Hasankeyf-Initiative: Auftakt zu weiteren Demonstrationen gegen Ilisu-Damm

 

Sissy Danninger

 

Rund 2.000 vom Ilisu-Kraftwerksprojekt in Nord-Kurdistan/Südost-Türkei betroffene Bewohner nahmen laut Mitteilung der Veranstalter am Sonntag, dem 20.Mai, an einem Protestmarsch in die von der Überflutung bedrohte, historische Stadt Hasankeyf  (kurdisch: Eskîf) am Tigris teil.
 
Die Demonstration war die erste seit der Übernahme der Exportrisiko-Kredite für das Projekt durch Österreich, Deutschland und die Schweiz Ende März 2007. Sie soll, so die Initiativen „Lasst Hasankeyf leben“ und „Für freie und gleichberechtigte Bürger“ als Organisatoren den Auftakt zu einer Reihe weiterer Protestveranstaltungen bilden.
 
Die Manifestanten stammten dem Bericht zufolge aus dem rund 10.000 Jahre alten Hasankeyf selbst sowie aus 199 durch den geplanten, mehr als 300 Quadratkilometer großen Stausee direkt betroffenen Dörfern in fünf verschiedenen Provinzen und aus weiteren Städten wie Batman. In diesen Städten herrsche große Sorge, dass Zehntausende durch das Projekt heimatlos Werdende in deren Slums enden würden.

Jahrtausende alte Geschichte gegen 50 Jahre Energiegewinn?

 
Der Demonstrationszug startete, so die Initiative, im nahe dem Tigris gelegenen Dorf Kesmeköprü II rund 4 km westlich von Hasankeyf, auf dessen Straßen er bei der Ankunft von Hunderten Bewohnern mit Applaus begrüßt wurde. Auf Transparenten war u.a. zu lesen „Zerstört nicht 10.000 Jahre der Geschichte für 50 Jahre Energieerzeugung“, „Keine Umsiedlungen wegen des Ilisu-Damms“ oder „Der Ilisu-Damm ist ein Massaker an der Geschichte“, berichten die Veranstalter.
 
In den Ansprachen zum Abschluss der Kundgebung sei das Kraftwerks-Projekt als eine der größten kulturellen Vernichtungsaktionen der Welt bezeichnet worden. Es würde außerdem das noch intakte, reichhaltige Ökosystem des Tigris-Tales zerstören. Die bereits jetzt, vor Baubeginn, laufenden türkischen Militäroperationen müssten gestoppt und der Widerstand der Kurden im Südosten der Türkei auch vom Westen des Landes mitgetragen werden.
 
NGOs: Auflagen für Projekt-Realisierung sind „Farce“
150 Auflagen in den Bereichen Umsiedlung der Bevölkerung, Milderung der Umweltschäden und Rettung von Teilen des Kulturguts sollen, so das österreichisch-deutsch-schweizerische Bau-Konsortium, sicherstellen, dass internationale Standards im Zuge der Realisierung des Vorhabens eingehalten werden. Diese Auflagen werden allerdings von regierungsunabhängigen Organisationen (NGOs) wie Eca-Watch (Export credit-Watch) und WWF (World Wide Fund for Nature) als „Farce“ bezeichnet.
 
Sie entsprächen keineswegs den Weltbank-Standards, betonen die NGOs. So fehle etwa die vor Baubeginn nötige Umweltverträglichkeits-Prüfung völlig, es gebe keinen geprüften Umsiedlungsplan und auch keine Überprüfung der Folgen für die bedrohten Kulturschätze. An der Unabhängigkeit zumindest einiger der vom Bau-Konsortium mit der Kontrolle der Einhaltung der Auflagen eingesetzten Experten bestünden erhebliche Zweifel. Nicht zuletzt sei auch nirgends geregelt, was bei Nichterfüllung von Auflagen zu geschehen hätte.

 
 

 

 

 

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