Wie reif ist die Türkei für die EU?

Eine Auswertung und Analyse der Kurdenproblematik im Schatten der Entwicklungen im Irak

 
Von Mehmet Sahin

 

 

In den letzten 5 Jahren, vor allem aber seit 2 Jahren hat sich die Türkei sehr angestrengt einen Verhandlungstermin für die Beitrittsverhandlungen mit der EU zu erhalten. Viele Gesetzesvorlagen und Änderungsvorschläge zur türkischen Verfassung passierten mit großer Euphorie über Nacht das türkische Parlament. Selbst die Akteure wissen nicht, wie viele Gesetze, Erlasse und Verordnungen sie im Zuge des EU-Prozesses veranlasst haben, um die Türkei der Europäischen Union ein Stück näher zu bringen.

Gesetze wurden geändert, aber die Praxis hinkte, weil die Köpfe der Bürokraten und vieler Politiker der alten kemalistischen Kaderschule und Geiseln der türkisch-islamischen Synthese der neuen Zeit nicht folgten oder folgen wollten. Trotzdem wurden die Harmonisierungspakete der türkischen Regierung von der EU-Kommission in ihrem Fortschrittsbericht 2004 honoriert.

Nachdem aber die Türkei am 17. Dezember 2004 auf dem EU-Gipfel in Brüssel einen Verhandlungstermin für den 3. Oktober 2005 genannt bekommen hat, lehnte man sich in Ankara zurück und atmete tief ein.

Der lange Weg von 10-15 Jahren für die volle Mitgliedschaft in die EU, die Anerkennung der griechischen Republik Zypern, Umsetzung der Gesetzte in die Tat und viele andere noch zu erledigende und im Fortschrittsbericht der EU genannten „Kleinigkeiten“ bereiteten sehr schnell Kopfschmerzen bei den Regierungspolitikern der Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP).

 

Stagnation beim EU-Prozess

Seit Dezember 2004 hat sich eine Warteschleife entwickelt. Die Türkei wurde deswegen auch vom luxemburgischem EU-Ratspräsidium und EU-Vertreter in Ankara, Hansjörg Kretschmer, Anfang März 2005 höflich angemahnt. Mit den Reformen gehe es seit dem EU-Gipfel vom Dezember nicht mehr voran, bei der Umsetzung gebe es sogar eher Rück- statt Fortschritte. Sollte in der EU aber der Eindruck entstehen, die Türkei sei nicht mehr an weiteren Reformen interessiert, könne dies in Europa eine nachteilige Reaktion auslösen, warnte Kretschmer. Die Antwort des türkischen Außenministers war dagegen sehr heftig: „Wer ist er, wer ist denn Kretschmer?“ (Hürriyet, 4.3.05)

Der luxemburgische Europaminister Nicolas Schmit schilderte die Sachlage bei seinem Besuch in Ankara Anfang März mit folgenden Worten: „Man kann sich nicht einfach zurücklehnen und darauf warten, dass sich die Dinge von selbst ereignen.“ (Frankfurter Rundschau, 3.3.2005)

Der Stagnation des EU-Prozesses liegen mehrere Ursachen zurunde. Zum einen will die islamisch geprägte AKP in die EU, weil sie sich vom Diktat der kemalistischen Militärs befreien und das gesellschaftliches Leben so gestalten will, wie sie es sich vorstellt. Zum anderen aber ist sie nicht bereit, die notwendigen Schritte in die Praxis umzuwandeln.

Um hierzu einige Beispiele zu nennen:

  • Obwohl in vielen Staaten der EU Kopftuch in den öffentlichen Schulen und Ämtern nicht verboten ist, hat der Europäische Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg, das Kopftuchverbot an den Universitäten in der Türkei als legitim beurteilt. Eben deswegen studiert die Tochter von Premier Erdogan in den USA und nicht in der Türkei, finanziert wird das Studium von einem Geschäftsmann mit einer jährlichen Summe von 100.000 US Dollar.
  • Während des Harmonisierungsprozesses mit der EU musste die AKP einige Rechte der seit Jahrhunderten in der Türkei existierenden Kirchen auf dem Papier zugestehen. Dies wird von den anti-europäischen und islamistischen Kräften als Unterstützung der Missionartätigkeiten der Europäer beurteilt. Auch dies stört die AKP.
  • Desweiteren erwartet die EU von der Türkei, dass sie die Minderheitenrechte anerkennt und ohne wenn und aber in die Praxis umsetzt. In dem vom 6. Oktober 2004 veröffentlichten Fortschrittsbericht steht u.a. folgendes: „Für die Behörden gelten gewöhnlich Juden, Armenier und Griechen als Minderheiten im Sinne des Abkommens von Lausanne. Es gibt jedoch auch andere Volksgruppen in der Türkei, darunter die Kurden, deren Recht auf Bewahrung ihrer kulturellen und sprachlichen Identität ebenfalls in den Geltungsbereich des Völkerrechts fallen sollte.“

Diese Aussagen und Erwartungen der EU werden von jenen Kräften in der Türkei als Teilung des Staates auf Zeit bewertet. Seit der Veröffentlichung des EU-Fortschrittsbericht wird vermehrt eine anti-kurdische Hysterie betrieben.

 

Kurdenfeindliche Haltung gegenüber den irakischen Kurden

Bei der Zunahme der genannten Hysterie sollte man nicht vergessen, die kurdenfeindliche Haltung gegenüber den irakischen Kurden dazu zu zählen.

Für die Türkei gilt, dass die Kurden, egal in welchem Teil sie sind, ohne Rechte und unter dem Joch der Fremdmächte leben. Deswegen war die seit 1991 erschaffene Situation und Errungenschaften der Kurden im Irak ständig ein Dorn im Auge der türkischen Machthaber. Beibehaltung der kurdischen Selbstverwaltung, eine kurdische Föderation innerhalb eines föderativen Iraks und Einbeziehung der Stadt Kirkuk in die kurdische Autonomie wurden als „Rote Linien“ der Türkei erklärt und als Kriegsgrund deklariert.

Tagtäglich standen in allen türkischen Zeitungen ein nicht zu beschreibender Hass gegenüber den Kurden. Man redete offen von einer Invasion Kirkuks und der übrigen kurdischen Gebiete. Szenarien wurden erörtert. In Foren und Diskussionsrunden der Fernsehsender unterschiedlicher Couleurs wurden Feindschaft und Hass gepredigt.

Die Türkei, die sich für die außer ihrer Grenzen lebenden 400-500.000 turkmenischen Blutsbrüder in Irak stark macht und vom Krieg gegen die Kurden im Irak sprach, hat vor Wut und Kurdenfeindlichkeit vergessen, dass innerhalb ihrer Grenzen doch 15-20 Mio. Kurden leben und sie Staatsbürger der Republik Türkei sind.

Um die Gefühle der Kurden zu verstehen, muss man sich einfach in die Lage der Kurden versetzen. Ohne dies und ohne eine Empathie ist es leicht, dass die noch bestehenden Brücken zwischen Türken und Kurden kaputt gehen.

Immer wieder kamen die Außenminister der Türkei, von Iran und Syrien zusammen. Bei diesen Treffen wurde erörtert, wie sie am Besten gegen die Kurden im Irak vorgehen sollten, welche Mittel wirksamer seien und wie die Gebiete der kurdischen Selbstverwaltung ihrer Stabilität genommen werden könnten.

Dabei hat die Türkei außer Acht gelassen, dass sie einerseits die Amerikaner unterstützt und andererseits mit von den Amerikanern als Unterstützer der islamistischen Terroristen bezeichneten Iran und Syrien ins Bett geht.

Dies verdeutlicht noch einmal, dass die Beziehungen der Türkei sowohl mit ihren Nachbarn als auch mit den Amerikanern und anderen auf Anti-Kurdischsein basiert.

 

Die Wahlen im Irak

Die Ergebnisse der Wahlen am 30. Januar 2005 haben noch einmal verdeutlicht und vor Augen geführt, dass die Kurden im Irak eine nicht zu leugnende Kraft sind. Die Allianz Kurdistans, bestehend aus KDP (Demokratische Partei Kurdistan), PUK (Patriotische Union Kurdistan) und einer Reihe kleinerer Parteien hat 25,73% der abgegebenen Stimmen (2,175 Mio.) auf sich vereinigen können und sind als zweitstärkste Kraft mit 75 Sitzen ins irakische Zentralparlament eingezogen, darunter 3 Turkmenen. Die Schiiten um die Vereinigte Irakische Allianz erhielten 48,19% Stimmen und besetzen 140 Parlamentsitze. Als dritte Kraft konnte die irakische Allianz mit 13,82% 40 Parlamentsitze gewonnen.

Die von der Türkei mit allen möglichen Mitteln unterstützte Turkmenische Front Iraks erhielt dagegen nur 1,11% (93.000) der abgegebenen Stimmen und kam auf 3 Sitze im Parlament. Die Wahlen zu Provinzräten bzw. Kommunalwahlen legen die Fakten noch einmal ans Tageslicht. Die Türkei und die Turkmenische Front behaupten z.B., dass im Irak über 3 Millionen Turkmenen leben und dass Kirkuk eine turkmenische Stadt sei. Die Ergebnisse der Wahlen aber sprechen von anderen Wahrheiten. Von 41 Sitzen des Stadtparlaments in Kirkuk erhielt die Turkmenische Front nur 8 Sitze, die Bündnis der kurdischen Parteien hingegen 26 Sitze und stellen einen vom Volke gewählten Gouverneur. Auch die Wahlergebnisse in Mosul gibt das wahre Bild der Stadt wieder. Von insgesamt 41 Sitzen im Mosuler Rat erhielt die Patriotisch-Demokratische Liste Kurdistan 31 Sitze und stellt ebenfalls den Gouverneur. Die Wahlergebnisse in Kirkuk und Mosul belegen entgegen den türkischen Behauptungen die demographischen Einwohnerpräpositionen in beiden Städten.

Nach den Wahlen sehen sich die kurdischen Parteien in ihren Positionen gestärkt. Während der Vorsitzende der Patriotischen Union Kurdistan, Calal Talabani, für einen hohen Posten, in diesem Fall als erster gewählte Staatspräsident Iraks nach Bagdad geht, bleibt der Vorsitzender der Demokratischen Partei Kurdistan, Masud Barzani, in der kurdischen Provinzhauptstadt Hewlêr/Arbil. Einige Schlüsselministerien des neuen Kabinetts werden ebenfalls von den Kurden gestellt.

Nachdem die Wahlkommission die offiziellen Wahlergebnisse bekannt gab und die ganze Welt sah, dass die Blutsbrüder der Türken, die Turkmenen, nur 1,11% der Stimmen auf sich vereinigen konnten, die als Feinde betrachteten Kurden hingegen über 25% lagen, sah sich die Türkei gezwungen, leisere Töne zu schlagen und sandte eine Botschaft an Talabani, um die Bögen zu glätten, d.h. sich auszusöhnen. Das Message der Türkei lautete: Ja, wir erkennen die kurdische Föderation an und werden mit einem föderativen Irak leben können.

 

Der Anti-Amerikanismus in der Türkei

In der türkischen Presse wird ständig behauptet, dass die im Irak lebenden Kurden unabhängig von ihrem Verhalten von den Amerikanern Unterstützung erhalten. Es wird des öfteren propagiert, dass die USA seit über 10 Jahren den kurdischen Staat aufbauen und die irakischen Kurden in naher Zukunft Gebietsansprüche an die Türkei stellen würden. Dabei vergessen diese Kreise aber, dass die Türkei von den Amerikaner seit über einem halben Jahrhundert in politischer, diplomatischer, wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht unterstützt wird und dass die Kurden von den Amerikanern mehrmals – 1975 und 1991- in Stich gelassen worden sind.

Die Kurdenfeindlichkeit in der Türkei hat auch zu einem stark zugenommenen Anti-Amerikanismus geführt. Nach einer Umfrage des britischen BBC standen die Türken mit 82% an erster Stelle des weltweiten Anti-Amerikanismus. (Özgür Politika, 3.3.05) Ausschlaggebend bei der Zunahme des Anti-Amerikanismus in der Türkei spielte die fest in den Köpfen verankerte türkisch-islamische Synthese eine wichtige Rolle. Dabei übernimmt Türke- und Sunnietsein einen sehr hohen Stellenwert. Die Machthaber in Ankara sehen sich als Sprachohr der auch außer ihrer Grenzen lebenden Türken und Sunnieten. Aus diesem Beweggrunde unterstützte der türkische Staat die Dchihadkämpfer in Tschetschenien, Afghanistan, Kosovo und Bosnien.

Obwohl die türkische Regierung die USA während und nach der Irakinvasion unterstützte, sprachen selbst einige Regierungsmitglieder von den Terroristen im Irak als sunnitische Widerständler, die gegen die Invasoren kämpfen. Bei den Angriffen der islamistischen Terroristen aber, die sich durch Selbstmordattentate und Autobomben kennzeichnen, wurden Tausende irakische Zivilisten ermordet und die entführten Europäer und Ausländer geköpft.

AKP-Parlamentarier gaben während der Vorfälle in Nadjaf z.B. überhaupt keinen Ton von sich, da die Bevölkerung in Nadjaf Schiiten sind. Bei den Vorfällen in Falludja aber sprachen sie vom Massaker der Amerikaner. Ebenso die am 1. März 2005 in Hilla durchgeführten Massaker der islamistischen Terroristen, bei denen über 130 Menschen ums Leben kamen, bleiben unangesprochen, da auch Hilla mehrheitlich schiitisch ist.

Diesbezüglich schrieb der türkische Journalist Cengiz Candar zutreffend, dass der Anti-Amerikanismus in der Türkei von dem Anti-Kurdismus abgeleitet wird und dies sich leicht zu einer Anti-EU-Haltung umwandeln könnte. (Yeni Safak, 23.2.05)

 

Die AKP und der politische Islam

Nach einer Meldung von Reuters vom 3. Dezember 2004 hat die Türkei nach eigenen Angaben rund 1000 moslemische Geistliche in verschiedene europäische Staaten entsandt. "Wir haben rund 700 Geistliche nach Deutschland, 70 nach Frankreich, 100 in die Niederlande und rund 40 nach Belgien geschickt", sagte Ali Bardakoglu, Leiter des türkischen Generaldirektoriums für Religionsangelegenheiten (Diyanet).

„Das Präsidium für religiöse Angelegenheiten beschäftigt 93000 Mitarbeiter, verwaltet 72 000 Moscheen und hatte 2002 einen Jahresetat von 471 Millionen Euro. Das ist ein erstaunlicher Sachverhalt: Ein laizistischer Staat alimentiert eine Religion, zu der er keinerlei offizielle Beziehungen unterhält. Die Türkei ist somit ansatzweise zu einer islamischen oder besser sunnitischen Republik geworden. Besonders interessant ist es, daß das türkische Diyanet 1984 mit der Türkisch‑Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. eine deutsche Niederlassung gründete, die seitdem vollkommen unbehelligt Moscheen in Deutschland errichtet, verwaltet und mit dem entsprechenden Personal versieht. Die Tatsache der freien Entfaltung dieser Aktivitäten ist gerade vor dem Hintergrund der permanenten Diskriminierung der christlichen Konfessionen in der Türkei bemerkenswert“, so Wolfgang Przewieslik in seinem Aufsatz „Die Naksibendi Bruderschaft – Ist die Türkei reif für die EU?“

Wo Millionen von Aleviten keine Gebetshäuser errichten dürfen, wo Kinder der Aleviten, der Christen, der Yeziden und Atheisten an den als Pflichtfach eingeführten sunnitisch-islamischen Religionsunterricht teilnehmen müssen, wo den seit Jahrhunderten bestehenden Kirchen in Istanbul geistlichen Nachwuchs verboten wird, wo fast jeder europäischen Person eine Missionartätigkeit unterstellt wird, hat das Vorgehen des türkischen Staates weder mit Säkularität und Laizität noch mit der Gleichbehandlung der Religionen zu tun.

Seitdem die islamisch geprägte AKP die Regierungsgeschäfte übernommen hat, trauten sich die moslemischen Organisationen und Bruderschaften, die sich bis vor 2 Jahren aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit zurückgezogen hatten, wieder in Erscheinung zu treten.

Die Aktivitäten der islamischen Kreise an den Universitäten und an den Slums der Großstädte nehmen zu. Private islamische Mädchen- und Jungenheime, wo strenge islamische Regeln herrschen, sind in jeder Stadt zu begegnen. Zehntausende Koranschulen, Hunderte von Suppenküchen für sozial ausgegrenzte und arme Menschen, demonstrative Massenschlachtung beim Opferfest, gemeinsame demonstrative Gebete auf den öffentlichen Plätzen und Stellen, wie z.B. im Metro in Kizilay, das Herz Ankaras, gehören zum Stadtbild der Türkei.

Wie andere Parteien denkt auch die AKP an ihr Klientel. Die bis vor zwei Jahren vom Istanbuler Großkapital ausgegrenzte und von den Regierungen gedrängten islamischen Mittelständler aus der Provinz haben mit der AKP-Regierung Selbstvertrauen gewonnen. Sie wurden von der Regierung in Ankara hoffähig gemacht und sie sind im Vormarsch von dem Kuchen einen saftigen Teil zu bekommen. Bei den Wahlen von TOBB (Verband der Handels- und Börsenkammer der Türkei) ist die AKP im Aufbruch.

Wenn der Aufmarsch der islamischen Kräfte in der Türkei so fortgesetzt wird, wird es nicht lange dauern, bis sie anfangen, Regeln des gesellschaftlichen Lebens zu bestimmen, ja sogar zu diktieren.

 

Die Lage der Kurden aus der Sicht der EU

Nach diesem großen Bogen nähern und begeben wir uns zu unserem eigentlichen Thema. Im Fortschrittsbericht-2004 der Europäischen Union zur Türkei wird die Lage der Kurden in einigen Bereichen folgendermaßen beschrieben: „Mit einer Verfassungsänderung wurde das Verbot des Gebrauchs anderer Sprachen als Türkisch aufgehoben. Ferner wurden durch Änderung der Rechtsvorschriften Radio- bzw. Fernsehsendungen in anderen Sprachen als Türkisch, einschließlich Kurdisch, gestattet. Rundfunk und Unterricht haben 2004 begonnen. Allgemein zeigten sich die Behörden gegenüber dem Gebrauch des Kurdischen toleranter. (...)

Im April 2004 haben sechs Privatschulen in Van, Batman und Sanliurfa, im August 2004 in Diyarbakir und Adana und im Oktober 2004 in Istanbul begonnen, Kurdisch (Kirmanci-Dialekt) zu unterrichten. Bei den zuständigen Behörden wurden weitere Anträge auf Eröffnung kurdischer Sprachschulen eingereicht. Diese Schulen erhalten vom Staat keine finanzielle Hilfe und es bestehen Auflagen insbesondere für den Lehrplan, die Ernennung der Lehrer, den Zeitplan und die Schulbesucher. Insbesondere müssen die Schüler die Grundbildung abgeschlossen haben und daher über 15 Jahre alt sein. (...)

Insgesamt hat sich die Lage im Osten und Südosten des Landes, wo die meisten Menschen kurdischer Herkunft leben, sowohl was die Sicherheit als auch was die Grundfreiheiten betrifft, seit 1999 allmählich verbessert. Der Ausnahmezustand wurde aufgehoben und die Rückkehr der Binnenvertriebenen setzte sich fort. (...)

Die Lage der Binnenvertriebenen ist nach wie vor kritisch und viele leben unter prekären Bedingungen. (...) Die Rückkehr der Binnenvertriebenen wird durch die relativ unterentwickelte wirtschaftliche Entwicklung des Ostens und Südostens behindert. Die größten Hinderungsgründe für die Rückkehr der Binnenvertriebene in ihre Dörfer sind das von der Regierung geförderte System der Dorfschützer, das Problem der Landminen, das Fehlen grundlegender Infrastruktur, Kapitalmangel und fehlende Arbeitsplätze.“

 

Beispiele der doppelten Standards

Zusammengefasst kann man die im Zuge des EU-Prozesses zugestandenen und gewährten Rechte und die Lage der Kurden wie folgt wiedergeben:

Zu Beginn der 90ger Jahre hatten Staats- und Regierungschefs das Kurdenproblem noch beim Namen genannt und sagten, dass sie „die kurdische Realität anerkennen". Im Gegensatz zu damals gibt es heute nach offizieller Lesart kein "Kurdenproblem". Nach den gängigen Definitionen von türkischen Machthabern ist das Problem eine Frage des "Terrors" und des "Terrorismus" (Türkischer Premier Erdogan, am 3. September 2003 in Berlin).

Während in Istanbul, Ankara oder Izmir die Kinder der Eliten in die englischen, deutschen oder französischen Schulen gehen und in diesen Sprachen unterrichtet werden, dürfen Kinder der 15-20 Millionen Kurden ihre eigene Muttersprache auch im Jahre 2005 nicht lernen.

Die Rundfunk- und Fernsehanstalt der Türkei (TRT) sendet jeden Tag etwa in 25 Sprachen. Andere Rundfunk und Fernsehsender in Istanbul, Izmir, Antalya und Ankara strahlen ihre Sendungen in englischer, französischer oder deutscher Sprache aus. Während im Westen englische, französische, deutsche oder chinesische Sprachkurse ohne Einschränkungen angeboten werden, dürfen all diese Angebote in kurdischer Sprache entweder überhaupt nicht oder unter strengen Auflagen erfolgen.

In einem Land, in dem z.B. ein TV-Sender Namens „Show-TV“ seit über 10 Jahren sendet, in dem an fast jeder Toiletten Tür „WC“-Schild gehängt ist, an den bunten Vitrinen „Boutique XY“ und an Schaufenstern „Café Broadway“ steht; in dem auf jeder türkischen Schreibmaschine und PC-Tastatur die Buchstaben „W, Q, X“ vorhanden sind und die Herrschaften mit „www“ ins Internet gehen und surfen, werden die Anwendung dieser Buchstaben den Kurden vorenthalten und kurdische Namen mit „W, Q, und X“ verboten und nicht eingetragen.

In dem EU-Kandidatenland Türkei dürfen Kurden zwar Musikkassetten herausgeben, dennoch werden ihnen die Vermarktung und Vertreibung der mit enormen Summen produzierten Werke öfters verweigert.

Seit über Vierteljahrhundert hält die Türkei einen großen Teil von Zypern besetzt und hat für 150.000 Türken einen Satellitenstaat ausgerufen. Obwohl sich die Türkei für Zypern eine Lösung in Form von Konföderation, also zwei gleichberechtigte Republiken vorstellt, werden den Kurden, die im Fortschrittsbericht der EU-Kommission vom 6. Oktober 2005 zahlenmäßig mit 15-20 Millionen angegeben sind, die elementaren Grundrechte vorenthalten.

Man kann mit halbstündigen Fernsehsendungen und privaten Kurdisch-Kurse für Erwachsene die Kurdenfrage nicht lösen kann.

 

Die notwendigen Schritte, um den Weg zur Lösung der Kurdenfrage frei zu machen

Hier in Europa hatte man, als in den Bergen Kurdistans mit Waffen vorgegangen wurde, offen von der Kurdenfrage gesprochen und auch Lösungsvorschläge auf den Tisch gelegt sowie weiterführende Vorschläge unterbreitet. Diese deutliche Sprache muss erneut angewendet werden.

Die Maßstäbe, die die Europäer im ehemaligen Jugoslawien, im Kosovo, in Bosnien, in Zypern und in Palästina angewendet haben, müssen auch für die kurdische Frage auf den Tisch gelegt werden. Denn die Kurdenfrage betrifft nicht nur die Türkei. Es ist ein grenzüberschreitendes Problem im Nahen Osten, welches die Türkei, den Iran, den Irak und Syrien betrifft. Solange die Kurdenfrage in diesen Staaten nicht gelöst wird, sind sie zur Unstabilität verurteilt.

  • Um die angespannte Atmosphäre wieder zu entspannen, müssen die politischen Gefangenen, die inhaftierten Intellektuellen in der Türkei freigelassen werden.
  • Das Dorfschützersystem muss beseitigt und Kriegsorganisationen wie die Spezialeinheiten und die JITEM müssen aufgelöst werden.
  • Die Menschen, die wegen des Bürgerkriegs ihre Siedlungsgebiete verlassen mussten oder vertrieben worden sind, müssen entschädigt und die Voraussetzungen für ihre Rückkehr geschaffen werden.
  • Das Verbot von kurdischen Organisationen und Parteien muss aufgehoben und das Recht kurdischer Parteien, sich frei zu organisieren, anerkannt werden. Des weiteren muss man darauf bestehen, dass die 10-Prozent-Hürde bei den Wahlen abgeschafft oder herabgesetzt wird.
  • Um zu einer zivilisierten und demokratischen Lösung der Kurdenfrage zu gelangen, müssen Bedingungen für eine freie Diskussion geschaffen werden, an der alle gesellschaftlichen Schichten teilnehmen können.
  • Es müssen Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass die kurdische Sprache in allen Bereichen des Lebens einschließlich Erziehung und Bildung, Presse und Publikationen frei verwendet werden kann. Den Kurden muss das Recht zuerkannt werden, ihre Gebräuche und Traditionen frei zu leben; die geänderten Orts- und Landschaftsnamen müssen wieder in ihrer ursprünglichen kurdischen Form zugelassen werden; wer es wünscht, muss seinem Kind einen kurdischen Namen geben dürfen.
  • Bezogen auf die kurdischen Siedlungsgebiete müssen Entwicklungsprojekte und -investitionen eingeführt werden; die Grenzregionen müssen entmint und diese Ländereien an bedürftige Bauern verteilt werden. Kurdische Bauern, die von der Landwirtschaft und Viehzucht leben, müssen finanziell unterstützt werden; der Grenzhandel darf nicht behindert werden.
  • Die kommunalen Verwaltungen müssen gestärkt und die Schulden der Gemeinden, die unmittelbar durch die Kämpfe und den Kriegszustand betroffen waren, erlassen werden; diese Gemeinden müssen bevorzugt aus Sonderfonds und mit anderen vom Haushalt abgezweigten Mitteln unterstützt werden.
  • Es muss eine demokratische Verfassung ausgearbeitet werden. Dabei muss die multikulturelle Struktur der Türkei berücksichtigt und die Existenz des kurdischen Volkes und der anderen Volksgruppen sowie der religiösen Minderheiten anerkannt werden; ihre Rechte sind verfassungsmäßig zu garantieren.

Während der Beitrittsverhandlungen ist es wünschenswert, dass die EU auch mit den Kurden und Menschenrechtlern in einem ständigen und regelmäßigen Dialog und Kontakt steht.

Um die Entwicklungen während der Dauer der Beitrittskandidatur vor Ort zu verfolgen und zu koordinieren, soll auch in Diyarbakir ein Verbindungsbüro der EU eingerichtet werden, da Diyarbakir ein Knotenpunkt der Staaten Iran, Irak, Syrien und der Türkei ist.

Da verstärkt Irak im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, scheint es angebracht, dass Deutschland und die EU über eine neue irakische Verfassung, sowie über einen föderalen Irak nachdenken und positiv bei der Umsetzung mitwirken. Bundesrepublik und die EU können mit der Regionalregierung in Irakisch-Kurdistan offiziell Kontakt aufnehmen und politische, wirtschaftliche und entwicklungspolitische Zusammenarbeit starten.

(Anfang März 2005)

 

 

drucken

copyright © 2002-2005 info@pen-kurd.org