WELCHE
PROBLEME HATTEN UNSERE VORFAHREN UND WAS
SIND DAS UNSERE AUFGABEN?
Kemal
Tolan
Ich
als Angehöriger der yezidischen Glaubensgemeinschaft, war immer
daran interessiert näheres über meine Religion
und die meiner Vorväter in Erfahrung zu bringen.
Über
die Wurzeln bzw. den Ursprung meiner Religion war mir vieles
unklar. Es gab für mich eine Menge unbeantworteter Fragen.
Exemplarisch dafür wären unter anderem:
Wer
waren die Yeziden, deren Feinde stets Angst vor deren Heldenmut
und Tapferkeit hatten?
Wann, wo
und wie haben sie in Kurdistan und in den benachbarten Ländern
gelebt?
Weshalb
sagen die Feinde der Kurden bis heute noch, dass die Zunge der
Yeziden aufgrund ihrer kurdischen Zugehörigkeit
abgeschnitten werden muss?
Um
eine Antwort auf diese und vieler anderer Fragen zu bekommen,
verbrachte ich einige Jahre mit dem Studium von Büchern, Reise-
und Archäologieberichten, Zeitschriften, Zeitungsartikel .
Sie handelten alle über die uralte kurdische Religion, dem
Yezidentum.
Vorab
sei erwähnt, dass es aufgrund des abgesteckten Zeitrahmens, ich
nicht in der Lage seien werde Ihnen eine ausschöpfende Antwort über
die Ursprünge und Herkunft unserer Vorväter geben kann.
Wenn ich sämtliche
Probleme, die Yeziden mit sich tragen, auch nur annähernd
versuchen aufzulisten würde, würden mir hier der zur Verfügung
gestellte Platz nicht ausreichen. Deswegen, möchte ich heute nur
einige unserer Probleme und Aufgaben aufführen:
Eine
dieser zahlreichen Unwahrheiten ist zum Beispiel folgende
Aussage:
“Die
Yeziden sind nicht Kurden und gehören zur semitischen
Stammesfamilie der Kureschen. Die Yeziden glauben an Jahower. Sie
haben keine heiligen Religionsbücher und sind Anhänger des
Yezide- bin- Muawiye. Die Yeziden sind gefürchtete Räuber. Wer
einen Angehörigen der yezidischen Religion umbringt, der wird in
der andere Welt unsündig sein und wird für diese Tat ins
Paradies gelangen.“
Mit
solchen und ähnlichen menschenverachtenden Vorurteilen haben die
Feinde der Yeziden, viele unschuldige yezidischen Männer und
Frauen in Kurdistan und den benachbarten Ländern
unbarmherzig hingeschlachtet. Tausende yezidischen Jungen
und Mädchen wurden von diesen entführt, misshandelt und als
Sklaven behandelt.
Die
Yeziden wurden während dieses nicht endend wollenden Völkermordes
in viele Länder vertrieben und auch zwangsausgesiedelt.
Ziel dieser Aktionen war die Zersplitterung und somit Vernichtung
der yezidischen Religion.
Yeziden
wurden oft entgegen ihrer religiösen Überzeugung zwangsweise zu
militärischen Zwecke eingesetzt. Des Weiteren wurden alle
yezidischen Heiligstätte, religiösen Schriften, Denkmäler und
deren Häuser sowohl angezündet und vernichtet als auch, wenn es
für sie von Nutzen war, in Besitz genommen.
Bis
heute sind noch viele der damals mit Gewalt in Besitz genommenen
yezidischen Kultur- und Religionsgüter in den Händen unserer
Feinde. Oft werden diese auch von denen inzwischen als ihr eigenes
Kultur- und Religionsgut bezeichnet.
Um
diese unterschiedlichen Religionsvorstellungen wenigstens in
Europa zu vereinigen und um unsere Jugendlichen an das Yezidentum
heranzuführen, haben wir schon 1993 unseren jetzigen Verein gegründet.
Was
waren damals unsere kulturelle und religiöse Interessen, Wünschen
und Problemen in Deutschland?
Wir
haben solche Fragen schon damals in der ersten yezidischen
Zeitschrift der DENGÊ ÊZÎDIYA beantwortet. Exemplarisch hierzu
verweise ich auf die DENGÊ ÊZÎDIYAN aus dem Jahr
1994 Ausgabe 3 Titel: „Jugendliche- Hoffnungsträger
unserer Religion“.
Wir
wissen schon lange, dass unserer religiöse Rat und der Oberhaupt
der Yeziden in Südkurdistan leben. Jedoch reicht Ihre Funktion
und Ihre Stimme nicht in ausreichender Form bis nach Europa.
Wir haben aber auch in
Deutschland im Namen der Yeziden bereits manche Organisationen
gesehen, die, wie man beim ersten „Yeziden Kongress 28-30/ 1 /
2000“ in Hannover gesehen hat, nicht miteinander, sondern
gegeneinander arbeiten.
Es gibt viele Yeziden, die ihre eigenen persönlichen
Vorstellungen nicht verwirklichen können und dieses
auf unsere Religion zurückführen. Ich meine, dass solche
Personen Meinungen und Organisationen mehr zusätzliche
Probleme schaffen, als die bereits bestehenden abzuschaffen. Nun
ist es uns allen bewusst geworden, dass es unabdingbar geworden
ist einen religiösen, länderübergreifenden und vollkommen unabhängigen
Rat für Yeziden, außerhalb ihres ursprünglichen
Siedlungsgebietes, ins Leben zu rufen. Diesem Rat sollten
allseits anerkannte Führungspersonen angehören, die sich
ausschließlich mit den Problemen der Yeziden befassen.
Dieser Rat sollte alle Weisungen, die der religiöse Rat und
unseres religiösem Oberhaupte beschließen, in der Praxis überwachen.
So hat z. B. der verehrte Mir Tahsin Beg bei einem Treffen
im Yezidischen Forum Oldenburg in einem Interview mit der
DENGÊ ÊZÎDIYAN(Ausgabe Nr.: 8 – 9 ) gesagt:“ Die
yezidischen Eltern sollen Ihre Kinder nicht gegen ihren Willen
verheiraten und somit auch versprechen. Wer mehr als 2000 €
Brautgeld (Qelen) verlangt begeht eine Sünde. Die yezidischen Mädchen
dürfen gegenüber den yezidischen
Jungen nicht benachteiligt werden. Die Yeziden haben das
Recht, ihrem Geistlichen die religiöse Abgabe (Fito) zu
entziehen, wenn der seinen Aufgaben und Pflichten nicht nachkommt.
Es ist wichtig, dass ein Dialog zwischen den Vereinen und dem
Religiösen Rat entsteht.“ Wie wir alle wissen, haben zwar alle
Yeziden in Deutschland diese Anweisung gehört jedoch wurde sie
bisher nicht ernst genommen. (Um ehrlich zu sein, möchten
die meisten von uns dieses auch nicht.)
Hätten sie damals
nicht gegen die Unterdrückung und Assimilationen so einen
starken Widerstand geleistet, wären wir von unseren
damaligen Unterdrückern vereinnahmt und mit Zwang assimiliert
worden. Doch heute können wir erhobenen Hauptes sagen, dass wir
gerade deswegen stolz darauf sind dieser uralten Religion
anzugehören.
Auch
wenn heute viele Gebräuche (Kasten, Heirat, Eßgewohnheiten
u.s.w.) im Yezidentum für uns nur schwer nachvollziehbar
sind, sollten wir nicht vergessen , dass gerade diese Gebräuche
und Sitten, die treibenden Kräfte dazu gewesen waren,
dass diese Religionsgemeinschaft über eine so lange Zeit überlebt
hat.
Viele
von den heutigen Erwachsenen können bestimmt mich hierin bestätigen,
dass ich schon damals und heute die Ansicht vertrete: Wenn
wir als Erwachsene unseren religiösen und kulturellen
Verpflichtungen und Aufgaben nicht nachkommen, können wir auch
nichts von unseren Kinder und Jugendlichen ein der Zukunft
erwarten.
Trotz
all dieser genannten Schwierigkeiten und ohne jegliche
Unterstützung, seitens irgendeiner Institution, in der
Fremde, haben wir heute meines erachten die Überlebenschance
unserer Glaubensgemeinschaft erhöht.
Ein
Beleg dafür, sehen Sie anhand dieses Ortes an dem wir uns heute
befinden. Das „Kulturforum der yezidischen
Glaubensgemeinschaft" ist ein Symbol dafür geworden, dass
die Yeziden für das Überleben ihrer Religion bereit sind zu kämpfen.
Es
ist das erste mal in der Geschichte der Yeziden, dass
Yeziden fern ab von ihrer ursprünglichen Heimat ein
eigenes Haus (Mala Ezidiyan) errichtet haben.
Aufgrund unserer bisher gemachten Erfahrung können
wir nicht mehr nur unsere Religionsführer oder Priester alleine für
die Erhaltung und Fortführung unserer Traditionen zur
Verantwortung ziehen.
Niemand
kann mehr so wie früher sagen: “Wenn uns die Religionsführer
oder Priester unsere Religion nicht lehren, dann können wir auch
selbst nicht dafür tun. Wir haben keine religiösen Lehrbücher.
Unsere Väter haben für uns nicht getan. Die jüngere
Generationen sind die Hoffnung des Yezidentums u.s.w.“
Wenn wir es ernsthaft wollen, haben wir heute gegenüber
unseren Vorfahren wesentlich mehr Möglichkeiten unsere
Kultur und Religion zu pflegen.
Wir können unsere Traditionen und Sprache für unsere Kinder,
allein schon durch das zusammentragen und niederschreiben,
interessanter und einfacher gestalten, damit diese auch in
Zukunft von diesen beachtet und respektiert werden. Ich meine,
dass viele unsere Jugendlichen nicht ihr ganzes Leben in Gefängnissen
verbringen müssen, sondern sie sollten vielmehr
Schulen, Universitäten und Ausbildungsstätten besuchen.
Falls wir es nicht schaffen
einen Dialog zwischen uns und unseren Jugendlichen herzustellen,
werden wir uns zunehmend entfremden und voneinander
wegbewegen. Wir alleine sind für die Zukunft unsrer Kinder
verantwortlich und nicht unsere Vorväter.
Die
Feinde der Kurden haben damals in im Erziehungswesen absichtlich
lesen und schreiben für die yezidischen Kinder verboten und
dieses damit begründet, das lesen und schreiben sündhaft
wäre. Deswegen fällt es heute sehr schwer die Geschichte und
somit den Schmerzen der Yeziden zu rekonstruieren(darstellen). Es
fand lediglich eine mündliche Überlieferung der Ereignisse
statt. Die Folge war dass zahlreiche Angaben im Laufe der Zeit
verloren gegangen sind. Die damaligen Zeitzeugen, waren aufgrund
ihrer geringen Möglichkeiten der Überlieferungsformen nicht in
der Lage alles korrekt weiterzugeben. Mit ihrem Ableben, starb
immer ein großer Teil der yezidischen Geschichte.
Wir
können heute nicht mehr die reine Wahrheit und die wahren
Hintergründe unserer Geschichte in Erfahrung bringen. Allein
schon aus diesem Grund dürfen wir nie vergessen,
warum sich unsere Vorfahren, so zahlreich geopfert haben bzw.
massakriert worden sind.
13.
Mit Hilfe unserer jetzigen älteren
Generationen und Gesängen so wie einigen vorhanden Dokumenten von
Forschungsreisenden, Schriftsteller und Wissenschaftler, versuchte
ich in Erfahrung zu bringen, wie viele yezidischen Stämme es gab,
wie viele vernichtet und wie viele verschmelzt worden sind.
Es ist sehr traurig, dass heute es nur noch wenige ältere Yeziden
und Volkssänger unter uns gibt, die viele Erlebnisse und
Geschehnisse der Yeziden gesehen haben oder darüber
erzählen können.
Ich habe trotz dessen, mit der Hilfe Gottes und des Engel Pfaus in
mühsame Arbeit, viele unsere Erlebnisse aus den mündlichen
Überlieferungen der yezidischen älteren Generationen und der
vielen yezidischen Volkssänger Gesängen ein Buch unter dem Titel
„Die erdrückende Wirklichkeit der Vertreibung und
Vernichtung der Yeziden sind alles lebendige Romane“
zusammengestellt. Das Buch ist im kurdische Sprache geschrieben
und man kann es noch bei mir bekommen. Es befasst sich ausführlich
mit der Geschichte, der Verfolgung und insbesondere dem Leben der
Yeziden in Nordkurdistan.
Ich
hoffe durch meine Ausführungen das Interesse für das yezidische
Schicksal geweckt zu haben und gleichzeitig hiermit ein wenig für
die Arbeit vieler anderer fremder und kurdischer
Wissenschaftler und Historiker beigetragen zu haben.
Ich
habe diese Schreiben am 20.09.2002 geschrieben und im Mala Êzîdiyan
Oldenburg schon verteilt.
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