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Die
Türkei, die Juden und der Holocaust
MESOP,
Corry Guttstadt
Mit dem lange angekündigten und nun endlich erschienen Werk "Die Türkei,
die Juden und der Holocaust" legt die Turkologin und Historikerin Corry
Guttstadt ein Buch vor, das zu einem Standardwerk über die Situation der jüdischen
Minderheit in der türkischen Republik, vor allem aber über die
Positionierung der Türkei gegenüber der deutschen Vernichtungspolitik,
werden wird.
Nach einem historischen Überblick über die Entwicklung der jüdischen
Gemeinden im osmanischen Reich, der von der Aufnahme der Sephardim über die
messianische Bewegung des Shabbatai Zwi bis zum entstehen der österreichisch-aschkenasischen
Gemeinde und den Aktivitäten der Alliance Israélite Universelle reichen,
beschäftigt sich Guttstadt mit der widersprüchlichen Lage der jüdischen
Gemeinden in der frühen türkischen Republik.
Einerseits als Teil der neuen Nation, andererseits v.a. durch den
turanistischen Flügel des türkischen Nationalismus als "untürkisch"
betrachtet, wurden ständig neue Anpassungsleistungen und Loyalitätsbezeugungen
von den Jüdinnen und Juden abverlangt.
Durch Auswanderung nach Westeuropa, aber auch durch den Zusammenbruch des
Osmanischen Reiches, blieben jedoch auch tausende osmanische bzw. Jüdinnen
und Juden außerhalb des neuen Nationalstaates zurück, von denen viele die
alte Staatsbürgerschaft behielten bzw. behalten wollten.
Diese türkischen Jüdinnen und Juden waren es schließlich auch, die mit
der Machtübernahme der Nazis in Deutschland und mit Beginn des 2.
Weltkriegs in ganz Europa unter nationalsozialistische Herrschaft gelangten.
Guttstadt geht in diesem Zusammenhang der Frage nach, wie sich der türkische
Staat, der sich lange Zeit als "neutrales" Land aus dem 2.
Weltkrieg heraushielt, gegenüber seinen jüdischen Staatsbürgerinnen und
Staatsbürgern im deutschen Herrschaftsbereich verhielt.
Sie widerspricht dabei der These, die Stanford Shaw in seinem Standardwerk
Turkey and the Holocaust 1993 entwickelt hatte, wonach türkische Diplomaten
durch "übermenschliche Rettungsaktionen" tausenden jüdischen
Schutzbefohlenen das Leben gerettet hätten.
"Mehrere türkische Autoren haben die dort vorgestellte Version `schöpferisch
weiterentwickelt´, wobei sich die Zahl der angeblich geretteten
Juden von Publikation zu Publikation multiplizierte. Obwohl die türkischen
Juden in diesen Werken nur die Kulisse für die Heldentaten türkischer
Diplomaten abgeben und die dort aufgestellten Behauptungen kaum belegt sind,
ist dieser Mythos fester Bestandteil der türkisch-jüdischen
Historiographie" (S. 298)
Guttstadt hält diesem Mythos ein wesentlich differenziertere Bild entgegen,
das vom grundsätzlichen Bemühen des türkischen Staates gekennzeichnet
war, eine Massenflucht bzw. "Rückkehr" türkischer Juden zu
verhindern.
Zwar ließ die Türkei eine größere Gruppe gut gebildeter Universitätsprofessoren
und Intellektueller aus Deutschland und Österreich ins Land, die einen
wesentlichen Beitrag zum Aufbau des türkischen Universitätssystems
leisteten, allerdings galt die Großzügigkeit diesen gegenüber, eben nur für
Intellektuelle, die das Land dringend benötigte.
Anderen Jüdinnen und Juden, auch solchen die im Besitz der türkischen
Staatsbürgerschaft waren, wurde die Einreise in die Türkei durch Ausbürgerungen
verweigert. Schiffe, die illegal Flüchtlinge an Bord hatten, wurde die
Landung untersagt.
Als besonders tragisches Beispiel beschreibt Guttstadt die Katastrophe der
Struma, der die Landung mit 769 Flüchtlingen an Bord untersagt wurde.
"Während der Wintermonate 1941/42 lag die Struma siebzig Tage lang im
Bosporus, das am Schiff befestigte Transparent `Rettet uns"; war für
die Istanbuler Bevölkerung täglich sichtbar. Obwohl jüdische
Organisationen sich erboten, sämtliche Kosten für die Unterbringung der
Not leidenden Passagiere zu übernehmen, wurde ihnen der Landgang verboten.
Lediglich sechs Personen erhielten Ausnahmegenehmigungen". (S. 242)
Das manövrierunfähige Schiff wurde schließlich von türkischen Schleppern
ins offene Meer gezogen, wo es versank. Außer einer einzigen Person, die
sich Retten konnte, fanden sämtliche Flüchtlinge den Tod.
Während sich die Türkei im Großen und Ganzen weigerte türkische Jüdinnen
und Juden in größerer Zahl die Rückkehr zu gestatten, wurden durchaus
kleineren Gruppen die Rückreise erlaubt. Guttstadt schildert auch, dass
sich türkische Diplomaten durchaus in einzelnen Fällen sehr engagiert
zeigten um ihre jüdischen Staatsbürger vor der Deportation in die
Vernichtungslager zu retten.
Die daraus später entworfenen Heldengeschichten halten einer
detaillierteren Prüfung jedoch oft nicht stand. So äußert Guttstadt
berechtigte Zweifel an der Geschichte des damaligen Vizekonsul von
Marseilles Necdet Kent, der behauptet hatte, freiwillig einen Deporationszug
bestiegen zu haben und diesen mit achtzig türkischen Juden wieder verlassen
durfte und damit das Leben gerettet zu haben.
Bisher konnten keinerlei Belege für diese Geschichte gefunden werden,
geschweige denn ein Überlebender, der sie bezeugen konnte. "Seit 1987
haben Mitarbeiter von Yad Vashem vergeblich versucht, unter türkischen
Juden in Frankreich und Israel Überlebende oder Zeugen zu finden. Auch der
türkische Generalkonsul in Marseille schrieb 1989, dass es keine Belege für
die Aktion von Kent gebe". (S. 375)
Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Türkei deswegen nicht einen gewissen
Schutz für ihre Staatsbürger in Europa geboten hätte. Guttstadt resümiert:
"Trotz der zögerlichen Haltung ihrer Regierung genossen türkische
Juden in Europa über längere Zeit einen relativen Schutz vor Verfolgung.
Spätestens ab Ende 1943 überlebten die meisten von ihnen wie Juden anderer
Nationalität nur unter extremen Verhältnissen in der Klandestinität".
In ihrer umfassenden Analyse und ihrer detaillierten Quellenarbeit, setzt
das Buch von Guttstadt einen Meilenstein für die Erforschung dieser Epoche
der deutschen, türkischen und europäischen Geschichte. Offen gebliebene
Fragen werden wohl erst durch die Öffnung noch unzugänglicher türkischer
Archive klärbar sein. Bis dahin wird es wohl kein besseres Buch über die türkische
Rolle in Bezug auf die Shoah mehr geben.
Guttstadt, Corry: Die Türkei, die Juden und der Holocaust ISBN
978-3-935936-49-1 - 520 Seiten - Assoziation A Verlag - Berlin /
Hamburg, 2008 - 26.00 €
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