Die Wende in der seit
zwei Jahrhunderten blutenden kurdischen Wunde
Von
Mehmet Sahin
Mit
dem Fall der Berliner Mauer ging ein ganzes System zu Ende. Mit ihm verschwand
auch der Kalte Krieg und die bis dahin aus zwei Polen bestehender Weltordnung.
Somit wurde das Gleichgewicht der Welt gestört und eine Epoche der
Hegemonialmacht der USA in einer monopolaren Welt begonnen, dessen Ende noch
offen ist. Mit
dem Anschlag auf die Zwillingstürme in New York begann der Kampf gegen den
islamischen Terror, der sein Nährboden im Sumpf der korrupten
Gewaltherrschaften in vielen islamischen Ländern gefunden hat und während des
Kalten Krieges von den westlichen Ländern gegen das sozialistische System mit
allen erdenklichen Mitteln großgezogen wurde,
um die sozialistischen Staaten mit einem sogenannten „Grünen Gürtel“
einzukreisen. Nach
dem die islamistischen Terroristen wie z.B. in Afghanistan – die unehelichen
Kinder einer Kooperation zwischen den totalitären und undemokratischen Regimes
in den islamischen Ländern und den westlichen Welt, an erster Stelle die USA -
ihre Aufgabe erledigt haben, wurden sie wie nutzlose Werkzeuge in eine Ecke
geworfen. Da sie sich mit dieser neuen Rolle nicht abgefunden haben, begannen
sie, wie verwöhnte Kinder überall, wo sie können, sich zu rächen. Aufgrund
seiner Grundeinstellung her kennt der politische Islam keine Toleranz, duldet
keine Verschiedenheit und in seinem Vokabular sucht man vergeblich nach
Bedeutung der Wörter „Versöhnung“ und „Frieden“. Der politische Islam
agiert seit langem mit brutaler
Gewalt. „Alles andere muss sich den Regeln des Islams anpassen!“, ist die
Devise der islamischen Kleriker verschiedener Couleurs über alle Grenzen
hinweg. Während
andere Religionen sich der neuen Zeit anpassen und Fortschritte erzielen,
verzeichnet man im Islam in vieler Hinsicht eine Rückwanderung in die alten
Zeiten. Nie wurde der Islam fast in allen islamischen Ländern so heftig
politisch manipuliert und missbraucht, wie es zur Zeit geschieht. Während
das 20. Jahrhundert von den sozialen und nationalen Befreiungsbewegungen
gekennzeichnet war, wird das neu begonnene 21. Jahrhundert in den ersten Jahren
von Asien bis Amerika, von Europa bis nach Afrika vom islamischen Terror erschüttert. Und
schließlich mit dem Sturz der Saddamdiktatur – eine Altlast des Kalten
Krieges - geht eine Ära der Regimes zu Ende, die von den Konflikten und
Widersprüchen der beiden Systeme profitiert haben. Ob
nach dem Sturz der Saddamdiktatur und der wirtschaftlichen Beweggründen für
die Irak-Offensive tatsächlich auch der angekündigte Wendepunkt in der
„globalen demokratischen Revolution“ sich vollziehen wird, wird die Zeit
zeigen. Die Zeit wird auch zeigen, ob in Zukunft die Stabilität nicht mehr auf
Kosten der Freiheit erkauft wird. (US-Präsident Bush „Vorwärtsstrategie der
Freiheit“, FR, 8.11.03) Schon
jetzt ist aber sicher, dass der alte Nahe Osten nicht so, wie bis jetzt bleiben
kann. Dessen Vorwehen sind in einigen Ländern der Region zu verzeichnen. In den
nächsten 5-10 Jahren wird sich das Gesicht des Nahen Ostens ändern. Es wird
nicht mehr lange dauern bis ein besserer, menschenrechtlicherer und
demokratischer Nahe Osten sich entwickelt. Weder
die schiitischen Ayatollahs im Iran und die Petrodollarscheichs in den
Golfstaaten, noch doppelzüngige Politiker wie z.B. in der „laizistischen“ Türkei,
in der etwa 80.000 Moscheen, über 10.000 Koran-Schulen und 200.000 Imame mit
den Steuergeldern auch der nicht muslimischen Bevölkerungsteilen finanziert
werden, sowie in deren Schulen der sunnitische Islam als Pflichtfach gezwungen
wird, können das Rad der Geschichte rückwärts drehen und den Vormarsch der
Werte der Menschlichkeit – Demokratisierung, Partizipation und Vielfältigkeit
- stoppen. Neue Chancen und Perspektive für Kurden und ihre Zukunft
Die
Kurden im Irak haben sich nach Ende des 2. Golfkrieges im Jahre 1991 eine in
vieler Hinsicht funktionierende Selbstverwaltung aufgebaut, de facto einen nicht
deklarierten Staat mit einem gewählten Parlament und einer Regierung, mit einem
Sicherheits- und Justizapparat, und einem intakten Gesundheits- und
Bildungssystem. Jetzt,
nach dem Sturz der Saddam-Diktatur, nach der Befreiung der übrigen Teile des
kurdischen Gebiets im Irak, wie Kirkuk und Mosul, Xaneqin und Mendeli, bestehen
neue Chancen und Perspektiven für Kurden und ihre Zukunft. Bis
Mitte April 2003 waren Kurden und Kurdistan nur noch von fremden Unterdrückern
umgeben. Weder über die Türkei und den Iran, noch über den Irak und Syrien
hatten die Kurden ein Fenster, eine Millimeter breite Öffnung zur Außenwelt.
Alle Wege führten, auch ohne es zu wollen, über die Hauptstädte der auf die
Kurden Gewalt anwendenden Staaten. Auch aus dieser Notsituation heraus waren die
Kurden immer wieder darauf angewiesen mit den Unterdrückern ihrer Geschwister
jenseits der Grenze zu kooperieren, oftmals zum Nachteil der kurdischen
Interessen insgesamt. Diese „Kooperation“, manchmal auch Kollaboration,
beeinflusste und bestimmte auch die Politik der kurdischen Parteien und
verursachte blutige innerkurdische Auseinandersetzungen. Mit
den neuen Veränderungen im Nahen Osten geht auch diese Ära zu Ende. Kurdische
Parteien können ihre Politik jetzt frei gestalten und ihre Kontakte
untereinander auch öffentlich intensivieren. Die
Kurden im Irak haben für ihre Freiheit und für die Befreiung ihres Landes
Kurdistan unter dem Joch der irakischen Herrscher einen sehr hohen Preis
gezahlt. Sie werden sich nicht bereit erklären, dass man sie abermals ihrer
Freiheit beraubt und wieder in die Dunkelheit der Unterdrückung versperrt. Sie
sind bereit einen neuen demokratischen, pluralistischen und föderativen Irak
mitzugestalten. All ihre Möglichkeiten bieten sie zur Erfüllung dieses Zwecks
an. Ob
die de facto aus drei Teilen – schiitischer Teil im Süden, sunnitisches
Dreieck in der Mitte und kurdischer Teil im Norden - und mindestens aus gleich
vielen Interessen bestehende Irak zusammenhält, hängt von der Befriedung,
Toleranz und der gegenseitigen Akzeptanz dieser Gruppen, die in vielen Punkten
entgegengesetzte Interessen verfolgen. Mesud
Barzani, Vorsitzender der Demokratischen Partei Kurdistan, unterstrich anlässlich
des 11-jährigen Bestehens des Parlaments in Kurdistan am 9. Juni 2003 dieses
Ziel und sagte, „wenn die neue Verfassung den Kurden gestatte, dass sie föderal
regiert werden und dass gegen Kurdistan keine Feindseligkeiten auftreten, werden
Kurden mit ihrer freien Einwilligung mit den Arabern zusammenleben. Wenn aber
die neue Verfassung den Kurden nicht gerecht wird, wird Kurdistan kein Teil des
vereinten Iraks bilden und die kurdischen Peshmergas nicht der irakischen Armee
angehören.“ Übersetzt
kann man sagen, dass die Kurden im Irak sich zwei gleichgestellte Bundesstaaten,
ähnlich wie in Kanada, Bosnien-Herzegowina oder Belgien vorstellen. Wenn dieser
Wunsch aber nicht erfüllt wird, lassen sie sich die Option eines unabhängigen
Kurdenstaates offen. Entweder
ist man bereit, in einer neuen demokratischen und pluralistischen Staatsform
zusammenzuleben, oder man nimmt die Teilung des Iraks in Kauf, ist die logische
Schlussfolgerung. Eines
steht aber schon jetzt fest: Es wird den alten Irak nicht mehr geben. Weder
Schiiten, noch die Kurden werden sich mit der alten zentralistischen
Herrschaftsform einer sunnitischen Minderheit einverstanden erklären. Endlich
und entsprechend den jüngsten Veränderungen im Nahen Osten sollten die
Bundesrepublik Deutschland und die Europäische Union ihre Politik bezüglich
der Kurden neu definieren und gestalten. Deutschland und die EU, die auf dem
Balkan und Ex-Jugoslawien die Autonomiebestrebungen, föderative Lösungen, ja
sogar Gründung neuer unabhängigen Nationalstaaten unterstützten, dürfen sich
gegenüber den Kurden nicht wie bisher verhalten und auf die Beibehaltung des
Status Quo beharren. Zu
Recht sagte Shlomo Aviner, Professor für Politikwissenschaft an der Hebräischen
Universität Jerusalem, am 8.7.03 in FAZ folgendes: „Der beste Weg, um im Irak
eine politische Kultur zu fördern, die von weniger Repression gekennzeichnet
ist, beginnt mit der Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Kurden im
Norden. Ebenso wie die Palästinenser das Recht haben, nicht unter israelischer
Herrschaft zu leben, haben die Kurden im Nordirak das Recht, nicht unter
arabischer Herrschaft zu leben - wenn sie das nicht wollen“. Eben,
die Kurden wollen nicht mehr unter der fremden Herrschaft leben. Mit
den neuen Veränderungen im Irak und im Nahen Osten nimmt die strategische
Wichtigkeit der Türkei, die sie seit Jahrzehnten als Druck- und Drohmittel
anwendete, um vom Westen privilegiert behandelt zu werden, ab. Dank
der klugen und erfolgreichen Politik der kurdischen Führer musste die Türkei
viele ihrer „Vorbehalte“ und Wünsche bezüglich Irakisch-Kurdistan zurückstecken. Die
„roten Linien“ der Türkei in deren Rahmen es als Kriegserklärung galt,
sollte es zu einer kurdischen Unabhängigkeit bzw. Föderation kommen, bzw. die
Gleichstellung der Turkmenen nicht berücksichtigt werden oder die Eingliederung
der Provinzen Kirkuk und Mosul in die Autonomiegebiete der Kurden umgesetzt
werden, können nicht mehr so hochgespielt werden wie früher. Seit
Monaten beschweren sich viele Verantwortliche in Zivil und in Uniform in Ankara
über das Verhalten der großen Waffenbrüder und Partner, die Amerikaner. Die
Inhaftierung eines Teams der türkischen Elitetruppen in Sulaimania und die gute
Zusammenarbeit mit den kurdischen Kräften in Irakisch-Kurdistan sowie
Ignorierung der türkischen Vorbehalte gegenüber Irakisch-Kurdistans und
Ausladung der Entsendung der türkischen Truppen gehören zum Arsenal der
Unstimmigkeiten zwischen der Türkei und den USA. Die
Zusammenarbeit der Kurden mit den Amerikanern basiert auf gegenseitiges
Interesse, nicht auf die einseitige „Große Liebe“, wie Viele hier in Europa
behaupten oder ernsthaft daran glauben. Denn die Kurden wissen sehr genau, wie
die Amerikaner sie im Jahre 1975 im Stich gelassen haben und wie Lämmer den Wölfen
– Iran und Irak - überlassen wurden. Außerdem haben die Kurden noch in
Erinnerung, wie sie vor Augen der Amerikaner und der Weltöffentlichkeit von der
Soldetaska der Saddamdiktatur im Frühjahr 1991 massakriert und zur
millionenfachen Flucht gezwungen wurden. In
der Türkei wird es auch nicht lange dauern, bis die im Zuge des EU-Prozesses
auf dem Papier eingeleiteten Reformschritte in die Tat umgesetzt werden.
Deswegen kann man sagen, dass die Türkei sich nach den neuen Veränderungen im
Irak und im Nahen Osten von der Lösung der Kurdenfrage nicht mehr entziehen
kann. Sowohl die positiven als auch die negativen Entwicklungen im Irak und
Irakisch-Kurdistan werden sich auch auf die Türkei auswirken. Daher
ist es höchste Zeit, dass die demokratische Öffentlichkeit und die Friedens-
und Menschenrechtsbewegung sich für die gemeinsamen Werte der Menschheit auch
in dieser Ecke der Welt engagieren und stark machen. Solange die grenzüberschreitende
Kurdenfrage in den Staaten – Türkei, Iran, Irak und Syrien - ungelöst
bleibt, werden auch diese Staaten instabil bleiben und ein Konfliktpotenzial
beherbergen.
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