Die
kurdische Erzählung: Vom Verbot zur modernen Prosaliteratur
Hüseyin Dozen, Hamburg, im September 2004
Seit
ich in Deutschland bin, werde ich immer wieder mit einer Frage konfrontiert:
"Türkisch und Kurdisch, ist das nicht eigentlich das gleiche, so wie
Hochdeutsch und Bayrisch?" Am Anfang machte ich es mir mit der
Beantwortung dieser Frage sehr schwer:
Ich erläuterte ausführlich, dass Kurdisch dem iranischen Zweig der
indo-europäischen Sprachen angehöre, Türkisch dagegen der Gruppe der
ural-altaischen Sprachgruppe, dass ihre Grammatik grundverschieden sei, Türkisch
agglutinierend, Kurdisch dagegen analytisch, und bemühte mich zu erklären,
dass Kurdisch die historische und kulturelle Erfahrung von Menschen
transportiere, die seit Jahrtausenden gemeinsam mit anderen Kulturen und
Sprachen in dem Gebiet zwischen Euphrat und Tigris leben. Häufig genug
erntete ich für meine Erklärungsversuche nur einen skeptischen Blick. Später
fand ich einen weniger ausführlichen, der Reaktion der Gesprächspartner
nach zu urteilen aber eindrucksvolleren Weg, um auf die Frage nach dem
Unterschied zwischen dem Türkischen und Kurdischen zu antworten: Ich sagte,
dass Türkisch und Kurdisch sich sprachwissenschaftlich so sehr
unterscheiden wie Ungarisch und Deutsch.
Deutschen
Lesern sind Kurden und Kurdistan seit Karl Mays „Durchs wilde
Kurdistan" exotische Begriffe. Durch den Golfkrieg 1991, als
Hunderttausende vor der irakischen Armee auf der Flucht waren, und als nach
dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein im Jahr 2003 die Einrichtung eines
autonomen Bundesstaates innerhalb eines föderativen Irak diskutiert wurde,
erfuhren die Kurden viel öffentliches Interesse. Über die tagespolitische
Aktualität hinaus aber ist wenig über den Alltag, die Gefühle und
Schicksale der ca. dreißig Millionen kurdischen Menschen bekannt. Literatur
kann dazu dienen, ein Volk besser kennen zu lernen.
Die
kurdische Literatur ist alt und reich. Sie existiert hauptsächlich in mündlichen
Formen wie Liedern und Epen, wie
jene von "Memê Alan" oder "Siyamend und Xecê", die durch Sänger und Erzähler, die berühmten Dengbêj,
überliefert wurden. Aber vor allem im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit
entstanden auch schriftliche Werke, die, wie heute allgemein anerkannt, von
erheblichem literarischem Gewicht sind. Diese als klassisch bezeichneten
Werke sind alle in Versform abgefasst. So wird Ahmedê
Xanî`s (1651 - 1707)
Dichtkunst in seiner Bedeutung durchaus in eine Reihe mit Shakespeare
gestellt.
Kurdische
Prosa dagegen, als neuere literarische Form, entwickelte sich erst spät.
Die erste kurdische Kurzgeschichte von Fuadê Temo erschien 1913 in der
Zeitschrift "Rojî Kurd" in Istanbul. Es folgten 1925 eine Erzählung
von Cemîl Saîb aus Suleymaniye im irakischen Teil Kurdistans und dann der
erste Roman in kurdischer Sprache, 1935 geschrieben von Erebê Äemo,
der in der ehemaligen Sowjetunion lebte. 1956 verfasste Ibrahîm Ehmed, auch
aus Suleymaniye, seinen Roman „Janî Gel“ (Die Schmerzen des Volkes),
der aber erst 1972 veröffentlicht werden konnte. Aus dieser Zeit zu erwähnen
sind auch noch Hesenê Qizilcî (1914-1985) und Rehîmê Qazî (1922-1991),
beide aus dem iranischen Teil Kurdistans und Eliyê Evdirrahman aus der
ehemaligen Sowjetunion.
Die
Entwicklung der kurdischen Literatur blieb bis in die Gegenwart abhängig
von den jeweiligen politischen Bedingungen, die charakterisiert waren durch
von machtpolitischen Interessen geleitete Grenzziehungen, Fremdherrschaft
und Unterdrückung.
Durch
den Vertrag von Lausanne am 24.06. 1923 wurde Kurdistan durch die Alliierten
und die Türkei auf die vier Staaten Iran, Irak, Türkei und Syrien
aufgeteilt. Der größte Teil fiel an die Türkei. Auf diese Weise wurden
mehr als die Hälfte der Kurden Staatsbürger der neuen türkischen
Republik.
Die
Entwicklung in den einzelnen Teilen Kurdistans verlief unterschiedlich und
hatte zur Folge, dass durch die dort gesprochenen verschiedenen Dialekte und
die Verwendung unterschiedlicher Alphabete keine gemeinsame Literatur
entstehen konnte.
Die
günstigsten Entwicklungsbedingungen für Sprache und Kultur seit dem 1.
Weltkrieg bot der Irak. Als Mandatsmacht förderten die Engländer zunächst
die kurdische Sprache, und auch nach der Machtübernahme durch den
arabischen König Faisal musste der irakische Staat auf Beschluss des Völkerbundes
das Kurdische fördern, was aber nur teilweise umgesetzt wurde.
Nach
der Gründung der türkischen Republik mussten viele kurdische
Intellektuelle, die im Osmanischen Reich hohe Stellungen in Verwaltung und
Heer bekleidet hatten, wie z.B. Pîremêrd, Refîk Hilmî,Tewfîk Wehbî und
M.Emîn Zekî in den Irak gehen. Unter diesen Bedingungen entstand u.a. die
Zeitschrift Gelawêj im Jahre
1939, die bis 1949 erschien und die Grundlagen der modernen kurdischen
Prosa, insbesondere der Kurzgeschichte, schuf. Die führenden Namen um Gelawêj
waren Ibrahim Ahmed, Alladdin Seccadi und Äakir
Fattah.
Im
Irak wechselte im Laufe der Jahrzehnte die Politik gegenüber den Kurden. Es
gab immer wieder Phasen, in denen Sprache und Literatur sich relativ frei
entfalten konnten.
Die
Türkei ging nach 1923 außerordentlich repressiv gegen die Kurden und deren
Sprache vor. Die neu gegründete Türkische Republik machte den Versuch alle
Menschen, die nach dem 1. Weltkrieg zufällig innerhalb der
Waffenstillstandsgrenzen verblieben waren, mit Gewalt zu einer einzigen
Nation mit nur einer Sprache, der türkischen, zusammen zu zwingen. Zu
diesem Zweck wurde Kurdisch verboten und sogar die Existenz eines kurdischen
Volkes geleugnet. Man sprach ab jetzt offiziell von „Bergtürken“. Nach
der Niederschlagung mehrerer kurdischer Aufstände, wie dem von Scheich
Said(1925), dem am Ararat(1930) und dem in Dersîm(1937) wurden Tausende von
Kurden gezwungen, die Türkei zu verlassen.
Da
sie im französischen Mandatsgebiet von Syrien günstigere Bedingungen
vorfanden, flüchteten viele kurdische Intellektuelle dorthin, um ihre
Arbeit fortzusetzen. Sie gründeten u.a. die Zeitschrift "Hawar",
für die das erste Mal das lateinische Alphabet verwendet wurde. In Hawar
wurden neben zahlreichen Übersetzungen auch Kurzgeschichten veröffentlicht,
u.a. von Qedrîcan(1916-1972) und Nurettin Zaza(1924-1988). Auch in Syrien
verschlechterte sich die Lage der Kurden mit dem Aufstieg des arabischen
Nationalismus, der vor allem in
der Poltik der Baath-Partei seinen Ausdruck fand. Kurdisch wurde verboten,
zusammenhängende kurdische Siedlungsgebiete wurden durch Ansiedlung von
Arabern zerstört und vielen Kurden die Staatsbürgerrechte entzogen.
Im
Iran versuchte der Schah der Pahlewi-Dynastie, Reza
Khan, der 1921 durch einen Putsch an die Macht gekommen war, eine
Homogenisierung der Völker durchzusetzen, die das iranische Staatsgebiet
bewohnten, und ging deshalb ebenfalls hart gegen die Kurden vor. Persisch
wurde zur alleinigen Amtssprache erhoben und Kurdisch verboten. Der
kurdische Dichter Hejar berichtet in seiner Autobiografie, dass er mit
seinem Vater einige kurdische Bücher in einem Metallkasten außerhalb der
Stadt in einem Garten vergraben hatte, die sie nur nachts heraus holten, um
darin zu lesen und sie anschließend wieder zu verstecken. Zwar brachte die
Ausrufung der kurdischen Republik Mahabad 1946, - ermöglicht durch Druck
der ehemaligen Sowjetunion auf das Schah-Regime -, auf einem kleinen Teil
des iranischen Staatsgebietes kurzfristig ein Aufblühen kurdischer
Literatur mit sich, weil jedoch die Großmacht Sowjetunion ihre Politik
gegenüber dem Iran änderte, überlebte die Republik Mahabad nur knapp ein
Jahr, bevor iranisches Militär sie überrannte, wieder dem iranischen
Staatsgebiet einverleibte und der Staat seine gewaltsame
Assimilationspolitik gegenüber den Kurden fortsetzte. Die Hoffnungen, die
die Kurden mit dem Sturz des Schahs 1979 zunächst verbunden hatten, wurden
jedoch auch in der islamischen Republik enttäuscht.
Als
Folge der Oktoberrevolution und des ersten Weltkrieges waren viele Kurden in
den Machtbereich der Sowjetunion geflohen.
Dort
konnte sich in der Folgezeit in begrenztem Umfang ein literarisches und
kulturelles Leben entwickeln. Es entstand 1930 die Zeitung „Riya
Teze“ in lateinischem Alphabet, in der zahlreiche kurdische
Schriftsteller, die in der Sowjetunion lebten, ihre Werke veröffentlichten.
Am Anfang der 30er Jahre wurden auch viele Bücher auf Kurdisch gedruckt,
z.B. von Erebê Äemo,
Hecîyê Cindî, Emînê Evdal. Im Zuge der Politik Stalins wurde die
Zeitung „Riya Teze“ 1937
geschlossen und der Druck kurdischer Bücher eingestellt. Einige kurdische
Schriftsteller wie Erebê Äemo
und Hecîyê Cindî wurden festgenommen. Nach Stalins Tod erschien „Riya
Teze“ 1955 wieder. Radio Erewan begann auf Kurdisch auszustrahlen und
wurde auch bei den Kurden in den Nachbarstaaten zur Institution. Ihren Höhepunkt
erreichte die kurdische Literatur in den 60er Jahren, z.B. durch Namen wie Fêrîkê
Ûsiv, Sîma Semend, und später Emerîkê Serdar, Wezîrê Eäo,
Tosnê Reäîd,
Ahmedê Hepo und Ezîzê Îsko.
Aufgrund
der schwierigen politischen Verhältnisse wurden kurdische Schriftsteller
von den Regimen, unter denen sie leben, verfolgt und konnten erst im Exil ihrer
schriftstellerischen Tätigkeit nachgehen. Leben und Schreiben im Exil sind
Lebensumstände, die kurdische Schriftsteller seit jeher begleiten.
Schon
Mewlana Xalidê Naqäibendî(1773-1826),
ein kurdischer Sufi, musste wegen politischer Verfolgung im damaligen
Osmanischen Reich seine kurdische Heimat verlassen und wanderte ins indische
und afghanische Exil aus. Er starb später in Damaskus. Die Dichter Hacî Qadir-î Koyî(1817-1897)und Nalî(1797-1855)
mussten ebenfalls beide Kurdistan verlassen. Der eine ging ins Exil nach
Istanbul, der andere verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in Damaskus,
Istanbul und Mekka.
Die
erste Zeitschrift in kurdischer Sprache „Kurdistan“
wurde im Exil in Kairo am 22.4.1898 von Miqdat Midhat Badirxan veröffentlicht.
Später, in den Jahren 1919-1920, erschien ein großer Teil der Zeitungen
und Zeitschriften im Istanbuler Exil.
Auch
in der jüngsten Vergangenheit wurde überwiegend im Exil an der
Weiterentwicklung der kurdischen Prosa gearbeitet. Die meisten
Schriftsteller haben erst dort angefangen, auf Kurdisch zu schreiben. Sie üben
die Schriftstellerei nebenberuflich aus, sie arbeiten weitgehend isoliert,
weil es kaum geeignete Übersetzungen ihrer Arbeiten gibt und somit die
kritische Resonanz einer anderssprachigen Leserschaft ausbleibt, und sie
leisten eine doppelte Arbeit als Schriftsteller und Sprachwissenschaftler,
weil sie Pioniere bei der Aufgabe sind, die kurdische Sprache als
Schriftsprache zu entwickeln. Hinzu kommt bei allen die Schwierigkeit, dass
sie überwiegend auf die Leserschaft ihrer Exilländer, ebenfalls kurdische
Emigranten, angewiesen sind, da ihre auf Kurdisch verfassten Werke aufgrund
der politischen Umstände in ihrer Heimat entweder gar nicht veröffentlicht
werden oder nur unter großen Schwierigkeiten die Leser erreichen.
Es
ist eine Ironie des Schicksals, dass die Militärjunta im Jahre 1980 in der
Türkei der kurdischen Literatur einen ungewollten Dienst erwies: damals
mussten viele kurdische Schriftsteller die Türkei verlassen. Viele wurden
in Schweden aufgenommen, das in den folgenden Jahrzehnten die Entwicklung
der kurdischen Sprache und Literatur durch großzügige Kulturpolitik förderte.
Viele
Schriftsteller der moderneren Formen der Literatur begannen ihre
schriftstellerische Tätigkeit im Exil oder entwickelten ihr litrarisches
Talent dort weiter, z.B Hesenê Metê, Firat Cewerî, Enver Karahan, Äahînê
Bekirê Sorekli, Helîm Yûsiv und Qado Äêrîn
als Kurzgeschichtenautoren und als Romanautoren Mehmed Uzun Silêman
Demir,Laleä
Qaso und Mahmut Baksî.
In
Deutschland, wo ca. 500.000 Kurden und Kurdinnen leben, orientierte sich die
Kulturpolitik mit Rücksicht auf die Herkunftsländer der Kurden an
nationalstaatlichen Gegebenheiten, weshalb immer wieder die Existenz einer
eigenständigen kurdischen Sprache und Literatur in Frage gestellt wurde. So
lehnte die Hamburger Innenbehörde noch im Jahre 1999 den Antrag eines
Dolmetschers auf Bestellung als vereidigter Dolmetscher und Übersetzer mit
der Begründung ab, die kurdische Sprache sei als ausschließlich
gesprochene, nicht aber geschriebene Sprache zwar zum Dolmetschen, nicht
aber zum Übersetzen geeignet.
Auch
machten die Herkunftsländer der Kurden immer wieder den Versuch, ihre
Innenpolitik gegenüber den Kurden auch in den Exilländern durchzusetzen.
So hatte im Jahre 1980 die Kulturstiftung der Nordländer geplant, einen
Ausbildungsgang für kurdische Sprache für die in Skandinavien lebenden
Kinder kurdischer Familien einzurichten. Die türkische Botschaft in
Kopenhagen versuchte daraufhin diesen Lehrgang mit der Begründung zu
verhindern, dass die Lehrgangsteilnehmer Staatsangehörige der Türkei seien
und als solche türkischen Gesetze auch im Ausland nicht zuwiderhandeln dürften.
Nach türkischen Gesetzen sei Kurdisch verboten, weshalb dieser
Personenkreis an einem solchen Lehrgang nicht teilnehmen dürfte.
Nach
den vielen schmerzvollen Erfahrungen der Kurden im vergangenen Jahrhundert
gibt die aktuelle Entwicklung im Irak zu Hoffnungen für die Zukunft Anlass.
Die
Übergangsverfassung des Irak sieht seit März 2004 erstmalig neben Arabisch
offiziell auch Kurdisch als Amtssprache des Irak vor. Faktisch herrschte
dieser Zustand schon seit dem Ende des Golfkrieges 1991 vor, als das von
Kurden bewohnte Gebiet des Irak durch die Flugverbotszone vor Übergriffen
der irakischen Armee Saddam Husseins geschützt wurde. Nie hat es mehr
Publikationen, Zeitungen und Bücher in kurdischer Sprache gegeben. Es gibt
mehrere Radio- und Fernsehprogramme auf Kurdisch, Schulen und Hochschulen
unterrichten in kurdischer Sprache. An den Universitäten von Hewlêr
(Erbil), Suleymaniye und Duhok können Studenten kurdische Literatur und
Sprache studieren. Der Austausch auf literarischem Feld, sowohl mit den
kurdischen Gebieten innerhalb der anderen Staaten der Region als auch mit
literarisch interessierten Kreisen in der westlichen Welt wird außer durch
die nach wie vor unsichere politische Lage und wirtschaftliche Engpässe
dadurch erschwert, dass in Irak-Kurdistan traditionell das arabische
Alphabet zur Verschriftlichung des Kurdischen verwendet wird.
In
der Türkei war das rigide Sprechverbot auf Kurdisch schon 1991 unter der
Regierung Özal gelockert worden. Das Bestreben der Türkei auf baldige
Aufnahme in die EU hat seit 2002 zu zahlreichen Gesetzesänderungen geführt,
die in der Theorie den Gebrauch der kurdischen Sprache auch im öffentlichen
Raum ermöglichen. Leider gibt es nach wie vor bei der Umsetzung der Gesetze
viele Hindernisse. So scheitert ironischerweise die Eröffnung von
Privatschulen, die auf Kurdisch unterrichten wollen, unter anderem an der
fehlenden formalen Qualifikation der Lehrer, die die Türkei bis jetzt immer
verhindert hat. Zwar verlegen einige wenige kurdische Verlage inzwischen
legal ihre Bücher in der Türkei, aber kurdische Eltern dürfen ihren
Kindern nach wie vor keine Namen geben, die die Buchstaben x, w und q
enthalten, da diese Buchstaben nicht im türkischen Alphabet vorkommen. Zwar
werden vereinzelt Lesungen kurdischer Schriftsteller, die aus dem Exil in
die Türkei einreisen, auf kurdisch abgehalten, aber gleichzeitig kommt es
vor, dass Vertreter politischer Parteien zu Haftstrafen verurteilt werden,
nur weil sie ihre Zuhörer auf Kurdisch ansprechen.
In
Syrien und im Iran ist die Kurdische Sprache nach wie vor gesetzlich
verboten. Diese Gesetze werden in der Praxis nicht besonders streng
angewendet. Im Iran werden in begrenzten Umfang lokale Radio- und
Fernsehsendungen auf Kurdisch ausgestrahlt. Die islamische Republik verfolgt
damit u.a. das Ziel die eigene Politik zu verbreiten, auch bei den Kurden in
den Nachbarstaaten. Von einer Politik der Anerkennung und Förderung einer
kurdischen Sprache im Iran kann aber keine Rede sein.
Auf
dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, hauptsächlich in Armenien und in
Georgien, stagniert das kulturelle Leben der Kurden hauptsächlich aufgrund
der schwierigen wirtschaftlichen Lage. An den Schulen wurde der
Kurdischunterricht gestrichen, die Kurdischsendungen von Radio Eriwan gekürzt
und viele kurdische Schriftsteller, wie z.B. Wezîrê Eäo
, Eskerê Boyîk und Tosine Reäîd
haben ihre Heimat aufgrund der wirtschaftlichen Notlage verlassen.
Zeitgenössische
Autoren gibt es in allen Teilen Kurdistans, so zum Beispiel Ferhad Pîrbal
und Husên Arîf aus Süd-Kurdistan (Nord-Irak).Ferner haben sich in den
letzten Jahren Sedat Yurtdaä,
Yaqob Tilermenî und Dilawer Zeraq im türkischen Teil Kurdistans als
Autoren von Kurzerzählungen einen Namen gemacht. Alle sind es wert, in
Zukunft einem größeren Lesepublikum zugänglich gemacht zu werden. Leider
existieren bis heute kaum Übersetzungen dieser Autoren in europäische
Sprachen. In deutscher Übersetzung sind unter anderem erhältlich ein Erzählband
von Helîm Yûsiv "Der schwangere Mann", Mehmed Uzuns Roman
"Im Schatten der Verlorenen Liebe" sowie ein Gedichtband von
Sherko Bekas "Geheimnisse der Nacht pflücken".
Unter
den Schriftstellern kurdischer Herkunft gibt es einige, die mit ihrer Prosa
bekannt geworden sind, aber nicht auf Kurdisch schreiben, sondern auf Türkisch,
Arabisch oder Persisch wie z.B. Muhittin Zengane, Mahmud Taymur, Salim
Barakat(Arabisch), Ali Eþref Derwiþan, Mansur Yakutî,
(Persisch), Yaäar
Kemal und Bekir Yildiz(Türkisch).
Die
Zukunft der kurdischen Literatur wird natürlich in erster Linie von der
politischen Entwicklung in Kurdistan abhängig sein, in zweiter Linie aber
auch von den Bedingungen, die die kurdischen Schriftsteller im Exil
vorfinden. Dazu gehören die Unterstützung ihrer Tätigkeit durch öffentliche
Träger und Verlage, die Verbreitung von Übersetzungen, der Dialog mit
Lesern und Kollegen des Exillandes und nicht zuletzt die Akzeptanz des
Kurdischen als einer gleichrangigen Sprache.
Es
ist kein Wunder, dass als Ergebnis der jahrelangen, repressiven Sprach- und
Kulturpolitik der Staaten, in denen Kurden leben, die Lesekultur für
Kurdisch schwach entwickelt ist. Es wird längere Zeit dauern, bis diese
Situation sich verändert haben wird. Keine Änderung
staatlicher Politik allein wird eine Verbreitung kurdischer Literatur
herbeiführen können, wenn die Nachfrage nach kurdischen Büchern von
Seiten der Leser ausbleibt.
Rückblickend
denke ich an eine Episode aus meiner Schulzeit:
An
einem meiner ersten Schultage, es war in der Mitte der 60er Jahre, wurde ich
vom Lehrer gerufen. Ich bekam von ihm fünf Schläge mit dem Stock auf die Hände
und wusste nicht wofür. Später erfuhr ich von den älteren Schülern, dass
jeder Schlag für ein Wort Kurdisch stand, das ich in der Hofpause
gesprochen hatte und welches ein anderer Schüler, der "Kurdisch-Wächter"
- den es neben einem "Sauberkeits"- und einem "Gesundheitswächter"
gab -, notiert und dem Lehrer gemeldet hatte. Der türkische Staat wollte,
dass wir Türkisch lernen und Kurdisch oder "Bergtürkisch", wie
die Lehrer sagten, vergessen.
Jedes
Mal, wenn meine Gesprächspartner die anfangs erwähnte Frage nach dem
Unterschied zwischen Kurdisch und Türkisch stellen, erinnere ich mich an
meine Schulzeit und frage mich: Wofür bin ich eigentlich als Kind
geschlagen worden?
*
Überarbeitete Fassung des Vorwortes der Anthologie
der kurdischen Erzählungen “Der Kopf , der alles vergaß”, die beim
Lamuv Verlag im November
erscheinen wird.
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