- 20
Jahre nach Halabdscha
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- Das
ethnisch motivierte Giftgas-Massenmorden dauerte zwei Jahre und
brachte 180.000 irakischen Kurden den Tod
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Sissy
Danninger
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- Es war die erste Maiwoche des
Jahres 1988. Im Dorf Askar am Unteren Zabfluss im irakischen
Kurdengebiet kränkelte ein Kind. Die Großeltern entschlossen sich,
mit dem Enkerl einen Arzt in der nächstgelegenen Stadt aufzusuchen.
Sie verließen das Heimatdorf am frühen Vormittag. Glücklicherweise
ergab die ärztliche Untersuchung nichts Schlimmes. Die Erleichterung
darüber wich jedoch bei der Heimkehr am späten Nachmittag blankem
Entsetzen:
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- Von der am Morgen noch 30köpfig
gewesenen Familie waren die Großeltern und das Kind die einzigen Überlebenden.
Insgesamt acht Erwachsene und 19 Kinder waren allein in diesem
Bauernhaus beim Mittagessen vom Bombardement überrascht und offenbar
binnen Minuten durch einen Chemiewaffen-Angriff der irakischen
Streitkräfte getötet worden.
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- Noch heute, im Jahr 2008,
ringt die kurdischstämmige Österreicherin Schirin (1976 geflüchtet)
in Wien um ihre Fassung, wenn sie diesen Bericht wiedergibt. Sie hat
ihn von ihrer aus Askar stammenden Mutter erhalten. Zugleich ist sie
verbittert, dass die über insgesamt rund zwei Jahre in ganzen Serien
von Angriffen durchgeführten Giftgas-Massenmorde an Angehörigen
ihres Volkes im Irak bis auf „Halabdscha“ am 16. März 1988
weltweit so gut wie keine Beachtung fanden. Im Gegensatz zu Halabdscha
gab es in den übrigen Fällen keine iranische
Kriegspropaganda-Maschinerie, die Nachrichten und Photos der mit 5.000
bezifferten Toten in alle Welt sandte.
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- Tatsächlich umfasste allein
die sogenannte „Operation Anfal“ im Zeitraum vom 23. Februar bis
zum 6.September 1988 insgesamt acht Serien von Chemiebomben-Attacken
auf verschiedene, kurdische Siedlungsräume. Die Gesamtzahl der
Todesopfer wird mit 180.000 angegeben. Tausende Dörfer wurden entvölkert
und verwüstet, von geflüchteten Kurden verlassene, intakte Häuser
bis in die Erdölstadt Kirkuk arabisiert, das gesamte Hab und Gut
geraubt.
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- Die arabische Bezeichnung
„Anfal“ ist übrigens dem Koran entnommen und steht für
Kriegsbeute. Aber die Giftgas-Angriffe durch die irakische Armee
hatten bereits im Jahr vor diesen Operationen begonnen. Das Institut
Kurde in Paris listet dazu in einem eigenen Dossier 18 Attacken mit
Daten, betroffenen Ortschaften sowie Zahlen der Toten und Verletzten
auf – vom 15. April bis zum 14. September 1987.
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- Dass der Irak damals
zweifelsfrei Massenvernichtungs-Waffen nicht nur besaß, sondern
massiv zum Einsatz brachte, rief tragischerweise noch lange keine
internationale Staaten-Koalition auf den Plan. Dies sollte noch über
den Kuwait-Krieg 1990/91 hinweg bis zum Jahr 2003 auf sich warten
lassen, als die angebliche Bedrohung durch solche Waffen den Vorwand für
den Einmarsch der US-geführten Koalition lieferte und endlich zum
Sturz Saddams führte.
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- Obwohl die dramatischen,
sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen der staatlich
angeordneten, ethnischen Massenvergasungen die Lage im Mittleren Osten
und damit die Weltpolitik bis in die Gegenwart belasten, lässt die
zeitgeschichtliche Aufarbeitung dieser vorerst zweitjüngsten
Kurden-Tragödie (vor der Millionenflucht im Gefolge des 2.Golfkriegs
um Kuwait 1991) noch zu wünschen übrig.
Das in schiitisch-US-amerikanischer Übereinstimmung am 30.Dezember
2006 an Saddam Hussein vorschnell vollstreckte Todesurteil wegen
Massemords an Schiiten im Südirak verhinderte jeglichen Ansatz einer
Klärung durch einen Prozess wegen Völkermords an den Kurden gegen
den Diktator.
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- Der tatsächlich zu Ende geführte
Prozess und das (noch nicht vollstreckte) Todesurteil gegen dessen
Cousin „Chemie-Ali“ Hassan Al-Madschid konnte dieses Manko nur
sehr bedingt wettmachen. Immerhin bestätigte dieser vor Gericht ohne
Anzeichen von Reue, als Verteidigungsminister für die Umsetzung der
Operation Anfal gesorgt zu haben.
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- Auch die im Dezember 2005 in
den Niederlanden erfolgte Verurteilung des holländischen Lieferanten
von Chemikalien zur Herstellung von Giftgasen, Frans van Anraat, trug
nicht wesentlich zur Klärung internationaler Verflechtungen bei. Der
Angeklagte wurde zu vorerst 15 Jahren Gefängnis wegen Beihilfe zur
Verübung von Kriegsverbrechen (aus Mangel an Beweisen nicht wegen
Genozids) verurteilt, die 2007 vom Berufungsgericht auf 17 Jahre
hinaufgesetzt wurden.
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- Nicht einmal über die
eingesetzten Giftgase sind sich die Experten bis dato völlig im
Klaren. Mit Sicherheit wurden das Hautgift Schwefel-LOST
(„Senfgas“, im 1.Weltkrieg nach den „Erfindern“ Lommel und
Steinkopf benannt) sowie
die Nervengase Sarin, Tabun und möglicherweise auch VX eingesetzt.
Den Eintritt des Todes Hunderter oder Tausender Menschen binnen
weniger Minuten könnte allerdings, so meinen Toxikologen und
Mediziner, nur eine über das Blut und dessen Sauerstoff-Transport
wirkende, chemische Waffe auf Cyanid-Basis erklären.
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- Am 15. und am 16. März
findet zum 20.Jahrestag des Massakers von Halabdscha im Albert
Schweitzer-Haus in Wien eine von einer
Ausstellung begleitete Konferenz über diesen Völkermord an den
Kurden statt. Sie wird zur Information einer breiteren, interessierten
Öffentlichkeit gemeinsam vom Kurdischen Zentrum und der Österreichisch-Kurdischen
Gesellschaft organisiert.
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- Sissy Danninger
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