Dieter Stork

Poetentreffen in Dresden

Dresden, November/Dezember 2002: Zu einem zweitägigen Poetentreffen von über Autoren hatte das Kurdische Pen-Zentrum Dresden unter der Organisation von Younes Bahram, Dresden, eingeladen, wobei der Vorsitzende des Kurdischen Pen-Zentrums, Dr. Zaradachet Hajo, Oldenburg, neben den Mitgliedern des Kurdischen Pen auch vier Mitglieder des Schriftstellerverbandes aus Ostwestfalen (VS OWL), Christian Schneider als Vertreter des Sorbischen Pen-Clubs sowie fünf Mitglieder des Förderkreises für Literatur in Sachsen, alle in Dresden ansässig, begrüßen konnte, den Vorsitzenden Rudolf Scholz, die Mitglieder Barbara Müller, Dr. Heinz Zeidler, Dr. Lothar Trampau, Edward Güldner und Detlef Merbt. Zwei Vertreter des deutschen Pen-Clubs Dresden mußten ihre Zusage wieder zurückziehen, ebenso der Vertreter des ASSO-Verbandes, Dresden. Die Mitglieder des Kurdischen Pen-Zentrums reisten wie die Ostwestfalen von weit her an, aus Köln und Düsseldorf, aus Oldenburg, Bonn und Berlin, um nur einige Herkunftsorte zu nennen. Aus OWL waren Dr. Konrad Lehmann, Michael Halfbrodt, Dieter Stork und Nilgün Demirkaya angereist. Dieter Stork, emeritierter evangelischer Pfarrer, übernahm auf Wunsch von Dr. Hajo die Moderation. Scherin Perwer und die Gruppe Shemon aus Zwickau schufen den musikalischen Rahmen, Scherin Perwer, Malerin und Sängerin, war aus Bonn angereist. Ihre Bilder schmückten den Kleinen Saal des Ballhauses Watzke, ihre Lieder bildeten, wie es so heißt, den krönenden Abschluß am Sonntagmittag. 

Zwei poetische Tage

Zwei Tage waren die Autoren beieinander, rückten in ihrem Kreis immer enger zusammen, nachdem es am Morgen des ersten Tages zögernd voran ging. Aber als sich die TeilnehmerInnen im Tischkreis vorgestellt hatten, schimmerte jede Autorenpersönlichkeit schon weniger ängstlich her. Schließlich, als es ans Lesen ging, wurde Jedermann und -frau freier. Im Kleinen Saal des Ballhauses Watzke hatte man sich zur Lese- und Gesprächsrunde eingefunden, mit freiem Blick auf die ruhig in ihrem Bett dahinströmende Elbe, gegen Abend in ein sanftes Rosa getaucht. Alle lasen aus eigenen Werken. Nicht länger als 15 Minuten durfte die Lesung dauern, anschließend gab es Gespräche hin und her, nicht zu lange, nicht ausufernd, nicht abschweifend, denn schließlich mußte der Nächste drankommen. Ein Marathon?

Spannende Lesungen

Keineswegs, denn es ging bei den Lesungen so spannend zu, daß die Zuhörerschar aufmerksam blieb, wie denn die Geschichte weiter- und ausging, die gerade vorgetragen, gelesen oder auch erzählt wurde. Verkehrssprache war deutsch. „Alle Achtung, wie hier auf Deutsch gelesenen, erzählt und parliert wird“, staunten die deutschen TeilnehmerInnen. Und zu erzählen, das merkte man der Runde an, liegt dem kurdischen Volk im Blut. Von Kindesbeinen an hören Kurde und Kurdin Geschichten in größeren und kleineren Erzählrunden, von Jung an werden sie zum Erzählen erzogen - Jeder Kurde, ein Poet!

Sensible Zwischengespräche

Die Anschlußgespräche wurden sensibel geführt. Es gab kein Poetenhickhack, wenn auch mit Fragen und Beiträgen zum jeweiligen Vortrag nicht gespart wurde. So lagen Anspannung und zugleich Wärme in der Runde. Niemand schlief ein, keiner lief weg. Samstags wurde in zwei großen Arbeitseinheiten gelesen, Morgens und Nachmittags, am Sonntagmorgen las man in einer dritten Runde gleich bis 14.00 Uhr durch. Es war den Veranstaltern wichtig, daß sich jeder mit seinem Werk vorstellen konnte. Wichtig war auch, daß es zu einem gründlichen, aber nicht zu langem Auswertungsgespräch nach jeder Lesung kam.   

Mehrfachbegegnung

Hintergrund für dieses eindrucksvolle Dichtertreffen war eine Einladung des VS OWL nach Bielefeld und Bünde, Westfalen an das Kurdische Pen-Zentrum vor einem Jahr gewesen. Diese Einladung beinhaltete Lesungen in Ostwestfalen mit gutem Echo. Nun fand der Gegenbesuch statt, jetzt in einem erweiterten Rahmen. Das Treffen geriet nicht nur zu einem Kurdisch-Deutschen Diskurs. Auch die deutsch-deutsche Begegnung warf interessante Aspekte ab, hinzu trat das Sorbische Element. So entstand ein bunter Geschichten- und Literaturbilderbogen, der sich zwei Tage lang im Ballhaus Watzke entrollte.

Schwere Schicksale

Beim Lesen der einzelnen Geschichten und beim Erzählen zwischendurch wurde den deutschen Teilnehmern deutlich, welch schwere Schicksale sich hinter dem Stichworten Kurde, Kurdin und Kurdistan verbergen. Dabei wurde es, was man als außenstehender Betrachter hätte fürchten können, nie agitatorisch-politisch. Sanft sind die Geschichten, die zum Vortrag kommen, vom Heimweh gezeichnet,  von Trauer durchwoben, von Hoffnung und Humor durchsetzt. Es kommen Volkserzählungen, Volksmärchen oder moderne, philosophische Texte zu Gehör. Allen Texten ist die Erzähl- und Gestaltungsfreude der AutorInnen anzumerken. Eine tiefe Stimmung kommt auf, wenn Nilgün Demirkaya ihre Gedichte, voll beeindruckender Bilder, vorträgt.   

Kurdische Kultur

Wer weiß schon, daß das Kurdische Volk 44 Millionen Menschen zählt, das im Osmanischen Reich seine leidliche Existenz führen konnte, da Osmanien einen Vielvölkerstaat bildete, in dem es gleich mehrere Sprachen nebeneinander gab? Das wurde schon vor Einführung des laizistischen Staatswesens in der Türkei anders. Die Kurden wurden mit dem Zusammenbruch Osmaniens in fünf Anrainerstaaten zwangseingeordnet, die sich nun bildeten oder als bereits vorhandene Staaten vergrößerten. Heute ist es in den meisten dieser Staaten verboten, ein Buch in kurdischer Sprache zu besitzen, kurdisch zu sprechen. Nicht einmal ein kurdisches Alphabet darf bei einer Hausdurchsuchung gefunden werden. Einzelschicksale kommen bei den Lesungen zutage, aber keine Wehleidigkeit, auch nicht, was „man“ schnell vermutet: Verbitterung, gar Hetze - nichts von dem! „Wir müssen unter den gegebenen Verhältnissen leben, auch mit ihnen. Unsere friedlichen Werkzeuge sind unsere Worte, unsere Sprache, unsere Kultur, anderes gibt es nicht“, so Dr. Hajo in seinem Abschlußwort. Kurdische PoetInnen sind wirklich rege, Schrift, Sprache und Kultur zu pflegen, ihre Geschichten und Romane zu veröffentlichen, im Gedächtnis Europas erhalten zu bleiben, an die Öffentlichkeit zu treten. Dabei ist das Kurdische dem Deutschen und anderen indo-europäischen Sprachen sehr verwandt, wie der Sprachphilologe Dr. Hajo darlegte. Wer weiß, daß auf Kurdisch Bruder „Brar“ heißt, auf Platt, wie die anwesenden Ostwestfalen schnell feststellten, „Bror“, auf Dänisch ebenso?


Deutsch-deutscher Dialog

Und der deutsch-deutsche Dialog? Wie es für die Dresdener das erste Mal war, daß sie zusammen mit kurdischen Autoren lasen und ins Gespräch kamen, so war auch der deutsch-deutsche Dialog ungewohnt, von Autor zu Autor entspann sich das Gespräch am besten in den Pausen und beim Mittagessen. Wie es doch früher, in DDRs Zeiten besser um die Kultur bestellt gewesen sei, aber Anderes sei nun heute besser. Und ein Text aus dem Westen, der minutiös in immer neuen Anläufen, jedoch sparsam in der Wortwahl, schildert, wie jemand, der eine eigene Meinung hat und diese durchsetzen möchte, millimeterweise von der Mehrheit umgedreht wird - und schließlich selbst energisch bejaht, daß er umgedreht wurde? Ein Text, wie die Westler meinten, aus dem Westen für den Westen! Was wiederum die Ostler schwer verstehen konnte!

Wiederholen und vertiefen

„Es hat sich gelohnt, es war wichtig, wir möchten uns wieder treffen, wir möchten wiederholen und vertiefen“, so die Auswertungsrunde. Es gab Lob für dieses Begegnungswochenende, auch, weil durch das Experiment dieser Poetenbegegnung allen klar wurde: „Dieses Treffen ist ein Anfang!“ Man solle die Zusammenarbeit vertiefen, so das Echo von allen Seiten. Was die deutschen Poeten beeindruckte: „Fast alle kurdischen TeilnehmerInnen schreiben und lesen auf Deutsch“, eine Leistung, die die deutschen Literaten bewundernd anerkannten. 


Sprichwörtliche kurdische Gastfreundschaft

Die einladende Gruppe, das Kurdische Pen-Zentrum, bewirtete ihre Gäste im Ararat und Durum, zwei Dresdner Lokalitäten, die gut auftischten - und auch sponserten. Vier opulente Mahlzeiten wurden gereicht, fast 30 Personen aßen und tranken kurdisch und das Kurdische Pen-Zentrum ließ es sich nicht nehmen, die Kosten zu tragen, dazu auch die Kosten für die Übernachtungen der Ostwestfalen. „Ein Wochenende“, so das Urteil eines der abreisenden Gäste, „das sich tief in mein Innenleben eingedrückt hat. Danke, Kurdisches Pen-Zentrum, danke, Younes Barahm, danke Dr. Hajo, danke Dresden!“ Überhaupt war dieses Wochenende vom Geist der Dresdner Großzügigkeit und Gastfreundschaft getragen, hatte doch auch das Ballhaus Watzke sein Sponsering zum Gelingen der Tagung beigetragen.      

Kurden unter uns - kurdische Autoren, wer sind sie, wie leben sie, was machen wie, wie und was schreiben sie?

Einige von ihnen sind längst deutsche Staatsbürger - und haben doch die Sehnsucht nach ihrer kurdischen Heimat nicht aus dem Herzen verloren, die Eltern und Geschwister wohnen in Syrien oder in der Türkei, im Irak, Iran und Armenien, freundliche, höfliche, zurückhaltende Menschen, die sich freuen, wenn jemand, der ihnen fremd ist, ihr Freund, ihre Freundin wird. Hier wird eine kleine Auswahl der kurdischen Poeten vorgestellt, die nach Dresden gekommen waren, um hier am Kurdisch-deutschen Poetentreffen teilzunehmen.  

Dr. Zaradachet Hajo, geb.1950 in Kurdistan/Syrien, Studium der Germanistik / Linguistik und Iranistik an der FU Berlin, Promotion über „Indo - Iranische Sprachstudien" in Berlin 1982; Dozent an den Universitäten Berlin, Bremen, Hamburg und Essen, Übersetzer literarischer Texte, Mitarbeit an der Bibelübersetzung in die kurdische Sprache; Aufsätze und Abhandlungen für kurdische Zeitungen und Zeitschriften; Gedichtband „Lieder aus dem Exil". Seit 1998 Präsident des Kurdischen PEN-Zentrums.

Younes Bahram, geb. 1967 in Gharbi / Syrien, verheiratet seit 1998, 2 Kinder (6 und 4 Jahre), Abitur in Syrien, Ausbildung zum Medizinisch - Technischen Radiologen, 1992 - 1994 Studium der Politologie in der TU Dresden, 1994 bis heute freiberuflicher Journalist und beeidigter Dolmetscher sowie Sachverständiger für die kurdische und arabische Sprache. Märchen und Fabeln aus Kurdistan; u. a.

Nazif Telek, geb. 1957 in Bidlis/Nordkurdistan (Türkei). Nach dem Abitur und einer Fachhochschulausbildung als Hochbautechniker Übersiedlung in die BRD, seit 1991 deutscher Staatsbürger. Erste literarische Veröffentlichungen 1972.

Hüseyin Kartal, geb. 1958 in Batman (Kurdistan/Türkei), Studium an FU-Berlin: Iranistik/Ethnologie; Veröffentl.: Monodialog; Serok u Sokrates; Amore Roma.

Moustafa Rechid, geb. 1945 im Südwesten Kurdistans, seit 1970 in Deutschland. Von 1979 bis 1985 Unterricht in Kurdisch an der VHS Berlin. 1991 Einbürgerung; 1994 Gedichte in Kurdisch; Mitarbeit an Schulbüchern für kurdische Kinder, Kurdische Märchen u.a.; 1997 Fernsehsendung „Kunstredearten in kurdischen Volksliedern", oft wiederholt;

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