Brief und Neuigkeiten vom "vergessenen Gefangenen"
DTF, 16.07.07

 


Mehmet Desde (2003)

Die Neuigkeiten zuerst:

Am 17. Juli 2007 konnte Cetin Desde seinen Bruder Mehmet trotz Schwierigkeiten zum ersten Mal im Gefängnis in Manisa für 15 Minuten lang über Telefon mit Trennscheibe sehen und sprechen.

Auf Antrag von Mehmet Desde wurde ihm anschließend eine große Anzahl von Briefen aus Deutschland, der Schweiz, Schweden, Frankreich und Belgien ausgehändigt. Obwohl die Gefängnisleitung dem deutschen Konsulat gegenüber beteuerte, dass es sich dabei um Briefe in Fremdsprachen handelt, waren darunter auch Briefe und Postkarten in Türkisch (z.B. der Brief einer Schwägerin und ein Brief von Helmut Oberdiek).

Immerhin wurden Mehmet Desde auf Intervention des deutschen Konsulats in Izmir inzwischen eine Matratze und Kissen zur Verfügung gestellt. Sein Antrag auf Verlegung nach Bilecek, wo das einzige Gefängnis für Ausländer in der Türkei ist, wurde mit Hinweis darauf, dass es dort keine politischen Gefangene gebe, abgelehnt.

Zur Zeit ist Mehmet Desde in Geldnot, weil zur Verlängerung seiner Sozialhilfe entsprechende Unterlagen erst beigebracht werden müssen. Seine Ausgaben für Medizin, Diät, Zeitungen, Briefmaterial und Porto kann der arbeitslose Bruder nicht allein aufbringen.

18.07.2007

2. Brief des Deutschen Mehmet D. an den Deutschen Helmut O. (erhalten am 16.07.2007. wieder 11 Tage unterwegs und wieder in Türkisch, damit er aus dem Gefängnis in Manisa weiter geleitet wird)

Da Mehmet Desde darum gebeten hat, dass seine Angaben auch anderen mitgeteilt werden, mache ich (Helmut Oberdiek) eine (fast) wörtliche Übersetzung für das DTF:

"Ich weiß nicht, ob Du den ersten Brief erhalten hast. Ich schreibe, ohne Deine Antwort abzuwarten.

Ich habe Schwierigkeiten, weil ich Ausländer, d.h. Deutscher bin. Mir ist es nicht erlaubt, aus dem Gefängnis Briefe in Deutsch oder Englisch zu schreiben. Briefe in einer Fremdsprache werden mir nicht ausgehändigt. Es wird nach einer notariell beglaubigten Übersetzung verlangt und gesagt, dass ich die Übersetzerkosten zu tragen habe.

Besuche meiner Verwandten und Brüder werden behindert. Um mich besuchen zu können, müssen sie vom Justizministerium eine Erlaubnis einholen. Das müssen sie für jeden Besuch machen. Die Prozedur dauert aber sehr lange. Erst schreibt der Staatsanwalt an das Justizministerium und von dort kommt eine Antwort. Es reicht nicht, dass sie ihre Personalien angeben.

Ich bin hier seit vier Wochen. Letzte Woche wollte mich mein Bruder besuchen, wurde aber abgewiesen. Ich habe nur einmal meinen Anwalt sehen können.

Wie ich Dir schon zuvor geschrieben habe, können wir nicht an sozialen Aktivitäten teilnehmen. Auf den Gemeinschaftsplätzen können wir mit den anderen Gefangenen nicht zusammen kommen. Wir dürfen nicht am Sport teilnehmen und die Bücherei benutzen. Aus unserer Zelle kommen wir nur heraus, wenn es zur Krankenstube geht oder wir Besuch haben.

Die Schwierigkeiten als Deutscher lösen bei mir das Gefühl aus, dass ich in Isolation bin. Meine Tochter wurde in Deutschland geboren und kann kein Türkisch. Sie schreibt mir natürlich in Deutsch. Ich habe deutsche Freunde, die kein Türkisch können. Meine Anwältin kann auch kein Türkisch. Ich möchte mit meiner Tochter, meinen Freunden und meiner Anwältin in Deutsch kommunizieren. Mein natürlichstes Recht auf Kommunikation wird behindert.

Im Gefängnis ist die Freiheit eingeschränkt, aber die Rechte bestehen weiterhin. Die Verhinderung von Schriftverkehr in der Sprache des Landes, dessen Bürger ich bin, das Nichtaushändigen von Briefen und die Schwierigkeiten bei den Besuchen bedeuten eine Verletzung meiner Grundrechte.

Ich hatte vorher schon davon berichtet, dass die Haftbedingungen sich negativ auf meine Gesundheit auswirken. Beim Haftantritt hatte ich einen ausführlichen Arztbericht dabei. Ich hatte mich vorher gründlich untersuchen lassen. Wie Du weißt, leide ich an Bluthochdruck, Reflux ("Sodbrennen"), Zucker, niedrigem Puls etc. und muss deswegen eine strikte Diät einhalten. Ich muss sechs Mal am Tage kleine Portionen zu mir nehmen. Der Gefängnisarzt hat eine Diät verschrieben und es gibt auch Diät. Das reicht aber nicht. Gekochtes ohne Fett ist in Ordnung, aber ich darf keine scharfen Gewürze und süße Sachen essen. Morgens gibt es Tee, der sehr süß ist. Die Marmelade ist süß. Die Suppe ist sauer und gewürzt. Ich kann hier nicht wirklich eine Diät einhalten. Ich muss ständig den Blutdruck, den Blutzucker und den Puls messen.

Es gibt noch einiges, was ich Dir nicht geschrieben habe. Danach kannst Du meinen Bruder oder meinen Anwalt Cetin fragen.

Pass auf Dich auf. Viele Grüße (auch an andere)

02.07.2007

Mehmet Desde, E-Tipi Manisa Hapishanesi, D-18

 
Das Medienecho

Am 28.06.07 berichtete die Süddeutsche Zeitung auf der Seite 8 über den 2. Deutschen in türkischer Haft. Der Artikel ist im e-Abo erhältlich, aber es kann danach auch (erfolgreich) gegoogelt werden. Der Artikel aus der Berliner Zeitung vom 29.06.07 ist nach Änderung der Adresse momentan nicht mehr zu finden. Das Landshuter Wochenblatt will drei Mal über den Fall berichtet haben. Auf der Internet Präsenz ist aber lediglich ein Bericht über ein Interview mit Zapp (WDR) zu finden.

Neben dem Magazin Zapp zeigte auch Monitor, wo 2004 über den Fall berichtet worden war, Interesse an der Geschichte. Zapp hat am 11.07. und Monitor am 12.07.07 berichtet. Zapp hat den Beitrag in Bild und Text auf der Homepage. Gleiches gilt für Monitor (Link zum Text). Der Radiosender "Antenne Bayern" wollte ebenfalls berichten. Auf der Internet Präsenz war bisher jedoch nichts zu finden.

 

 

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