VEREIN DER KURDISCHEN LEHRER IN EUROPA e.V.

YEKÎTIYA MAMOSTEYÊN KURD  - YMK

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Verein der kurdischen Lehrer in Europa e.V.                                                                                                                              

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Herrn                                                                                                             Lohne, den 09.03.2006

Olli Rehn

Rue de la Loi 200

1040 Bruxelles/Belgien

 

Betr. EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei – Muttersprachlicher Unterricht für kurdische Schülerinnen und Schüler in der Türkei

 

Sehr geehrter Herr Rehn,

eine neue Phase der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei hat seit dem 3. Okt. 2005 begonnen, die wir als kurdische Lehrerinnen und Lehrer in Europa mit großer Anteilnahme verfolgen. Wir möchten als der Verein der kurdischen Lehrer in Europa e.V. auf einige grundsätzliche Sachverhalte und Forderungen der Kurden in der Türkei verweisen und hoffen,  dass diese in die mit der Türkei zu führenden Verhandlungen eingehen. Die jedem Menschen zustehenden Grundrechte, so auch das Recht auf Muttersprache im türkischen Erziehungssystem, gelten in gleicher Weise auch für Kurden.

Als eine zivilgesellschaftliche Organisation (YMK), die am ehesten in der Lage ist, aus der Perspektive der betroffenen Kurden die Lage zu beschreiben,  sehen wir uns in der Verantwortung,  das Anliegen der Kurden zu vertreten und Ihnen, wenn Sie es wünschen, weitere Informationen zu geben. 

Mit den bisherigen Reformpaketen und den damit einhergehenden neuen Verordnungen wurden in der Türkei nur sehr begrenzte Fortschritte erzielt. Immer noch tut sich die Türkei schwer, die geforderten Reformen, wie „Schutz und Achtung von Minderheiten“, die in den Kopenhagener Kriterien festgehalten sind, umzusetzen.

Bisher wurden in der Türkei nur Privatkurse zugelassen, in denen kurdische Kinder gegen Bezahlung ihre Muttersprache erlernen durften. In zehn verschiedenen Orten wurden unter hohem finanziellen und organisatorischen Aufwand seitens privater Träger Klassenräume umgebaut und eingerichtet, Unterrichtsmaterialien angeschafft, erforderliches Personal eingestellt.  Die Kurse sollten außerhalb der offiziellen Unterrichtszeit von den Kindern, die mindestens 11 Jahre alt sein mussten,  besucht werden. Eltern, Schüler und Lehrer waren nicht nur finanziell überfordert, sondern durch die zeitliche Einschränkung auch noch zuhöchst benachteiligt. Bekanntermaßen ist die ökonomische Lage in den Provinzen mit überwiegend kurdischer Bevölkerung  sechs mal schwächer als im Westen der Türkei. Dies hatte zur Folge, dass die Kurse, die mit so viel Hoffnung

ermöglicht worden waren, bald nicht mehr besucht werden konnten. Um echte Chancengleichheit im Bildungsbereich zu gewährleisten, muss daher die muttersprachliche Erziehung für kurdische Schüler und Schülerinnen offiziell im staatlichen Schulsystem angeboten werden. Dies ist noch lange kein Ausdruck separatistischer Tendenzen und schließt die Anerkennung des türkischen Staates auch für die Kurden ausdrücklich mit ein.

Darum sollte bei den Beitrittsverhandlungen das Recht auf Muttersprache auch für Kurden präzisiert und erneut behandelt werden. Wir bitten Sie, sich dafür entsprechend einzusetzen.

Auch wenn Ihnen viele Informationen zur vergangenen und aktuellen Situation der Türkei vorliegen mögen, wollen wir hier dennoch für manche Sachverhalte noch einmal um Ihre Aufmerksamkeit bitten.

Es ist nicht zu verleugnen, dass die Türkei ein Vielvölkerstaat ist. Unter dieser Gegebenheit  haben die Völker der Türkei bis heute viel Leid erfahren müssen. Immer wieder war die türkische Antwort auf die berechtigten Forderungen der verschiedenen Ethnien und deren kulturelle und religiöse Identitäten eine Reaktion, die Leid, Blut und Tränen auslösten. Das hat das Bewusstsein der unterschiedlichen Ethnien bis in die Gegenwart zutiefst geprägt und beeinflusst, so dass viele Personen dieser Volksgruppen  sich bis heute wie Menschen zweiten Ranges fühlen. 

So wurden die Armenier in einem Vertreibungsgenocid  aus Anatolien weggefegt, die Griechen noch zuletzt aus Istanbul durch Pogrome vertrieben, enteignet. Mit den Aramäern, Nestorianern und kurdischen Yeziden und Aleviten verhielt es sich  nicht anders.

Seit der Gründung der türkischen Republik gab es insgesamt 29 kurdische Aufstände mit anschließenden Massakern an der kurdischen Bevölkerung, wie selbst der türkische Ex- Präsidenten Demirel zugegeben und bestätigt hat. Das nationalstaatliche Denken verwandelte das Land für die verschiedenen Ethnien  in einen Kerker bzw. ein Grab.  Diesem nationalstaatlichen Denken wurde alles andere im Land geopfert, so wurde das Andere oder das Anderssein niemals geduldet oder akzeptiert, wenn es nicht mit drastischen internationalen Zwängen für das Regime verbunden war.

Leider blieb die westliche Welt oftmals gegenüber all diesen Menschenrechtsverletzungen ruhig, weil sie ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellte. Während diese Zustände zahlreichen demokratischen, die Freiheit suchenden Menschen das Leben kostete, war der einzige, der hieraus seinen Profit zog, „der Staat hinter dem Staat“ mit seinen undurchschaubaren Machenschaften.

Bei den Verhandlungen mit der Türkei müssen die Kopenhagener Kriterien im Vordergrund stehen und nicht die Empfindlichkeiten der Türkei.  Die Integration eines Partners, der seine innenpolitischen Probleme noch nicht gelöst hat oder sich selbst über diese hinwegtäuscht, wird sich sehr schwierig gestalten. Das wiederum wird dem Image und dem Denken der Union, die den Zusammenhalt gewährleistet, erheblichen Schaden zufügen. Demzufolge ist der Ansatz, dass die Türkei mit ihren ungelösten inneren Konflikten auf lange Sicht hin eine strategische Brücke zwischen Ost und West, Orient und Okzident darstellen könnte, nicht wirklich überzeugend. Folglich ist diesem Verhalten der Türkei, die glaubt, nehmen zu können, ohne zu geben, mit einem entschiedeneren Auftreten als bisher zu begegnen. Alle Erfahrungen beweisen, dass die Toleranz, die die EU bis heute gegenüber der Türkei aufbrachte, zu keinen nennenswerten Ergebnissen geführt hat.

In der Türkei werden manche Menschenrechte aufgrund des vorherrschenden Kemalismus immer

noch tabuisiert. Eines davon  ist das Recht auf eine Schulbildung in der Muttersprache, in unserem

Falle auf Kurdisch. Unserer Meinung nach stellt die Lage in der Türkei, wo Millionen kurdischer

Kinder gezwungen werden, in einer anderen Sprache, als der ihrer Mütter, Lesen und Schreiben zu Muttersprachelernen. Wir bitten die Europäische Kommission mehr Druck auf die Türkei auszuüben, damit die Assimilationspolitik eingestellt wird.

Wir sind ein Volk, das in der östlichen und südöstlichen Türkei in 22 Städten und Hunderten von Kreisen in nahezu geschlossenen Siedlungsgebieten lebt und  dort Kurdisch spricht; zudem leben in den westtürkischen Großstädten und Metropolen Millionen von Kurden. Die Zahl unserer Kinder umfasst  Millionen. Sie sind jedoch Schüler in Schulen, wo ihre Muttersprache verboten ist, in einer Umgebung, in der sogar das Sprechen einzelner kurdischer Worte mit Prügelstrafen sanktioniert wird. Lehrer werden dafür zwangsversetzt, wenn sie im ersten Schuljahr Kindern mit kurdischen Worten helfen, weil diese kein Türkisch verstehen.

Es findet sich keine andere so große Volksgruppe auf der Welt, deren Schicksal in dieser Frage auch nur ansatzweise vergleichbar wäre. Die Türkei verlangt für alle türkisch -stämmigen Menschen, etwa in Bulgarien, Griechenland, Irak, Deutschland und auch im restlichen Europa,  Muttersprachenunterricht und lässt dies auch immer in die Praxis umsetzen. Für kurdische Kinder jedoch wird diesem Verlangen in keiner Weise entsprochen, im Gegenteil werden derartige Forderungen aufs Schärfste bekämpft.

Das Recht auf Muttersprachenunterricht ist ein universelles Menschenrecht, das in allen internationalen Konventionen, so auch in erster Linie in der Menschenrechtscharta der UNO, seinen Platz hat.

Wir warten dringend darauf, dass sich in der Türkei eine wirkliche Veränderung vollzieht. Die Reformen, die in diesem Zuge stattfinden, müssen im europäischen Sinne sein. Ihre Umsetzung muss streng überwacht werden, damit sie nicht bloß in den Akten verschwinden, sondern auch wirklich das reale Leben der Menschen verändern. Die Menschen müssen quasi diese Europäisierung spüren, damit sie die positiven Einflüsse dessen in ihrem eigenen Leben erkennen und auch selbst anfangen, diesen wünschenswerten Prozess der Demokratisierung mit zu gestalten.

Geben Sie den Menschen diese Chance durch konsequente Forderungen, die nicht nur darauf abzielen, wirtschaftliche und strategische Interessen der EU in der Türkei umzusetzen. Wir hoffen, dass die hier angesprochenen Themen in Ihrer Komission Leben finden. Bezüglich des Muttersprachlichen Unterrichts bitten wir darum, sich mit EGITIM-SEN, der größten türkischen Lehrergewerkschaft, und der deutschen GEW in Verbindung zu setzen, die sich schon längere Zeit in dieser Angelegenheit engagiert haben. Kurdische, deutsche und auch türkische Wissenschaftler haben dazu gearbeitet.

Unsere Forderungen beziehen sich auf folgende Punkte:

-                    Einbeziehung muttersprachlichen Unterrichts für alle interessierten Ethnien in den offiziellen Schulunterricht

-                    Gleichbehandlung aller Glaubensrichtungen

-                    Gleichberechtigtes Nebeneinander der verschiedenen Kulturen und Identitäten

-                    Meinungsfreiheit

 

Mit freundlichen Grüßen

          i.A.

Muharrem Ayalp

  (Vorsitzender)

 

 

 

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