MESOP: OSTKOLONIALISMUS

"Meist setzten die Unternehmen dort an, wo zuvor Anhänger des islamistischen Predigers Fehullah Gülen Schulen gegründet hatten. Auf den Nahen Osten und Zentralasien folgt nun Afrika"

Die Türkei baut ihre Beziehungen mit Afrika aus

Von Rainer Hermann

ISTANBUL, 19. August. Es ist die erste Auslandsreise von Omar al Baschir, seit der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs Moreno-Ocampo am 14. Juli wegen des Völkermords in Darfur einen Haftbefehl gegen ihn beantragt hat. In Istanbul nimmt der sudanesische Staatspräsident am ersten türkisch-arabischen Gipfeltreffen teil, das am Donnerstag endet. Am Dienstag traf er sich mit dem türkischen Staatspräsidenten Gül. Nach Angaben türkischer Diplomaten brachte Gül seine Trauer über die "menschlichen Dramen" zum Ausdruck, die sich in Darfur ereignet hätten, und forderte, das Leid zu mindern. Baschir habe erwidert: "Wir begehen keinen Massenmord." Gül habe sich gegenüber Baschir auch für die Interessen türkischer Unternehmen eingesetzt, hieß es.

Baschir hatte zuletzt am 21. Januar 2008 Ankara besucht. Für den Besuch hatte sich damals die türkische Wirtschaft eingesetzt. Eine Pressekonferenz mit Gül nutzte er für Äußerungen zu Darfur, die in der Türkei auf starke Kritik gestoßen waren. Die Türkei unterzeichnete bisher nicht das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Die abermalige Einladung an Baschir sei ein Hinweis darauf, dass Ankara das weiterhin nicht vorhabe, vermutet der türkische Anwalt Öztürk Türkdogan. Die Türkei müsste Baschir bei einem Haftbefehl dann auch nicht festnehmen und ausliefern, bedauerte der türkische Menschenrechtler Günal Kürsun. In den türkischen Medien stieß der Besuch Baschirs überwiegend auf Kritik. Baschir sei kein ehrenwerter Mann, sondern der Verantwortliche für einen Völkermord, kritisierte der Chefredakteur der liberalen Zeitung "Taraf", Ahmet Altan. An dem türkisch-afrikanischen Gipfeltreffen nehmen sechs Staatsoberhäupter, fünf stellvertretende Staatspräsidenten und 25 Außenminister aus 50 Staaten teil. Im Mittelpunkt stehen neben einer engeren wirtschaftlichen Kooperation die politische, militärische und kulturelle Zusammenarbeit. Die Türkei hat seit drei Jahren in der Afrikanischen Union (AU) einen Beobachterstatus. Seither eröffnete die Türkei auf dem afrikanischen Kontinent Büros der staatlichen Außenwirtschaftsagentur Tika und neue diplomatische Vertretungen. Die Fluggesellschaft Turkish Airlines baute ihre Verbindungen nach Afrika erheblich aus.

Die Türkei wolle den bilateralen Außenhandel mit Afrika, der 2003 bei 5 Milliarden Dollar und 2007 bei 13 Milliarden Dollar lag, bis 2012 auf 50 Milliarden Dollar ausweiten, sagte der türkische Außenhandelsminister Kürsat Tüzmen. Damit könne die türkische Wirtschaft, die inzwischen in der Rangliste der Volkswirtschaften auf Platz 15 liegt, die Krisen in den wichtigsten Absatzmärkten Nordamerika und Europa kompensieren. Allein türkische Bauunternehmer wickelten im vergangenen Jahr in Afrika Projekte im Wert von sechs Milliarden Dollar ab. Der Vorsitzende des türkischen Kammerdachverbands TOBB, Rifat Hisarciklioglu, kündigte die Gründung einer "türkisch-afrikanischen Handelskammer" an. In den vergangenen Jahren hatten türkische Unternehmen vor allem in Ägypten investiert. Nun entdeckten sie die Region südlich der Sahara, schrieb die regierungsnahe Zeitung "Zaman". Chancen böten sich auch, weil die Menschen dort bessere Qualität als die der Billigwaren aus Asien forderten.

Die Regierung Erdogan knüpft damit an die pragmatische Außenpolitik an, die in den achtziger Jahren der damalige Ministerpräsident Özal eingeleitet hatte. Özal hatte Beziehungen zu den bis dahin vernachlässigten Staaten im Nahen Osten mit der Absicht intensiviert, mögliche Bedrohungen zu verringern und die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Meist setzten die Unternehmen dort an, wo zuvor Anhänger des Predigers Fehullah Gülen Schulen gegründet hatten. Auf den Nahen Osten und Zentralasien folgt nun Afrika. Mit dieser Art Diplomatie, zu der auch eine wirtschaftliche Einbindung von Ländern wie Iran und Syrien gehört, setzt sich die Türkei von den Vereinigten Staaten ab, die dort Sanktionen einsetzen.

So verhandeln nach dem Ende des Arbeitsbesuchs des iranischen Staatspräsidenten Ahmadineschad in der vergangenen Woche in Istanbul Fachleute beider Regierungen über ein neues Energieabkommen. Die Türkei bezieht mehr als die Hälfte ihres Gasbedarfs aus Russland und 20 Prozent aus Iran. Beide Regierungen wollen eine neue Gasleitung bauen, die iranisches Gas nach Europa bringen soll. Während Ahmadineschads Besuch kam es jedoch nicht zur Unterzeichnung. Die Türkei lehnt die rechtlichen Garantien, die Teheran bietet, als unzureichend und die iranischen Preisvorstellungen als zu hoch ab. Die Türkei will das bilaterale Handelsvolumen mit Iran bis 2012 auf 20 Milliarden Dollar verdoppeln.


Text: F.A.Z., 20.08.2008, Nr. 194 / Seite 6
 
 
21. August 2008,  Von Boris Kalnoky

Türkei hofiert sudanesischen Präsidenten

Al-Baschir besucht Gipfel trotz drohenden internationalen Haftbefehls

Istanbul - Es sieht aus wie ein Patzer, hat aber System: Zum zweiten Mal in diesem Jahr ist der Staatspräsident des Sudan, Omar Hassan al-Baschir, geladener Gast der türkischen Regierung. Er vertritt sein Land auf dem Türkei-Afrika-Gipfel in Istanbul, der am Donnerstag endet. Für Baschir ist es eine willkommene und seltene Gelegenheit, international Salonfähigkeit zu demonstrieren. Vor Kurzem wurde er vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt, in der sudanesischen Provinz Darfur des Genozids an der eigenen Bevölkerung schuldig zu sein. Ein internationaler Haftbefehl wurde beantragt.

Schön also für Baschir, dennoch auf dem Istanbuler Gipfel von den zahlreich angereisten afrikanischen Staats- und Regierungschefs sowie vom Nato-Mitglied und EU-Beitrittskandidaten Türkei protokollgerecht Respekt gezollt zu bekommen. Baschir war schon im Januar als offizieller Gast in Ankara. Staatspräsident Abdullah Gül empfing ihn nun für ein halbstündiges Gespräch. Anschließend erklärte Baschir den Journalisten, er und seine Landsleute seien keine Völkermörder: "Die Ereignisse in Darfur stimmen uns traurig."

Für die Türkei ist die brisante Einladung Baschirs ein Risiko. Es hagelt Kritik von allen Seiten, einem so geächteten und kompromittierten Potentaten wie Baschir die Hand zu reichen. Die islamisch geprägte AKP-Regierung ist aber seit Langem konsequent darum bemüht, der Politik der Ausgrenzung missliebiger Regime, wie sie besonders von den USA vorexerziert wird, eine Alternative entgegenzusetzen, eine Politik der Besserung durch Annäherung. Das Paradebeispiel ist Syrien. Auch als das Regime in Damaskus am Tiefpunkt seiner Schwäche und Isolation durch die USA schien, hielt Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan an betont freundschaftlichen Beziehungen zu Damaskus fest. Der Lohn ist heute eine offizielle Vermittlerrolle der Türkei zwischen Syrien und Israel - der bislang greifbarste Erfolg der türkischen Kontaktfreude gegenüber "Schurkenstaaten". Auch vor Berührungen mit der Hamas scheute Ankara nach dem Wahlsieg der palästinensischen Extremisten im Gazastreifen nicht zurück. Das ging diplomatisch eher ins Auge, unterstrich in der Region jedoch den neuen Ruf des Landes, keine Marionette der USA zu sein.

Vor Baschir war der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad in Istanbul. Von Vermittlungsversuchen im Nuklearkonflikt war die Rede, es kam aber nichts Greifbares heraus außer neuen Entgleisungen des Iraners gegen Israel. Nach Ansicht von Kritikern hat Ankaras Taktik bislang kaum konkrete Ergebnisse gebracht und nur den Parias genützt - sie manipulierten die türkische Sehnsucht nach internationalem Prestige, um politisch zu punkten. Die Türkei erwidert solche Kritik mit dem orientalischem Hinweis auf Geduld: Alles braucht seine Zeit, und Vertrauen ist schneller zerstört als aufgebaut. Nebenbei verfolgt die Türkei klare wirtschaftliche Interessen. Mit dem Iran will man eine Erdgaspipeline bauen, gegen amerikanische Bedenken. Der Sudan hat Öl. Gül bat Baschir, türkischen Investoren im Ölgeschäft den Vorzug zu geben. Und ganz Afrika ist ein Absatzmarkt. Ankara will die Zahl seiner Botschaften auf dem Schwarzen Kontinent demnächst verdoppeln.

 
 
Geschichte der Freimaurer
Jungtürken

Nicht nur die britische Diplomatie hatte ein Auge auf die engen Beziehungen zwischen der osmanischen Freimaurerei und der jungtürkischen Bewegung . Ernst Jäckh und Paul Rohrbach, zwei führende deutsche Orientkenner, waren seit 1909 über die Zusammenhänge im Bilde. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs drängten sie deshalb auf die Aufnahme von Beziehungen zwischen den Großlogen der Mittelmächte. Am 22. September 1915 lud Richard Kleffel, Vorstand des Deutschen Großlogenbundes, die Vertreter aller Großlogen zu einer außerordentlichen Versammlung "behufs Beratung über eine höchst dringende und wichtige Angelegenheit" ein.

Ein Protokoll der Sitzung, die am 26. September in Berlin stattfand, konnte bisher nicht aufgefunden werden. Erhalten hat sich jedoch ein Durchschlag des Referats, das bei dieser Gelegenheit von Hjalmar Schacht gehalten wurde, dem späteren Reichsbankpräsidenten und Wirtschaftsminister unter Hitler (Bundesarchiv Berlin, Signatur R 58/7671). Schacht gehörte der Berliner Loge "Urania zur Unsterblichkeit" an. Im Sommer 1909 hatte er mit Jäckh und Rohrbach eine Reise durch Anatolien unternommen, um im Auftrag des Deutschen Bagdadkomitees die Voraussetzungen für den Bau eines Krankenhauses in Adana zu sondieren. Jäckh, Chefredakteur der Heilbronner "Neckar-Zeitung", und Rohrbach, Dozent an der Berliner Handelshochschule, waren im Gefolge Friedrich Naumanns eifrige Anhänger eines protestantisch gefärbten "ethischen Imperialismus".

In Saloniki lernte Schacht durch die Vermittlung eines Österreichers die ersten türkischen Freimaurer kennen, und auch im weiteren Verlauf der Reise fanden er und seine beiden Begleiter in ihren Kreisen überall "die freundlichste Aufnahme und Behandlung". Zu seinem Bedauern konnte Schacht die Zeremonien der osmanischen Brüder nicht aus eigener Anschauung kennenlernen, da die Logen den Sommer über geschlossen waren. Er ließ sich aber in vielen Gesprächen davon überzeugen, "dass die ganze jungtürkische Revolution von Freimaurern getragen und in den Logen verbreitet worden ist. Nicht als ob die Logenarbeiten selbst hierzu benutzt worden wären, im Gegenteil haben die Logenarbeiten stets nur hohen ethischen Inhalt gehabt, aber in den Logenräumen haben die Zusammenkünfte stattgefunden, die die politischen Ereignisse vorbereiteten. Unsere deutschen Brüder werden vielleicht geneigt sein, dies zu verdammen, aber mit Unrecht  . . . Es sind die besten Elemente des türkischen Volkes gewesen, die jenes Regime gestürzt haben."

Nur die "lautersten und ethischen Momente", so Schacht weiter, hätten "unsere türkischen Brüder" dazu bewogen, "die politische Macht zu erlangen". Die drei Deutschen begegneten in Konstantinopel führenden Jungtürken, unter ihnen Djavid (Cavit) Bey, Talaat Bey, dem ersten Großmeister des am 1. Mai 1909 gegründeten "Grand Orient Ottoman", und in Adana Ahmed Djemal (Cemal) Bey, der soeben die Führung einer Provinz übernommen hatte, in der es wenige Monate zuvor zu Pogromen gegen die Armenier gekommen war.

"Was die heutigen Leiter der türkischen Regierung treiben, ist bewusst maurerische Kulturpolitik", urteilte Schacht, der die Gewalttaten dem alten Regime anlastete. "Versöhnung der konfessionellen und nationalen Gegensätze, Aufklärung des verdummten und fanatischen Volkes, gemeinsame werktätige Liebesarbeit" sei demgegenüber das Programm der neuen Männer. "Gelingt es ihnen auch nur in etwas auf diesem steinernen Meer Aufklärung, Duldung, Menschlichkeit zu verbreiten, so muss die Bruderkette der ganzen Welt bekennen: Hier ist wahre maurerische Arbeit geleistet worden."

Schachts Werben hatte Erfolg, und die in Berlin versammelten Großmeister beschlossen, offizielle Beziehungen zu den Freimaurern in der Türkei sowie in Bulgarien aufzunehmen. Die Bemühungen der zu diesem Zweck eingesetzten Kommission blieben jedoch zunächst vergeblich. Erst nachdem Schacht und Jäckh selbst die Initiative übernommen hatten, kam es im Juli 1917 zur gegenseitigen Anerkennung der deutschen und der osmanischen Großlogen. Während eines neuerlichen Aufenthalts in Konstantinopel konnte Jäckh, der ebenso wie Rohrbach mittlerweile Mitglied von Schachts Berliner Loge geworden war, Djavid Bey persönlich davon in Kenntnis setzen.

Nachdem es im März 1918 endlich auch gelungen war, Beziehungen zur bulgarischen Großloge aufzunehmen, lud Richard Eberlein, Großmeister der Großen Loge von Preußen, seine sieben Kollegen dazu ein, "die Zusammenschliessung, welche die Völker der Mittelmächte durch die Waffenbrüderschaft auf den Schlachtfeldern des gewaltigen Weltkrieges erfahren haben, auch in frmr. Beziehung" zu stärken. Um die neuen Verbindungen mit Leben zu erfüllen, solle im Mai in Budapest eine gemeinsame Versammlung der Großlogen der Mittelmächte abgehalten werden.

Eberleins Vorschlag stieß unter den Adressaten jedoch nicht auf ungeteilte Zustimmung. Der Darmstädter Großmeister Wilhelm Süß antwortete, die Einladung zu dem geplanten "Verbrüderungsfest" habe ihn "mit Schmerz und Bitterkeit erfüllt" (GStA Berlin, FM 5.1.3. Nr. 8492). In Anbetracht der Weltlage gebe seine Großloge keine Feste mehr. Seine deutliche Absage an die Bestrebungen der Berliner Brüder ließ Süß in einer rhetorischen Frage gipfeln: "Sind wir eigentlich noch unpolitisch?"

Reinhard Markner

 

 

 

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