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Süleyman Deveci Menschen aus der Geschichte der Kurden Preis: € 15,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seiten: 222
ISBN: 978-3-902536-52-5
Veröffentlichung: 05/2007
Neue Rechtschreibung
Leseprobe:
Einleitung
Die Kurden haben die arabisch-islamischen Invasionen
nicht einfach hingenommen. Es kam fast ununterbrochen zum Widerstand gegen
die Eindringlinge: Schon 702 wurde unter der Führung Abdurrahmans
rebelliert, dann 764 in Mosul, 817 gegen die Abbasiden, 839 gegen Kalif
Mu’tasim, 866 wieder in Mosul, 894 unter der Führung Abu Leylis. Wie
die Chronisten schreiben, begannen die Aufstände der Kurden fast
zeitgleich zu den Eroberungsversuchen der Araber zur Verbreitung des
Islams. Daher kann man nicht behaupten, dass die Kurden diese Religion
einfach nur übernommen hätten. Über die kurdischen Gebiete drang der
Islam nach Anatolien vor, wo Byzantiner und Armenier lebten. Viele alevitische Quellen erwähnen diese Aufstände,
so als ob sie gegen das Sunnitentum stattgefunden hätten. Bis zum 13.
Jahrhundert kann von einem türkischen Alevitentum in diesen Gebieten noch
keine Rede sein. Bis dahin wurden Kurden zum größten Teil
zwangsislamisiert. Seitdem sind sie Adoptivkinder des Islams. Wenn man an
den Nahen Osten denkt, denkt man automatisch an Kurden, Perser, Araber, Türken
und natürlich einige andere, außerislamische Nationen wie Juden,
Armenier und so weiter. Unter diesen Völkern sind es allein die Kurden,
welche bis heute kein eigenes unabhängiges Land haben, ausgenommen die
letzten Entwicklungen in Folge des so genannten Zweiten Golfkrieges. Das
Alevitentum ist im Grunde genommen eine Antwort der Kurden auf den Islam
gewesen. Aber als neben den Überfällen der Araber auch türkische
Invasionen wie Heuschreckenplagen über ihre Gebiete zogen, haben auch
einige Türken, darunter Turkmenen, die sich dem Islam nicht nahe fühlten,
den alevitischen Glauben angenommen. Sicherlich hat sich diese Entwicklung
nicht unkompliziert und geradlinig vollzogen. Hunderte Dynastien, Fürstentümer,
Grafschaften, Emirate, feudale Herrschaften und Sultanate sind auf dieser
Erde entstanden und wieder untergegangen. Seit ehedem ist Kurdistan ein
Kriegsschauplatz etlicher Völker und Nationen. Die Vereinigten Staaten
haben in ihrem Krieg in der islamischen Welt nun endlich die Kurden
entdeckt, aber über die Aleviten und deren universelle Kräfte und
Anziehung wissen sie bestimmt noch nicht genug. Was an Literatur darüber
in Europa auf dem Markt ist, entspricht überwiegend der offiziellen
Version des türkischen Staates, in der man die „kurdischen Gefahr“
stets umgehen will. Anders lässt sich die Kurdenfeindlichkeit unter türkischen
Aleviten nicht erklären. In Wirklichkeit aber haben die Türken diesen
Glauben von Kurden übernommen.
Mittlerweile wurden die Kurden über die ganze Erde
verstreut. Sie leben in vielen Fällen gezwungenermaßen in der Diaspora.
Auch in Europa zählen sie inzwischen mehr als eine Million Menschen.
Durch sie haben die Europäer erfahren, was in ihrem Land vorgeht. So
lange das Kurdenproblem nicht gelöst wird, haben die Europäer dieses
Problem vor ihren Türen. Es ist nicht leicht, die kurdische
Nationalbewegung einzuschüchtern oder zu ignorieren. Eine klassische,
traditionelle Unterstützungspolitik der herrschenden Staaten im Namen von
Handelsbeziehungen, die allein auf mehr Profit ausgerichtet war, hat uns
bis heute an sich nichts gebracht außer der Radikalisierung der Sache.
Hier in Westeuropa gelten die Kurden nicht einmal als ethnische
Volksgruppe. Von der Herkunft sind sie vor dem Gesetz Türken, Iraker,
Syrer oder Iraner. Es ist nicht nur offizielle Meinung und These der
Regierungen, es ist traurigerweise auch eine in der breiten Bevölkerung
angenommene Ansicht. Welcher Kurde macht sich die Mühe, seine
vorprogrammierten Nachbarn, Kollegen, Freunde und anderen Mitmenschen
aufzuklären, dass er eine ganz andere Volkszugehörigkeit hat? Wenn
derjenige selbst ungebildet ist, sich durch billige Meinungsmacher täuschen
ließ und es zulässt, dass man ihn wie ein Objekt und nicht wie einen
Menschen der modernen Zeit behandelt, was soll man dann machen? So denken
viele Kurden und ignorieren es einfach. Die Gebildeten, bestimmt nicht nur
Aristokraten, auch die Bürokraten wissen es ganz genau. Dazu gehören
auch Politiker, Journalisten, Intellektuelle, Wirtschaftsbosse usw., die
kein Gewissen mehr haben oder dieses mit ihrer Seele für ein paar
Geldscheine verkauft haben. Sie wissen ganz genau, was in Kurdistan
passiert, was mit Kurden heute noch geschieht. Aber sie werden irgendwann
von ihren Enkelkindern zur Rechenschaft gezogen werden und für ihre
schweigsame Beteiligung verurteilt werden. Wenn sie zurzeit auch keine
Strafe gegen sie verhängen, werden sie sich noch nach dem Gefängnis
sehnen, denn in Herzen und Vernunft verurteilt zu werden ist tausendmal
schlimmer als ein paar Jahre im Knast zu sitzen. Die USA werden von jedem x-beliebigen Bürger des
modernen Europas scharf kritisiert. Aber wenn man den Standpunkt der
Kurden betrachtet, werden sie die US-Amerikaner doch immer wieder wohl
wollend als Freunde der Kurden hervorheben, denn anstatt sie nach
westlichen Werten und Vorstellungen als Angehörige einer anderen
Nationalität zu behandeln, sei es Türke, Araber oder Iraner,
respektieren die Amerikaner sie als Kurden. Natürlich wissen die Kurden
aus ihrer eigenen und aus der amerikanischen Geschichte, auf wen sie sich
wie weit verlassen dürfen. Es mag sein, dass Amerika die Kurden für
seine Nahostpolitik dringend braucht. Wenn diese Freundschaft für Kurden
das eigene Überleben bedeutet, warum sollten sie sich dann dagegen
wehren? Was haben im Vergleich dazu Europäer bis heute für Kurden getan?
Sie haben zusammen mit den Ländern, die über kurdische Minderheiten
herrschen, schöne und unproblematische Beziehungen gepflegt und im
Einklang mit diesen Staaten Kurden abgeschlachtet, vergiftet, gefoltert,
verjagt und am Ende in modernen Metropolen mitassimiliert. Heute versuchen
diese Menschen, ohne sich zu schämen, den Kurden den angeblich richtigen
Weg zu zeigen. Plötzlich entdecken sie CIA-Flugzeuge, obwohl wir diesen
Skandal auch nicht der europäischen Presse verdanken, sondern wieder
Amerikanern. Als ob die Europäer nicht mit diesen zusammen den Kurdenführer
Öcalan verschleppt hätten! Als sie den wahren Kurden in der Tat gesehen
haben, erschraken sie wohl vor sich selbst. Der Westen hat nie daran geglaubt, dass man statt
Waffen auch Demokratie exportieren könne. Weil es für sie nicht so viel
Gewinn bringen würde, haben sie die Finger davon gelassen. Aber jetzt
haben sie das Pulverfass direkt vor ihrer Nase. Eines ist eindeutig klar:
Wenn man die Geschichte der Kurden ansieht, wird man besser verstehen,
dass Kurden nicht assimiliert werden können. Ein jüdischer Staat wurde
erst nach zweitausend Jahren gegründet. Eines Tages wird es auch für
Kurden einen solchen unabhängigen, eigenen Staat geben. Solange das nicht
geschieht, wird der hausgemachte Terror oder die Gewalt unter einem
anderen Namen keine Ruhe geben. Sanftmütig zu prophezeien, die Bewegung
werde mit friedlichen oder demokratischen Mitteln ihren Weg zur Befreiung
finden, wäre eine glatte Lüge. Sie wird sich noch weiter radikalisieren,
sogar teilweise fanatisieren. Der Krieg wird nach Westen übertragen. Aber
nicht wie unter der Führung der Geheimdienstler, die einfache und
mobilisierte Menschenmengen auf Autobahnen marschieren lassen, damit
dieses Volk von den Einheimischen isoliert und kriminalisiert wird. Auch
nicht wie in Frankreich, wo es in den Gettos der Vorstädte zu
unorganisierten Aufständen kam, sondern noch brutaler und extremistischer
als Aktionen der Al-Qaida-Fanatiker. Laut dem deutschen Gesetz darf ein
Kurde in diesem Rechtsstaat seinen Kindern heute immer noch nicht einen
kurdischen Namen geben. Dieser Staat verbietet es ihm. Aber einen neuen
Panzer zu genehmigen, ohne irgendeinen spürbaren Widerstand der
Opposition, ist gar kein Problem. Eine solche Vorgehensweise wird auf ewig
im Gedächtnis der Kurden weiterleben. Die Kurden wissen ganz genau, welche großen Kräfte
in der Region inwieweit damit einverstanden wären, die Machtverhältnisse
zu ändern. Aber ob sie es wollen oder nicht, es wird geschehen. Es muss
sogar geschehen. Ein Volk, eine Nation kann nicht einfach als kleine
Randgruppe betrachtet und behandelt werden. Sonst wird irgendwann ein
Einzelner kommen und laute Statements von sich geben, und alle werden ihm
hinterherlaufen. Wenn wir Glück haben, wird er nicht sagen: „Tötet und
bombardiert dort, wo ihr seid, solange, bis die Freiheit kommt!“, oder:
„Bis zur Befreiung sind alle Mittel legitim; tötet für jeden
ermordeten Kurden zehn Personen, oder hundert!“ Weil die Kurden nicht
nur gegen England kämpften, wird es auch niemals einen kurdischen Gandhi
geben. Die türkischen Verhältnisse haben die PKK zur Welt gebracht,
Saddam und seine Vorgänger und die persische Unterdrückung haben
Talabani und Barzani geschaffen. Die heutigen Umstände und die
Schweigsamkeit der Völkergemeinschaft werden eines Tages einen neuen Anführer
ins Leben rufen. Kurden werden die EU gebrauchen können, nicht weil
sie nicht hineinpassen, sondern weil sie sich davon zumindest ein weiteres
Stück für ihr Überleben erhoffen. Demokratie ist ein Gegengift für den
fanatischen Islam und für fanatische Unterdrückungspolitik, auch für
und in den Ländern, die über Kurdistan herrschen. Dass die Guerillas aus
den Bergen als Erste ihre Waffen abgeben, ist ein unrealistischer Traum.
Welcher Kurde würde noch glauben, solche kindischen und naiven
Erwartungen könnten tatsächlich der Lösung des Kurdenproblems dienen?
Westliche Strategen denken zu sehr in militärischen Kategorien: Die
Radikalisierung einer Befreiungsbewegung einzudämmen, löst das Problem
nicht endgültig. Das Eindämmen hilft nur so lange, bis das Problem sich
nicht weiter radikalisiert, doch als Gegenreaktionen erfolgen meistens
noch mehr krankhafter Fanatismus und Zerstörung. Kurden und der kurdische
Widerstand symbolisieren heute die Werte der Menschlichkeit. In ihrem
Namen versuchen Freiheit, Menschenrechte, Brüderlichkeit und
Gleichbehandlung zu überleben. Es geht also um diejenigen Werte, die der
Staat hier im Westen angeblich offiziell übernommen und vorangebracht
hat, die man zur Struktur erhoben hat, die aber nach zwei Weltkriegen und
einem Kalten Krieg all ihr Gewicht und ihre Notwendigkeit verloren haben.
Den Menschen geht es hier nicht mehr um Werte. Sie haben keine Ziele mehr,
außer zu konsumieren, Geld zu haben, zu verkaufen, den eigenen Profit und
Urlaub zu machen. Was interessiert es mich schon, was auf dieser Welt
passiert? Man lebt schließlich nur einmal. Bloß keine Konfrontation
riskieren! – Das ist die Lebensphilosophie des modernen Menschen. Aber die Kurden haben eine andere Prägung erfahren,
wie jedes unterdrückte Volk. Sie haben andere Sorgen. Sie nehmen das
Leben bitter ernst. Daher sind sie auch bereit, für ihre Freiheit und
Unabhängigkeit ihr Leben zu opfern. In jedem Teil des Landes entwickelte
sich die Geschichte der Kurden anders. Sie sind von der Sprache, Religion,
und der Aufteilung in Stämme unterschiedlich. Aber sie empfinden Ähnliches,
wenn sie ein Trauerlied zu hören bekommen, oder lachen gemeinsam über
einen Witz von einem schlauen kurdischen Bauern. Die Beschuldigung in Form
der Frage, ob die Kurden heute in einem freien Land in Frieden
untereinander leben könnten, ist nicht legitim. Das Gedächtnis der
Kurden ist wie das eines Elefanten. Sie wissen sehr viel. Der heutige Irak
wurde in den 1920er-Jahren an einem Verhandlungstisch von besoffenen Köpfen
gegründet. Genauso wurde Syrien Ende der 40er-Jahre von Europäern gegründet.
Israel ebenfalls. Alle wurden in kurzer Zeit von der Weltgemeinde
anerkannt. Mittlerweile haben sich Anzahl und politisches Gewicht der
Kurden in Europa so weit entwickelt, dass sie nicht mehr zu übersehen
sind. Die EU ignoriert sie trotzdem, ihre Kinder dürfen ihre
Muttersprache im hoch entwickelten Europa immer noch nicht lernen. Wie
viele Institute für Kurdologie gibt es an europäischen Universitäten?
Warum gibt es keinen europäischen Ismail Bes¸ ikçi, der in der Lage
ist, für die Ehre der Menschen, ohne sich zu beugen, die Wahrheit zu
sagen und dafür jahrelang im Gefängnis zu sitzen? Kamen die hohen Werte
nicht aus dem Westen? Wieso sollten wildfremde Geistesgrößen die
kurdische Geschichte an Stelle der Kurden schreiben? Warum sehen sie es
als notwendig an, deren Sprache nach eigenem Gutdünken zu lehren, ihre
Lieder zu interpretieren, das, was den Kurden gehört, umzuändern? Doch
alles nur deswegen, weil sie keinen Ärger mit Türken, Arabern und
Iranern haben wollen. Mit welchem Recht, bitte schön? Es ist aber so:
Solange die Kurden die Dinge nicht selbst anpacken, ihre Sprache selbst
nicht sprechen, ihre Geschichte nicht selbst aufschreiben, ihre
Wissenschaft nicht selbst betreiben, ihre Lieder nicht selbst singen, wird
es immer jemanden geben, der das für sie tut. Dann haben die Kurden aber
auch kein Recht, sich über die Situation zu beschweren. Wer nicht selbst
etwas tut, darf nicht andere kritisieren, die etwas tun. Noch gibt es in Deutschland leider kaum eine
ernsthafte Organisation oder staatliche Institution, die sich in
besonderem Maße mit kurdischer Geschichte und kurdischen
Entwicklungsprozessen beschäftigt. Ausgenommen sind irgendwelche
Thinktanks oder ähnliche geheimdienstnahe Organisationen. Die so
genannten Experten, zum Beispiel Orientalisten, sagen eine ganze Menge,
erzählen in vollmundigen Beiträgen, wie das Kurdenproblem gelöst werden
könnte. Es ist aber eine Tatsache, von der zurzeit auch Kurden wissen,
dass ihre lange Geschichte im Laufe der Zeit nicht nur von Besatzern verfälscht
und umgeschrieben wurde, sondern auch in westlichen akademischen Quellen.
Aber die Geschichte sagt immer die Wahrheit. Sie ist so mächtig, dass
keine Nation oder Regierung sie dauerhaft verdunkeln kann. Daher liegt die
historische Lösung des Problems der Kurden nicht vorrangig in der
Gegenwart oder der Zukunft, sondern in der Vergangenheit.
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