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Putsch light und Demokratie á la Türkei? von Memo Sahin
Am
27. April 2007 um Mitternacht, genau zu sagen, um 23.10 Uhr Ortszeit,
verbreiteten die Agenturen per Internet in Sekundenschnelle ein Ultimatum
der türkischen Armeeführung an die Adresse der gewählten Regierung in
Ankara. Die
türkische Gesellschaft hält den Atem und wartet darauf, wann die ersten
Panzer in Ankara rollen. Denn immer nachts haben die türkischen Streitkräfte
geputscht. Das war im Jahre 1960 so und 1971 und 1980 auch. Als erstes
wurden die staatlichen Sender und das Parlament, das gegenüber vom
Generalstab liegt, besetzt. Durch Ultimaten und durch Aufrollenlassen
einiger Panzer in der kleinen Stadt Sincan bei Ankara haben die Generäle
den islamistischen Regierungschef Erbakan im Jahre 1997 „unblutig“ zum Rücktritt
erzwungen. Dieses Ereignis ging als „Postmoderner Putsch“ in die
Geschichte der Türkei ein. Bevor
die türkische Regierung sich zu dem Ultimatum der Generäle äußern
konnte, kam die Antwort zwei Stunden später von jenseits des Atlantiks. Die
USA stellten sich diesmal gegen die Putschversuche der türkischen Generäle.
Erst nachdem die Amerikaner und die EU sich gegen dieses Vorgehen der türkischen
Armee stellten, fühlte sich die türkische Regierung erleichtert und äußerte
sich zum Ultimatum der Armee, allerdings 15 Stunden später. Zurück
zum Ultimatum: „Es darf nicht vergessen werden, dass die türkischen
Streitkräfte die Hüter der laizistischen Ordnung sind… Die Armee
verfolgt die mit der Präsidentenwahl verbundenen Debatten um die säkulare
Ordnung des Landes mit Sorge. Bestrebungen gewisser Kreise, die Grundwerte
der Republik und allem voran den Laizismus auszuhöhlen, haben in jüngster
Zeit merklich zugenommen… Wer sich gegen den Ausspruch des Staatsgründers
Mustafa Kemal Atatürk, ‚Ne mutlu Türküm diyene - Welch ein Glück, Türke
zu sein’ stellt, ist ein Feind der Republik. Die Armee wird ihre Position
und ihre Einstellungen offen zeigen, wenn es notwendig wird. Daran sollte
niemand zweifeln…“, ließen die Mächtigen im Lande verbreiten. Die
Vorgeschichte: Im Wahljahr in der Türkei geht der Machtkampf zwischen
Kemalisten und seinen in der geheimen Verfassung benannten Feinden
–Islamisten und Kurden- unvermindert weiter. Nach der Regierung und
Parlamentsmehrheit kann nun mit der Nominierung eines AKP-Angehörigen zum
neuen Staatspräsidenten das Bollwerk des kemalistischen Kontrollmechanismus
–Staatspräsidentenamt- in die Hände der islamischen Gerechtigkeits- und
Entwicklungspartei AKP geraten. Um
diese Entwicklung zu stoppen und zu torpedieren haben die kemalistischen
Generäle sich nicht gescheut, in den Jahren 2003 und 2004 zwei Mal Putschpläne
gegen die gewählte Regierung auszuarbeiten, sich hinter die Bombenleger aus
den Reihen der Gendarmerie in Semdinli und Yüksekova zu stellen, die
nationalistisch-rassistischen Hetzkampagnen gegen Kurden, Christen und den
Westen öffentlich zu unterstützen. Die
Ereignisse in Semdinli im November 2005, die Ermordung von etwa 20
kurdischen Zivilisten während friedlicher Demonstrationen im März und
April 2006, die zehn Opfer der Bombenanschläge in einem Park in Diyarbakir
im September 2006, die Morde an dem katholischen Priester Santoro im Februar
2006, am armenischen Menschenrechtler und Journalisten Hrant Dink im Januar
2007 und schließlich die drei auf bestialische Weise geköpften Christen im
April 2007 in Malatya gehen auf das Konto von im Dunklen agierenden Kräften,
die enge Verbindungen zum Militär und Geheimdienste aufweisen. Mit
diesen Machenschaften, bei denen die Regierung keine reine Weste trug und
machtlos zuschaute, wollten die Mächtigen des Tiefenstaates den Eindruck
verbreiten, die Regierung sei nicht Herr der Lage. Generalstabchef Büyükanit
und der noch amtierende Staatspräsident Sezer unterstrichen am 12. bzw. 13.
April die Charakteristika des zu wählenden Staatsoberhauptes. Ihre
Kriterien sind den Werten der AKP 180 Grad entgegen gesetzt. Büyükanit
sagte nach einer Frage aus den Reihen der Journalisten, dass die Streitkräfte
nach der Wahl des Staatspräsidenten erklären werden, ob der Gewählte in
das vom ihm gezeichneten Schema passe oder nicht. Der neue Staatspräsident
müsse „nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten“ für die
laizistische Verfassung der Türkei eintreten, hatte der Generalstabschef
auf der Pressekonferenz gewarnt. Die Geduld, bis zur Wahl zu warten, zeigten
sie allerdings nicht. Am 27. April kam dann das Ultimatum. Was
nun? Der Kandidat der AKP, Abdullah Gül, verpasste beim ersten Wahlgang
am 27. April mit 357, mit zehn Stimmen die erforderliche
Zweidrittel-Mehrheit der insgesamt 550 Abgeordneten und damit den Gang in
den Staatspräsidentenpalast. Die kemalistische Republikanische Volkspartei
CHP rief noch am gleichen Tag das Verfassungsgericht an, um die erste Runde
der Präsidentschaftswahl für ungültig erklären zu lassen. Am 1. Mai
folgte dann die Entscheidung des Verfassungsgericht: Um den Wahlgang zur
Wahl der Staatspräsidentschaft zu eröffnen, braucht das Parlament ein
Zweidrittel-Mehrheit, d.h. 367 anwesende Abgeordnete. Premier Erdogan verkündete
noch am gleichen Tag, dass die vorgezogenen Parlamentswahlen Ende Juni oder
Anfang Juli stattfinden werden. Durch eine Verfassungsänderung solle der
neue Staatspräsident dann vom Volke gewählt werden, erklärte Erdogan. Die Entscheidung des
Verfassungsgerichtes wird als Fortsetzung des Ultimatums der Armee
verstanden und entspricht einem Justizputsch in der Türkei, weil bei
bisherigen Präsidentenwahlen die Zweidrittel-Mehrheit nie praktiziert
wurde. Das
Ultimatum der Armee und die Entscheidung des Verfassungsgerichtes zeigen,
dass der Kampf der türkischen Elite mit der AKP-Regierung noch nicht
abgeschlossen ist. Der türkischen Armee, die zwei Mal im Jahr Offiziere
wegen Kopftücher ihrer Ehefrauen aus ihren Reihen verjagt, wird es schwer
fallen, jemanden, dessen Frau Kopftuch trägt, als Oberkommandierenden der
Streitkräfte anzuerkennen. Auch
hinsichtlich der Kurden wird der Ton der türkischen Politik hauptsächlich
vom Militär bestimmt. Obwohl die PKK einen Waffenstillstand ausgerufen hat,
werden die militärischen Operationen in aller Härte fortgesetzt. Gegenüber
den kurdischen Führern im Süd-Kurdistan (Irak) wird eine nationalistische
Hetzkampagne geführt. Um die Tür einer grenzüberschreitenden Militäroperation
zu öffnen, wurde der Ball in das Spielfeld der Regierung geworfen. Erst
nach den vorgezogenen
Parlamentswahlen wird sich zeigen, welchen Weg die AKP tatsächlich
gehen wird. Auf
der Agenda stehen kurzfristig
Schritte zur Lösung der Kurdenfrage, gutnachbarliche Beziehungen zu
irakischen Kurden und langfristig die Verabschiedung einer neuen Verfassung
und die Fortsetzung des EU-Prozesses, der laut Regierungschef nach Irak seit
Januar 2007 auf den zweiten Rang zurückgestuft wurde. Die
Kemalisten, ihre nationalistischen Unterstützer aus der rechten und linken
Lager, an erster Stelle aber die Armeeführung werden mit allen ihnen
zustehenden Mitteln versuchen, die in der geheimen Verfassung und im
Ultimatum vom 27. April 2007 benannten Feinde –Islamisten und Kurden-
durch Provokationen,
Intensivierung der Kampfhandlungen gegen die PKK und durch eine Invasion
gegen Irakisch-Kurdistan gegeneinander auszuspielen. Auch neue Attentate
sind auf der Tagesordnung. Wenn die Bodyguards eines Premiers
Sicherheitswesten tragen, muss der Ernst der Lage leicht verstehen zu sein. Um
den Weg zu solchen Entwicklungen zu stoppen, muss die AKP die Klugheit und
auch den Mut aufweisen, dieses Spiel zunichte zu machen. Ein erster Schritt
hierzu wäre die Einstellung der in letzter Zeit enorm zugenommenen Razzien
und der Verhaftungswelle gegen die Funktionäre der DTP und gegen die
kurdischen legalen Einrichtungen. Dazu zählt auch die ungehinderte Teilnahme der DTP (Partei für eine demokratische Gesellschaft) über
unabhängige Direktkandidaten an die Parlamentswahlen. So hat die DTP die Möglichkeit
und die Chance, mit 20 bis 35 kurdischen Parlamentariern ihren Platz im
Parlament einzunehmen, die als Partner für die Demokratisierung des Landes,
den Fortgang des EU-Prozesses und schließlich für die Lösung der
Kurdenfrage gesehen werden müssten. Sowohl
die AKP als auch die Kurden sollten nicht vergessen, dass das Jahr 2007 für
beide Lager ein schwieriges Jahr
sein wird. In dieser schwierigen Phase ist größte Vorsicht und Sensibilität
angesagt, denn die Botschaft der Generäle lautet: „Wer sich gegen den
Ausspruch des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk, ‚Welch ein Glück, Türke
zu sein’ stellt, ist ein Feind der Republik.“ Feinde der Republik sind verurteilt, aus
dieser Aussage Konsequenzen zu ziehen und dementsprechend zu handeln! (2.
Mai 2007)
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