Neuerscheinung

Wie frei ist die kurdische Sprache
im EU-Kandidatenland Türkei?

Memo Sahin (Hg.)

 

Mit Beiträgen von Jutta Hermanns, Mustafa Akgün, Sabine Skubsch und Günay Aslan  sowie mit einem Dokumentationsteil.

„Die UN-Generalversammlung hat das Jahr 2008 zum Internationalen Jahr der Sprachen erklärt. Es soll die Bedeutung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt hervorheben und mit weltweiten Projekten fördern. Die UNESCO ist die federführende Organisation im System der Vereinten Nationen für das Internationale Jahr der Sprachen.

Das zunehmende Verschwinden insbesondere kleiner Sprachen bedroht die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen. Die Sprache eines Volkes spiegelt das traditionelle Wissen über Umwelt und Kultur ihrer Träger wider. Der Untergang einer Sprache bedeutet damit auch den unwiederbringlichen Verlust dieses Wissens und dieser Kultur…

Im Rahmen des Internationalen Jahrs der Sprachen sind Regierungen, UN-Organisationen, Organisationen der Zivilgesellschaft, Bildungs- und Kultureinrichtungen dazu eingeladen, ihre Aktivitäten zur Förderung und zum Schutz des Kulturgutes Sprache und insbesondere der bedrohten Sprachen auszubauen…

So steht es auf dem Papier der Weltorganisation. Die Praxis aber sieht z.B. in der Türkei ganz anders aus. In der Dokumentation sind einige Beispiele über den Stand der kurdischen Sprache im EU-Kandidatenland Türkei zusammengestellt. Auch im von der UN erklärten ‚Internationalen Jahr der Sprachen’ dürfen etwa 20 Mio. KurdInnen von universellen Grundrechten, wie etwa freie Anwendung ihrer Muttersprache, kein Gebrauch machen. Kurdisch sprechen wird geahndet und jedes Jahr werden Millionen von kurdischen Kindern nicht auf ihre Muttersprache, sondern in einer Fremdsprache eingeschult, d.h. sie sind einer beispiellosen Zwangassimilierung ausgesetzt. Ob dies ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt oder gar mit kulturellem Genozid bezeichnet werden darf, mögen die Politiker und Bürokraten in höheren Etagen der Weltpolitik beurteilen. Eines steht aber schon jetzt fest: Millionen von KurdInnen sind gegen die willkürlichen und beispiellosen Machenschaften des türkischen Staates aufgestanden und kämpfen mit allen möglichen demokratischen Mitteln für die Freiheit der kurdischen Sprache im Alltag, in der Schule und Öffentlichkeit.

Die UN, UNESCO, UNICEF und die EU sind eingeladen, ihrer Aufgabe gerecht zu werden und hierzu einen kleinen Beitrag zu leisten.“

Zu Beziehen über Pro Humanitate, ISBN: 3-933884-11-X,
pro-humanitate@t-online.de

 

Einige Auszüge aus der Dokumentation:

Wie frei ist die kurdische Sprache im EU-Kandidatenland Türkei?

Kampagne für die freie Anwendung der kurdischen Sprache in allen Bereichen des öffentlichen Lebens

Mit dem Schulbeginn am 8. September 2008 startete die Bewegung für die kurdische Sprache und Erziehung (TZP) eine breit angelegte Kampagne für die Anwendung der kurdischen Sprache in allen Bereichen des öffentlichen Lebens und die Erziehung in kurdischer Sprache. Zu diesem Zweck wurden in fast allen Städten Kurdistans Schulen boykottiert, und Kundgebungen abgehalten.

An den Aktivitäten nehmen tagtäglich Tausende KurdInnen teil. Diyarbakir, Van, Batman, Hakkari, Viransehir, Bismil, Tatvan, Bingöl, Bitlis sind einige Städte, in denen KurdInnen auf die Straße gingen. Bei den Kundgebungen wird die türkische Regierung dazu aufgefordert, von ihrer „unzeitgemäßen und reaktionären Politik“ zum Thema Muttersprache Abstand zu nehmen. In Redebeiträgen wird darauf aufmerksam gemacht, daß eine offizielle Anerkennung der kurdischen Sprache der türkischen Sprache keinen Schaden zufügen würde.

Einige Forderungen der Initiatoren:

  • Kurdisch muss offiziell anerkannt und in der Verfassung verankert werden.
  • Für Gleichberechtigung der kurdischen Sprache
  • Kurdisch muss in allen Etappen der Erziehung und Ausbildung, d.h. vom Kindergarten bis zum Studium an den Universitäten, Anwendung finden.
  • Der türkische Staat muss sich bei den Kurden wegen der bisherigen Assimilationspolitik entschuldigen.
  • Die türkisierten Namen der Ortschaften müssen aufgehoben und die ursprünglichen kurdischen Namen anerkannt werden.
  • Für das Recht der Ausübung der Religion auch in  kurdischer Sprache.  (Yeni Özgür Politika, 4.9.08)

Politiker Miroglu darf fünf Jahre nicht Kurdisch sprechen

Weil Orhan Miroglu während einer Wahlveranstaltung in Mersin  Kurdisch gesprochen hat, wo er für die Parlamentswahlen am 22. Juli 2007 als Unabhängiger kandidiert hatte, wurde er verurteilt. Die Urteilsbegründung und die Höhe der Haftstrafe wurden nicht bekannt gegeben. Wenn er in den nächsten fünf Jahren dieselbe Tat nicht wiederholen würde, würde das Urteil aufgehoben. Ansonsten wird das Gericht die Urteilsbegründung und die Höhe der Haftstrafe bekannt geben und er muss dann ins Gefängnis.

Miroglu sagte: „Dieses Urteil bedeutet faktisch, dass ich in den nächsten fünf Jahren nicht Kurdisch sprechen darf und dies wird wie ein Damoklesschwert über mir schweben.

(www.Kurdistan-Post.org, 13.9.08; Bianet)

Kurdischer Schüler Rêzan Bilir:

„Ich werde wieder meine Muttersprache zu Hause lassen und in die Schule gehen. Unsere Lehrer werden wieder mit uns in einer Fremdsprache reden.

Versetzt Euch in meine Lage und denkt nach, über die Schwierigkeiten, denen wir ausgesetzt sind. Wir sind kurdische Kinder und unsere Muttersprache ist Kurdisch. Ist dies die Geschwisterlichkeit?“ (Yeni Özgür Politika, 9.9.08)

Rozerîn, die kein Türkisch kann, muss in die türkische Schule: „Schule wird in kurdischer Sprache Spaß machen“

Rozerîn Özel, 7 Jahre, Kiziltepe/Mardin: „Wenn ich in die Schule gehe, schäme ich mich, weil ich kein Türkisch kann. Ich habe ständig Angst. Ich habe Angst, dass mein Lehrer mich fragt und ich nicht antworten kann. Dann überlege ich, wie ich überhaupt antworten könnte. Und was er sagt und erzählt, verstehe ich nicht. Weil ich nichts verstehe, habe ich Angst, dass ich in der Schule versage…“ (Yeni Özgür Politika, 13.9.08)

Kurdische Kinder fordern die freie Anwendung der kurdischen Sprache

  • Jede Sprache ist ein Schlüssel des Herzens
  • Wir wollen in unserer Muttersprache unterrichtet werden. (Yeni Özgür Politika, 8.9.08)

Verurteilungen aufgrund der Forderung nach Erziehung in der kurdischen Muttersprache

4 Studenten wurden je zu 6 Jahren und 3 Monaten, und 2 Studenten wurden je zu 3 Jahren und 9 Monaten Haft verurteilt. Wenn schon die Forderung nach „Erziehung in Kurdisch“ zu solchen Gefängnisstrafen führt, so kann man sich leicht ausmalen, was es bedeutet, in der Schule oder in den Behörden Kurdisch zu sprechen! (Yeni Özgür Politika, 17.5.08)

Kurdisch sprechen wird geahndet

In Istanbul wurden 20 Bauarbeiter entlassen, weil sie untereinander Kurdisch gesprochen haben.

Weil Haci Itek in Izmir in seinem Auto kurdische Musik hörte, wurde er mit einer Geldbuße in Höhe von 55,00 Türkischen Lira bestraft. (Yeni Özgür Politika, 27.8.08)

Kurdisch bei Gefängnisbesuchen verboten

Da Azize Aslan nicht Türkisch kann, hat sie während eines Gefängnisbesuchs in Sincan bei Ankara mit ihrem gefangenen Sohn Kurdisch gesprochen. Aufgrund dieses „Vergehens“ wurde der Besuch vorzeitig beendet. Seit einem Monat kann sie mit ihrem Sohn nicht kommunizieren. (Yeni Özgür Politika, 8.9.089

Gegen Kurdischverbot auf kurdisch agieren

Aus Protest gegen das Verbot des Gebrauchs der kurdischen Sprache in den Gefängnissen haben die PKK-Gefangenen im D-Typ-Gefängnis in Diyarbakir angekündigt, ab sofort bei allen offiziellen Gelegenheiten nur noch kurdisch zu sprechen.

In den Gefängnissen in der Türkei werden immer mehr Fälle bekannt, bei denen der Gebrauch der kurdischen Sprache zu Repressionen führte. Kurdische Zeitungen und Zeitschriften werden verboten, Gespräche mit Besuchern auf kurdisch unterbunden – auch wenn die Betroffenen keine andere gemeinsame Sprache habe. So werden neuerdings auch Telefongespräche über ein elektronisches System automatisch unterbrochen, wenn kurdisch gesprochen wird. Die Gefangenen werden mit Bunkerstrafen, Brief- und Besuchsverboten belegt.

Die PKK-Gefangenen in Diyarbakir wollen daher in die Offensive gehen und ab sofort vor Gericht und bei allen offiziellen Gelegenheiten, so etwa im Schriftverkehr mit Anstaltsverwaltung, ausschließlich kurdisch sprechen und schreiben.

(Yeni Özgür Politika, 2.9.08, ISKU)

Kurdische Namen verboten

Aufgrund ihrer kurdischen Namen wurden alleine in der Provinz Diyarbakir Verfahren gegen 1558 Kinder in den Jahren 2006 und 2007 eingeleitet. (Yeni Özgür Politika, 3.6.08)

In Kumluca bei Antalya wurden die Namen vom 18monatigen Roberd und 2jährigen Robin nicht eingetragen und keine Ausweise ausgestellt. (Yeni Özgür Politika, 29.5.08)

Der Vorname Welat (Heimat) für das Neugeborene eines Ehepaares wurde von Standesamt in Diyarbakir nicht eingetragen. (Yeni Özgür Politika, 5.9.08)

Zu den verbotenen Vornamen gehören auch Beybûn (Kamille), Berfîn (Schneeglöckchen), Nefel (Klee), Darasîn (Grüner Baum). Die Kommune Kayapinar in Diyarbakir hat fünf Parkanlagen eingerichtet und benannte sie mit kurdischen Pflanzen- bzw. Blumennamen. Gulistan (Rosengarten), Beybûn (Kamille), Berfîn (Schneeglöckchen), Nefel (Klee) und Darasîn (Grüner Baum). Der Gouverneur von Diyarbakir Avni Mutlu verweigerte die Eintragung der Namen der vier Parkanlagen. Weil die Türken den Namen Gulistan mitbenutzen, wurde nur dieser Name eingetragen. Die Übrigen, bei denen die verbotenen Buchstaben „W, Q und X“ nicht vorkommen, wurden dennoch abgelehnt.

(Yeni Özgür Politika, 14.7.08)

 

 

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