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VEREIN
DER KURDISCHEN LEHRER IN EUROPA e.V. YEKÎTIYA
MAMOSTEYÊN KURD -
c/o
Muharrem Ayalp
Dobbenweg 2
49193 Lohne/D
Tel. : 04442-739021 Handy:
0171-1779301
E-mail: M.Ayalp@gmx.de Verein
der kurdischen Lehrer in Europa e.V.
c/oMuharrem
Ayalp, Dobbenweg 2, 49193 Lohne/D Herrn Lohne, den 09.03.2006 Olli Rehn Rue
de la Loi 200 1040
Bruxelles/Belgien Betr.
EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei – Muttersprachlicher Unterricht
für kurdische Schülerinnen und Schüler
in der Türkei Sehr
geehrter Herr Rehn, eine neue
Phase der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei hat seit dem 3. Okt.
2005 begonnen, die wir als kurdische Lehrerinnen und Lehrer in Europa mit
großer Anteilnahme verfolgen. Wir möchten als der Verein der kurdischen
Lehrer in Europa e.V. auf einige grundsätzliche Sachverhalte und
Forderungen der Kurden in der Türkei verweisen und hoffen,
dass diese in die mit der Türkei zu führenden Verhandlungen
eingehen. Die jedem Menschen zustehenden Grundrechte, so auch das Recht auf
Muttersprache im türkischen Erziehungssystem, gelten in gleicher Weise auch
für Kurden. Als eine
zivilgesellschaftliche Organisation (YMK), die am ehesten in der Lage ist,
aus der Perspektive der betroffenen Kurden die Lage zu beschreiben,
sehen wir uns in der Verantwortung,
das Anliegen der Kurden zu vertreten und Ihnen, wenn Sie es wünschen,
weitere Informationen zu geben. Mit den
bisherigen Reformpaketen und den damit einhergehenden neuen Verordnungen
wurden in der Türkei nur sehr begrenzte Fortschritte erzielt. Immer noch
tut sich die Türkei schwer, die geforderten Reformen, wie „Schutz und
Achtung von Minderheiten“, die in den Kopenhagener Kriterien festgehalten
sind, umzusetzen. Bisher
wurden in der Türkei nur Privatkurse zugelassen, in denen kurdische Kinder
gegen Bezahlung ihre Muttersprache erlernen durften. In zehn verschiedenen
Orten wurden unter hohem finanziellen und organisatorischen Aufwand seitens
privater Träger Klassenräume umgebaut und eingerichtet,
Unterrichtsmaterialien angeschafft, erforderliches Personal eingestellt.
Die Kurse sollten außerhalb der offiziellen Unterrichtszeit von den
Kindern, die mindestens 11 Jahre alt sein mussten,
besucht werden. Eltern, Schüler und Lehrer waren nicht nur
finanziell überfordert, sondern durch die zeitliche Einschränkung auch
noch zuhöchst benachteiligt. Bekanntermaßen ist die ökonomische Lage in
den Provinzen mit überwiegend kurdischer Bevölkerung
sechs mal schwächer als im Westen der Türkei. Dies hatte zur Folge,
dass die Kurse, die mit so viel Hoffnung ermöglicht
worden waren, bald nicht mehr besucht werden konnten. Um echte
Chancengleichheit Darum
sollte bei den Beitrittsverhandlungen das Recht auf Muttersprache auch für
Kurden präzisiert und erneut behandelt werden. Wir bitten Sie, sich dafür
entsprechend einzusetzen. Auch wenn
Ihnen viele Informationen zur vergangenen und aktuellen Situation der Türkei
vorliegen mögen, wollen wir hier dennoch für manche Sachverhalte noch
einmal um Ihre Aufmerksamkeit bitten. Es
ist nicht zu verleugnen, dass die Türkei ein Vielvölkerstaat ist. Unter
dieser Gegebenheit haben die Völker
der Türkei bis heute viel Leid erfahren müssen. Immer wieder war die türkische
Antwort auf die berechtigten Forderungen der verschiedenen Ethnien und deren
kulturelle und religiöse Identitäten eine Reaktion, die Leid, Blut und Tränen
auslösten. Das hat das Bewusstsein der unterschiedlichen Ethnien bis in die
Gegenwart zutiefst geprägt und beeinflusst, so dass viele Personen dieser
Volksgruppen sich bis heute wie
Menschen zweiten Ranges fühlen. So
wurden die Armenier in einem Vertreibungsgenocid
aus Anatolien weggefegt, die Griechen noch zuletzt aus Istanbul durch
Pogrome vertrieben, enteignet. Mit den Aramäern, Nestorianern und
kurdischen Yeziden und Aleviten verhielt es sich
nicht anders. Seit
der Gründung der türkischen Republik gab es insgesamt 29 kurdische Aufstände
mit anschließenden Massakern an der kurdischen Bevölkerung, wie selbst der
türkische Ex- Präsidenten Demirel zugegeben und bestätigt hat. Das
nationalstaatliche Denken verwandelte das Land für die verschiedenen
Ethnien in einen Kerker bzw.
ein Grab. Diesem
nationalstaatlichen Denken wurde alles andere im Land geopfert, so wurde das
Andere oder das Anderssein niemals geduldet oder akzeptiert, wenn es nicht
mit drastischen internationalen Zwängen für das Regime verbunden war. Leider
blieb die westliche Welt oftmals gegenüber all diesen
Menschenrechtsverletzungen ruhig, weil sie ihre eigenen Interessen in den
Vordergrund stellte. Während diese Zustände zahlreichen demokratischen,
die Freiheit suchenden Menschen das Leben kostete, war der einzige, der
hieraus seinen Profit zog, „der Staat hinter dem Staat“ mit seinen
undurchschaubaren Machenschaften. Bei den
Verhandlungen mit der Türkei müssen die Kopenhagener Kriterien im
Vordergrund stehen und nicht die Empfindlichkeiten der Türkei.
Die Integration eines Partners, der seine innenpolitischen Probleme
noch nicht gelöst hat oder sich selbst über diese hinwegtäuscht, wird
sich sehr schwierig gestalten. Das wiederum wird dem Image und dem Denken
der Union, die den Zusammenhalt gewährleistet, erheblichen Schaden zufügen.
Demzufolge ist der Ansatz, dass die Türkei mit ihren ungelösten inneren
Konflikten auf lange Sicht hin eine strategische Brücke zwischen Ost und
West, Orient und Okzident darstellen könnte, nicht wirklich überzeugend.
Folglich ist diesem Verhalten der Türkei, die glaubt, nehmen zu können,
ohne zu geben, mit einem entschiedeneren Auftreten als bisher zu begegnen.
Alle Erfahrungen beweisen, dass die Toleranz, die die EU bis heute gegenüber
der Türkei aufbrachte, zu keinen nennenswerten Ergebnissen geführt hat. In der Türkei werden manche Menschenrechte aufgrund des vorherrschenden Kemalismus immer noch tabuisiert. Eines davon ist das Recht auf eine Schulbildung in der Muttersprache, in unserem Falle auf Kurdisch. Unserer Meinung nach stellt die Lage in der Türkei, wo Millionen kurdischer Kinder gezwungen werden, in einer
anderen Sprache, als der ihrer Mütter, Lesen und Schreiben zu
Muttersprachelernen. Wir bitten die Europäische Kommission mehr Druck auf
die Türkei auszuüben, damit die
Assimilationspolitik eingestellt wird. Wir sind ein Volk, das in der östlichen
und südöstlichen Türkei in 22 Städten und Hunderten von Kreisen in
nahezu geschlossenen Siedlungsgebieten lebt und
dort Kurdisch spricht; zudem leben in den westtürkischen Großstädten
und Metropolen Millionen von Kurden. Die Zahl unserer Kinder umfasst
Millionen. Sie sind jedoch Schüler in Schulen, wo ihre Muttersprache
verboten ist, in einer Umgebung, in der sogar das Sprechen einzelner
kurdischer Worte mit Prügelstrafen sanktioniert wird. Lehrer werden dafür
zwangsversetzt, wenn sie im ersten Schuljahr Kindern mit kurdischen Worten
helfen, weil diese kein Türkisch verstehen. Es findet sich keine andere so große
Volksgruppe auf der Welt, deren Schicksal in dieser Frage auch nur
ansatzweise vergleichbar wäre. Die Türkei verlangt für alle türkisch -stämmigen
Menschen, etwa in Bulgarien, Griechenland, Irak, Deutschland und auch im
restlichen Europa, Muttersprachenunterricht
und lässt dies auch immer in die Praxis umsetzen. Für kurdische Kinder
jedoch wird diesem Verlangen in keiner Weise entsprochen, im Gegenteil
werden derartige Forderungen aufs Schärfste bekämpft. Das Recht auf
Muttersprachenunterricht ist ein universelles Menschenrecht, das in allen
internationalen Konventionen, so auch in erster Linie in der
Menschenrechtscharta der UNO, seinen Platz hat. Wir warten dringend darauf, dass
sich in der Türkei eine wirkliche Veränderung vollzieht. Die Reformen, die
in diesem Zuge stattfinden, müssen im europäischen Sinne sein. Ihre
Umsetzung muss streng überwacht werden, damit sie nicht bloß in den Akten
verschwinden, sondern auch wirklich das reale Leben der Menschen verändern.
Die Menschen müssen quasi diese Europäisierung spüren, damit sie die
positiven Einflüsse dessen in ihrem eigenen Leben erkennen und auch selbst
anfangen, diesen wünschenswerten Prozess der Demokratisierung mit zu
gestalten. Geben Sie den Menschen diese Chance durch konsequente Forderungen, die nicht nur darauf abzielen, wirtschaftliche und strategische Interessen der EU in der Türkei umzusetzen. Wir hoffen, dass die hier angesprochenen Themen in Ihrer Komission Leben finden. Bezüglich des Muttersprachlichen Unterrichts bitten wir darum, sich mit EGITIM-SEN, der größten türkischen Lehrergewerkschaft, und der deutschen GEW in Verbindung zu setzen, die sich schon längere Zeit in dieser Angelegenheit engagiert haben. Kurdische, deutsche und auch türkische Wissenschaftler haben dazu gearbeitet. Unsere Forderungen beziehen sich auf
folgende Punkte: - Einbeziehung muttersprachlichen Unterrichts für alle interessierten Ethnien in den offiziellen Schulunterricht - Gleichbehandlung aller Glaubensrichtungen - Gleichberechtigtes Nebeneinander der verschiedenen Kulturen und Identitäten - Meinungsfreiheit Mit freundlichen Grüßen i.A. Muharrem Ayalp (Vorsitzender)
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