Guten Tag Haydar,

Ich habe die dramatische Geschichte, die sich um den Agha entspinnt, mit einem Gefühl von Traurigkeit, Verzweiflung und Wut begleitet. Eine rücksichtslos fortschreitende Geschichte scheint das Volk der Kurden übersehen, überrannt, zertreten zu haben.

Ein kleines Volk irgendwo im Osten zwischen der Türkei, dem Irak, dem Iran, Syrien, dem Libanon, zwischen Armenien und Aserbaidschan und schließlich zwischen unendlich vielen und hohen Bergen. Bei all dem Staatengedrängel und den einander überlappenden Machtsphären, weil weit aus dem Gesichtsfeld meines Bewußtseins gerückt, versteckt zwischen Grenzen und Grenzstreitigkeiten, aufblitzend zwischen dem irritierenden Bunt verschiedenfarbiger Uniformen, in einem unverständlichen Gewirr aus fremden Sprachen und Dialekten, ist es kein Wunder, denke ich mir also, dass das kurdische Volk, ein wild und
zusammengeflickter Stammesteppich, einfach übersehen wurde.

War ja auch ein großes Durcheinander, das vergangene Jahrhundert, zweimal Weltkrieg, zweimal Wiederaufbau, einmal kalter Krieg mit ehrgeizigem Wettrüsten, heftiges Entkolonialisieren, reges Migrieren zuerst von Süd nach Nord, dann allgemein von Arm nach Reich ... aber rechtfertigt das alles das Leid der Menschen, rechtfertigt das alles die Rechtlosigkeit und die Knechtschaft eines ganzen Volkes? Nein, das tut es nicht - überhaupt nicht tut es das! Das alles rechtfertigt mit nichts - auch nicht nach kräftigem Drehen und
Wenden der Argumente wie der Sache selbst - die Ignoranz des Westens gegenüber menschlichem Leiden. Der Kampf um Aufmerksamkeit für das Schicksal und für die Rechte der Kurden scheint mir beinahe ebenso hart, wie der gegen die Unterdrückungs- und Vernichtungspolitik des türkischen Staates - ja es erscheint mir vielmehr als ein und derselbe Kampf. Und als ein notwendiger Kampf. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es einleitend: "Alle Menschenrechte für alle", und weiter steht da: "Das ist die Herausforderung: Dafür zu sorgen, daß jeder Tag ein Kampf für die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte ist, bis zu dem Tag, an dem kein Mann mehr gefoltert, keine Frau mehr mißbraucht, keinem Kind mehr seine Würde verweigert wird - bis zu dem Tag wollen wir kämpfen, an dem die Grund- und Freiheitsrechte aller Menschen Wirklichkeit geworden sind." Auf dieses Ziel haben sich die Vereinigten Staaten im Geburts-und Jubeljahr der Allgemeinen Menschenrechte 1948 verpflichtet. Aber wie sie, lieber Haydar, sagten, der Mensch vergißt ihm widerfahrenes Unrecht sehr schnell, ein all- will ich dem zu-schnell gerne hinzufügen.
Zur Sache: Die Geschichten um den Agha aus Dersim machten mich wütend und diese starke Emotion vermag mir nur ein dicht und wahr erzähltes Buch zu entreißen.

Es ist ein gutes Buch, weil mit Botschaft, ein Buch voller Liebe und Hass, voller Zweifeln und Hoffen, ein Buch, dass nachgiebige Zartheit der Liebenden mit bedingungsloser Härte der Kämpfer vereinigt. Eines bedauere ich jedoch offen. Dass nämlich der allwissende Erzähler
einzelne Figuren allzu schnell wieder verlässt um einer neuen Schicksalsspur nachzufolgen.

Wie gerne wäre ich noch länger bei jenem tragischen Liebespaar verweilt, wie gerne wäre ich öfter Ferad und seinem großen Zweifel an seinem Vater begegnet, wäre gerne tiefer in das Leben Aghas und seiner traurigen Frau Yemosch hinabgestiegen. Hätte der Erzähler mir einen noch tieferen Einblick in das Leben und Wesen der Personen gestattet, ich hätte sie noch lieber gewonnen und ihr Schicksal hätte mich wie unglaublich stärker angerührt. Allzu viele Gesichter lösten einander allzu rasch ab, oft bevor sie mir vertraut gewesen wären, bevor ich ihr Schicksal in seinem ganzen Ausmaß nachempfunden hätte. Gesichter, die gerade in Farbe zu schillern begannen, die mehr und mehr an Tiefe gewannen, wurden mir auch schon wieder entrissen, blieben Scherenschnitte und Schatten ihrer lebenden Vorbilder. So bleibt das Leiden als Leiden des Kollektivs der Dorfbewohner ein abstrakteres. Nachdem ich mein kleines Bedauern kundgetan habe, das doch nur darin besteht, daß die Erzählung nicht vierhundertsechundvierzig anstelle der hundertsechsundvierzig Seiten umfaßt, möchte ich jetzt einige der tausendundeins Stellen erwähnen, die meinem Herzen fest angeheftet sind. Also nur einige von jener Unmenge an trefflichen Textpassagen möchte ich hier aus Respekt vor meiner und ihrer Zeit aufzählen und wäre glücklich mich über andere Motive sowie Eindrücke in einem Gespräch mit ihrem Schöpfer weitergehend auslassen zu dürfen!

Zuallererst: Ich habe sie geliebt, die kleine zarte, beinahe durchsichtige, leicht zu überfliegende, rosigluftige Beschreibung jenes Mandelbaums, der zur Blütezeit als rosa Wolke auf der Erde sitzt. Und ebenso der kleine anrührende und so zärtliche Akt jener sanften Liebkosung der Sonne durch die rauhen Hände Yemoschs, die soviele Kinder gebar, soviel litt und doch mit soviel leidenschaftlicher Hingabe, mädchenhafter Begeisterung und kindlichem Vertrauen in die heilenden Kräfte der Natur, den Morgen begrüßt.

Eine leise Ahnung vom Klang schwingend-singend butternder Schläuche klingt den gelesenen Worten nach. Die Totenklagen, die unserem Kulturkreis so fremd geworden, haben mich ebenfalls zu einigen Überlegungen angehalten. Die Szene mit Muezzin, dessen Ausrufen als nutzloser Kraftakt unverstanden bleibt und mit mitleidsvollem Kopfschütteln von der Dorfgemeinschaft belächelt wird, ist ein wundervolles, weil leicht grotesk überspitztes Bild der Aussichtslosigkeit staatlichen Missionierungsunterfangens. Wie - so denke ich - könnten auch ein paar Seiten gebundene Schrift, man möge sie heilig nennen oder nicht, stärker, wahrer, schutz-und heilspendender sein als jene mächtigen Berge? Ich mußte, nachdem mich dieser Gedanke wild angesprungen hatte, gleichfalls lächeln. Die Religion wird selbst zur Waffe gegen erklärte "Staatsfeinde". Gesetze, Staatsverträge, der Koran, oder die Bibel werden in den Händen des Unterdrückers zur Legitimationsgrundlage seiner Macht- und Gewaltpolitik. Recht zeigt sich als das Vorrecht des Stärkeren. An den Stellen der Handlung, an denen die Fauna und Flora, die Geographie Kurdistans ihre Beschreibung finden, spürt man etwas von der Angst, die Berge, Tiere und Pflanzen könnten mit den Menschen zu ihren mächtigen Füßen und deren heiliger Liebe, verschwinden. Als ob mit dem Aussterben der Dörfer auch Tier und Pflanze, ja selbst Berg und Tal verschwänden und nichts als ein schweigendes großes Nichts hinterließen. Starke Erzählmomente sind die Gefängnisszenen und die Beschreibung jener jungen schicksalhaften Liebe, die an dem Leiden zweier junger Leute alles Unrecht und alle Unfähigkeit der Menschheit offenbart. Die Liebe endet mit dem Leben des jung und verhängnisvoll Liebenden.

Die Köpfung ist bestes Sinnbild für die Kopflosigkeit des Mörders und gleichsam für die Kopflosigkeit der durch Fehde sich immer aufs Neue entzweienden kurdischen Stämme. Hier tritt die politische Forderung des Erzählers durch den Mord an einer Figur, der alle Sympathie gilt, deutlich hervor und trifft den Leser ins Mark. Kein moralischer Zeigefinger erhebt sich da zu Tadel und Vorwurf, das so intensiv nach- vielmehr mitempfundene Leid ist bereits stille Verpflichtung zur Auflehnung gegen das Unrecht selbst. Keine politischen Manifeste, keine öffentlichen Erklärungen, keine Grundsatzerläuterungen oder geschichtlichen Exkurse, keine Podien oder Kongresse können einer "gerechten" Sache dienlicher sein, als die Schilderung einzelner Schicksale und die ihnen entgegengebrachte warme und tiefe Sympathie. Die Gewissensbisse des Aghas werden gleichfalls blendend geschildert! Auch bemerkte ich eine Art doppelten Eskapismus der kurdischen Frauen, einmal vor der Gewalt des türkischen Staat, dann vor der Gewalt der Patriarchen, die deren Flucht in eine mysthische Welt aus Träumen und Naturgottheiten veranlaßt.

Jener poetische Rückzug aus einer Welt der Gewalt zeigt sich mir in der lyrischen Verklärtheit und Erregbarkeit, der tief empfundenen sinnlichen Liebe und in jenem hingebungsvollen Vertrauen der kurdischen Frauen zu den gewaltigen, wunderschönen und verständnisvoll-schweigsamen Bergriesen. Die patriarchale Verkrustung der Stammesgesellschaft scheint von einer jungen Generation Männern aufgebrochen zu werden, wenn ein Sohn sich - hier nur still und im Verborgenen aber doch mit ganzer Überzeugung - gegen den Vater aufleht. Jedoch die Furcht der Menschen lähmt alles Leben, verhindert jeden Wandel und jede Veränderung. An etlichen Textstellen bricht der Autor höchst selbst, als Meister des Geschehens, mit seiner politischen Forderung in den Text ein und führt die Lesergemeinschaft hinauf auf ein abstrakteres Erzählplateau, macht diese zum Auditorium für seine politischen Ziele und eröffnet zugleich ein Diskussionsforum zum Thema "Freiheit durch Einheit". L´union fait la force! Dies geschieht an vielen Stellen. So zeigt sich - um ein Beispiel zu wählen – der Autor ganz offen in seiner Klage, wenn er zu Hitler und Franco exkursiert. Diesen Stellen im Text bin ich aufgrund ihrer didaktisch-pädagogischen Schärfe weniger zugetan. Doch bin ich mir, angesichts der Blindheit westlicher Demokratien gegenüber kurdischem Leid und türkischer Agression, der Notwendigkeit politischer Manifestierungen absolut bewußt. Ich teile Ansichten und Anliegen des Autors. Und doch ließen die politischen Grundsatzerklärungen mich in dem Maße unberührter, wie die Schilderungen der Menschen Leben, Leiden und Sterben mich stärker angriffen. Das Einzelschicksal hat mich stärker politisiert, über den Weg des Gefühls, als die direkte politische Aussage, die immer über den Weg der Geschichte den Leser zu erreichen versucht.

Doch glaube ich zu verstehen, daß beide Wege mit festem, entschlossenem und sicherem Tritt beschritten werden müssen, um die Anliegen der Kurden auf die Agenden der Weltöffentlichkeit zu befördern. Ich denke mir diesen Weg beschwerlich, belastet von Rückschlag und verzögert durch Zweifel. Aber wenn es soetwas wie "Gerechtigkeit" geben sollte, dann sind diese Wege, die sie lieber Hydar als Schriftsteller gehen, "gerechte" Wege. Ich befürchte aber, dass die "gerechten" Wege die schwersten von allen möglichen Wegen sind, weil es auch immer die Wege der Schwächsten und Vergessenen sind. Das Unmögliche ercheint mir als das Gerechte selbst. Und genau darum ist nichts als das Unmögliche zu versuchen!


Mit großem Respekt für ihr Tun und warmem Gefühl,

Eugenia.


P.S. Eine meiner vielen Fragen ist Folgende: Hätte ein institutionalisiertes Mitspracherecht der Kurden in der Türkei in Form eines Parlamentes, oder einer Art Abgeordnetenkammer die Chance auf Realisierung in näherer Zukunft?
Mein Versprechen mich noch genauer zu ihrem Roman Die Vernichtung von Dersim zu
äußern habe ich keineswegs vergessen und werde dieses zu späterem Zeitpunkt auch einlösen.