Kurden: „Hoffnung ist das Brot der Armen“

 

 

Von Memo Sahin

 

 

Im vergangenen Jahr wollte die herrschende Elite in der Türkei mit einer neuen grenzüberschreitenden Bodenoffensive und Luftbombardements die PKK endgültig aus der Welt schaffen und so die Kurdenfrage militärisch endgültig „lösen“. Vergeblich!

Vergeblich, weil mit militärischen Mitteln, egal wie intensiv und vernichtend sie waren, die Kurdenfrage seit der Gründung der türkischen Republik nicht gelöst wurde und der 29. Aufstand der Kurden seit einem Vierteljahrhundert ununterbrochen noch andauert. Die Totgesagten haben es bewiesen, dass sie noch leben und weiterhin kämpfen.

Das Jahr 2008 war eines der schlimmsten Kriegsjahre für die Kurden. Ununterbrochene Militäroperationen dies- und jenseits der Grenze, Mord, Folter und Verfolgung kurdischer AktivistInnen für Frieden und gleichberechtigtes Leben gekennzeichneten das Jahr 2008.

Das Jahr 2008 war auch gekennzeichnet vom zivilen Widerstand der kurdischen Bevölkerung. Die Eroberungstour des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan Ende Oktober und Anfang November 2008 „durchs wilde Kurdistan“ war eine Farce. Millionen von Kurden protestierten gegen die Reise des türkischen Premiers und erklärten Erdogan fast einstimmig zur Persona non grata.

Diese Botschaft der kurdischen Zivilbevölkerung kam bei einigen Medien- und Meinungsmachern der Türkei an. Nach den massenhaften Protesten der Kurden bezifferten sie die Anhänger der PKK mit etwa 5 Millionen KurdInnen. Einige von ihnen plädierten offen dafür, dass die Staatsführung Schritte für die friedliche Lösung der Kurdenfrage einleiten  und wenn nötig, zu diesem Zweck sogar mit Öcalan verhandeln solle.

Eines müssten eigentlich die Herrschenden in der Türkei und ihre Verbündete endlich begriffen haben. Je brutaler die Unterdrückung der Kurden wird, desto stärker kommen die kurdischen Akteure hervor. Das ist das Fazit des Krieges seit 1984.

Und Frieden wird unter den Konfliktparteien geschlossen. Wenn einer der Konfliktparteien nicht bereit ist zu verhandeln, dann sollten die unabhängigen Dritten oder Befreundete als Vermittler auftreten. Dies ist die übliche Formel bei solchen Konflikten.

Bei der Kurdenfrage ist aber weder die türkische Konfliktpartei bereit, in einen Dialog einzutreten, noch die mächtigen Europäer agieren als Vermittler. Es ist ein bitterer Dilemma, denen die Kurden ausgesetzt sind.

Was nun?

„Hoffnung ist das Brot der Armen“ besagt ein Sprichwort. Nie haben die Kurden die Hoffnung auf Frieden, Freiheit und gleichberechtigtes Leben aufgegeben, auch in den dunkelsten Jahren ihrer Geschichte nicht. Hoffnung wird auch in Kinder gesetzt. Die Kinder dieses seit Jahrhunderten unterdrückten und erniedrigten Volkes sind überall zu sehen: Auf den Protestmärschen, bei den Kampagnen für die Zulassung der kurdischen Sprache in den Schulen und im öffentlichem Leben sowie in den Gefängnissen. Solange sie mit Klageliedern ihrer Mütter und Omas großgezogen werden, werden sie nicht aufhören, sich gegen die Unterdrückung zu erheben!

Hoffnung setze ich außerdem die gewählten und mutigen Kommunalvertreter und Abgeordneten der Kurdenpartei DTP, die, wie Leyla Zana, bereit sind den notwendigen Preis dafür zu zahlen.

Hoffnung setze ich auch auf die Vernunft und hartnäckige Haltung der Kurden für ihre Grundrechte bei den Ende März stattfindenden Kommunalwahlen einzutreten und trotz der verlockenden Almosen des türkischen Staates in Form von Grundnahrungsmitteln-, Heizmaterial- und Geldhilfen die Kandidaten der kurdische DTP-Partei zu wählen. Die Wahl in den kurdischen Gebieten wird zwischen der regierenden AKP und der kurdischen DTP verlaufen, da fast keine der türkischen Parteien in den kurdischen Gebieten aus Rücksichtsnahme auf die AKP Kandidaten aufstellen wird.

Eine Wahl, die möglicher Weise über Frieden und Fortführung des Krieges bestimmen wird. Noch nie war eine Kommunalwahl so wichtig und Schicksal entscheidend, sowohl für Kurden als auch für Türken. Deswegen ist es nicht übertrieben zu sagen, dass die Richtung der Geschehnisse im Jahr 2009 von den Ergebnissen dieser Kommunalwahl bestimmt wird.

Hoffnungsvoll sehe ich auch die Annäherungsversuche der kurdischen Akteure unterschiedlicher Couleur. So haben der Präsident des Region Kurdistans/Irak, Mesud Barzani, der Staatspräsident des Iraks, Djalal Talabani und der Vorsitzende der DTP, Ahmet Türk, einstimmig vereinbart, zur friedlichen Lösung der Kurdenfrage eine gesamtkurdische Konferenz einzuberufen. Alle drei erklärten übereinstimmend, dass die Zeiten der Bruderkämpfe zwischen kurdischen Parteien, abgelaufen seien. Wenn sie weiterhin entschlossen auftreten und die kurdische Bevölkerung bei den kommenden Kommunalwahlen den Rücken der DTP stärkt, dann können auch die Kurden sagen: „Yes, we can!“ Pardon! Em jî dikarin!

 

 

 

 

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