Historische Einordnung der Familie

Khonaf Hajo

 

 

Der Begriff Familie wird sicherlich im deutschsprachigen Raum spontan eine Personenkonstellation assoziiert, die Vater Mutter, mit einem oder mehreren gemeinsamen Kindern umfasst. Daneben steht der Begriff, vor ammem im romantischen Sprachraum ´´familie´´, ´´famiglia´´ aufgrund der stärkeren Betonung des verwandtschaftlichen Zusammenhaltens als Synonym für Verwandschaft. Im historischen Verlauf hat die Familie in der Gesamtgesellschaft viele Bedeutungswandel erfahren. Im europäischen Raum hatte in der vorindustriellen Zeit über Jahrhunderte hinweg eine Ehe und Familienbildung vornehmlich die Existenzsicherung von Individuen oder Gruppen zu Ziel. Es ging um die Absicherung von Töchtern, Ernährung von nicht mehr arbeitsfähigen Alten, Erhaltung von Erbteilen, Schaffung von zusammenhängenden Ländereien oder Machtsicherung. Die Familie als von der Öffentlichkeit abgeschlossener Raum für Intimität, Ausbildung von Individualität, Liebe und Sexualität spielte damals keine Rolle. Die Familie als Ort für Privatleben 1) (Histoire de la vie privee, Philippe Aries, george Duby et l Academie francais, Paris 1987: la vie privee n´est pas une realite naturelle, donnee depuis l´origine des Temps; cß es tune realite historique) oder Privatshäre ist noch relativ neu und entwickelte sich erst mit der Industriegesellschaft. Ebensowenig hatte die Familie als Sozialisations- und Erziehungsinstanz eine entscheidende Funktion. Je nach Schicht- oder Klassenzugehörigkeit galten allgemeinverbindliche Moralvorstellungen und Handlungszwänge, die von der Kirche, dem Staat, den Zünften, lehnsherren und der Notwendigkeit der Güterbeschaffung geprägt waren. Die ausschließliche „elterliche Gewalt“ – immer noch ein Begriff im Grundgesetz, der allerdings durch die „Elterliche Sorge bzw . Fürsorge ersetzt werden soll- gab es nicht, da öffentlicher und familiärer Raum nicht signifikant getrennt waren. „Ein und dasselbe Leben pulsierte durch Haus Strasse und Gemeinde.2) (Peter L, Berger u. Hannsfried Kellner, Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit, S. 225). Gewalt über Kinder wurde sozusagen vom ganzen Dorf ausgeübt, und in der herrschenden Schichten des Adels wurden Generationen von Kindern nicht von ihren Müttern ernährt sondern von Ammen gestillt und von Gelehrten, Gouvernanten und Klöstern erzogen, bzw. auf ihren jeweiligen zukünftigen Status vorbereitet. Auch war die Vorstellung fremd, Zuneigung Bedingungen und Voraussetzungen sich diese Entwicklung vollzieht und welche neuen Formen sie hervorbringen, soll im folgenden skizziert werden.

 

Individualisierung und Kollektivierung, Die Studentenbewegung der 60er und 70er Jahre    

Obwohl schon seit den 30er Jahren Krisenphänomene der traditionellen Familie offensichtlich werden, wie Anstieg der Scheidungsziffern und der alleinerziehender Mütter, so waren Soziologen wie Schelsky sich doch mit amerikanischen Kollegen einig, das Ehe und Familie zu den wenigsten stabilen Institutionen moderner Gesellschaften gehören und die funktionalen Erfordernisse für eine Industriegesellschaft weitgehend erfülle (Schelsky, Helmut, Wandlung der deutschen Familie in der Gegenwart: Darstellung und Deutung einen empirisch- soziologischen Tatbestandaufnahme, Dortmund 1953). Eine grundlegende und umfassende Infragestellung von Ehe und Familie initiierte die Studentenbewegung in der 60er und 70er Jahren. Mit der Kritik am bürgerlichen Staat und des Kapitalismus, die Arbeiter und die Dritte Welt ausbeuten, Frauen in ihrer Selbstentfaltung behindern, entwickelte sich eine zunehmend fundamentalistische Kritik an der Institution Familie, die der bürgerliche Staat als kleinste und wichtigste Keimzelle seiner eigenen Existenz ansah. Die Zelle war dem Staat so wichtig, dass er sie per Grundgesetz unter seinen besonderen Schutz gestellt hatte. Wollte man den bürgerlichen Staat abschaffen, so musste man auch seine Keimzelle zerschlagen. Die ersten in der Praxis gelebten alternativen Lebensformen waren die Kommunen, in denen das Kleinstkollektiv Familie auf ein großes Kollektiv erweitert wurde, das aus einer unterschiedlich großen Anzahl von Personen bestand, die in unterschiedlichen Beziehungen zueinander standen. Ihre gemeinsame Zielsetzung war die Befreiung von der bürgerlichen Ideologie und ihren Lebensformen. Die Hausarbeit wurde nicht mehr allein von den Frauen erledigt, sondern gleichermaßen von beiden Geschlechtern. Individuelle Bedürfnisse sollten nicht unterdrückt, sondern ausgelebt werden, auch wenn es sich um sexuelle Bedürfnisse hinsichtlich mehrerer Partner oder Homosexualität handelt. Mit der sich entwickelnden Frauenbewegung präsentieren Frauen nun öffentlich eine neue Zärtlichkeit unter Frauen, die Lesbengruppen. Ebenso entstanden Männergruppen, mit Hilfe derer sie sich von ihrer ehemaligen Rolle und Erziehung in der traditionellen Familien zu emanzipieren versuchten. Kinder, die in diesen Lebensformen geboren wurden, sollten sich nicht wie in der traditionellen Familie ausschließlich auf ihre Eltern fixieren, sondern ihre Sozialisation sollte von einer Vielzahl von Zuwendungen geprägt werden. Die gesamte Erziehung in der traditionellen Familie wurde als unterdrückerisch angesehen. Auch bei einem kleinen Kind sollte der eigene Wille respektiert werden, und die Strafe wurde als Erziehungsmittel abgelehnt, Eltern und andere Sozialisationsinstanzen gaben ihre Rolle als Autoritär auf, die Antiautoritäre Erziehung entstand auch , wenn nach dem Ende der Stundenbewegung eine Art Restauration begann, und etwas „moderatere“ Lebensformen sich regetablierten, so darf nicht vergessen werden, dass dieser massive Angriff auf die traditionelle Familie andere Lebensformen reflektierbar gemacht hat.    

 

Aktuelle Vielfalt an Mischformen des Zusammenlebens

Waren traditionelle Familien und Kommune oder WG konkurrierende Modelle, so existieren heute mehrere Lebensformen nebeneinander. Aber auch die Formen innerhalb der traditionellen Familie sind unter anderem durch sozialökonomische Veränderungen demokratischer geworden. Das uneingeschränkte Patriarchat konnte sich aufgrund eines neuen Selbstbewusstsein berufstätiger Frauen nicht mehr halten, und auch den Kindern wurde mehr Mitspracherecht innerhalb familiärer Entscheidungsprozesse eingeräumt. Die Begriffe Vater, Mutter, Kind haben allerdings ihre ursprünglich eindeutig festgelegte Bedeutung verloren. Da gibt es die biologische Mutter, die Leihmutter, die neue Partnerin oder Lebensgefährtin des Vaters, die aber de facto die Mutterrolle übernommen hat, um nur ein Beispiel zu nennen. Während früher die gesamte Familie in der Regel an einem Ort zusammenblieb bis zur Heirat der Kinder, werden heute schon in der prenatalen Phase Lebensräume von in irgendeiner Form biologisch verbundenen Personen immer wieder verlegt und neu definieret. Ein Kind z.B. seine erste prenatale Phase einem Reagenzglas oder dem Uterus einer Leihmutter verbringen, danach eine Phase mit den leiblichen Eltern und Geschwistern gemeinsam verbringen, um sich nach einer Trennung der Eltern in einer völlig neuen Konstellation wiederzufinden und sich neu definieren muß. In der sogenannten Patchworkfamilie könnte das folgendermaßen aussehen: Ein Elternpaar mit vier Kindern trennt sich. Jedes Elternteil nimmt zwei Kinder mit in seinen neuen Lebensraum. Die Mutter, die nicht von ihrem Mann geschieden ist, beginnt eine neue Beziehung mit einem Mann, der ein eigenes leibliches Kind in diese Lebensgemeinschaft einbringt. Schließlich bekommen beide noch ein gemeinsames Kind. Aus der Perspektive eines Kindes der Mutter sieht das so aus: Dieses Kind hat ein leibliches Geschwisterkind, mit dem es zusammenlebt, zwei leibliche Geschwister, die an einem Ort leben, eine Halbschwester oder einen Halbbruder, mit dem es zusammenlebt und zwei fremde Kinder, mit denen es zusammenlebt, diese Gemeinschaft lediglich über die Beziehung der leiblichen Mutter definiert ist. Dies ist keine theoretische Konstruktion, sondern in vielfältigen Konstellationen Realität. In diesem Zusammenhang möchte ich eine Geschichte erzählen, die dokumentiert, dass die Patchworkfamilie in unserer Gesellschaft mehr oder weniger akzeptiert ist, und auch die Kinder selbstbewusst mit dieser Entwicklung umgehen. Die Tochter einer Freundin kam im Alter von 9 Jahren aus der Schule und berichtet der Mutter, in Mathematik seien alle sehr schwach in ihrer Klasse. Als Grund gab sie an, sie habe den Kindern eine Aufgabe gestellt, die keiner lösen konnte: “Meine Mutter hat zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern, mein Vater hat drei Kinder mit drei verschiedenen Frauen. Wieviel Geschwister habe ich? Diese Frage löste kein Entrüsten aus, sondern die Lehrerin bemühte sich, das Problem mathematisch anzugehen. Neben diesen Lebensformen, in denen Mann und Frau auftauchen, die also heterosexuell sind, werden homosexuelle Partnerschaften nicht mehr grundsätzlich diffamiert. Homosexuelle Lebensgemeinschaften haben sich insoweit etabliert, als dass der Staat ihre Existenz nicht mehr als „Perversion“ werten kann. In Frankreich gibt es seit zwei Jahren den sogenannten „PACS“ den pacte de solidarite civile. Sowohl homosexuelle als auch heterosexuelle Lebensgemeinschaften, die gleichen Status haben, können sich im Register des Amtsgerichtes eintragen lassen und kommen damit in den Genuss der Vorteile von ehelichen Gemeinschaften: steuerliche Vergünstigungen, gesetzliche Erbansprüche, Entscheidungen bei medizinischen Eingriffen, automatische Übertragung von Mietverträgen auf einen Hinterbliebenen, also all das, was einer Lebensgemeinschaft ohne Trauschein ansonsten versagt wurde. Das Entscheidende allerdings ist, dass nicht mehr zwischen Heterosexuellen und homosexuellen Lebensgemeinschaften unterschieden wird und dass der zeitlichen Begrenzung einer Lebensgemeinschaft Rechnung getragen wurde. Die Pacs kann jederzeit per Willenserklärung aufgelöst werden. In Frankreich ist eine solche Konstruktion aufgrund der Trennung von Staat und Kirche seit der französischen Revolution leichter durchsetzen als in Deutschland, wo der Staat die Steuern für die Kirche eintreibt und die Kirche immer wieder vehementen Widerstand ankündigt, wenn Veränderungen in der Gesellschaft ihre Ideologie tangieren. In der Liberalisierung der Namensgebung zeigt sich ein Neudenken familialer Beziehung. Während in der traditionellen Familie und auch per Gesetz die Frau den Namen des Mannes annehmen musste, können heute beide Partner  ihren Namen behalten, sich einen gemeinsamen Familiennamen zulegen oder eine Konstruktion von Doppelnamen wählen. Dass, was man Generationen von Frauen über Jahrhunderte hinweg zumutete, mit Beginn der Ehe eine andere Ansprache, einen anderen Namen und eine andere Identität anzunehmen, ist undenkbar für Männer. Könnte man sich einen Johan Sebastian Bach vorstellen, der nach einer Verehelichung seine Werke unter dem Namen Johan Sebastian Meier veröffentlicht hätte? Letztlich bleibt aber die Frage, die im Rahmen dieses Referats nur tangential behandelt werden konnte, welche wirtschaftlichen und soziokulturellen Faktoren sind dafür verantwortlich, dass die Gesellschaft die traditionelle Familie nicht mehr braucht. 

 

 

 

 

 

 

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