Begrüßung zum Seminar in Amed (Diyabakir)

20-25.03.2005

Dr. Zaradachet Hajo, Präsident des kurdischen PEN-Zentrums

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Kollegen,

ich begrüße Sie sehr herzlich im Namen des Kurdischen PEN-Zentrums zu unserem Seminar zum Thema „Kulturelle Vielfalt/Cultural Diversity“.

Es ist für mich und sicher auch für viele der hier Anwesenden etwas ganz Besonderes, zu diesem Zeitpunkt, zu unserem Newroz-Fest, hier in Diyabakir zu sein, Sie in meiner Muttersprache Kurdisch begrüßen und uns mehrere Tage mit diesem wichtigen Thema auseinandersetzen zu können.

Zunächst möchte ich mich aber bei allen bedanken, die dazu beigetragen haben, dass dieses Seminar an diesem Ort stattfinden kann. Liebe Freunde, ich müsste in diesem Zusammenhang sehr viele Namen nennen und vielleicht würde ich auch noch jemanden vergessen, insofern möchte ich nur stellvertretend einige Personen nennen, die unseren ganz besonderen Dank verdienen. Das ist zu allererst unser ehemalige Internationale Sekretär, Herr Terry Carlbom. Vielen Dank, Terry, ohne Deinen Einsatz und Dein wirklich besonderes Engagement wäre dieses Seminar so nicht zustande gekommen.

Mein besonderer Dank gilt auch unserem Gastgeber, dem Bürgermeister von Diyabakir, der uns in jeder Hinsicht großzügig unterstützt hat, den Kollegen vom Türkischen PEN-Zentrum sowie unserem Translation and Linguistic Rights Comitee, dessen Vorsitz Frau Kata Kulavkova hat.

Erlauben Sie mir, dass ich noch einige Worte zu dem Thema unseres Seminars sage. Es geht um „kulturelle Vielfalt“, ein Thema, mit dem sich die UNESCO aber auch viele Einzelstaaten beschäftigt haben. Im Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der UNESCO zur kulturellen Vielfalt heißt es: „Kulturelle Vielfalt spiegelt sich wieder der Einzigartigkeit und Vielfalt der Identitäten, die die Gruppen und Gesellschaften kennzeichnet, aus denen die Menschheit besteht. Als Quelle des Austausches, der Erneuerung und der Kreativität ist die kulturelle Vielfalt für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt der Natur. Aus dieser Sicht stellt sie das gemeinsame Erbe der Menschheit dar und sollte zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen anerkannt und bekräftigt werden“.

Die Werte des kulturellen Pluralismus werden in dieser Erklärung sehr deutlich. Nicht das Verleugnen, sondern die Anerkennung von Unterschieden fördert die staatliche Gemeinschaft, denn ohne Respekt vor Unterschieden ziehen sich Gemeinschaften aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, was letztlich zum Niedergang oder gar ihrem Verschwinden führt, oftmals begleitet von Aggressionen gegen andere. Ohne dies jetzt näher zu vertiefen, denke ich, dass es dazu genügend Negativbeispiele in der Realität des Zusammenlebens von Völkern gibt.

In der Region, in der wir uns befinden, hat es bereits seit vielen Jahrhunderten ein Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen gegeben, stellvertretend werden die Völker der Kurden, Türken, Assyrer, Aramäer, Armenier und Araber genannt. War es auch in den vergangenen Jahrhunderten nie besonders friedlich, so wurde die kulturelle Identität vieler der hier lebenden Völker, insbesondere auch die unseres kurdischen Volkes im letzten Jahrhundert stark beschädigt und bis auf ein Minimum reduziert.

Allein aber die Tatsache, dass wir als Schriftsteller hier treffen und uns über dieses Thema austauschen können, stimmt mich sehr hoffnungsvoll, dass sich dies zu Beginn des neuen Jahrtausends ändern wird. Ein großer und für uns kurdische Kulturschaffende sehr wichtiger Schritt wurde durch diese Veranstaltung bereits getan: Wir vertreten hier unsere Sprache und Kultur gleichberechtigt mit anderen. Diese Akzeptanz war und ist nicht selbstverständlich und gibt uns die berechtigte Hoffnung, dass insbesondere unsere Sprache und Literatur wieder mit Leben erfüllt wird.

Meine lieben Freunde, es fehlt nicht an guten Schriftstellern und Werken in kurdischer Sprache, der Beweis sind die zahlreich erschienenen kurdischen Autoren hier und die zahlreichen Veröffentlichungen, von deren Vielfalt und Qualität Sie sich hier überzeugen können. Es ist an dieser Stelle vielleicht erwähnenswert, dass es sehr viele kurdische Schriftsteller gibt, die nie in ihrer Muttersprache alphabetisiert worden sind, heute aber auf Grund ihres besonderen Engagements, in der Muttersprache zu schreiben, in ihren Werken unter Beweis stellen, dass sie ihre Muttersprache meisterlich beherrschen.

Unser Problem ist, dass wir nicht über eine breite kurdische Leserschaft verfügen, denn die Sprachausbildung in Kurdisch war bisher so gut wie nicht existent. Insofern ist unser vordringlichstes Anliegen die schulische Vermittlung des Kurdischen sowie die universitäre Erforschung und Lehrerausbildung in der kurdischen Sprache in allen Regionen, in denen unsere Menschen leben.

Wir wollen daher in diesem Seminar dazu beitragen, dass Sie, liebe Seminarteilnehmer, etwas an Wissen über unsere jahrtausend alte Kultur und Sprache erfahren und sind gespannt auf das, was wir auch von anderen mitnehmen können.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde, ein Gedankenaustausch über ein so wichtiges und auch politisch aktuelles Thema setzt bei allen Teilnehmern die Bereitschaft zur Offenheit und Toleranz voraus. Zu hoffen wäre, dass eine Vorurteile über Bord geworfen und neue, positive Erfahrungen mit nach Hause genommen werden könnten.

Zum Abschluss meiner Begrüßung daher eine kleine Geschichte eines der größten Dichters und Mystikers des Orients, der nicht weit von hier, in Konya, gelebt und gewirkt hat, nämlich Jalal Ad-din Rumi.  

Ein Händler besaß einen großen Papagei, der sich in seinem Haus frei bewegen durfte. Eines Tages stieß besagter Papagei ein Gefäß mit kostbarem Rosenöl um. Der Händler geriet angesichts des enormen finanziellen Verlustes derart in Zorn, dass er den Papagei heftig schlug. Dieser hüllte sich nach diesem traumatischen Erlebnis in Schweigen und erlebte, dass ihm vor lauter Kummer über die ihm angetane Mißhandlung sämtliche Kopffedern ausfielen, bis er kahlköpfig war. Dies verstärkte seine Betrübnis noch und seine einzige Beschäftigung blieb, Passanten auf der Straße zu beobachten. Eines Tages kam ein Mann vorbei, dessen polierte Glatze in der Sonne leuchtete. Der Papagei schaute, erstmals nach langer Zeit wieder interessiert auf, betrachtete den Mann aufmerksam und fragte nach einigem Nachdenken: „Hast du auch Rosenöl verschüttet?

Man mag über die Naivität des Papageis schmunzeln, aber diese Geschichte enthält eine tiefe Wahrheit über die Analogie der negativen Erfahrung und dem daraus resultierenden Denken der meisten Menschen. Viele sind geneigt, ihr eigenes negatives möglicherweise traumatisches Erleben auf die Ebene der Tatsachenfeststellung zu manifestieren und dies auf ihre Umwelt zu übertragen.

Unsere kurze, aber sehr weise Geschichte zeigt aber überdeutlich, dass eine solche Übertragung nach dem „Wenn – dann“ Prinzip einfach nicht stimmt und die Vielfalt des menschlichen Lebens so unermesslich ist, dass wir sie mit dem, was wir persönlich erleben, auch nicht in Ansätzen erfassen können.

Verstehen Sie diese Anekdote von Jalal Ad-din Rumi als einen Appell zur Offenheit und Toleranz, als eine Aufforderung, uns ohne möglicherweise bestehende Ressentiments und Vorurteile begegnen zu können. Die erste Voraussetzung zur Begegnung unterschiedlicher Kulturen ist Respekt und Achtung voreinander, nicht nur, um deren jeweilige Schönheit und Einzigartigkeit zu erkennen, sondern auch um Gemeinsames und Verbindendes zu entdecken.

 

Ich wünsche unserer Veranstaltung in diesem Sinne einen guten Verlauf. 

 

 

 

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