Wir treffen uns im „Ararat“, gelegen in der Inneren Neustadt, DAS Alternativviertel von Dresden, ein kurdisches Kaffee. „Ararat, was ist das eigentlich?“, denke ich.
Ich wurde bereits erwartet, freundlich begrüßt und wir suchen uns einen ruhigen Tisch.
Bei
einer wohltuenden Tasse Tee sitze ich Younes Bahram gegenüber
in einem recht bescheidenen und zweckmäßig eingerichteten Lokal,
wo auf jegliches Zuviel verzichtet wurde. Der typische Dönerspieß
dreht sich am offenen Fenster, wo auch zur Straße hin verkauft
wird.
Younes macht auf mich einen abgespannten Eindruck. Zwei-Tage-Bart, lässig gekleidet, kommt soeben von seiner Baustelle, war die gesamte Woche auf Dienstreise, wie ich erfahre. Tiefe dunkle Augen, die genau beobachten und registrieren. Er ist ein guter und interessierter Zuhörer.
„Hast du etwas gelesen, was ich geschrieben habe?“, fragt er mich. Ich bejahe es ihm. „Und wie hat es dir gefallen?“, fragt er weiter.
Ich las einige seiner Bücher. Eines blieb besonders fest in meinem Herzen: „Ciwan erzählt“ Younes erzählt in kurzen Geschichten Episoden aus seiner Kindheit, Erlebnisse aus seinem Dorf, mit seiner Familie, wo besonders die Nähe und Liebe zu seinem Vater deutlich wird. Fast jedes seiner Erlebnisse wird mit einer Moral belegt, was von besonderer Achtung und Wertschätzung zu seinem Vater zeugt, der als weise Persönlichkeit in seinem Dorf galt.
„Manchmal träume ich mich zurück in meines Vaters Nähe.“ Schreibt er in „Belee (Gottesgericht)“.
Petra
Otto – Kurdistan ...
„Wenn ich bei ihm sein und ihn ansehen durfte, meinte ich, alle Güte und Stärke meines Vaters gehe auf mich über und nichts Böses könne an mich heran.“ Große Wärme, Liebe und Hochachtung zu seinem Vater spricht aus diesen Zeilen. Im weiteren Verlauf dieser Episode erscheinen zwei Araber im elterlichen Haus, um seinen Vater um einen weisen Rat zu bitten.
„... es geht um die Ehre unserer Sippe. Wir haben eine Schwester ... Mohamed, ein Mann aus der Sippe der Bagar hat sie durch seine Besuche um ihren Ruf gebracht. Das Gesetz unserer Sippe fordert Rache.“
Reinheit, das Unberührtsein der Frau vor der Ehe gilt hier noch als moralisches und ethisches Muss. Zumal hier die Tradition den Vätern die Wahl des Lebenspartners für ihre meist noch sehr jungen Kinder überlässt.
Keiner will, dass die jungen Menschen sterben. „Niemand weiß, ob er sie entehrt hat oder nicht.“ Allah soll befragt werden.
„Allah zu befragen , das bedeutete, die Belee, eine Art Gottesgericht, herbeizuführen. Ein grausamer Brauch, der für die Beteiligten lebenslange Schäden hervorrufen kann und niemanden etwas nützen würde.
Mein Vater hat sein Leben lang versucht, gegen solche Bräuche seine ganze Klugheit und Menschlichkeit in die Waagschale zu werfen.“
Ein Weiser, eine Person, der voll und ganz vertraut wird, die das Gesetzt vertritt, soll zu Rate gezogen werden. Das Gesetz, welches von Menschen für die Menschen gemacht wurde, wo noch das Wort und ein ehrlicher Handschlag zählt, wo die Würde und Moral Bestandteil des Miteinader sind. Hier werden keine Paragraphen von Gesetzbüchern herangezogen oder gar Gerichte, Schlichtungsstellen und teure Rechtsanwälte bemüht. Mit kluger Strategie, Feingefühl und Liebe zu seinen Menschen wird der
Mullah
die Kontroverse lösen.
Petra
Otto – Kurdistan ...
Er schlug eine Art Vorprobe vor und bat, alle Beteiligten dazu einzuladen.
„Eine Woche später konnte man eine Menge Menschen in unsere Moschee strömen sehen ... Wollten sie mit ansehen, wie der kleine Ofen mit Dung beheizt, die Zange zum Glühen gebracht und den armen Angeklagten die Zunge verbrannt wurde? Hoffen sie auf ein Wunder? Hieß es nicht, dass der, der die Wahrheit sprach, heil davon kommen solle?
Mein Vater hob die Hand. Die Menge wurde still.“ Er habe die ganze Nacht zu Allah gebetet und er habe ihm den Weg gezeigt.
Im folgenden wird dem Leser aufgezeigt, mit welchen klugen und weisen Mitteln der Vater vorgeht.
„Seht dieses Ei in meiner Hand. Ich werde es auf den Gebetsteppich legen und es wird uns die Wahrheit verkünden. Das Ei wird sich bewegen und sich der Sippe zuneigen, die im Recht ist ... Alle starrten auf das kleine, weiße Oval auf dem roten Gebetsteppich. Aber, als sie sahen, wie sich das Ei nach der Seite von Mohameds angeklagter Sippe neigte, füllte ein einziger Jubelschrei aus vielen Kehlen die Moschee. ‚Sie sind unschuldig!’“
„... Ich ging mit meinem Vater heim. Zu Hause angekommen erklärte er mir das ‚Wunder’. Er hatte das Ei leergeblasen, es geöffnet und einen Käfer hineingesperrt. Ein kleines Luftloch hatte er ihm gelassen, aber keinen Ausgang. Unter der Wärme seiner Hand begann der Käfer dorthin zu kriechen, wohin er ihn haben wollte.“
Die
Moral: „Wo grausame Gesetze herrschen, ist List nötig, um Leben
und Gesundheit der Menschen zu schützen und zu erhalten.“
Diese
Geschichten lassen mich in eine andere Welt sinken. Es sind
Erlebnisse aus den sechziger und siebziger Jahren des zwanzigsten
Jahrhunderts. Mich überkommt ein Hauch aus „Tausend und eine
Nacht“. Und ich frage mich, wie weit ist Kurdistan?
Petra
Otto - ...
Bereits als Jugendlicher beginnt sich Younes politisch für sein Land zu engagieren, wird verfolgt und mit Hilfe von Freunden in die damalige DDR emigriert.
An dieser Stelle bekommt das Buch einen Knick. Younes erzählt die Geschichte seines „neuen“ Lebens mit Hilfe einer zweiten Person.
Er schreibt sehr nah, authentisch, ergreifend. Dem Leser wird seine Zerrissenheit, dem stark ausgeprägten Gefühl zu seiner Heimat, dem Stück Erde, wo seine Wurzeln sind, seine geliebte Mutter und Familie wohnt und der Vernunft, sein Leben und seine Existenz nicht wegwerfen zu dürfen, sehr deutlich. Ihm ist bewusst, dass er ausschließlich aus der Ferne sein politisches Wirken einbringen kann.
Eine klare, einfache Sprache zieht sich durch das gesamte Werk, was es besonders lesenswert macht.
Ich
las dieses Buch und mir wurde klar, dass ich viel gehört habe von
Kurdistan, den Menschen, den Problemen, den vielen Emigranten in
der damaligen DDR, in Deutschland. Ja, ich habe auch gehört von
politischen Aktivitäten und ich habe nie recht verstehen können,
was Demonstrationen zum Beispiel in Deutschland für positive
Auswirkungen in Kurdistan haben sollen. Aber was weiß ich
wirklich von diesem Land, den Menschen? Kurdistan, irgendwo
zwischen Syrien, Irak, Iran und der Türkei, irgendwie weit weg.
Younes
erzählt mir von seinen Erlebnissen als Kurde in Deutschland. -
Und nun muss ich mich korrigieren: Was wissen wir von Kurdistan,
was wissen wir von den kurdischen Menschen?
Ich
erfahre, dass Younes bis heute aus Deutschland für sein Land kämpft.
Er arbeitet viel und hart, ist journalistisch tätig,
schriftstellerisch, schreibt für das Theater, gibt Lesungen, ist
als Sachverständiger für
Petra
Otto –Kurdistan ...
seine Landsleute unterwegs, wirkt als Abgeordneter und findet dennoch Zeit für seine Familie. Er ist Vater von drei süßen Kindern.
Inzwischen schlürfe ich meinen dritten Tee. Die Stunde ist schnell vergangen. Younes Handy klingelt. Er führt ein Gespräch in seiner Landessprache und ich lasse meinen Blick schweifen. Im Lokal ist ein Deckenfluter ausgefallen, der gerade durch die Belegschaft repariert wird. Unkompliziert steigt ein Kellner aus seinen Schuhen, klettert auf die Theke und wechselt die Lampe aus. Mir gleitet ein Lächeln durchs Gesicht. Das wäre in einem deutschen Restaurant unmöglich - in Socken auf der Theke und das bei Kundenbetrieb! An der Tür prangt das Schild „Ararat“.
Younes ist mit seinem Telefonat fertig. Ich frage ihn: „Was ist eigentlich ‚Ararat’?“ Er lächelt. „Das ist der höchste Berg in der Türkei. Dort soll die Arche Noah gestrandet sein. So sagt es die Bibel.“
Ich fühle mich ertappt ...
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