Er wollte Frieden und wurde dafür ermordet: Abdul Rahman Ghassemlou

 
 
Sissy Danninger
 

 

 
Am 13. Juli 1989 wurde Dr. Abdul Rahman Ghassemlou, Generalsekretär der Demokratischen Partei Kurdistans im Iran (DPKI), in einer Wohnung im 3. Wiener Gemeindebezirk durch drei aus nächster Nähe abgefeuerte Schüsse ermordet. Von elf Schüssen getroffen, starb mit ihm sein Auslandsvertreter Abdullah Ghaderi-Azar. Fünf weitere Schüsse töteten den österreichischen Kurden irakischer Abstammung, Dr. Fadil Rasul. Er hatte bei diesen so grauenvoll als mörderische Falle missbrauchten Friedensverhandlungen der iranischen Kurden mit Emissären aus Teheran vermitteln wollen.
 
Wir gedenken am 13. Juli 2006 nun bereits zum 20. Mal des Jahrestages dieses – allem voran durch das Versagen Österreichs aus Gründen der Staatsräson –  immer noch nicht aufgeklärten Attentats und jenes Mannes, der den Frieden für sein Volk suchte und dafür den Tod fand.
 
Abdul Rahman Ghassemlou wurde am 22.Dezember 1930 in Urmia im iranischen Kurdistan als Sohn eines moslemischen Kurden und einer assyrischen Christin geboren. Möglicherweise waren ihm bereits damit jene religiöse Toleranz und gesellschaftliche Liberalität in die Wiege gelegt, die in späteren Jahrzehnten nicht nur die Menschen in seiner Umgebung, sondern auch führende Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft in Europa und weltweit an ihm schätzten.
 
Zum politischen Menschen und zum Kämpfer für die elementaren Rechte des unterdrückten und verfolgten kurdischen Volkes wurde er bereits im Alter von noch nicht einmal 15 Jahren. Wie viele andere jungen Kurden schloss er sich der im August 1945 gegründeten Demokratischen Partei Kurdistans im Iran an. Wenige Monate später konnte er im Jänner 1946 die Gründung der einzigen, kurdischen Republik der Neuzeit in Mahabad miterleben. Deren grausames Ende folgte jedoch kaum zwölf Monate später im Dezember desselben Jahres nach dem Rückzug der Sowjetunion aus dem kurdischen Nordiran. Mit Unterstützung Großbritanniens und der USA überrannte die Armee des Schah den Stadtstaat, nahm dessen Präsidenten Qazi Mohammed fest und hängte ihn mit dessen Getreuen öffentlich im März 1947.
 
Am Ende jenes Jahrzehnts verließ Ghassemlou seine Heimat, um in Paris und in Prag, wo er auch sein Doktorat erwarb und seine spätere Frau kennenlernte, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Bereits zu dieser Zeit teilte er, ebenso wie später als Gastprofessor an den Universitäten von Paris und Prag, sein Leben zwischen Europa und Kurdistan auf. Schon 1952 wurde er in der Heimat neuerlich politisch im Untergrund aktiv, um den Kurden nach deren bitterer Niederlage unter anderem beim Aufbau des Schul- und Bildungswesens und gesellschaftlicher Strukturen zu helfen.
 
Aber Verfolgung und Unterdrückung durch die iranische Zentralmacht ließen nicht nach, im Gegenteil. Die Spannungen eskalierten 1968/69 neuerlich in einem bewaffneten Aufstand der Kurden, der in einem blutigen Massaker an deren Anführern unterging. Aber die Unterdrückten und mit ihnen die PDKI gaben wieder nicht auf, sondern formierten sich neu gegen den Zangengriff der Armee des Schah. Beim 3. Kongress der Partei wurde Ghassemlou 1973 zum Generalsekretär gewählt und in der Folge bis zu seinem Tod in dieser Funktion stets bestätigt.
 
Als Mann der Wissenschaften, der Diplomatie und als überzeugter Befürworter politischer statt militärischer Lösungen war Ghassemlou nach eigenem Bekunden und dem Urteil seiner Umgebung nur zu kämpfen bereit, wenn es ihm und seinem Volk aufgezwungen wurde. Seine Haltung prägte denn auch das bis heute im Wesentlichen gültige, in den 1970er Jahren erarbeitete Parteiprogramm. Es stellt die Einhaltung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die Gleichberechtigung aller Religionen und aller iranischen Minderheiten, das Eintreten gegen die Diskriminierung der Frauen, wirtschaftliche und soziale Entwicklung ebenso ins Zentrum wie die Forderung nach Autonomie der Kurden mit anerkannten politischen, sozialen und kulturellen Rechten in einem demokratischen Iran.
 
Nach dem Sturz der Diktatur des Schah und der Revolution Ayatollah Khomenis 1979 gab es in diesem Sinne für kurze Zeit trügerische Hoffnungen - bis Ghassemlou von diesem neuen Diktator noch im selben Jahr als „Feind Gottes“ und die Kurden als „Söhne des Teufels“ gebrandmarkt wurden. Auch der erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran von 1980 bis 1988 traf vor allem die Kurden an der Grenze mit größter Härte. Ihre Dörfer wurden zerstört, die Bewohner als Vaterlandsverräter stigmatisiert und in die Flucht getrieben.
 
Am Ende dieses Krieges war der Iran ausgeblutet. Khomeni starb am 4.Juni 1989, nicht ohne zuvor neben Salman Rushdie auch gegen Ghassemlou eine Fatwa - einen Tötungsauftrag gegen Belohnung - verfügt gehabt zu haben.
 
Im Iran stand ein Wiederaufbau an, im Zuge dessen die Kurden neuerlich Hoffnung auf eine Verhandlungslösung schöpften und auch schon Ende 1988 entsprechende Signale aus Teheran erhielten. Erste Gespräche Ghassemlous mit seinen späteren Mördern fanden mit scheinbar positivem Ausgang im Dezember 1988 und im Jänner 1989 in Wien statt. Sie wurden am 13.Juli 1989 blutig beendet. Das war übrigens genau der 40.Tag nach dem Sterbetag Khomenis.
 
Sissy Danninger
 
 

 

 

 

 

 

 

 

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