Kommunistische Altlasten im tschechischen Rechtssystem?
Der
Fall Uzunoglu wirft erneut ein schiefes Licht auf die Unabhängigkeit der
Prager Justiz
Von unserem Korrespondenten Ulrich Schmid
Nach einem fast 13-jährigen Verfahren ist der Kurde Yekta Uzunoglu in Prag zu einer zweijährigen bedingten Haftstrafe verurteilt worden - dies, obwohl die Anklage restlos in sich zusammengefallen ist. Das absurde Verdikt hat internationale Empörung provoziert. Einmal mehr zeigt sich der Einfluss altkommunistischer Netzwerke auf die Justiz.Prag, im Mai
Ein
Folterer? Die Prager Justiz hält es für erwiesen, dass der bedächtig
formulierende Mann, der uns in einem Restaurant auf der Prager Kleinseite
gegenübersitzt, einen Menschen entführt und gequält hat. Doch wenn
Yekta Uzunoglu, ein schnauzbärtiger, 54-jähriger Kurde, seinen
Palatschinken verzehrt, will er uns so gar nicht wie ein Folterknecht
vorkommen - und wir sind mit dieser Ansicht nicht allein. Der liebenswürdige
Mann hat die renommiertesten Fürsprecher, die man sich wünschen kann.
Der frühere tschechische Präsident Vaclav Havel, Amnesty International,
das Prager Helsinki-Komitee, die Charta 77: Alle setzen sie sich für
Uzunoglu ein. Der christlichdemokratische Vorsitzende des Senats, Petr
Pithart, unterstützt ihn ebenso wie die Witwe Sacharows, Jelena Bonner,
oder der neue Aussenminister Karel Schwarzenberg. Deutschland hat Uzunoglu
währen seiner Haft die Staatsbürgerschaft verliehen. Hunderte Prominente
führten im März einen eintägigen symbolischen Hungerstreik durch, um
die internationale Aufmerksamkeit auf seinen Fall zu lenken.
Missachtete Zeugenaussage
Braucht
ein Mensch, dem so viel Prominenz zur Seite steht, weitere mediale Unterstützung?
Aber sicher. Uzunoglu wurde Ende März wegen Entführung und Folterung von
einem Gericht im 4. Prager Stadtkreis nach einem fast 13 Jahre
dauernden Verfahren zu einer zweijährigen bedingten Haftstrafe, gekoppelt
an eine fünfjährige Bewährungsfrist, verurteilt. Nichts
Aufsehenerregendes, sollte man meinen, vor allem, wenn man in Rechnung
stellt, dass sich der Kurde bei seiner Verhaftung am 13. September
1994 mit unerhörten Vorwürfen konfrontiert sah. Folter, Entführung,
versuchter Mord in drei Fällen, Raub, Betrug und illegaler Waffenbesitz
lauteten damals die Anklagepunkte. Sie alle sind seither fallengelassen
worden, und im August letzten Jahres zog auch der letzte Zeuge der
Anklage, ein Türke namens Göksel Otan - der Mann, den Uzunoglu gefoltert
haben soll -, seine belastende Aussage zurück. Uzunoglu habe ihn nicht
gefoltert, sagte Otan, habe ihn nicht foltern können, da er während der
Folterung nicht anwesend gewesen sei. Es nützte nichts. Der Richter führte
den Gesinnungswandel des Zeugen nonchalant auf die «gespannte Atmosphäre
im Gerichtssaal» zurück und stützte sein Urteil auf das erste, Uzunoglu
belastende Zeugnis Otans.
Wie
so viele Justizskandale in Tschechien hat auch dieser eine dezidiert
politische Vorgeschichte. Uzunoglu ist kein Homo novus in Prag. Er kam
bereits 1972 als 20-Jähriger hierher und studierte an der Karls-Universität.
1976 organisierte er mit anderen Kurden Proteste gegen die freundliche
Politik der tschechischen Regierung gegenüber Saddam Hussein. Er
unterhielt hervorragende Kontakte zu Dissidentenkreisen - vermutlich mit
ein Grund dafür, dass seine Aufenthaltsbewilligung 1979, als er an der
medizinischen Fakultät promovierte, nicht verlängert wurde. Mit einem
Stipendium des Pasteur-Instituts zog Uzunoglu nach Frankreich, baute für
Médecins sans Frontières Feldlazarette im Irak auf und engagierte sich
friedlich für die kurdische Sache. Als 1989 die «samtene Revolution»
siegte, kehrte Uzunoglu nach Prag zurück, gründete zahlreiche
florierende Firmen, übersetzte den tschechischen Autor Karel Capek ins
Kurdische und gab ein Buch über die Wirtschaftsperspektiven Tschechiens
heraus, für das auch der heutige Präsident Vaclav Klaus einen Beitrag
schrieb.
Der Auftritt des Herrn Johannes
Es
war ein gutes Leben, und es schien noch besser zu werden, als die Firma
Skoda Uzunoglu 1994 anfragte, ob er bereit wäre, Skoda in der Türkei zu
vertreten. Es ging um den Bau der letzten drei von zehn Kohlekraftwerken,
die Skoda mit Ankara vereinbart hatte. Bis dahin hatte die Firma
Skodaexport, ein Relikt aus kommunistischer Zeit, auf internationaler
Ebene die breite Palette der Skoda-Produkte (Rüstung, Eisenbahnbau,
Kraftwerke) betreut. Nach dem Zerfall des Kommunismus agierten die beiden
Firmen zunehmend unabhängig, und im Falle der türkischen Kraftwerke
beschuldigte Skoda Skodaexport gar, nicht sauber abzurechnen. Uzunoglu
wollte den Antrag Skodas annehmen - warum auch nicht, ihm waren
Provisionen in Millionenhöhe zugesagt worden. Laut Angaben Uzunoglus
geschah dann Folgendes. Kurz vor der Vertragsunterzeichnung erschien
unangemeldet in seinem Prager Büro Jaromir Johannes, der letzte
kommunistische Aussenminister der Tschechoslowakei, und empfahl ihm
eindringlich, sich «vom Energiebereich fernzuhalten». Dass Uzunoglu dem
Herrn Johannes unangenehm war, konnte nicht weiter erstaunen, denn
Johannes arbeitete zu dieser Zeit in Ankara für Skodaexport. Uzunoglu
schliesst nicht aus, dass Johannes, der unter dem Hardliner Gustav Husak
das Aussenamt führte, hinter den falschen Anschuldigungen steckt.
Erstaunlich
war allerdings, dass Johannes derart unverschämt aufzutreten wagte.
Dennoch schlug Uzunoglu - «ich bin Kurde, auf Drohungen reagiere ich
nicht» - die Warnung von Johannes in den Wind. Wenige Tage später fand
er sich im Gefängnis wieder, und es sollte zweieinhalb Jahre dauern, bis
er wieder auf freiem Fuss war. Er wurde angeklagt, am 8. und am 13. September
1994 Göksel Otan sowie zwei andere Personen entführt und gefoltert zu
haben - ein Vorwurf, den er kategorisch von sich weist.
Und
hier beginnen die unzähligen Ungereimtheiten, die nahelegen, dass
verbrecherische exkommunistische Netzwerke nicht nur in den Staaten der
ehemaligen Sowjetunion, in Ungarn und in Polen, sondern auch in Tschechien
ihr Unwesen treiben. Diverse Beweismittel wurden von der Polizei ganz
offensichtlich fabriziert. Die Anklage basierte auf einem hanebüchenen
Polizeibericht, der schon einige Monate später nichts mehr wert sein
sollte. Verhaftet wurde Uzunoglu, bevor Otan laut Polizeiprotokoll seine
Zeugenaussage beendete. Ein Polizist sagte vor laufender Kamera, in der
Wohnung Uzunoglus sei ein Material gefunden worden, das dem Sprengstoff
Semtex ähnle - frei erfunden. Ein ärztliches Protokoll über die
angeblichen Folterspuren an Otan wurde nie erstellt. Die Verletzungen
beurteilte ein Gerichtsmediziner anhand von Fotografien; er hat zugegeben,
dass es sich bei der abgebildeten Person auch um jemand anderen hätte
handeln können.
Der Hauptzeuge - ein Spion
Verhaftet
wurde Uzunoglu auf Befehl Josef Opavas, eines Polizeiinspektors, der im
April 2007 in Prag als Mitglied einer Mafiabande wegen Entführung,
Erpressung und Amtsmissbrauch zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Eine kleine Widerwärtigkeit am Rande: Während Uzunoglu in Haft sass und
sich die Schlüssel zu seiner Wohnung im Besitz der Polizei befanden,
machte dort jemand Telefonate im Wert von 200 000 Kronen (rund 11 700
Franken) - das Innenministerium sieht sich bis heute ausserstande, den
Verantwortlichen zu ermitteln. Und zu unguter Letzt enthüllten die
tschechischen Medien auch noch, dass Otan zu kommunistischer Zeit für den
tschechoslowakischen Geheimdienst StB gearbeitet hatte.
All
dies konnte in einem dem Sowjetkommunismus entronnenen Staat wie
Tschechien nicht lange verborgen bleiben. Die Anklage wegen des Verdachts
auf Verschwörung mit dem Zwecke des Mordes wurde bereits im April 1995
fallengelassen. Von den restlichen Anklagepunkten rückte die
Staatsanwaltschaft 1997 ab. Zahlreiche zum Teil sehr prominente Zeugen
hatten Uzunoglu für die angeblichen Tatzeiten einwandfreie Alibis
verschafft. Im März 1997, nach 31 Monaten in einer Zelle, kam der Kurde
vorläufig frei. Vorläufig, denn allen Alibis und der katastrophalen
Leistung der Staatsanwaltschaft zum Trotz rückten die Behörden nicht von
der Anklage wegen Entführung und Folter ab, die auf der Aussage Göksel
Otans beruhte. Uzunoglu, inzwischen deutscher Staatsbürger, hätte sich
zu diesem Zeitpunkt problemlos nach Deutschland absetzen können. Er blieb
- selbst dann, als die Prager Justiz im Januar 2003 den nur als absolut
perfide zu bezeichnenden Versuch in die Wege leitete, das ganze Verfahren
in die Türkei auszulagern. Das Vorhaben, für einen Kurden lebensgefährlich,
scheiterte dank dem heftigen Widerstand des tschechischen
Helsinki-Komitees.
Kein unbedarfter Gutmensch
Voreingenommen
blieb die Justiz bis zuletzt. Keiner der zwölf Entlastungszeugen, die
Uzunoglu ein Alibi gaben, ist bis heute angehört worden. Auch der
Verdacht Uzunoglus, ein exkommunistischer Minister könnte für seine
Leiden verantwortlich sein, wurde nie ernsthaft untersucht, weder von der
Polizei noch von der Staatsanwaltschaft oder den Gerichten. Natürlich hat
Johannes die Theorien Uzunoglus strikt zurückgewiesen. Auf den Leib gerückt
ist ihm allerdings niemand. Nie wurde er als Zeuge geladen, nie wurde ein
Verfahren gegen ihn eingeleitet. Ein einziger Untersuchungsbeamter habe
ihn einmal in Ankara angerufen und gefragt, ob er etwas mit dem Fall
Uzunoglu zu tun habe, berichtet die renommierte Zeitung «Respekt»
(Johannes verneinte). Auch der Aussage Uzunoglus, er sei während seiner
31-monatigen Haft physisch und psychisch misshandelt worden, wurde nicht
nachgegangen.
Warum
das offensichtliche Komplott gegen den neugierigen, ausserordentlich rührigen
Kurden? Lässt man die Konspirationsthesen Uzunoglus einmal ausser acht,
bieten vor allem seine Biografie und seine politische Einstellung gute
Ansatzpunkte. Uzunoglu kennt zwar verblüffend viele linksorientierte
Politiker. Simon Peres, Vaclav Havel, Heinrich Böll, Petra Kelly, Gert
Bastian - mit allen unterhielt oder unterhält er persönliche
Beziehungen. Aber zu den in diesem Habitat so gut gedeihenden kreuzbraven
Linken, die dem Kapitalismus alles Böse zutrauen, während sie den
Kommunismus stets entschuldigten, gehört Uzunoglu gleichwohl nicht. Dafür
kennt er die Realität des Sowjetsozialismus zu gut. Kenntnisreich spricht
der Kurde über die «unerhörten Deformationen und Verstümmelungen»,
die der Kommunismus in den Köpfen der Menschen, die in ihm zu leben
gezwungen waren, hinterlassen hat «und von denen man im Westen nichts
weiss und nichts wissen will - die Linken am allerwenigsten».
Kampf gegen den Apparat
Kommt
hinzu, dass sich Uzunoglu von allem Anfang an mit den Prager Apparatschiks
anlegte. Als erfolgreicher Geschäftsmann kämpfte er in den frühen
neunziger Jahren unentwegt gegen die Bürokratie, in der es von
Exkommunisten nur so wimmelte. Er propagierte den Wirtschaftsliberalismus,
organisierte Seminare, brachte gar Milton Friedman nach Prag - nicht das,
was man in exkommunistischen Kreisen gerne sah. Man zahlte es ihm mit
gleicher Münze heim. 1991 wurde gegen eine seiner Firmen ein Polizei-Raid
durchgeführt - überflüssig zu sagen, dass dabei die Drogen, die er
angeblich aus der Türkei importierte, nicht gefunden wurden. Uzunoglu,
ein wohlhabender Mann, sponserte und sponsert bis heute konsequent alle
Parteien, die den Kommunismus ablehnen, also nicht nur die Bürgerpartei
von Vaclav Klaus, sondern auch die Sozialdemokraten - mit der nicht ganz
unplausiblen Begründung, sie böten ein Sammelbecken für alle, die der
Kommunistischen Partei den Rücken kehren und sie dadurch schwächen
wollten.
Vor
drei Jahren hat Uzunoglu seinen Fall nach Strassburg an den Gerichtshof für
Menschenrechte getragen. Er ist angenommen worden, was bereits ein grosser
Erfolg ist - 90 Prozent der Anträge werden abgelehnt. Für Tschechien,
ein EU-Land, das auf wirtschaftlichem Gebiet riesige Erfolge erzielt und
zu Recht stolz darauf ist, als erstes der Ostblockländer so etwas wie
eine Mittelklasse hervorgebracht zu haben, ist dies kein gutes Omen. Die
tschechische Justiz ist in Verruf gekommen. Sicher, zahlreiche Urteile
halten heute neutraler Überprüfung stand, und die Zahl der Richter mit
kommunistischer Biografie nimmt langsam ab.
Doch
die Kette der Skandale reisst nicht ab. Groteske Fälle wie jene des
Fabrikbesitzers Taussig oder der Familie Kinsky, denen mit fadenscheinigen
Gründen ihr Grundbesitz vorenthalten wird, sind in diesen Spalten bereits
ausführlich besprochen worden. Es sind keine Ausnahmen. Der unabhängige
Senator, Journalist und Schriftsteller Jaromir Stetina sieht in der Akte
Uzunoglu den Beweis dafür, dass sich mafiose Strukturen mit Teilen der
Polizeikräfte verbündet haben, und betont, Derartiges komme, leider, häufig
vor. Ganz offensichtlich verfügen aber auch die altkommunistischen
Netzwerke noch immer über erheblichen Einfluss.
© 2007 Neue
Zürcher Zeitung
|
copyright © 2002-2005 info@pen-kurd.org