literatur geformt hat. Dramaturgischer Schnörkel bedarf sie nicht; sie springt ohne viel Federlesens durch Zeit und Raum und bezieht ihre Stärke meist aus dem Dialog. Alles andere ist Handwerk und Talent. Beispielsweise wenn Helîm Yûsiv seine hypochondrische und abergläubische Großmutter vorstellt: »Wenn meine Großmutter eine Medikamentendose sah, verlor sie immer den Kopf. Sie fand keine Ruhe, bis sie nicht alles heruntergeschluckt hatte. Es war ihr egal, ob weich oder hart, ob als Tropfen oder ob es überhaupt zum Einnehmen war oder nicht … Alles, was sie finden konnte, legte sie auf ihren Fuß: Tomatensaft, Katzen- und Hasenfell, Sperlingsfedern, Glassplitter, Seife, eine lebendige und eine tote Eidechse, eine Maus, Küken, Hundeschwänze, zerhackte Knochen und noch viele andere Sachen, die ich hier nicht nennen kann, weil ich mich schämen würde. Mit all diesen Sachen auf ihrem Fuß betete sie auf ihrem Kaftan.«

Seit vier Jahren lebt Yûsiv als politischer Flüchtling in Deutschland. 1967 als jüngstes von acht Kindern in einer nordsyrischen Kleinstadt geboren, kennt ihn die kurdisch- und arabischsprachige Welt seit mehr als zehn Jahren als begnadeten Erzähler. In beiden Sprachen erschienen in den 90er Jahren der Kurzgeschichtenband »Die Frau im hohen Stockwerk« und der Roman »Sobarto«. Die Sammlung »Die Toten schlafen nicht« kam 1998 in Istanbul zudem auf Türkisch heraus. »Der schwangere Mann« ist Yûsivs erstes Buch, das er 1991 im Alter von 24 Jahren in Damaskus veröffentlichte. Heidi Karge hat es nun in Kooperation mit dem Autor ins Deutsche übersetzt. »Nach der Erstveröffentlichung mußte ich erleben, wie vier kräftige Männer mir den Weg abschnitten und mich verprügelten. Die Geschichte, die sich danach abspielte, ist lang. Während andere Schriftsteller nach einer Buchveröffentlichung mit Anerkennung oder Auszeichnung rechnen, erhielt ich meinen ›Preis‹ an diesem Tag in einer Straße in Amûdê«, schreibt der Verfasser im Vorwort.

Wenn Yûsiv seine Leser in die Gegenden führt, »die nicht nur vom Staat, sondern auch von Gott vergessen wurden und in denen bis zum Jahr 2000 Handys und das Internet verboten waren«, ist klar, daß keine Märchen aus 1 001 Nacht zu erwarten sind – auch wenn der Autor seinen Kurzerzählungen Titel wie »Der fliegende Bart«, »Das verliebte Skelett« oder »Die Tritte des weißen Esels« verleiht. Die Allmacht von Staat, Geheimdienst und Militär ist allgegenwärtig. In symbolhafter Form oder konkret. Sie trifft einfache Bauern, und sie trifft Toilettenhäuschen, die als Orte subversiver politischer Botschaften so gut wie nicht kontrollierbar sind. »Ich frage mich immer, warum die Menschen in unserer Stadt keine Revolution für die Errichtung neuer Toiletten machen«, läßt Yûsiv den Ich-Erzähler in »Die Welt ist enger als eine Toilette« klagen, der letzten Geschichte des Bands. »Solche Toiletten müßten so stabil sein, daß Bulldozer sie nicht gleich zerstören können, wenn regierungsfeindliche Sätze an der Innenseite der Tür stehen, die so harmlos waren wie: ›Toiletten sind die Plätze der Demokratie unserer Dritten Welt.‹«

Er sei nicht von der Idee zu überzeugen, die Welt sei ein kleines abgeschlossenes Dorf, gibt der Autor seinen Lesern als Lektürehinweis mit auf den Weg. Aber man darf sich nicht täuschen. Trotz Handy und Internet wissen wir so gut wie nichts über die Kurden im nördlichen Syrien. Mit Helîm Yûsivs Geschichten können wir deren Leben zumindest erahnen und vielleicht verstehen, warum der Autor die dringende Hoffnung ausdrückt, die Männer, die ihm vor Jahren auf der Straße den Weg versperrten, mögen niemals erfahren, »daß ihr über sie in deutscher Sprache lesen könnt. Sie würden sonst auf jeden Fall bereuen, daß sie mich lebend entkommen ließen«. Mit tollwütigen Eseln muß sich eben nicht nur das vermutlich gar nicht so fiktive Personal in Helîm Yûsivs Erzählungen herumplagen.

* Helîm Yûsiv: »Der schwangere Mann«, Erzählungen, Unrast Verlag, Münster 2004, 161 Seiten, 13 Euro

 

 

 

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