Türken attackieren kurdische Stände auf der Buchmesse

 

 

Von: Dialog-Kreis [mailto: dialogkreis@t-online.de ]
Gesendet: Montag, 20. Oktober 2008 11:55
An: Mehmet Sahin
Betreff: Türken attackieren Kurden auf der Buchmesse

 

FR, 18./19.10.08

Türken attackieren Kurden

Inszenierte Provokation

VON CLAUS-JÜRGEN GÖPFERT

Es ist dies ein Lehrstück auch über die Instrumentalisierung von Medien. Und es spielt auf der Frankfurter Buchmesse - und anderswo. Am Mittwoch, 15. Oktober, interessieren sich unbekannte Besucher auffällig für eine Karte Kurdistans, die am Stand des kurdischen PEN-Zentrums und an dem eines kurdischen Verlages in der Halle 5 hängt. Kurdistan umfasst in dieser Darstellung Teile der Türkei, Irans und Iraks - folgend den ethnischen Grenzen.


Am Tag darauf, kurz nach 14 Uhr, und dann noch einmal eine halbe Stunde später, attackiert jeweils eine Gruppe Männer die beiden Stände. Die Karte Kurdistans "wird zerrissen", wie Thomas Minkus, Sprecher der Frankfurter Buchmesse, am Freitag der FR bestätigt. Memo Sahin, Sprecher des kurdischen PEN, berichtet, dass er mit anderen Verlagsmitarbeitern von den Angreifern "beschimpft und bedroht" worden sei.

Doppelstreifen in der Halle 5

Die alarmierte Buchmessen-Direktion schaltet die Polizei ein. "Wir müssen die Sicherheit unserer Aussteller gewährleisten", so Sprecher Minkus. Die Polizei sei aber auch schon vor den Attacken "präsent" gewesen - verhindern konnte sie sie offenkundig nicht. Am Freitag patrouillieren in der Halle 5 demonstrativ uniformierte Doppelstreifen. "Es hat immer wieder einmal in den vergangenen Jahren solche Angriffe gegeben, das ist nicht das erste Mal", sagt der Frankfurter Polizei-Sprecher Jürgen Linker.

Nach Darstellung des kurdischen PEN-Zentrums gibt es eine brisante Vorgeschichte. Am 15. Oktober, gegen 20 Uhr, einige Stunden nach dem Besuch der Männer und ihrem auffälligen Interesse an den Karten Kurdistans, "waren in türkischen Privatsendern Bilder unserer Stände und der Karte zu sehen", so PEN-Sprecher Sahin. Mehr noch: Die Sender hätten zu Angriffen auf die Buchmessen-Stände aufgerufen. Und die Angreifer am Tag darauf seien "von türkischen Journalisten begleitet" worden.

Polizei-Sprecher Linker, der schon viele Buchmessen begleitet hat, kann sich an eine derart inszenierte Provokation nicht erinnern. Er gibt wieder, was die Polizeibeamten aus Zeugenaussagen rekonstruierten: "Just in dem Moment, in dem die Attacke auf den Stand stattfand, waren urplötzlich Vertreter türkischer Medien vor Ort". Es habe sich nicht nur um schreibende Journalisten, "sondern auch um mehrere Kamera-Teams" gehandelt.

Nicht nur für die Polizei stellt das eine "neue Qualität" da. Das kurdische PEN-Zentrum spricht von einer Gruppe türkischer Nationalisten, die hinter dem Angriff stecke. Gegen ein namentlich bekanntes Mitglied der Gruppe wolle man jetzt auch Anzeige erstatten. Der Mann lebe schon seit drei Jahrzehnten in Frankfurt. Die Polizei nimmt den Vorfall nach Darstellung Linkers sehr ernst. Der Leiter des 13. Polizeireviers, das für die Buchmesse zuständig ist, sei vor Ort gewesen. Er habe eigens auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, Strafanzeige zu erstatten. Bis zum Freitagnachmittag lag eine solche Strafanzeige allerdings noch nicht vor.

In einer Erklärung des kurdischen PEN-Zentrums und der kurdischen Verlage auf der Buchmesse heißt es: "Die Türkei, der Ehrengast der diesjährigen Buchmesse, tritt mit dem Motto ,faszinierend farbig' in der Messe an - anscheinend sind die Kurden von dieser Vielfalt ausgeschlossen". Die türkische Tageszeitung Hürriyet distanziert sich auf FR-Anfrage am Freitagnachmittag: Die Redaktion sei von der Aktion vorab informiert worden, habe aber der Einladung nicht Folge geleistet.

Dokument erstellt am 17.10.2008 um 16:40:03 Uhr
Letzte Änderung am 18.10.2008 um 17:56:21 Uhr
Erscheinungsdatum 17.10.2008

 

 

17.10.2008, hr-online

Inszenierter Eklat an kurdischen Ständen

An den Buchmesse-Ständen kurdischer Verleger kam es zu einem Eklat: Mitglieder der nationalistischen "Türkischen Arbeiterpartei" haben vor laufender - türkischer - Kamera eine kurdische Landkarte zerrissen und die Verleger lautstark beschimpft. Der türkische Kultur- und Tourismusminister Ertugrul Günay sagte, auf "provokative Bestrebungen gibt es eine provokative Antwort."

Memo Sahin, Vorstandsmitglied des kurdischen P.E.N.-Zentrums, teilte mit, dass Mitglieder der „Türkischen Arbeiterpartei“ (Isci Partisi) eine kurdische Landkarte, auf der das Siedlungsgebiet der Kurden in der Türkei, im Irak und im Iran abgebildet ist, zerrissen und die Aussteller beschimpft hätten - umgeben von türkischen Kamerateams, die den Vorfall aufzeichneten. Thomas Minkus, Sprecher der Frankfurter Buchmesse, bestätigte den Übergriff. Die Buchmesse habe die Polizei gerufen. Zurzeit liefen die polizeilichen Ermittlungen.

Vor der Inszenierung habe der türkische Fernsehsender "Ulusal TV" zu Aktionen gegen kurdische Stände auf der Buchmesse aufgerufen, berichtete Sahin weiter. Am heutigen Freitag war der Vorfall Aufmacher bei vielen türkischen Tageszeitungen. So titelte "Sabah": "Wir haben die separatistische Landkarte zerrissen!"

 

Gestern hat sich auch der türkische Kultur- und Tourismusminister Ertugrul Günay in der türkischen Tageszeitung "Yeni Safak" geäußert: "Mit so einem Stück Papier kann niemand der Türkei ein Stück Land entreißen", sagte Günay. "Das sind utopische Bestrebungen, provokative Bestrebungen. Deswegen wurde dieser provokativen Bestrebung eine provokative Antwort gegeben ... Auf der Buchmesse sind Hunderte von Ländern, Tausende Verleger, von Zeit zu Zeit können unter ihnen ein paar Unverschämte sein."

Auf die Frage, ob es ihn nicht gestört habe, dass die Deutschen die Augen vor solchen Vorkommnissen (das Ausstellen der Karte) verschließen würden, sagte Günay: "Manchmal kommt es bei solchen Ereignissen leider zu solchen uns und andere Länder störenden Zwischenfällen. Die Messe-Verantwortlichen versuchen es zu verhindern, natürlich ohne dass es zu Auseinandersetzungen kommt. Natürlich sind wir diesbezüglich in Kontakt und bemühen uns."

Am Freitag Abend erklärte Buchmesse-Sprecher Minkus: "Unsere Bemühungen gehen dahin, dass das Geschäft auf der Messe in ruhigen Bahnen vor sich geht. In Frankfurt werden alle möglichen Themen diskutiert - wirtschaftliche Fragen, literarische Fragen und auch politische Fragen, und wir wünschen friedlichen Diskurs, friedliche Auseinandersetzung. Alles andere ist nicht unsere Sache und kann auch nicht Sache der Buchmesse sein."

 

Informationen

Die "Türkische Arbeiterpartei" steht im Zusammenhang mit dem "Ergenekon-Skandal" vor Gericht. Mitglieder wurden im Frühjahr dieses Jahres verhaftet. Gegen den Direktor des türkischen Senders "Ulusal TV", der zu den Attacken auf die kurdischen Stände aufgerufen hatte, sowie gegen einige seiner Mitarbeiter laufen derzeit in der Türkei Ermittlungen in der selben Sache.

 

Redaktion: nrc / vode

http://www.hr-online.de/website/specials/buchmesse2008/index.jsp?rubrik=38092&key=standard_document_35529766&tl=rs

 

 

 

 

 

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