Dr.
Zaradachet Hajo,
(Dr.
Zerdeþt
Haco)
Die
kurdische Sprache und ihre Dialekte - eine Bestandsaufnahme der
Sprachpraxis von Kurden und Kurdinnen
Einführung
Sprache ist nicht nur
Ausdruck von Kultur und Heimat, sie ist entscheidender für die
Definition der eigenen Identität als der Ort, an dem man
aufgewachsen ist, weil man sie mitnehmen kann, wenn man sein
Heimatland verlassen muß. Sie ist der wichtigste Teil der
individuellen, regionalen, ethnischen und nationalen Identität
und als solche maßgeblich für das Überleben eines Volkes.
Sie ist Geschichte und
Zukunft eines Volkes, denn wir können nur soweit in die Gedanken
unserer Vorfahren schauen, soweit es die sprachlichen Überlieferungen
zulassen und auch für die Zukunft können wir nur mit Hilfe der
Sprache vorausplanen.
Man kann also sagen, daß
sich Völker zu einem großen Teil über ihre Sprache
identifizieren. Diese Feststellung gilt insbesondere für das
kurdische Volk, weil es weder über ein gemeinsames Staatsgebiet
bzw. Staatsmacht noch über eine gemeinsame Religion[1]
verfügt.
Gerade weil die Sprache
eine so herausragende Rolle in Bezug auf die Identität des
kurdischen Volkes spielt, ist sie in der Vergangenheit wie auch in
der Gegenwart immer das Ziel von Unterdrückungsmaßnahmen
gewesen. Viele Kurden und Kurdinnen können weder in der Heimat
noch im Exil von ihrer Sprache Gebrauch machen, ohne dabei
massiven Repressalien oder einer politischen Ignoranz ihrer
sprachlichen Bedürfnisse ausgesetzt zu sein.
Die meisten der etwa 40
Millionen Kurden, aufgeteilt auf die 4 Staaten, die Kurdistan
besetzt halten, Türkei, Iran, Irak und Syrien, im europäischen
Exil oder in einigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion lebend,
haben nicht die Möglichkeit, in ihrer Muttersprache Lesen und
Schreiben zu lernen. Es gibt keinen kurdischen Schulunterricht in
der Türkei, Syrien oder im Iran - im Irak nur in den befreiten
Gebieten von Südkurdistan.[2]
Selbst im europäischen
Exil haben kurdische Kinder - wie für Angehörige anderer
Nationen selbstverständlich - kein Recht auf Schulunterricht in
ihrer Muttersprache. Zwar gibt es eine europäische Richtlinie zur
schulischen Ausbildung von ausländischen Kindern in der Europäischen
Gemeinschaft, deren Artikel 3 besagt: „Ferner ergreifen die
Mitgliedstaaten ......die notwendigen Maßnahmen, um unter
Koordinierung mit dem normalen Schulunterricht die Unterrichtung
dieser Kinder in ihrer Muttersprache und der Kultur ihres
Herkunftslandes zu fördern“, aber die Umsetzung dieser
Forderung, was die kurdischen Kinder und ihre Muttersprache
anbetrifft, ist in den meisten Staaten der europäischen
Gemeinschaft völlig unzureichend.
So gibt es in der
Bundesrepublik Deutschland zwar einige Bundesländer[3], die erste
Schritte in der Einführung eines muttersprachlichen Unterrichts für
kurdische Kinder unternommen haben, das ganze aber oft nur unter
schwierigen Umständen und großen Widerständen. Bisher wurde den
aus der Türkei stammenden kurdischen Kindern der türkische
Sprachunterricht verordnet - ein politischer Zynismus, wenn man
bedenkt, daß die Praxis ihrer Unterdrücker -die ausschließliche
Geltung und Unterrichtung der türkischen Sprache- im Exil fortgesetzt wird.....[4]
Darüber hinaus lassen
die Besatzerstaaten Kurdistans auch keine wissenschaftliche
Erforschung der kurdischen Sprache zu, weder an Universitäten
noch an Instituten. Auch in Europa, wo insgesamt über 1 Million
Kurden leben, wird die kurdische Sprache an den Universitäten
ausnehmend stiefmütterlich behandelt[5].
Traurige Tatsache ist, daß zu Ende des 19. Jahrhunderts, als den
Kurden Europa fast völlig unbekannt war, man sich in Europa weit
intensiver mit der kurdischen Sprache auseinander gesetzt hat als
heutzutage.
Alle diese politischen
Maßnahmen bzw. Unterlassungen erfolgen mit dem einen Ziel: Man
will die kurdische Sprache als den wichtigsten Teil der Identität
eines Volkes verkümmern und letztendlich sterben lassen, um alle
in den jeweiligen Besatzerstaaten lebende Völker
gleichzuschalten. Leider haben die demokratischen Völker des
Westens diese Politik bisher unterstützt oder zumindest dabei
zugesehen.
I.
Geschichtliche Entwicklung und regionale Präsenz der kurdischen
Sprache
a) Sprachliche
Einordnung und geschichtliche Entwicklung
Die kurdische Sprache
ist eine aus der
Nordwestgruppe der iranischen Sprachfamilie stammende indogermanische
Sprache
und hat demnach, was die Sprachen der Anrainer -bzw.
Besatzersprachen anbetrifft, nur zur persischen Sprache eine
verwandtschaftliche Beziehung.
Die türkische als auch
die arabische Sprache kommen aus anderen Sprachfamilien und haben
nur insofern Einfluß auf die kurdische Sprache genommen, als daß
einige Lehnwörter
aus beiden Sprachen übernommen worden sind, allerdings sind die
Einflüsse auch wechselseitig zu sehen.
Die arabische Sprache,
eine Sprache der semitischen Sprachfamilie, übt bereits seit dem
7. Jahrhundert, also seit der arabischen Invasion und der damit
verbundenen Zwangsislamierung, einen großen Einfluß auf die
kurdische Sprache aus. Kurdische muslimische Gelehrte, die fast
als einzige im Volk lesen und schreiben konnten, waren nun
gezwungen, dies in der „neuen Amtssprache“ Arabisch zu tun.
Der arabische Einfluß erstreckt sich aus diesem Grunde auch fast
gleichmäßig auf alle kurdischen Dialekte und Mundarten.
Der Einfluss der türkischen
Sprache auf die kurdische Sprache, insbesondere in Nordkurdistan,
ist, zumindest in den letzten Jahrzehnten, zu einem großen Teil
das Zeugnis einer massiven Unterdrückung, gepaart mit dem
politischen Versuch, die kurdische Sprache auszulöschen und durch
die türkische zu ersetzen.[6]
Eine legale Verbreitung, Pflege oder gar ein Studium der
kurdischen Sprache ist in der Türkei unmöglich, zeitweise ist
allein der Gebrauch der kurdischen Sprache hart sanktioniert
worden. Die staatliche Dominanz der türkischen Sprache hat nicht
nur zum Verschwinden von kurdischen Vor- und Familiennamen sowie
Ortsbezeichnungen geführt, sondern auch zu einer beispiellosen
Verarmung bis hin zu einem langsamen Sterben der kurdischen
Sprache bei den Kurden, die aufgrund ihrer Vertreibung in türkischen
Großstädten leben müssen.
In der letzten Zeit ist
jedoch nicht nur in der Schrift- sondern auch in der gesprochenen
Sprache die Tendenz zu beobachten, die Fremdwörter durch
kurdische Ausdrücke zu ersetzen, erklärbar ist dies eventuell
als Abwehrreaktion auf die massive Unterdrückung. Daher
existieren häufig für einen Begriff zwei verschiedene Wörter,
das betreffende Lehnwort und das kurdische Wort. In einigen Fällen
sind die Lehnwörter kurdisiert worden und haben im Kurdischen
eine andere Bedeutung als in der Ursprungssprache.
Welche Wurzeln hat die kurdische Sprache,
welche geschichtliche Entwicklung hat sie bis zum heutigen Tag
genommen? Diese Fragen können, zumindest was die Anfänge der
kurdischen Sprache anbetrifft, nicht hinreichend fundiert und überzeugend
beantwortet werden, weil schriftliche Überlieferungen erst ab dem
Beginn des 16. Jahrhunderts bekannt geworden sind. Dies hat seine
Ursache in den fehlenden Möglichkeiten, intensive Forschungen auf
kurdischem Territorium zu betreiben, weil die Besatzerstaaten
Kurdistans solche wissenschaftlichen Arbeiten nicht zulassen.
Gegenstand solcher Forschungen könnten zum Beispiel die religiösen
Verse der Kawalen[7]
sein, deren Wurzeln möglicherweise bis in die Zeit der
zoroastrischen Religion zurückreichen. Diese bisher nur mündlich
überlieferten Texte könnten Objekt einer wissenschaftlichen
Untersuchung in Bezug auf den Sprachwandel in der kurdischen
Sprache sein.
Einige
Sprachwissenschaftler aus dem 19. Jahrhundert, die sich der
Erforschung der kurdischen Sprache in besonderer Weise angenommen
haben, wie der Sprachforscher Ferdinand Justi, haben die Vermutung
geäußert, daß sich die kurdische Sprache möglicherweise aus
der Sprache der Meder entwickelt hat[8].
Dazu schreibt Justi: ...“so dass die Vermuthung nicht fern
liegt, es möchte sich in jenen Wörtern, altes, sonst
untergegangenes medisches Sprachgut erhalten haben.“[9] Diese These läßt
sich aber aufgrund des nur minimal überlieferten medischen
Sprachschatzes nicht hinreichend beweisen.
Während der Name der
Kurden bisher in assyrischen Schriften nicht aufgetaucht ist,
findet man bei den klassischen Schriftstellern des Altertums wie
Xenophon (ca. 430-354 v.Chr.), einem griechischen
Geschichtsschreiber, in einem Bericht über den Rückzug der
Griechen nach einer Schlacht in Babylonien den Begriff
„Karduchen“[10]
mit dem aller Wahrscheinlichkeit die Kurden gemeint sind. Mit
Sicherheit taucht die Bezeichnung „Kurd“ für die Kurden
jedoch im 6. Jahrhundert in einem in mittelpersischer Sprache
verfaßtem Buch auf [11].
Die heute weitestgehend
unbestrittene Erkenntnis,
das die kurdische Sprache eine eigenständige
Sprache und nicht ein Dialekt des Persischen ist,
verdanken wir in erster Linie den Forschungsarbeiten der europäischen
Sprachwissenschaftler des 18. und
19. Jahrhunderts wie Maurizio Garzoni[12],
Albert Socin, Peter
Lerch, Alexandre Jaba[13],
Hugo Makas[14] und dem bereits
erwähnten Ferdinand Justi. Das wissenschaftliche Ergebnis dieser
Forschungen war, daß die Verwandtschaft des Kurdischen mit dem
Persischen, besonders mit dem Neupersischen, nicht näher ist als
seine Verwandtschaft zu anderen indo-iranischen Sprachen.
Albert Socin[15]
stellt beispielsweise fest, daß „die
kurdische Sprache zum Neupersischen
nicht im Verhältnis eines Schwesterdialekts steht ....sondern
entschieden etwas entfernter
verwandt ist.“ Peter Lerch[16] beschreibt das
Verwandtschaftsverhältnis zur persischen Sprache so: „Die beiden Sprachstämme (gemeint sind die des
Kurdischen und des Persischen)
stehen einander am fernsten, tragen aber viele Äste, Zweige und
Zweiglein, welche zwei Familien bilden, deren Mitglieder sich
untereinander nähern und dann untereinander verstanden werden.“
Damit will er deutlich machen, daß bestimmte Dialekte und
Mundarten des Kurdischen, insbesondere Mundarten des Südkurdischen,
eine größere Verwandtschaft zur persischen Sprache besitzen als
bspw. andere Mundarten des Nordkurdischen.
b) Sprachgebiet und
regionale Präsenz der kurdischen Dialekte
Da es keinen kurdischen
Staat gibt, dessen Landes- bzw. Sprachgrenzen fest umrissen sind,
muß man den Sprachraum, in dem die kurdische Sprache, ihre
Dialekte und Mundarten gesprochen werden, näher definieren.
Der kurdische Sprachraum umfaßt ein Gebiet
von ca. 500 000 qkm[17]. Als südliche
Grenze kann man das Gebiet nördlich des persischen Golfes
ansehen, es erstreckt sich weiter im Norden über die iranische
Provinz Westazerbaidjan, umfaßt einen Teil der armenischen
Republik und verläuft über Ezerûm (Erzurum) nach Sêwas (Sivas)
und Maraö (Kahramanmaraö)
im Westen sowie nach Afrin und Hisiäa (Al-Hassake)[18]
im Süden. Die südliche Grenzlinie verläuft weiter über die Städte
Öingal
(Sinjar),
Mûsil (Mousul), Badre und Öuster (Shuster)[19]
zum Gebiet am persischen Golf zurück. Über die genaue Zahl der
Sprecher der kurdischen Sprache und ihrer Dialekte gibt es keine
Statistiken, die Schätzungen bewegen sich zwischen 35 und 40
Millionen Menschen.
Das Kurdische oder Kurmanci, (Kurmandji) wie die Kurden ihre Sprache nennen,
zerfällt in 2 Hauptdialekte, zu denen einzelne Mundarten zählen.
Hauptdialekte sind das
Nord- und Mittelkurdisch. Die Grenze zwischen ihnen verläuft
etwas westlich der Linie Rawendûz (Rawandouz) - Urmia, wobei nördlich
dieser Linie von der Mehrheit der Bevölkerung Nordkurdisch
gesprochen wird - mit Ausnahme des Gebietes von Dersim (Tunceli),
wo der Kirmanckî- (Zaza- oder Dimili-) Dialekt, der zu einem der
Nebendialekte gehört, vorherrscht. Südöstlich dieser imaginären
Sprachgrenze wird vorwiegend Mittelkurdisch gesprochen.
Das
Nordkurdische
umfaßt die Mundarten Bayezidî, Botanî, Aöitî
(Aschîtî),
Badinanî und Cizirî (Djisiri). Aus der dominierenden
Ciziri-Mundart hat sich die Literatursprache dieser Gruppe
entwickelt, in die jedoch auch Elemente der anderen Mundarten
sowie Verbesserungen eingeflossen sind.
Zum
Mittelkurdischen zählen die Mundarten Sineyî, Silemanî, Erdelani und Kerkukî,
Germiyanî, Hewlerî, Soranî, Mukrî, Öarbajêrî
(Scharbajerî) und Pijderî, wobei sich die Literatursprache in
Anlehnung an die Silemanî-Mundart entwickelt hat.
Die
Nebendialekte des Kurdischen zerfallen in Südkurdisch und die Gorani-
Kirmanckî- (Zazayi-) Gruppe. Innerhalb des Südkurdischen, zu dem
die Mundarten Feylî, Kermanschanî, Lekî, Kelhorî, Xaneqînî
(Khanaqini) und Lorî gehören, konnte sich keine davon zur
Literatursprache entwickeln. Die Sprecher der Feylî-Mundart, die
überwiegend in Südkurdistan beheimatet sind, verwenden daher im
schriftlichen Verkehr die aus der Silemanî-Mundart entwickelte
Literatursprache, ebenso wie die Kurden, die im Umkreis von
Kermanschah in Ostkurdistan / Iran leben.
Die Dialekte der Gorani-
Kirmanckî- (Zazayi-) Gruppe werden in den Gebieten von Hewraman,
Zengene, Kerkuk und bei den Kakeyi-Kurden gesprochen. Der Goranî-Dialekt,
der in der Vergangenheit als Literatursprache benutzt wurde, war
die Schriftsprache des Fürstentums von Erdelan (Ardalan) und
einige Zeit auch die des Baban-Fürstentums. Bedeutende kurdische
Dichter wie Xaneyî (Khanayi), Qubadî und Mewlewî haben in
diesem Dialekt geschrieben.
Der Kirmanckî (Zaza-
oder Dimili-) Dialekt wird von einer großen Zahl von Kurden, von
etwa 3 Millionen Menschen in den Gebieten von Bîngul (Bingöl),
Eleziz (Elazig), Dêrsim (Tunceli), Xerput (Harput) und Maden
sowie in der Umgebung von Amed (Diyabakir) und in Siwerek
(Siverek) gesprochen. Obwohl die Gebiete, in denen diese Dialekte
gesprochen werden, nicht einmal aneinander angrenzen, bestehen
zwischen dem Gorani- und dem Kirmanckî (Zaza-) Dialekt nicht große
Unterschiede. Das ist nur dadurch erklärbar, daß die Sprecher
dieser Dialekte wahrscheinlich ursprünglich in der selben Region
gelebt haben und einige Stämme vielleicht vertrieben worden bzw.
abgewandert sind. Was die Schriftsprache anbetrifft, so ist die
Situation ähnlich wie bei den Sprechern des Südkurdischen, die
die aus der Silemanî-Mundart entwickelte Literatursprache im
schriftsprachlichen Bereich verwenden: Bisher diente das
Nordkurmancî als Schriftsprache[20],
neuerdings gibt es jedoch auch die Entwicklung einer eigenen
Schriftsprache, in der bereits viele Publikationen erschienen
sind.
c) Die kurdische Literatur- und
Schriftsprache
Aus den bisherigen Erläuterungen geht hervor, daß innerhalb der
Literatur - und Schriftsprache bisher nur die beiden Hauptdialekte
des Kurdischen Verwendung finden. Beide Dialekte haben bereits
eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich und, obwohl man
aufgrund eines fehlenden kurdischen Staatsgebildes, das als
politische Kraft die kurdische Sprache pflegt und fördert,
nicht von einer standardisierten Schriftsprache sprechen
kann, haben sich gleichwohl schriftliche Standards (in den beiden
Hauptdialekten) entwickelt,
die denen einer standardisierten Staatssprache sehr nahe kommen.
Das kurdische Volk verfügt
über eine reiche Volksdichtung von Sprichwörtern, Redensarten, Märchen,
Fabeln und Volkserzählungen, die, bisher mündlich von der einen
Generation an die andere überliefert - jetzt gesammelt und
niedergeschrieben wird.
Eine regelrechte kurdische Literatur
existiert seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und
beginnt mit den Liebesdichtungen und mystischen Epen des Melaye
Ceziri (Malaye Djisiri)[21],
die bis heute noch von den Kurden gesungen werden. Ebenfalls in
diese Epoche fällt die Liebesdichtung „Mem
u Zin“ des wohl berühmtesten kurdischen Dichters Ehmedê
Xanê
(Ahmede Khane)[22].
Nordkurdisch ist die bevorzugte Literatursprache dieser Epoche.
Die Literatur des 19.
Jahrhunderts ist geprägt von einem national-romantischen Grundton
sowohl in Nord- als auch in Mittelkurdisch. Nach dem 1. Weltkrieg
entstand dann eine realistische, politisch engagierte Dichtung,
die sich bis in die Gegenwart fortentwickelt hat. Es war der
kurdische Sprachwissenschaftler, Autor und Journalist Celadet
Bedirxan (Djaladat Badir-Khan), der in seiner Zeitschrift
„Hawar“, die am 15. August 1932 erstmals erschien, im Jahre
1943 jedoch verboten wurde, eine Grammatik für das Nordkurdische
veröffentlichte, die bis heute mit einigen Veränderungen ihre Gültigkeit
besitzt.[23]
Seit diesem Zeitpunkt
kann man sagen, daß des feststehende Standards in der
Schriftsprache des Nordkurdischen gibt, die in nahezu allen
kurdischen Schriften, von Zeitungen, Zeitschriften, Lehrbücher
bis zu den zeitgenössischen Werken kurdischer Schriftsteller
akzeptiert und berücksichtigt werden. Obwohl es im
Nordkurdischen, je nach Mundart, unterschiedliche Ausdrücke für
einen bestimmten Begriff gibt, so ist der Nordkurdisch sprechende
Leser doch in der Lage, kurdische Publikationen, egal wo und durch
wen sie in Kurdistan oder Europa entstanden sind, zu lesen und zu
verstehen[24]. Einige
kurdische Wörterbücher, die in der letzten Zeit entstanden sind,
helfen dem Leser, Begriffe zu klären, die ihm vielleicht aus
seiner Mundart nicht bekannt sind.
Auch die Schriftsprache
des Mittelkurdischen ist weitestgehend standardisiert. Im
Gegensatz zum Nordkurdischen konnte das Mittelkurdische
jahrzehntelang in den Schulen[25]
unterrichtet werden, es gab und gibt ein reges literarisches
Schaffen sowie eine große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften
in Mittelkurdisch, sodaß sich gewisse Standards entwickeln
konnten, die bis heute ihre Gültigkeit besitzen.
II.
Unterschiedliche Dialekte des Kurdischen oder mehrere
kurdische Sprachen - Ziel und Zweck einer Standardisierung
a) Bestandsaufnahme und
Ursache der unterschiedlichen Dialektentwicklung
Die Unterschiede
zwischen dem Mittel- und dem Nordkurdischen und auch dem Kirmanckî-
(Zaza-Dialekt) sind groß, so daß sich die meisten ihrer Sprecher
kaum untereinander verstehen werden. Zwischen dem Mittel- und dem
Nordkurdischen sind die Unterschiede sowohl phonetischer als auch
morphologischer Art[26],
darüber hinaus basiert die Schriftsprache des Mittelkurdischen
auf arabischen Buchstaben, während das Nordkurdische mit
lateinischen Buchstaben geschrieben wird.
Was ist die Ursache für
die unterschiedliche Entwicklung der beiden Dialekte?
Bis zum Ende des 1.
Weltkrieges war das Nordkurdische die bevorzugte Sprache der
Literatur, die meisten kurdischen Publikationen wurden in diesem
Dialekt verfaßt. In den letzten 50 Jahren hat sich jedoch, da in
Syrien und in der Türkei Veröffentlichungen in kurdischer
Sprache verboten waren, die aus der Silemanî-Mundart entwickelte
Schriftsprache des Mittelkurdischen zur Sprache der Dichter und
Schriftsteller entwickelt.
Bis zum Jahre 1920
erschienen verschiedene kurdische Zeitschriften in Nordkurdisch
mit arabisch-persischen Buchstaben. Im Jahre 1920 begann jedoch
schon Celadet Bedirxan (Djaladat Badir-Khan), das lateinische
Alphabet, das sich seiner Struktur nach sehr viel besser für die
kurdische Sprache eignet als das arabische, für den
nordkurdischen Dialekt einzuführen. Die Adaption des lateinischen
Alphabets brachte besonders für die im türkisch besetzten Teil
Kurdistans neue Einblicke in die kurdische Literatur, da sie die
mit den arabischen Buchstaben erschienen Publikationen bislang
nicht hatten lesen können. Für die in den anderen Teilen
Kurdistans lebenden Kurden stellte das lateinische Alphabet keine
große Schwierigkeit dar, da es ihnen vom Fremdsprachenunterricht
in Englisch oder Französisch her bekannt war.
Leider wurden die Bemühungen
kurdischer Wissenschaftler, das lateinische Alphabet mit einigen
Verbesserungen auch für das Mittelkurdische einzuführen, von den
irakischen Regierungen aus politischen Gründen bekämpft.
b) Verschiedene Sprachen
oder Dialekte - Kriterien der Abgrenzung
Kann man daher noch von
unterschiedlichen kurdischen Dialekten ausgehen oder muß man von
verschiedenen kurdischen Sprachen bzw. von einer kurdischen
Sprachfamilie sprechen? Unter den Sprachwissenschaftlern, die sich
mit der kurdischen Sprache beschäftigen, ist diese Frage nach wie
vor umstritten, es herrscht aber wohl überwiegend Einigkeit darüber,
daß alle Dialekte unter sprachpolitischen Aspekten zur kurdischen
Sprache gehören[27].
Es ist eines der
schwierigsten theoretischen Probleme der Sprachwissenschaft, wie
man Sprache und Dialekt hinreichend voneinander abgrenzen kann.
Ein Kriterium ist das der gegenseitigen Verständlichkeit,
das diese Frage aber nicht zur Zufriedenheit beantworten kann. Ein
häufiges Problem besteht nämlich darin, daß Dialekte, die zu
derselben Sprache gehören, nicht immer gegenseitig verständlich
sind. So kann es für einen Südengländer äußerst schwierig
sein, die regional gesprochenen Dialekte in Schottland oder
Nordirland zu verstehen. Auch im Fall eines sogenannten
„Dialektkontinuums[28]“,
womit eine geographisch angeordnete Kette von Dialekten gemeint
ist, die sich, was die gegenseitige Verständlichkeit anbetrifft,
immer weiter voneinander entfernt, stellt sich die Frage, an
welchem Punkt dieser Kette sich sagen läßt, daß eine Sprache
aufhört und die nächste anfängt. Ein solches Dialektkontinuum läßt
sich auch durchaus in der kurdischen Sprache beobachten, wenn man
die Kirmanckî- (Zazaki-) sprechenden Kurden ausnimmt. Die
Sprecher eines der mittelkurdischen Dialekte werden ihre
geographisch angrenzenden Nachbarn, die Südkurdisch sprechenden
Kurden, ohne größere Probleme verstehen, während sie mit
anderen, auf der Kette weiter entfernten Dialekten wie dem Botanî-
oder Aöîtî-
(Aschiti-) Dialekt des Nordkurdischen erhebliche Verständigungsprobleme
haben werden.
Insofern kann man, um
sich das Bild des Baumstammes mit den vielen Verzweigungen und Ästen
von Peter Lerch noch einmal vor Augen zu führen, von einem
kurdischen Stamm sprechen, deren Zweige sich zwar als die
verschiedenen Dialekte und Mundarten in unterschiedliche
Richtungen entwickelt haben, aber doch auf ein gemeinsames
sprachliches Erbe zurückzuführen sind.
Dieser Ansicht, daß die
zwei Hauptdialekte Nordkurdisch und Mittelkurdisch und der
Nebendialekt (Kirmanckî-) Zaza / Goranî so viele Gemeinsamkeiten
untereinander aufweisen, daß es vollkommen gerechtfertigt ist,
sie unter einem Namen, nämlich „Kurdisch“, zusammenzufassen
und gegenüber anderen Sprachen abzugrenzen, sind die meisten
Sprachwissenschaftler[29]
Darüber hinaus sind es
nicht nur linguistische Aspekte, die zur Unterscheidung, ob es
sich um unterschiedliche Sprachen oder Dialekte ein- und derselben
Sprache handelt, herangezogen werden, sondern es geben häufig
politische, historische und auch kulturelle Gründe den Ausschlag.
In China gibt es beispielsweise 8 Hauptdialekte, die gegenseitig
mehr oder minder unverständlich sind, trotzdem gibt es offiziell
nur eine chinesische Sprache, da man sich über eine einheitliche
chinesische Schriftsprache miteinander verständigen kann, genau
so könnte man von den beiden Haptdialketen in Norwegen sprechen.
c) Ausblick
Den Kurden konnte dieser
Brückenschlag einer einheitlichen Schriftsprache aufgrund der
Aufteilung ihres Landes und der damit verbundenen Tatsache, daß
des ihnen stets verwehrt wurde, einen eigenen Staat zu gründen,
bisher nicht gelingen. Die Tatsache, daß das kurdische Volk
bisher, verursacht durch Unterdrückungsmaßnahmen der Besatzer
oder durch kolonialistische Interessen europäischer Staaten, außerstande
gewesen ist, frei über sich selbst zu bestimmen und dies
letztlich zur Zersplitterung Kurdistans geführt hat, darf nicht
dazu führen, gerade aus diesen Gründen eine politische,
historische und kulturelle Einheit der Kurden zu verneinen.
Damit würde man im
Ergebnis die Politik der Besatzerstaaten Kurdistans bestätigen,
die jegliche Art von kurdischer Identität ausmerzen wollen, eine
Politik, von der Ismail Besikci[30]
sagt, daß sie eine noch schlimmere Art von Rassismus sei als die
der Rassentrennung des früheren Südafrika.
Vielmehr muß es nicht
nur das Ziel der Kurden, sondern auch das Ziel der freien Völker
dieser Welt sein, das kurdische Kulturerbe und damit auch die
kurdische Sprache vor seiner endgültigen Ausrottung zu retten.
Dies bedingt einerseits
die Bildung einer einheitlichen kurdischen Schriftsprache, nicht
nur um die politische Akzeptanz der kurdischen Sprache zu erhöhen,
sondern auch um eine möglichst hohe Anzahl kurdischer Leser zu
erreichen.
Zunächst wäre als
nahes Ziel erstrebenswert, daß sowohl die Kinder in der Heimat
als auch im Exil in ihrem Regionaldialekt unterrichtet werden. Zum
einen ist es wichtig, daß auch die Regionaldialekte mit all dem
lebendigen kulturellen Erbe, das sie verkörpern, nicht verloren
geht, zum anderen ist es für die Kinder leichter, zunächst den
Dialekt zu erlernen, den sie auch zu Hause sprechen.
Zusätzlich sollte man ihnen im Schulunterricht wahlweise
ein weiterer kurdischer Dialekt vermitteln, so dass ihnen die
Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich der Dialekte bewußt
werden, mit der Intention, den Weg durch fundierte Kenntnisse der
eigenen Sprache zu einer standardisierten Hochsprache zu ebnen.
Nur durch eine
konsequente Alphabetisierung kurdischer Kinder in ihrer
Muttersprache ist es möglich, dass die kurdische Literatur auch
gelesen wird, dass sie den Platz in der Welt erhält, der ihr
zusteht und dass kurdische Dichter nicht auf andere Sprachen
ausweichen müssen, damit von ihnen national und international
Notiz genommen wird.
Es sind sicherlich durch im Exil lebende
Kurden wichtige Schritte in diese Richtung unternommen worden, die
kurdischsprachige Medienlandschaft[31] ist gerade in
den letzten Jahren sehr bereichert worden. Dadurch haben viele
Kurden Vertrauen in die eigene Sprache gefaßt und neigen sehr
viel häufiger als noch wie vor einigen Jahren dazu, sich zu ihrer
Muttersprache zu bekennen und sie zu praktizieren. Um aber eine
wirklich positive Entwicklung der kurdischen Sprache zu erreichen,
braucht es fundamentale Veränderungen der derzeitigen politischen
Situation in Kurdistan, die nicht ohne die westlichen Demokratien
zu erreichen sind.
[1] Die meisten Kurden sind sunnitische Muslime, in Nordkurdistan und in der Türkei leben eine große Anzahl alevitischer Kurden, darüber hinaus gibt es yezidische Kurden in Nord- und Südkurdistan, auch in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion
[2] gemeint ist die seit 1992 eingerichtete UN-Sicherheitszone nördlich des 36. Breitengrades
[3] den Anfang gemacht hat das Land Bremen, nachgezogen sind Niedersachsen und NRW
[4] so auch Tanja Duncker, Einblicke in die kurdische Literatur in: Kurdistan und Europa, herausgegeben von Lukas Kieser, Chronos-Verlag Basel, S. 27 ff, die Schweden als positive Ausnahme betrachtet, was den Unterricht und die sonstige Unterstützung der kurdischen Sprache anbetrifft.
[5] Nur in Paris gibt es eine kurdologische Abteilung, sonst wird die kurdische Sprache an europäischen Universitäten nur als Randgebiet der Iranistik behandelt.
[6] In vielen propagandistischen Veröffentlichungen insbesondere nach dem Militärputsch wurde sogar die Existenz einer kurdischen Sprache geleugnet, türkische Nationalisten behaupteten, daß Kurdisch ein „Kauderwelsch aus Wortbrocken jedweder Provenienz sei“ wobei einfach in den Raum gestellt wird, daß die meisten Worte ohnehin aus der türkischen Sprache stammen würden (so z.B. Bedri Noyan in „Kürt sözü ve Kürt-Türkleri hakkinda“)
[7] religiöse yezidische Wanderprediger, die die Religion durch religiöse Verse und Psalme in den Dörfern weiterverbreiten.
[8] Ferdinand Justi, Kurdische Grammatik, St.Petersburg 1880, S. VI
[9] Justi, a.a.O, S.V.
[10] Albert Socin, Die Sprache der Kurden, in: Grundriß der iranischen Philologie I,2, Straßburg 1898-1901, S.249, so auch Hans Hauser in: Kurdistan, Langen Müller Verlag 1975, S. 48ff.
[11] Jemal Nebez, Die Schriftsprache der Kurden in: Monumentum H.S. Nyberg, in: Acta Iranica, Heft 2, Leiden 1975, S. 114
[12] der italienische Wissenschaftler Garzoni kann als erster Kurdologe angesehen werden, der seine Werke im Jahre 1787 in Rom unter dem Titel „Grammatik und Wörterbuch des Kurdischen“ herausgegeben hat.
[13] Polnischer Sprachwissenschaftler, der u.a. kurdische Texte gesammelt und unter dem Titel „Recueil de notices et de recits kourdes“ veröffentlicht hat.
[14] Deutscher Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, der Sprachstudien im Kurmanci-Dialekt betrieben hat.
[15] A. Socin, a.a.O, S. 251
[16] Peter J.A. Lerch, Forschungen über die Kurden und die Iranischen Nordchaldäer, Neudruck 1979 der Ausgabe St. Petersburg 1857-58, Anhang S. 66
[17] das Territorium, das überwiegend von Kurden bewohnt wird.
[18] Städte in Südwestkurdistan / Syrien
[19] Städte in Südkurdistan / Irak
[20] Als Beispiel sei der Schriftsteller Nureddin Zaza genannt, s. „Keskesor“, Weöanên NÛDEM, Stockholm 1995
[21] Melayê Cezîrî (1570 - 1640) schrieb Liebesgedichte und sufische Gedichte. Er schrieb bewusst in Kurdisch, weil er wollte, dass die Kurden auch Gedichte in Kurdisch lesen sollten.
[22] Ehmedê Xanî (1650 - 1706) wurde vermutlich in Hakkari geboren. Nach einem Studium des islamischen Rechts kam er als Gelehrter an den Hof des Emir von Botan, das damals eines der größten kurdischen Fürstentümer war.
[23] Emir Djeladet Bedir-Khan / Roger Lescot, Grammaire Kurde. Dialecte Kurmandji, Paris 1970.
[24] So auch die Feststellung von Geoffrey Haig, Universität Kiel in: The state of Kurdish language today, a linguist’s perspective, Manuscript of a talk held at the Conference on language, literature and culture of the Kurdish People in Brussels, 9./10.12.1999.
[25] es gibt bereits Kurdischunterricht seit der britischen Mandatszeit (1919-32) in Südkurdistan
[26] Das Mittelkurdische kennt im Gegensatz zum Nordkurdischen keine Genusdifferenzierung bei Nomen, ausg einigeSonderfälle beim Vokativ. Eine best. Form für das Futur ist nicht vorhanden, das Passiv wird synthetisch und nicht mit einem Hilfsverb gebildet. Eine genaue Übersicht findet man bei Jemal Nebez, Towards an Unified Kurdish Language, Berlin 1976
[27] so Metzler Lexikon Sprache, hrsg. Von Helmut Glück, 1993, S. 348
[28] vgl. dazu auch die Cambrigde Enzyklopädie der Sprache, hrsg. v. David Crystal, Verlag Neue Züricher Zeitung 1993, S. 24ff.
[29] so Martin van Bruinessen in: The Ethnic Identity of the Kurds, S. 613, Vladimir Minorsky „Stichwort Kurden“ in: Enzyklopädie des Islam, Band II, Leiden, Leipzig 1927, S. 1233
[30] Ismail Besikci, Kurdistan - Internationale Kolonie, ISP-Verlag Frankfurt a.M. 1991, S. 45
[31] Zur Zeit gibt es 3 kurdische Fernsehsender, die über Satellit senden und die daher sowohl für Kurden in Kurdistan als auch im Exil erreichbar sind, darüber hinaus gibt es ein vielfältiges Radioprogramm in allen kurdischen Dialekten.
copyright © 2002-2004 info@pen-kurd.org