Saladin, der Kurde

 

Buchempfehlung:

 

Süleyman Deveci

Saladin, der Kurde

Preis: € 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm

Seiten: 312

ISBN: 978-3-85022-794-0

Veröffentlichung: 06/2009

 

 

Süleyman Deveci berichtet über den Werdegang des in die Geschichte eingegangenen Kurden Saladin, der es zum Ende seiner Ära sogar erreichte, eine eigene Dynastie – die Ayyubidendynastie – in Ägypten zu gründen. Aus zahlreichen Quellen trägt Deveci zusammen, unter welchen Voraussetzungen und durch welche Bündnisse und Listen Saladin zum Sieger über die Kreuzfahrer wurde und zu der ihm heute zugestandenen Glorie kam. Er vergisst dabei auch nicht, die Namen derjenigen zu erwähnen, welche eine entscheidende Rolle bei diesem Lauf der Geschichte gespielt und die es erst möglich gemacht haben, dass Saladin zu seinem heutigen Ruhm gelangte.

 

Leseprobe:

„Löwe der Kurden“: Wesir Schirkuh

Der kurdische Wesir Schirkuh

 

Nach den drei syrischen Ägyptenfeldzügen wurde Schirkuh, der kurdische General von Nureddin Zengi (Herrscher von Damaskus), vom Fatimidenkalifen Al Adid zum Wesir ernannt. Es war wohl weniger eine bloße „Ernennung“, sondern Schirkuh war mehr oder weniger dazu gezwungen, den Posten des letzten fatimidischen Wesirs Schawer zu übernehmen, den Saladin auf Befehl des Kalifen eigenhändig ermordet haben soll. Nach dem Tod Schawers war nämlich kaum eine andere Person in der Lage, dieses entscheidende Amt auszuüben. Der Soldat und große Krieger Schirkuh schien die passende Wahl zu sein: eine erfahrene Persönlichkeit, welche die dafür nötigen Eigenschaften besaß. Damit war er der richtige Verwalter und Statthalter. Außerdem spielte bei der Entscheidung des Kalifen vermutlich eine Rolle, dass Schirkuh so viele Soldaten bei sich hatte und diese sich schon in Kairo befanden. Al Adid, ein junger und kränklicher Mann, der zum letzten Kalifen der Fatimidendynastie werden sollte, sah offenbar keine andere Möglichkeit, als ihm diesen Titel zu geben und auf den leeren Posten Schawers zu bringen. Über die Wahrscheinlichkeiten darf und muss man reden, weil über Schirkuh bis in unsere Zeit ungerechterweise so wenig überliefert wurde.

Wenn es auch nicht Schirkuhs direktes Vorhaben gewesen sein sollte, beabsichtigte er doch sicherlich, Ägypten zu erobern und dieses Land im Namen des Islams einzunehmen. Damit würden nicht nur die Franken geschwächt, sondern auch die Byzantiner und andere Christen aus Europa.

Ob Schirkuh es geahnt hatte, dass er mit diesem Vorgehen nicht nur die Christen schwächen und die Franken in eine schwierige Situation bringen würde, sondern auch ein ismailitisches Land gewaltsam zurück zur „wahren Religion“ führen würde? Für ihn und seine Begleiter galten nämlich alle Anhänger des ismailitisch-schiitischen Glaubens als Ketzer und als nicht wahre Muslime. Eines ist klar und wurde uns überliefert: Schirkuh hatte gute Beziehungen zu den Sunniten, die in Ägypten lebten und bei dieser Gelegenheit Schirkuh und seinen Feldzügen sehr nützlich waren. Aber es ist eine Tatsache, dass nicht der Onkel Saladins das Ende der Fatimiden bewirkte, sondern Saladin selbst. Also hatte Schirkuh kaum etwas damit zu tun gehabt.

Es wäre auch eine unsinnige Spekulation, die Frage danach zu stellen, ob sich Schirkuh, falls er länger gelebt hätte, gegen Nureddin gestellt hätte. Es wäre so, wie zu behaupten, wenn Hitler weitergelebt hätte, gäbe es in Deutschland kaum Neo- und Altnazis. Schirkuh war von Anfang an ein loyaler und zuverlässiger Soldat und Soldatenführer von Imadeddin Zengi, den er mit seinem Bruder Necmeddin, dem Vater Saladins, einige Jahre zuvor einmal vorm Tod oder der Gefangenschaft gerettet hatte. Als sie ihre Ländereien verlassen mussten, gingen sie nach vielen Monaten zu ihm, als er gerade in Mosul an der Macht war. Imadeddin Zengi bedankte sich bei den zwei Brüdern mit einer großen Empfangszeremonie. Wir wissen, dass Schirkuh und Necmeddin Ayyub von diesem Zeitpunkt an treue Männer von Zengis Vater waren. Nach dessen Tod blieben sie weiter im Hause Zengis und Nureddin kämpfte an der Seite Schirkuhs gegen die Kreuzzügler.

Wir wissen folglich, dass Schirkuh, der Sohn von Schadi, aus dem Stamm der Hizbani-Kurden von Rewandi stammte, einer Gruppe, die in der Stadt Dvin lebte, der damaligen Hauptstadt der kurdischen Scheddaditen. Einige türkische Saladin-Forscher behaupten, die Rewandis seien ihrem Ursprung nach Araber, die irgendwann aus Arabien nach Kurdistan gekommen waren. Oder die Hizbanis jemenitische Araber gewesen wären. Daher sollen ihrer Meinung nach auch die Ayyubiden Araber sein. Aber bloß keine Kurden. Dazu kann man nur eines sagen: Solche Menschen sind armselig, sie sind eine Schande für die Wissenschaft. Im Namen der Terrorbekämpfung leugnen sie alles. Aufgrund der Gefahr des kurdischen Separatismus schreiben sie die Geschichte um, und es ist ihnen egal. Keiner sagt etwas dagegen. Sie werden dafür sogar des Öfteren belohnt, erhalten hochtrabende Titel, Posten und Ämter. Aber was ist mit der Wahrheit, mit der Würde des Menschen, mit ihrer eigenen Ehre? Eine Republik wurde über einer Lüge errichtet. Sie steht also auf einem denkbar unsicheren Fundament. Warum sollte sie dann nicht ständig wackeln und schwanken? Als Imadeddin Zengi starb, kam es zu Machtkämpfen zwischen seinen Söhnen. Solche Bruderkriege waren damals in den kurdischen Stämmen sehr häufig und kamen in jeder Generation wieder vor. Schirkuh hatte jahrelang Imadeddin wie seinem eigenen Bruder Necmeddin Ayyub gedient. Beide Brüder ergriffen nach Imadeddins Tod Partei für Nureddin. Also spielten die beiden in der Tat eine wichtige Rolle in der Entwicklung, die dazu führte, dass Nureddin Zengi den Heiligen Krieg seines Vaters fortsetzte. Ob Schirkuh im Jahre 1144 bei der Eroberung von Edessa dabei war? Heute geht die Forschung davon aus, dass niemand mehr etwas anderes behaupten kann.

Auch während des zweiten Kreuzzuges waren Nureddin und Schirkuh an der Front, sogar gemeinsam. 1149 tötete Schirkuh eigenhändig den christlichen Prinzen von Antiochia und brachte seinen Kopf zu Nureddin, der ihn nach Bagdad zum Kalifen schickte, wie die Tradition es vorschrieb.

Als Balduin III. und gleich danach sein Bruder Amalrich I. damit begannen, ihr lateinisches Königtum von Jerusalem nach Ägypten zu expandieren, war wieder Schirkuh derjenige, der Nureddin davor warnte, dieses Land als einen wichtigen strategischen Punkt nicht links liegen zu lassen. Er machte sich dafür stark, dass es von Muslimen erobert werden müsste. Nach dem ersten halb erfolgreichen Feldzug war es Schirkuh, der Nureddin zu einem zweiten Feldzug überredete. Als der Letztere das Anliegen nicht länger ignorieren konnte, blieb ihm keine andere Wahl, als Schirkuh und Saladin nach Ägypten zu schicken. Der Fürst von Syrien, wenn er auch weise war, konnte kaum erahnt haben, dass damit Schirkuh zum Wesir werden könnte, geschweige denn, dass bald schon Saladin seinen Platz einnehmen und der Dschihad unter Saladins Banner geführt werden würde.

Über Schirkuhs Kindheit wissen wir kaum etwas. Nach dem Tod seines Vaters Schadi wurde die Stadt Tekrit von seinem älteren Bruder Necmeddin Ayyub, dem Vater von Saladin, regiert. Saladin kam im Jahr 1138 in dieser Stadt zur Welt. Aber nach der Ermordung eines Soldaten, welche die Ayyubis offenbar verschuldet hatten, musste die ganze Familie Tekrit verlassen und nach Süden ziehen.

Die Quellen berichten davon, wie diese beiden Brüder danach bei Imadeddin Zengi in Mosul eintrafen, wo sie von ihm freundlich empfangen wurden. Ob beide Brüder bei der Einnahme der Stadt Baalbek eine Rolle spielten, ist nicht ganz geklärt. Unterschiedliche Quellen machen darüber verschiedene Angaben: Einige sagen, Imadeddin Zengi gab die Verwaltung von Baalbek, wo Saladin seine Kindheit verbrachte, an Necmeddin Ayyub. Außerdem machte Imadeddin seinen Freund Schirkuh zu einem Soldatenführer oder Kommandanten für sein Heer. Manche kurdischen Quellen berichten, dass die beiden Brüder an der Einnahme der Stadt Baalbek nicht beteiligt gewesen waren und die Stadt gerade deshalb an beide übergeben wurde.

Die Kindheit Saladins und Angaben darüber, was genau Schirkuh bei Imadeddin gemacht hat, liegen bis heute in einem rätselhaften Dunkel. In manchen durchschnittlich recherchierten Werken begegnet man heute immer noch der These, dass die Ayyubi-Familie Türken seien. Für die Kurden sicherlich eine Unverschämtheit! Solche Autoren untermauern ihre These damit, dass angeblich ein paar Familienmitglieder des Klans türkische Namen trugen. Es wäre möglicherweise anzunehmen, dass eine der vielen Frauen von Necmeddin türkischstämmig war. Aber wie kann man davon ausgehen, sie alle wären Türken? Würden wir nun mit dieser Logik arbeiten, wären alle Türken eigentlich Griechen, nur weil die Seldschuken (insbesondere deren Sultan) sich ihre Frauen aus dem byzantinischen Palast ausgesucht hatten und daraufhin mehrere Ehen geschlossen wurden. Dann wären sie also irgendwann nicht mehr Seldschuken oder Türken, sondern Byzantiner oder Teil desselben Volkes wie die heutigen Griechen. Wieder einmal erkennen wir hier nichts anderes als türkische Rassenideologie im Namen der Wissenschaft.

Wir wissen, dass viele Kurden am Anfang gegen die neue Weltreligion des Islams heftigen Widerstand leisteten und sich weigerten, sie anzunehmen. Dieser traditionelle Widerstand zeigte sich bei jeder Gelegenheit in Form von Aufständen. Solche lokalen Rebellionen fanden nach der Annerkennungsphase ebenfalls noch statt. Im Jahr 906 zerstörten die Kurden die inzwischen von den Arabern regierte Stadt Ninova und ihre Umgebung. Diese Kurden waren nichts anderes als Angehörige des Stammes Hizbani (Hezbaniye). Aber der neue Statthalter von Mosul verfolgte diese Hizbani-Kurden, die fortwährend rebellierten. Der neue Statthalter wurde von Kurden in Matuba niedergeschlagen. Nach dem kurdischen Sieg schickte der Kalif der Abbasiden neue Streitkräfte in die Provinz. Laut dem Historiker Minorsky wurden zahlreiche Familien, insgesamt über 5000 Personen aus dem Hizbani-Stamm, verfolgt. Die Kurden fingen an, Verhandlungen zu führen, gleichzeitig zogen sie sich auf der anderen Seite nach Aserbaidschan zurück. So gelangten die Hizbani beziehungsweise ein Klan aus diesem Stamm, die Rewandis, nach Dvin.

Nach 50 Jahren wurde in diesem Gebiet die berühmte kurdische Dynastie der sogenannten Schadianer (Schaddaditen oder Scheddaditen) gegründet, die ebenfalls zum Rewandi-Clan gehörten. Das waren die letzten Vorfahren Schirkuhs, die wir wissenschaftlich nachweisen und anerkennen können. Diese Dynastie wurde durch die Attacken der Oghuzen (ein türkischer Stamm, der 300 Jahre später das Osmanische Reich gründete) zerstört. Schirkuh und Ayyub kamen im Dorf Acdanakan (Dvin) zur Welt. Ihr Vater hieß Schadi ibn Merwan, der zum Rewandi-Clan gehörte und in Dvin lebte. Schadi ibn Merwan stammte sicherlich aus dem Stamm der Familie der Scheddaditen, die in Dvin, Gence und Ani über mehrere Jahrzehnte herrschten. Also kam die Familie von Schirkuh beziehungsweise Saladin aus einer adligen kurdischen Familie. Dies widerspricht vollkommen den Behauptungen einiger westlicher Quellen, sie habe eine sogenannte „niedere Herkunft“, da Schirkuh auf einem Auge blind, übergewichtig und von einem furchterregenden Aussehen war. Darin spiegelt sich einmal mehr die übliche westliche Ignoranz und Überheblichkeit, die unter Kurden noch heute sehr bekannt ist.

Als Imadeddin Zengi starb, riss Schirkuh ihm den Hoheitsring vom Finger und rief Nureddin zum neuen Herrscher aus. Alle riefen nach Schirkuh zusammen feierlich seinen Namen. Somit wurde Nureddin Mahmud, der Sohn von Imadeddin, der offizielle Nachfolger seines Vaters. Dies geschah im September 1146. Zur Verdeutlichung sei noch gesagt: 1132 retteten Ayyub und Schirkuh das Leben von Imadeddin Zengi. Nachher, als sie an seinem Hof waren und mit ihm zusammen im Namen des Heiligen Krieges gegen die „Ungläubigen“ kämpften, beteiligten sie sich sicher auch an dem Fall von Edessa. Damit halfen sie Imadeddin Zengi, den Königstitel zu erlangen.

Schirkuh besaß als kurdischer Heerführer großen Stolz. Als er sich 1148 mit dem Heerführer Ibn ed-Daya aus Aleppo an der Front in Antiochia zerstritt, kehrte er mit seiner Armee dem Schlachtfeld den Rücken und weigerte sich, an der Schlacht teilzunehmen. Erst nach einem Jahr gelang es Nureddin in Inab mit der Hilfe von Schirkuh, den Prinzen von Antiochia zu bezwingen.

Bevor Nureddin Zengi am 18. April 1154 Damaskus einnahm, schickte er Schirkuh als Botschafter in diese Stadt. Schirkuh kam mit Drohgebärden und seinen Soldaten vor die Tore von Damaskus. Der Statthalter Mudschir weigerte sich, ihn in die Stadt zu lassen. Er bestand vielmehr darauf, sich mit Schirkuh nur außerhalb der Befestigungsmauern zu treffen. Schirkuh musste mit leeren Händen zurückkehren. Deswegen war Nureddin schwer beleidigt und nahm seine ganze Armee mit; er kam vor Damaskus und nahm diese Stadt ein. Bei dieser Eroberung von Damaskus spielte Schirkuh eine ausgesprochen wichtige Rolle. In den 1150er Jahren sehen wir Schirkuh, wieder gemeinsam mit Nureddin, gegen den lateinischen König Balduin III. kämpfen. Nach dem Eidbruch des fränkischen Königs besiegte Schirkuh einige Überfalltruppen Balduins III. im Grenzgebiet Banias. Es ist bekannt, dass es in den Jahren 1156 und 1157 in Syrien und Damaskus eine ganze Reihe von Erdbeben gegeben hat. Es lässt sich jedoch nicht genau sagen, was Schirkuh und die anderen Ayyubiden in dieser Zeit taten.

Eines dürfen wir nicht außer Acht lassen: Es war Schirkuh und nicht Nureddin, der den Kalifen von Bagdad dazu bewog und von ihm die Erlaubnis erhielt, die angeblich „irrgläubigen“ Fatimiden zum wahren Islam zu bekehren. Nureddin beteiligte sich erst später daran, nachdem er tief religiös geworden war, einen Heiligen Krieg gegen die Franken, aber auch gegen die schiitischen „Irrgläubigen“ zu führen. Deshalb schickte er bei jeder Gelegenheit seinen vertrautesten und kriegserfahrensten General Schirkuh nach Ägypten. Schirkuh ist nicht nur in der kurdischen, auch in der islamischen Geschichte ein Phänomen. Ohne ihn und seinen Bruder gäbe es keinen Zengi, keinen Saladin, keine Rettung von Jerusalem. Ebenfalls gäbe es etliche Religionsschulen, Krankenhäuser, Brücken, Moscheen und so weiter nicht. Ungerechterweise aber wurde seine überdimensionale Rolle von Nureddin und Saladin überschattet.

Heute kritisieren nationalistische Kurden die Ayyubis sehr scharf, weil sie für die kurdische Sache nichts getan haben sollen, sondern sich vielmehr bloß für den Islam und den Heiligen Krieg eingesetzt haben. Aus solchen Kreisen ist zu hören, sie hätten allein dafür gelebt, gekämpft und getötet und seien dafür in den Tod gegangen. In der Tat haben solche Kritiken eine gewisse Berechtigung; was aber nicht vergessen werden darf, ist dies: Im Verlauf des 12. Jahrhunderts hatte sich noch kaum ein Volk zu einer Nation im modernen Sinne entwickelt, oder anders gesagt, ein Nationalbewusstsein für irgendeine Seite entwickelt.

Schirkuh und sein Neffe sind überaus wichtige Persönlichkeiten der kurdischen und der islamisch-orthodoxen Geschichte im 12. Jahrhundert. Wir müssen sie allein in den damaligen Verhältnissen sehen und zu verstehen versuchen. Außerdem wirft es wahrlich kein gutes Licht auf die heutigen Kurden, wenn sie Seite an Seite mit ihren Feinden ihre eigenen berühmten Vorfahren niedermachen.

Es ist Fakt, nicht nur These, dass wir es bei Schirkuh mit dem größten Soldaten- und Heerführer, Taktiker und militärischen Genie in über tausend Jahren kurdischer Geschichte zu tun haben. Ohne seine Hilfe wäre Edessa nicht eingenommen worden. Ohne den Fall Edessas hätte es auch keinen zweiten Kreuzzug gegeben. Ohne zweiten Kreuzzug hätte es den Sieg von Inab nicht gegeben. Ohne Inab aber keine Eroberung von Damaskus, ohne Damaskus kein Ägypten, ohne Ägypten kein Saladin, und ohne Saladin wäre der Islam vielleicht schon längst untergegangen. Vielleicht wäre er nur eine vorübergehende Bewegung in der Geschichte?

Schirkuhs Schlüsselrolle in der kurdischen Geschichte wurde noch nicht ausreichend beschrieben. Die Islamisten beschrieben ihn als kurdischstämmigen Muselman. Die Türken reden über ihn als Saladins Onkel, doch man liest, Saladin sei Türke; des Onkels Identität und Abstammung werden bis heute verschwiegen, im Namen der Assimilation der Kurden. Die modernen Kurden oder „Kinder der Aufklärung“ wettern über ihn und seine Familie und beklagen sich, dass sie für die Kurden nichts getan, sondern nur für den Islam gekämpft hätten. Doch über Schirkuhs übermächtigen Platz und unbeschreiblich große und wichtige Rolle in der Geschichte lachen sie nur. Er wurde sozusagen noch nicht verstanden, er ist bis heute teilweise ein Rätsel geblieben. Er sollte jedoch zur Sprache kommen.

Der kurdische General schlief auf seinem Pferd, wenn er zu einer Schlacht ritt. Er aß zusammen mit seinen Soldaten. Er glänzte durch seine Bescheidenheit und war bei seinen Männern beliebt. Er machte gern Witze und brachte seine Soldaten zum Lachen. Überliefert wurde sein Bild als furchtloser Krieger, vorbildlicher Kämpfer und mehrmals verdienter Held. Nur 65 Tage, nachdem Schirkuh neuer Wesir geworden war, starb er nach einem Essen. Feindselige Quellen vermeldeten mit großer Freude, dies sei so gekommen, weil er sich „vollgefressen“ habe. Einige deuten vorsichtig darauf hin, dass er nach einer wohl etwas übermäßigen Mahlzeit starb. Wir können davon ausgehen, dass er sein Ende durch einen Schlaganfall fand, so wie der deutsche Kaiser Barbarossa im Fluss Saleph, wo ihm das Wasser bis zu seinen Knien reichte, und er beim Baden oder einer Erfrischung starb.

Schirkuh lebte für zeitgenössische Verhältnisse sogar recht lange. In jener von Kriegswirren und Umstürzen erschütterten Zeit erreichten die meisten Menschen im Durchschnitt ein Alter von 30 bis 40 Jahren. Nicht viel später sollten auch Nureddin, Schirkuhs Bruder Necmeddin, und selbst sein Erzfeind, der fränkische König Amalrich, aus dem Leben scheiden.

Die kurdische Geschichte hat nie einen so großen Soldaten, der noch für heutige Generationen im Dunkeln steht, gesehen und überliefert. Heutige Kurden bezeichnen ihn genauso wie die Araber als einen Dschihad-Kämpfer. Aber Schirkuh war mehr als das. Er war ein Held. Seine Geschichte wurde noch nicht vollständig geschrieben. Sein Epos ging mit ihm teilweise in Vergessenheit. Aber er ist unsterblich und unvergesslich wichtig und stark. Solange Kurden auf dieser Erde existieren, wird es ein paar Nachfahren von ihm geben, die ihn mit großer Aufregung, Freude, Neugier und Bewunderung auf die Tagesordnung setzen und ankämpfen werden gegen die Gefahr, dass seine Verdienste in Vergessenheit geraten.

Kurden sind meist emotionale Menschen. Schirkuh war genauso. In seinem Zorn tötete er einen wichtigen Soldaten, damit änderte er Leben und Laufbahn seiner ganzen Familie. Er zerstritt sich mit einem anderen kurdischen Heerführer, dadurch weigert er sich an einer bestimmten Schlacht teilzunehmen und die Muslime verlieren den Krieg. Schirkuh hasst Schawer und seine Machtspiele; nach drei Feldzügen erobert er Ägypten und wird selbst Wesir.

Schirkuh zwang Saladin jedes Mal, mit ihm zusammen in den Krieg zu ziehen. Saladin lernte von ihm zu töten und Blut zu schmecken. Er lernte von Schirkuh landesübliche Kriegslisten und Taktiken, die Bedeutung von Diplomatie, Ehre sowie unverzichtbarer Tugenden und Heldentaten. Wer sich mit der kurdischen Geschichte des 12. Jahrhunderts beschäftigt hat, kann über Saladin ganz klar Schirkuhs Schatten sehen. Bei Saladin Schirkuh nicht sehen zu können wäre ein Irrtum und ein Zeichen für übertriebene und ungerechte Sympathie für den Sultan. Denn Schirkuh brachte Saladin nicht nur das Kämpfen und die Kriegskunst bei, sondern bereitete den Weg dafür, dass Saladin zuerst Wesir und dann der Sultan von Ägypten wurde. Heutige Kurden, besonders das kurdische Militär, haben eine ganze Menge von Schirkuh und seiner Kriegsführung zu lernen.

Die Kurden, einst Vorkämpfer und Anführer der Heiligen Kriege des Islams, kämpfen heute um ihr Überleben. Dabei geht es nicht mehr um Allah, seinen Propheten und seine Anhänger. Es geht ihnen zunächst ums nackte Überleben und darum, frei atmen zu können. Sie wollen, dass ihre Sprache in der Öffentlichkeit nicht mehr verboten ist. Sie wollen, dass ihre Identität nicht mehr geleugnet werden darf. Sie wollen frei und vor allem Kurden sein. Ob Schirkuh all diese Peinlichkeiten und Verrate von Glaubensbrüdern hätte vorausahnen können? Machte sich der wichtigste Soldatenführer des 12. Jahrhunderts, ein Mann, dessen Kampftechnik und Kampfweise ihn bis heute unsterblich gemacht haben, überhaupt Gedanken darüber, dass seine Nachfahren eines Tages gezwungen sein könnten, um ihr Überleben beziehungsweise gegen ihre eigenen Glaubensbrüder zu kämpfen? Es gibt heute zahlreiche kurdische Nationalisten, die Saladin und seine Familie vollmundig beschimpfen. Ihr unausgeprägtes Bewusstsein für historische Zusammenhänge bedingt ein solches Fehlverhalten aus unreifer, undankbarer, blinder Wut oder Verzweiflung. Traurigerweise sehen wir in der kurdischen Geschichte nach Schirkuh keinen ähnlichen Heerführer mehr.

Schirkuh kämpft im und für den Namen der Religion, als Zeit und Ort das von ihm erwarten. In den Jahren der Überfälle der Franken halten die Kurden, wie auch andere Muslime, die Christen für „Ungläubige“. Deshalb müssen diese entweder einen Tribut zahlen, wenn sie sich in muslimischen Ländern aufhalten und als Untertanen der Muslime leben (im Status als „Schutzbürger“, da sie ahl-i kitab, „Besitzer des Buches“ sind), oder die heiligen Orte verlassen. Kurden, Araber, Türken, Perser, Tscherkessen, Mamelucken und andere sind Glaubensbrüder gewesen und kämpften Seite an Seite gegen die Feinde des Islams. Keine der genannten Nationen sah sich über andere erhaben. Ihr Oberbegriff war die Religion, der Glaube gewesen. Sie musste verteidigt werden. Es galt, diese Religion zu verbreiten und alle Menschen in den Provinzen zur „wahren Religion“ zu bekehren.

Das sogenannte Kurdenproblem fing sicher nicht mit Schirkuh an. Aber durch ihn erhielt es eine andere Dimension. Also kämpfen die Kurden für den Islam, besonders für das Sunnitentum, wie die Löwen. Sie sterben dafür, töten heldenhaft, furchtlos, vollbringen teilweise übermenschliche Taten. Daher muss diese Phase und Gewohnheit rückgängig gemacht werden. Das heißt, darin liegt der Schlüssel für die Lösung der Frage: Die Kurden können ihr Problem nämlich erst dann lösen, wenn sie anfangen werden, dieser Religion den Rücken zuzuwenden, oder diese Religion so reformieren, dass sie auch die Kurden absorbieren, anerkennen und respektieren kann.

Also brauchen die Kurden neue Schirkuhs, die für die Rechte der Kurden kämpfen – jemanden, der vielleicht zu Recht mit dem Titel „Löwe der Kurden“ benannt wird. Zurzeit verhindern jedoch die historischen Entwicklungen noch, dass eine so reife und weise Persönlichkeit sich zeigen und beweisen kann. Die Geschichte der Kurden wird heute immer noch mit Leid, Blut, Not und Elend geschrieben. Schirkuh spielte dabei natürlich eine große und bedeutsame Rolle. Die kurdischen Nationalisten haben nicht völlig unrecht mit ihrer Kritik. Aber wie hätte sich Schirkuh damals anders verhalten können?

„Ronjber“ bedeutet auf Kurdisch „der Lichtbringer“ oder „jemand, der leuchtet“. Eine andere Bedeutung lautet: ein Intellektueller. Für viele kurdische Nationalisten zählt Saladin als ein Ronjber, nicht aber Schirkuh. Diese Ungerechtigkeit hindert sie daran, zu sehen, dass ohne die Dinge, die Schirkuh geschaffen hat, ohne ihn und seine Mühe aus „Yussuf“ kein „Saladin“ geworden wäre. Außerdem ist Schirkuh der Kämpfende, unerschöpflich beharrlicher, bewaffneter, tötender, zu sterben bereiter Geist der Kurden. Seine wahren Tugenden leben bis heute in seinen Nachfahren. Wäre dem nicht so, würde heute kein Kurde mehr auf dem Erdboden leben, wo sein Volk Tausende von Jahren lebte.

Schirkuh ist unbestreitbar ein Licht. Ein Licht, welches heute für die Kurden, die für die kurdische Sache kämpfen und ihr Leben aufopfern, großen Wert besitzt. Aber Schirkuh war auch damals ein Licht, das im Namen des Glaubens, für die Verbreitung des Islams oder für den Heiligen Krieg kämpfte. Ihn zu beschuldigen und zu beschimpfen, da er verantwortlich sei für den Tod Abertausender Kurden im Namen des Islams, wäre keine befriedigende und glaubwürdige Position. Es tut not, die Zeitgeschehnisse im damaligen Sinn zu betrachten und zu verstehen. In diesem Sinne machte Schirkuh in seinen Verhältnissen das Richtige, sogar mehr als perfekt.

Schirkuh entstammte einer langen Ahnenreihe von Kämpfern. Diese ging von Rüstem Zal, Mardawij über Bad bin Merwan bis zu Fürst Fadlun und Schadi. Diese verloren gegangenen Kämpfer, kurdische Gladiatoren der Geschichte, bilden einen Fokus für die gestohlene oder vernichtete, aber dennoch nicht auslöschbare Identität der Kurden, die bis heute unbeugsam und dickköpfig an die Richtigkeit ihrer Sache glauben und dafür weitere Kriege unter anderen Namen führen. Weil Schirkuh in dieser Kämpferkette einen wichtigen und unübersehbaren Platz einnimmt, ist er ein Ronjber.

In vielen orientalischen und abendländischen Quellen wird öfters erwähnt oder angedeutet, dass der Vater von Saladin, Necmeddin Ayyub, der Bruder Schirkuhs, ein sehr frommer Mensch war. Dieser habe den persönlichen Glauben Saladins tief mitgeprägt. Aber wie verhält es sich mit Schirkuh? War er weniger religiös als sein Bruder? Es ist hochinteressant und wirft viele Fragen auf, dass er, als Imadeddin Zengi gegen den Abbasidenkalifen kämpfte, statt die Partei des Kalifen zu unterstützen, das Leben des Gegners des Kalifen rettete. Beide Brüder kämpften unter dem Banner der Zengis, und keiner von beiden machte eine Pilgerfahrt nach Mekka, was für einen frommen Muslim einmal in seinem Leben eine Pflicht ist. Über die Kindheit und Jugendzeit von Schirkuh wissen wir kaum etwas.

Ob Schirkuh bei den Aufrufen von Vater und Sohn Zengi zum Heiligen Krieg keine Rolle gespielt hat? Bedrängte Schirkuh seinen Vorgesetzten Nureddin nicht mehrere Male, die „irrgläubigen“ Fatimiden zur rechten Religion zu bekehren? Wusste Schirkuh eigentlich nicht, wem er im Grunde genommen diente? Denn das war in der Tat im Namen Nureddins der amtierende Abbasidenkalif, das eigentliche geistliche Oberhaupt des sunnitischen Islams. War er sich ferner darüber im Klaren, dass er früher oder später mit dem Fatimidenkalifen ein Ende machen musste, noch vor Saladin? Hätte er auch so lange gewartet wie Saladin, wo doch der Abbasidenkalif per Befehl von ihm erwartete, dass in ägyptischen Moscheen nicht mehr für den Fatimidenkalifen Freitagsgebete ausgerufen werden? Glaubte Schirkuh tatsächlich mit vollem Bewusstsein, mit seinen Taten dem Islam gedient zu haben? Hatte er außer seinem Glauben zu dienen noch andere Vorhaben? Wie stand es mit seinem Ehrgeiz oder seiner Machtgier? War für ihn sein Glauben wichtiger als seine nationale Identität? Glaubte er daran, dass er die Wahrheit durch seine Religion erreichen würde statt durch seine Herkunft? Warum sollte er anders sein und handeln als seine Zeitgenossen, da doch in seiner Zeit die meisten Feinde zu einem gegnerischen Glauben gehörten? Hatte Schirkuh außer seinen militärisch sehr wichtigen Eigenschaften irgendeine Ahnung vom Verwalten und Regieren? Wie waren sein Amt und seine 65 Tage als Wesir verlaufen? Was hat er geändert? Was hat er dort anders gemacht als sein direkter Vorgänger und Erzfeind Schawer? Hatte er am Ende sein Ziel erreicht? Ist er genau das geworden, was er werden wollte? Warum hat er in Saladin mehr investiert als in seinen eigenen Sohn? Warum hat er damals nach dem Tode Imadeddin Zengis dessen Sohn Nureddin als Nachfolger ausgerufen, statt sich selbst zu nennen? Welche Rolle spielte er bei der Eroberung Edessas? Wo und gegen wen hat er, abgesehen von der Belagerung von Inab und Damaskus, während des zweiten Kreuzzuges gekämpft? Spielte er eine noch viel größere Rolle beim Aufstieg von Nureddin? War Ägypten auch für Schirkuh ein Ort, wo ihn sein Glück nicht verlassen konnte?

Bei den Kurden liegt eine feurige Debatte an der Tagesordnung, ob die Ayyubis einen kurdischen oder einen seldschukischen Staat gründeten. Es wäre eine große Unverschämtheit oder Unwissenheit, zu behaupten, diese Dynastie sei nicht als kurdisch zu benennen. Erstens hatten Kurden bereits vor Schirkuhs Zeit durchaus wichtige und zahlreiche Dynastien begründet, in der Reihenfolge Buwaihis, Ziyariden, Scheddaditen, Hassanwaihis, Merwaniden. Abgesehen davon hatten sie es, quasi auf lokaler Ebene, zur Errichtung einiger kleiner, mittlerer und großer Emirate und „Begtümer“ gebracht. Es müsste sogar gesagt werden, dass die Zengiden-Dynastie höchstwahrscheinlich ein Beispiel einer üblichen kurdischen Dynastie darstellt statt einer üblichen seldschukischen Herrschaft. Zweitens erkennt man bei der Beschäftigung mit den Staaten und Dynastien jener Zeit viele erhebliche Ähnlichkeiten. Klar ist, dass der eigentliche Gründer der Ayyubiden weder Saladin noch sein Vater Necmeddin Ayyub war. Es wäre richtig, zu sagen, dieser Gründer war Schirkuh. Diese Art der Herrschaft wurde erstmals in den berühmten 65 Tagen erprobt, in denen Schirkuh Wesir war. Schirkuhs Amtszeit bildet also die Vorphase der folgenden Dynastie. Als Saladin seinen Platz einnahm, fing sie offiziell an. Damit wandelte er sich zum neuen Herrscher von Ägypten und zugleich zum Herrscher der Kurden.

Natürlich war Schirkuh ein loyaler Untertan des Abbasidenkalifen beziehungsweise sein mächtigster Mann in der Provinz. Aber auch diese Beziehung liegt heute noch im Dunklen. Kurden sind zumeist Angehörige der schaffitischen Rechtsschule (dieser Name kommt von Imam Schaffi) des Islams, die Türken hingen in jener Zeit und bis heute eher der hanefitischen Lehre an. Die Bezeichnung „hanefitisch“ geht wiederum zurück auf Imam Hanafi, der ebenfalls Kurde war, wenn auch seine Biografie von Türken und Arabern verfälscht wurde und deshalb von Kurden erneut geschrieben werden sollte.

Kurdische Stämme und Sippen haben in dieser Epoche eine noch weitaus komplexere Beziehung untereinander. Aber Schirkuh allein als „Löwe des Glaubens“ zu betrachten ist ungerecht und reicht ganz und gar nicht aus, um ihn zu beschreiben. Es wäre weder korrekt noch gerecht. Er ist viel mehr, als bis jetzt behauptet und gesagt wurde. Das Passende wäre, ihn den „Löwen der Kurden“ in diesem Zeitraum zu nennen. Die Kinder der Aufklärung müssen ihn so akzeptieren und Nachforschungen über ihn und seine Zeit einleiten. Die Wahrheit würde bestimmt folgen.


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