Dorfgeschichten
Mein
liebes Dorf, ich sehne mich nach Dir, aber ich kann nicht heimkommen. Kann meine
Mutter nicht umarmen, kann nicht bei Euch sein, Ihr Lieben alle und Ihr, meine
treuen Nachbarn.
In
meinen Träumen bin ich oft daheim. Dann bin ich glücklich. Beim Erwachen
wundere ich mich. Gerade bin ich noch zu Hause gewesen und finde mich in meinem
Gastland wieder. Aber meine kleine Familie, meine Frau und die Kinder machen
mich immer wieder fröhlich; sie
sind mein grosses Stück Heimat.
Ich
sehe Dich vor mir, Du.mein Dorf, in dem ich geboren bin. Jedes Haus erzählt ein
Menschenschicksal, jedes Fenster, jede Tür erzählt Geschichten.
Geschichten
von Armut, Drangsal und der Freude des Zusammenhaltens.
Oh,
Ihr weiss leuchtenden Häuser in der strahlenden Sonne meines Landes. Ob es mir
eines Tages vergönnt sein wird, am Abend inmitten der Nachbarn und Freunde im
Hof zu hocken, wenn die Schafherden heimkehren und die sinkende Sonne den Teich
erglänzen lässt wie rotes Gold und jeder
etwas erzählt, was er erlebte? Werde ich in den Sommernächten noch einmal auf dem Dach unseres Hauses
schlafen dürfen?
Vielleicht
werde ich dann ein Weissbärtiger sein, wenn dies möglich wird, einer von
denen, die angesehen sind in der Familie, weil sie weise sind und Glück
bringen. Jede Familie muss ihren Weissbärtigen haben. Sonst fühlen sich alle
wie ein Wesen ohne Kopf.
Viele
Erlebnisse fallen mir ein in meinem Heimweh.
Soll
ich euch vom Streit zwischen Nachbar
Bilenderi und seiner Frau Xense erzählen?
Was
ist geschehen? Warum schreit Bilenderis Frau Xense so laut, rennt mit zerzausten
Haaren, ohne Kopfbedeckung durch
das ganze Dorf und ruft meinen Vater um Hilfe an. “Oh, Onkel Abdullah, rette
mich vor Bilenderie; er ist schrecklich in seinem Zorn.”
Noch
vier Tage trennen uns vom Opferfest, wo es Sitte ist, die Kinder mit kleinen
Geschenken zu erfreuen. Und
Bilenderi und seine Frau haben vierzehn Kinder.
Mein
Vater ist vor das Haus getreten und empfängt Xense.
“Was
hast du, warum schreist du so? Du tust ja, als trachte er dir nach dem Leben.”
Da
biegt Bilenderi um die Ecke, er ist ihr natürlich hinterher gelaufen. Auch er
hat völlig vergessen, dass man seine Nachbarn in ordentlicher Kleidung
aufsucht, mit Würde und Achtung auftritt und nicht so völlig in Zorn aufgelöst
durch das Dorf rennt.
Abdullah,
mein Vater, tritt zwischen die beiden. “Kommt herein und ruht euch aus und
dann erzählt mir, was bei euch los war.”
Mutter
hat Tee gekocht und bewirtet die inzwischen etwas verlegen gewordenen Gäste.
Meines
Vaters Ruhe überträgt sich auf sie und endlich sind sie imstande, über die
Ursache von Bilenderis Zorn zu
sprechen.
“Sie
ist ein Dickschädel.” ruft er aus. “Wie das?” fragt mein Vater.
“Ich
habe ihr vorgeschlagen, nach Rasil Ayn zu fahren, um Geschenke für die Kinder
zu besorgen.
Sie
aber sagt: “Nein, wir fahren nach Serekani.” Und so haben wir hin und her
gestritten, bis der Topf überlief.
Mein
Vater lachte schallend. “Das ist nicht zum Lachen” schrie Bilenderi, der
schon wieder böse wurde, “so eine streitsüchtige Frau zu haben, ist keine
Kleinigkeit.”
“Aber
Bilenderi, ich lache doch, weil ihr beide das Gleiche meint, ihr meint dieselbe
Stadt, wir Kurden nennen sie nach wie vor Serekani, aber die Arabisierung hat
uns den Namen Rasil Ayn aufgezwungen und treu und brav, wie du bist, benutzt du
ihn.”
Auch
Xense lachte und bedeckte mit ihrem Tuch den Mund, damit es niemand sehen
sollte, aber ihr Blick und die Lachrunzeln verrieten ihre Heiterkeit.
Das Teeglas in ihrer Hand war ins Wackeln geraten und der heisse Tee
tropfte ihr aufs Knie.
Bilenderi
sah ein, dass er sich erregt hatte wegen einer Nichtigkeit, aber zugeben konnte
er es nicht in Sorge um seine männliche Würde.
Und
so flüchtete auch er sich in ein Lachen und fragte seine Frau: “nun, was ist,
Alte, wo fahren wir jetzt wirklich hin, nach Rasil Ayn oder nach Serekani?.”