Ilisu: Das gigantische Wasserkraftwerk soll bis 2014 in Betrieb gehen

 

   Sissy Danninger

 

 

All die Proteste regierungsunabhängiger Organisationen haben sich vorerst als fruchtlos erwiesen. Am 15. August 2007 wurden sämtliche für den Baubeginn nötigen Verträge über den gigantischen Damm am Tigris in der Südosttürkei/Nordkurdistan unterschrieben. Am selben Tag beteiligte sich auch die private Bank Austria-Creditanstalt (BA-CA) mit einem Kredit in dreistelliger Millionenhöhe an dem Projekt. Kurz vor diesem Datum hatte das von einem österreichischen Unternehmen angeführte Ilisu-Konsortium österreichischer, deutscher und schweizerischer Firmen bereits die Exportkredit-Garantien der jeweiligen nationalen Agenturen erhalten.

Im September 2007 tauchten die ersten unbestätigten Meldungen über beginnende Deportation in der betroffenen Region auf. Am Ende werden bis zu 50.000 Bewohner ihre Häuser und ihr Acker- und Weideland verloren haben, um Platz für einen riesigen Damm und einen 135 m tiefen Stausee mit einer Fläche von mehr als 300 km2 zu machen. Hunderte Dörfer werden entlang der Flussufer auf einer Strecke von 135 km ebenso in den Fluten versinken wie die Kulturschätze der historischen Stadt Hasankeyf (kurdisch: Eskif) – und mit ihnen auch die heute noch weitgehend unberührte Naturlandschaft mit ihrer reichen Flora und Fauna. Osman Baydemir, Bürgermeister der nahegelegenen Provinzhauptstadt Diyarbekir (Amed), erwartet als Folge der Überflutungen rund 30.000 bis 40.000 Ilisu-Flüchtlinge allein für seine Stadt, von denen die meisten wohl in den Slums landen werden.

Das 1,2 Milliarden Euro-Projekt des Wasserkraftwerks mit einer Leistung von 1.200 Megawatt soll nach derzeitigem Stand der Planung bis 2014/2015 fertiggestellt sein. Von der Gesamtsumme werden rund 530 Millionen Euro an die zuvor genannten Firmen der beteiligten Länder in Europa fließen.

Nach einer kurzen Schrecksekunde im Gefolge der endgültigen Unterzeichnung der Verträge erklärten die involvierten internationalen und lokalen regierungsunabhängigen Initiativen für Umweltschutz, Erhalt kulturellen Erbes und für Respektierung der Menschenrechte allerdings trotzig: „Ilisu ist noch nicht gebaut“. Und tatsächlich setzten sich die Proteste in Europa ebenso fort wie in der Region selbst. Binnen nur weniger Wochen nach der Entscheidung der BA-CA zugunsten einer Beteiligung hatten nach Informationen von Eca-Watch (Export credit agencies-Watch) in Österreich rund 300 Kunden diese Bank aus Protest verlassen. Wöchentlich sammelten sich Demonstranten vor BA-CA-Zweigstellen in der Hauptstadt Wien und in den österreichischen Bundesländern.

Im Gegensatz zu den beruhigenden Beteuerungen der Projekt-Befürworter halten die Kritiker daran fest, dass das Ilisu-Konsortium aus europäischen und türkischen Unternehmen internationale Standards, wie sie die UN oder die Weltbank für vergleichbare Vorhaben vorsehen, in keiner Weise respektiere. So bestätigt etwa Hoshiar Zebari, irakischer Außenminister und selbst Kurde, dass es keinerlei offiziellen Konsultationen oder Vereinbarungen mit diesem Nachbarland gegeben habe, das nur rund 65km stromabwärts vom Ilisu-Damm liegt. Es besteht ernste Besorgnis, dass die Türkei die Kraftwerksanlage eines Tages politisch einsetzen könnte, indem sie die Wasserzufuhr des Tigris nicht nur für den Irak, sondern auch für das angrenzende Syrien einschränkt.

Die Kritiker weisen auch auf das Fehlen jeglicher überzeugenden Resultate einer Umweltverträglichkeits-Prüfung gemäß internationalenStandards hin. Unzählige Arten von Pflanzen und Tieren wie beispielsweise die Euphrat-Pappel oder die Euphrat-Sumpfschildkröte sowie viele Fische würden ihren Lebensraum verlieren und damit in der Region aussterben, wird beklagt. Ganze Landstriche seien von Austrocknung bedroht.

Das Ilisu-Staudammprojekt ist derzeit das größte von insgesamt 19 Wasserkraftwerken, die in der Südosttürkei entweder bereits gebaut werden oder in Planung stehen. Das unter österreichischer Führung stehende Konsortium (VA Tech Hydro Andritz in Östereich, Züblin in Deutschland, Alstom, Stucki, Colenco, Maggia in der Schweiz) tritt Protesten im Wesentlichen mit dem Argument entgegen, dass eben andere dieses „Entwicklungsprojekt“ mit weniger Rücksichtnahme realisieren würden, wenn es diese Unternehmen nicht täte. Außerdem verteidigt man sich u.a. mit dem Hinweis auf die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Türkei und in den beteiligten Ländern Europas.

 

 

 

 

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