Dr. Zaradachet Hajo

 

Die wechselvolle Geschichte der kurdischen Sprache – von Mesopotamien bis ins europäische Exil

 

Einführung

Lassen Sie mich zunächst einiges Grundsätzliche zur Bedeutung von Sprache in Bezug auf die kulturelle Identität eines Volkes allgemein und zur kurdischen Sprache im Besonderen sagen, bevor ich zu meinem eigentlichen Thema komme, denn ich denke, dass dies sehr wichtig ist, um die Entwicklung der kurdischen Sprache und ihre Besonderheiten im Vergleich zu anderen Sprachen besser zu verstehen.

Wir sind uns sicher einig, dass der Sprache eine kulturelle Schlüsselfunktion zukommt. Sprache ist nicht nur Ausdruck von Kultur und Heimat, sie ist sogar entscheidender für die Definition der eigenen Identität als der Ort, an dem man aufgewachsen ist, weil sie ein Leben lang untrennbar mit uns verbunden ist, auch wenn man die Heimat verlassen muss.

Sprache ist gleichzeitig Geschichte und Zukunft eines Volkes, denn wir können nur insoweit in die Gedanken unserer Vorfahren schauen, soweit es die sprachlichen Überlieferungen zulassen und auch für die Zukunft können wir nur mit Hilfe des Mediums Sprache planen. Man kann also sagen, dass sich Völker zu einem großen Teil über ihre Sprache identifizieren. Diese Feststellung gilt auch insbesondere für das kurdische Volk, weil es weder über eine Staatsmacht noch über eine gemeinsame Religion verfügt.

Und gerade weil die Sprache eine solche herausragende Rolle in Bezug auf die Identität des kurdischen Volkes spielt, ist sie sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart immer das Ziel von Unterdrückungsmaßnahmen gewesen, auf die ich im Einzelnen noch zu sprechen komme.

Zunächst, was haben wir überhaupt unter dem Begriff „kurdische Sprache“ zu verstehen?

Diese Frage stellt sich als erstes, weil es keinen kurdischen Staat gibt. 

Kurdistan wird, wie Sie wissen, von 4 Staaten, der Türkei, Syrien, Irak und Iran besetzt gehalten und in Folge dessen gibt es auch keine kurdische Staats- bzw. Hochsprache.

Dass es eine eigenständige kurdische Sprache gibt, die sich trotz ihrer unterschiedlichen Dialekte zu anderen Sprachen abgrenzen lässt, ist mittlerweile wissenschaftlicher Standard. Dies wird von namhaften Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts bis heute nahezu einheitlich so gesehen.

Wurde auf Grund der engen Verwandtschaft mit dem Persischen früher behauptet, es handele sich bei der kurdischen Sprache um einen Dialekt des Neupersischen, so haben bereits die namhaften europäischen Sprachwissenschaftler wie Maurizio Garzoni, Albert Socin, Peter Lerch, Alexandre Jaba, Hugo Makas und nicht zuletzt Ferdinand Justi festgestellt, dass die Verwandtschaft des Kurdischen mit dem Persischen nicht näher ist als seine Verwandtschaft zu einer der anderen indo-iranischen Sprachen. Peter Lerch beschreibt dies in seinem Werk „Forschungen über die Kurden und die Iranischen Nordchaldäer“ 1857 so:

„Die beiden Sprachstämme (gemeint ist das Kurdische und das Persische) stehen einander am fernsten, tragen aber viele Äste, Zweige und Zweiglein, welche zwei Familien bilden, deren Mitglieder sich untereinander annähern und dann auch verstanden werden.“

Damit will er deutlich machen, dass bestimmte Dialekte und Mundarten des Kurdischen, insbesondere Mundarten des Südkurdischen, eine größere Verwandtschaft zur persischen Sprache besitzen als beispielsweise andere Mundarten des Nordkurdischen.

Die pseudowissenschaftlichen Versuche türkischer Linguisten, die Existenz einer eigenständigen kurdischen Sprache zu leugnen und Kurdisch als

degeneriertes, bunt zusammengewürfeltes Kauderwelsch aus Wortbrocken jedweder Herkunft“

darzustellen, (so der türkische Nationalist Bedri Noyan 1982 in einem Aufsatz „Über das Wort Kurde und die Kurdo-Türken“), wurden und werden in der Fachwelt nicht ernst genommen, da dies zu offensichtlich in die Propagandamaschinerie des türkischen Staates gegen das kurdische Volk eingesetzt wird, um die Existenz der kurdischen Sprache und damit des kurdischen Volkes zu leugnen.

Lassen Sie uns dazu auch die Meinung des renommierten Sprachwissenschaftlers J. Meyer-Ingwersen, der an der Universität Essen tätig war, hören:

„Es ist reine Demagogie, wenn in der Türkei immer wieder behauptet wird, die Kurden seien eigentlich türkische Stämme (Bergtürken), die sich mit der Zeit ein „verdorbenes Persisch“ angenommen hätten.

Erstens ist Kurdisch eine eigene Sprache und zweitens gibt es Kurden und Kurdisch im fraglichen Gebiet schon sehr viel länger als Türken. Es ist genau umgekehrt: während ganz Westanatolien (relativ spät)  turkisiert worden ist, hat sich im kurdischen Gebiet die vor der Einwanderung der türkischen Stämme dort heimische Sprache erhalten“.

Zur wissenschaftlichen Einordnung der kurdischen Sprache ist zu sagen, dass sie eine aus der Nordwestgruppe der iranischen Sprachfamilie stammende indogermanische Sprache ist und demnach nur zur persischen Sprache eine verwandtschaftliche Beziehung hat. Die türkische und die arabische Sprache kommen aus völlig anderen Sprachfamilien. Es gibt zwischen diesen drei Sprachen nur wechselseitige Einflüsse, die sich in Form von Lehnausdrücken sichtbar machen. Hierbei spielt der arabische Spracheinfluss (allerdings auf alle orientalischen Sprachen) seit der Islamisierung die größte Rolle.

Das Fehlen einer einheitlichen kurdischen Hoch- und gemeinsamen Schriftsprache ist leider eine traurige Realität, es gibt mehrere, regional sehr unterschiedliche kurdische Dialekte und darüber hinaus noch zahlreiche verschiedene

Mundarten.  Dies ist die zwingende Folge der leidvollen Geschichte des kurdischen Volkes und der damit verbundenen Tatsache, dass die politischen Verhältnisse es bisher nicht zugelassen haben, dass die Kurden in einem gemeinsamen Staatswesen miteinander leben können.

Mit welchen Dialekten haben wir es dann zu tun und wo werden sie gesprochen?

Der kurdische Sprachraum umfasst ein Gebiet von ca. 500 000 qkm[1]. Als südliche Grenze kann man das Gebiet nördlich des persischen Golfes ansehen, es erstreckt sich weiter im Norden über die iranische Provinz Westazerbaidjan, umfaßt einen Teil der armenischen Republik und verläuft über Ezerûm (Erzurum) nach Sêwas (Sivas) und Maraö (Kahramanmaraö) im Westen sowie nach Afrin und Hisiäa (Al-Hassake) im Süden. Die südliche Grenzlinie verläuft weiter über die Städte Öingal (Sinjar), Mûsil (Mousul), Badre und Öuster (Shuster) zum Gebiet am persischen Golf zurück. Über die genaue Zahl der Sprecher der kurdischen Sprache und ihrer Dialekte gibt es keine Statistiken, die Schätzungen bewegen sich zwischen 35 und 40 Millionen Menschen.

Das Kurdische oder Kurmanci, (Kurmandji) wie die Kurden ihre Sprache nennen, zerfällt in 2 Hauptdialekte, zu denen einzelne Mundarten zählen.

Hauptdialekte sind das Nord- und Mittelkurdisch. Die Grenze zwischen ihnen verläuft etwas westlich der Linie Rawendûz (Rawandouz) - Urmia, wobei nördlich dieser Linie von der Mehrheit der Bevölkerung Nordkurdisch gesprochen wird - mit Ausnahme des Gebietes von Dersim (Tunceli), wo der

Kirmanckî- (Zaza- oder Dimili-) Dialekt, der zu einem der Nebendialekte gehört, vorherrscht. Südöstlich dieser imaginären Sprachgrenze wird vorwiegend Mittelkurdisch gesprochen.

Das Nordkurdische umfaßt die Mundarten Bayezidî, Botanî, Aöitî (Aschîtî), Badinanî und Cizirî (Djisiri). Aus der dominierenden Ciziri-Mundart hat sich die Literatursprache dieser Gruppe entwickelt, in die jedoch auch Elemente der anderen Mundarten sowie Verbesserungen eingeflossen sind.

Zum Mittelkurdischen zählen die Mundarten Sineyî, Silemanî, Erdelani und Kerkukî, Germiyanî, Hewlerî, Soranî, Mukrî, Öarbajêrî (Scharbajerî) und Pijderî, wobei sich die Literatursprache in Anlehnung an die Silemanî-Mundart entwickelt hat.

Die Nebendialekte des Kurdischen zerfallen in Südkurdisch und die Gorani- Kirmanckî- (Zazayi-) Gruppe. Innerhalb des Südkurdischen, zu dem die Mundarten Feylî, Kermanschanî, Lekî, Kelhorî, Xaneqînî (Khanaqini) und Lorî gehören, konnte sich keine davon zur Literatursprache entwickeln. Die Sprecher der Feylî-Mundart, die überwiegend in Südkurdistan beheimatet sind, verwenden daher im schriftlichen Verkehr die aus der Silemanî-Mundart entwickelte Literatursprache, ebenso wie die Kurden, die im Umkreis von Kermanschah in Ostkurdistan / Iran leben.

Die Dialekte der Gorani- Kirmanckî- (Zazayi-) Gruppe werden in den Gebieten von Hewraman, Zengene, Kerkuk und bei den Kakeyi-Kurden gesprochen. Der Goranî-Dialekt, der in der Vergangenheit als Literatursprache benutzt wurde, war die Schriftsprache des Fürstentums von Erdelan (Ardalan) und einige Zeit auch die des Baban-Fürstentums. Bedeutende kurdische Dichter wie Xaneyî (Khanayi), Qubadî und Mewlewî haben in diesem Dialekt geschrieben.

Der Kirmanckî (Zaza- oder Dimili-) Dialekt wird von einer großen Zahl von Kurden, von etwa 3 Millionen Menschen in den Gebieten von Bîngul (Bingöl), Eleziz (Elazig), Dêrsim (Tunceli), Xerput (Harput) und Maden sowie in der Umgebung von Amed (Diyabakir) und in Siwerek (Siverek) gesprochen. Obwohl die Gebiete, in denen diese Dialekte gesprochen werden, nicht einmal aneinander angrenzen, bestehen zwischen dem Gorani- und dem Kirmanckî (Zaza-) Dialekt keine große Unterschiede. Das ist nur dadurch erklärbar, dass die Sprecher dieser Dialekte wahrscheinlich ursprünglich in der selben Region gelebt haben und einige Stämme vielleicht vertrieben worden bzw. abgewandert sind. Was die Schriftsprache anbetrifft, so ist die Situation ähnlich wie bei den Sprechern des Südkurdischen, die die aus der Silemanî-Mundart entwickelte Literatursprache im schriftsprachlichen Bereich verwenden: Bisher diente das Nordkurmancî als Schriftsprache, neuerdings gibt es jedoch auch die Entwicklung einer eigenen Schriftsprache, in der bereits viele Publikationen erschienen sind.

 

I. Geschichtliche Entwicklung der kurdischen Sprache

a) Der Ursprung

Ich habe Sie sicher mit der Auswahl meines Vortragstitels etwas neugierig gemacht, indem ich den Geburtszeitpunkt der kurdischen Sprache in die Zeit der alten mesopotamischen Kulturen gelegt habe. Ich habe das deswegen getan, weil ich davon überzeugt bin, dass die Sprache und Kultur des kurdischen Volkes dort, im Siedlungsgebiet zwischen Euphrat und Tigris, in dem die Kurden immer noch beheimatet sind, ihren Ursprung haben.

Viele Elemente aus der archaischen yezidischen Religion, der Religion vieler Kurden, die möglicherweise so oder in ähnlicher Form die Religion aller Kurden vor der Zwangsislamisierung gewesen ist,   uralte Traditionen und mündlich überlieferte Geschichten, deuten darauf hin.

In diesem Zusammenhang sind insbesondere auch die religiösen Verse der Kawalen, der yezidischen Wanderprediger zu erwähnen, deren Wurzeln möglicherweise bis in die Zeit der zoroastrischen Religion zurückreichen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auch bemerken, dass keiner der heutigen Staaten, die die Staatsgewalt über das Territorium des einstigen und heutigen Siedlungsgebietes der Kurden innehaben, weder der Irak, noch Syrien, die Türkei oder der Iran ein Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung der Ursprünge des kurdischen Volkes bzw. seiner Sprache hätte, genau das Gegenteil, die Unterdrückung und Verleugnung derartiger Funde wäre wohl eher wahrscheinlich. 

Es gibt einige Indizien und die Meinung einiger Sprachwissenschaftler aus dem 19. Jhdt. wie Ferdinand Justi, dass die kurdische Sprache schon sehr alt ist und sich möglicherweise aus der Sprache der Meder entwickelt hat. Justi schreibt in seiner 1880 in St. Petersburg veröffentlichten Grammatik über das Kurdische: ...“es liegt die Vermutung nicht fern, dass sich in jenen Wörtern altes, sonst untergegangenes medisches Sprachgut erhalten hat.“

Auch der bekannte Orientalist Vladimir Minorsky stellte eine sprachliche Beziehung des Kurdischen zu den Medern her, indem er aus einer seiner Ansicht nach bemerkenswerten Einheit der kurdischen Dialekte (mit Ausnahme der Dialekte Zazaki und Gorani) schloss, dass diese auf eine einzige Sprache, gesprochen von einem großen und wichtigen Volk wie das der Meder, zurückzuführen sein muss.

Aber der wissenschaftliche Beweis lässt sich auf Grund des nur minimal überlieferten medischen Sprachschatzes nicht hinreichend führen.

 

b) Die Entstehung der kurdischen Literatur- und Schriftsprache und ihre Entwicklung bis heute

Aus den bisherigen Erläuterungen geht hervor, dass innerhalb der Literatur - und Schriftsprache bisher nur die beiden Hauptdialekte des Kurdischen Verwendung finden. Beide Dialekte haben bereits eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich und, obwohl man aufgrund eines fehlenden kurdischen Staatsgebildes, das als politische Kraft die kurdische Sprache pflegt und fördert,  nicht von einer standardisierten Schriftsprache sprechen kann, haben sich gleichwohl schriftliche Standards (in den beiden Hauptdialekten)  entwickelt, die denen einer standardisierten Staatssprache sehr nahe kommen.

Eine regelrechte kurdische Literatur existiert seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und beginnt mit den Liebesdichtungen und mystischen Epen des Melaye Ceziri (Malaye Djisiri), die bis heute noch von den Kurden gesungen werden. Ebenfalls in diese Epoche, in das 17. Jahrhundert fällt die Liebesdichtung „Mem u Zin“ des wohl berühmtesten kurdischen Dichters Ehmedê Xanê (Ahmede Khane). Nordkurdisch ist die bevorzugte Literatursprache dieser Epoche.

Die Literatur des 19. Jahrhunderts ist geprägt von einem national-romantischen Grundton sowohl in Nord- als auch in Mittelkurdisch. Nach dem 1. Weltkrieg entstand dann eine realistische, politisch engagierte Dichtung, die sich bis in die Gegenwart fortentwickelt hat. Es war der kurdische Sprachwissenschaftler, Autor und Journalist Celadet Bedirxan (Djaladat Badir-Khan), der in seiner Zeitschrift „Hawar“, die am 15. August 1932 erstmals erschien, im Jahre 1943 jedoch verboten wurde, eine Grammatik für das Nordkurdische veröffentlichte, die bis heute mit einigen Veränderungen ihre Gültigkeit besitzt.

Seit diesem Zeitpunkt kann man sagen, dass es feststehende Standards in der Schriftsprache des Nordkurdischen gibt, die in nahezu allen kurdischen Schriften, von Zeitungen, Zeitschriften, Lehrbücher bis zu den zeitgenössischen Werken kurdischer Schriftsteller akzeptiert und berücksichtigt werden. Obwohl es im Nordkurdischen, je nach Mundart, unterschiedliche Ausdrücke für einen bestimmten Begriff gibt, so ist der Nordkurdisch sprechende Leser doch in der Lage, kurdische Publikationen, egal wo und durch wen sie in Kurdistan oder Europa entstanden sind, zu lesen und zu verstehen. Einige kurdische Wörterbücher, die in der letzten Zeit entstanden sind, helfen dem Leser, Begriffe zu klären, die ihm vielleicht aus seiner Mundart nicht bekannt sind.

Auch die Schriftsprache des Mittelkurdischen ist weitestgehend standardisiert. Im Gegensatz zum Nordkurdischen konnte das Mittelkurdische jahrzehntelang in den Schulen unterrichtet werden, es gab und gibt ein reges literarisches Schaffen sowie eine große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften in Mittelkurdisch, sodass sich gewisse Standards entwickeln konnten, die bis heute ihre Gültigkeit besitzen.

Auch gibt es in beiden Dialekten Bestrebungen, die reiche Fülle von mündlich überlieferten Erzählungen, Epen, Fabeln, Sprichwörtern und Märchen zu sammeln und schriftlich niederzulegen, von derartigen Sammlungen gibt es bereits zahlreiche Beispiele. Dies ist auch wichtig und notwendig, denn sonst würde dieser reiche Schatz der kurdischen mündlich überlieferten Literatur unwiederbringlich verloren gehen. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle als Beispiel eine sehr alte Erzählung aus der Region Erzurum vorstellen, die von dem großen Orientalisten Peter Lerch im Nordkurmandji – Dialekt aufgeschrieben wurde:

Ein Gelehrter lieh sich eines Tages von einem Nachbarn einen Kessel. Der Besitzer des Kessels war ein

schlechter Mann und der Gelehrte mochte ihn nicht. Nachdem der Kessel einige Tage bei ihm geblieben war, klopfte der Besitzer des Kessels an die Türe des Gelehrten und verlangte den Kessel. Der Gelehrte stellte einen kleinen Kessel in dessen Kessel. Der Besitzer des Kessels, als er sah, dass in seinem Kessel ein kleiner Kessel stand, sagt: Dieser kleine Kessel ist nicht mein Kessel. Der Gelehrte antwortete: Nachdem ich den Kessel angenommen hatte, schrie etwas, ich schaute nach und sah, dass der Kessel schwanger war. Der Kessel gebar, es ist dein Eigentum, nimm es. Der Eigentümer des Kessels freute sich sehr und sagte: Gott der Erhabene vermag alles. Er nahm seinen Kessel und ging.

Im zweiten Monat darauf machte sich der Gelehrte auf, um wiederum einen großen Kessel zu verlangen. Der Gelehrte nahm den Kessel und trug ihn nach Hause. Der Eigentümer des Kessels wartete einen Monat, bis er ihn zurückverlangte. Der Gelehrte weinte: Es ist ein Unglück passiert, es war ein schöner großer Kessel, aber er ist gestorben.

Der Besitzer des Kessels sagte: Der Kessel ist gestorben? Das ist nicht möglich. Der Gelehrte antwortete: Damals, als dein Kessel gebar, war Gott der Erhabene mächtig und jetzt glaubst du nicht, dass dein Kessel gestorben ist.

 

c) Die Entwicklung der Fremdeinflüsse (Interferenzen) in der kurdischen Sprache

 

Vergleicht man die Einflüsse der genannten Sprachen auf die kurdische Sprache, so stellt man, unter Zugrundelegung von schriftlichen Überlieferungen literarischer Texte, eine abnehmende Tendenz fremder Einflüsse fest.

Würden wir uns jetzt gemeinsam aus den Werken der kurdischen Dichter Melaye Cizîrî und Ehmedê Xanî Textbeispiele ansehen, belegen diese einen starken Einfluss persischer und arabischer Lehnwörter.

 

Untersucht man zeitgenössische kurdische Texte, stellt man fest, dass die Interferenzerscheinungen in der kurdischen Sprache eine abnehmende Tendenz haben, zahlreiche Beispiele aus Rundfunk- und Fernsehberichterstattung, Zeitung und auch in literarischen Texten sind zu finden.

Die Unterschiede sind offensichtlich. Was ist aber der Grund für eine Rückkehr zu den Wurzeln der kurdischen Sprache, trotz ihrer Unterdrückung und Überfremdung ?

Vielleicht sind es gerade diese Gefahren einhergehend mit dem Prozess des Verlierens der eigenen Identität, die als Reaktion auf die drohende Gefahr eine "Sprachloyalität"  unter den kurdisch sprechenden Menschen als Abwehrmechanismus aktiviert  ? 

 

Unter dem Begriff "Sprachloyalität" versteht man in der Allgemeinen Sprachwissenschaft einen Bewußtseinszustand, bei dem die Sprache als geschlossene Einheit und im Gegensatz zu anderen Sprachen einen hohen Rang in der Skala der Werte einnimmt, einen Rang, der der Verteidigung würdig und bedürftig ist.

Der Rückkehrwille zu den Ursprüngen der kurdischen Sprache macht einen Widerstand deutlich, einen Widerstand als legitimen Schutzmechanismus gegen die gewaltsame Unterdrückung der kurdischen Sprache durch die vier Besatzerstaaten Kurdistans.

 

Die Wurzeln dieser Loyalität zur eigenen Sprache sind nicht in einem übersteigerten Nationalismus zu finden, sondern sind zunächst einmal in dem Gefühl zu suchen, das in jedem Menschen von Natur aus innewohnt:

 

Die gefühlsmäßige Bindung an die eigene Muttersprache, wie man sie in seiner Kindheit erlernt hat und der natürliche Wunsch, sie zu bewahren.

 

Es bedeutet aber auch, sie als kulturellen Faktor der kurdischen Muttersprachgemeinschaft in einem politischen Kampf um die eigene Identität einzusetzen, um sie vor dem Untergang zu bewahren.

 

Es muss nicht sein, dass die Loyalität zur kurdischen Sprache mit nationalistischen Bestrebungen einhergeht. Auch die Rätoromanen und die italienischen Schweizer haben immer die volle Loyalität gegenüber ihrer Sprache kultiviert, ohne dass nationalistische Ziele wie Unabhängigkeit angestrebt wurden.

 

Das setzt aber die Freiheit voraus, die eigene Sprache in der Heimat kultivieren zu dürfen, die im letzten Jahrhundert kaum bestanden hat und derzeit, mit einigen Ausnahmen, auch nicht besteht.

 

 

II. Die Spuren der Unterdrückung

a) In der Heimat

Die Geschichte der Kurden und ihrer Sprache war nicht immer eine Geschichte der Unterdrückung, jedoch war dies über weite Strecken der Fall. Eine ins 7. Jahrhundert zurückgehende, die kurdische Sprache sehr prägende Unterdrückung war die seit der arabischen Invasion ausgeübte Zwangsislamisierung. Kurdische Gelehrte, die zu dieser Zeit meistens die einzigen waren, die im Volk lesen und schreiben konnten, waren nun gezwungen, dies in der neuen Amts- und Religionssprache Arabisch zu tun. Der arabische Einfluss erstreckt sich daher auch fast gleichmäßig auf alle kurdischen Dialekte und Mundarten.

Die massivsten Spuren der Unterdrückung bis zum Versuch der völligen Auslöschung der kurdischen Sprache haben jedoch im 20. Jahrhundert ihren Anfang genommen und üben bis heute ihr zerstörerisches Wirken aus, obwohl es gerade in letzter Zeit, gewissermaßen als eine Art Gegenreaktion, insbesondere bei Literaten und Intellektuellen, ein Rückbesinnen auf die eigene Sprache als Medium für Kommunikation und Kunst gegeben hat.

Unter den Umständen, dass die kurdische Sprache in fast allen Teilen Kurdistans (mit Ausnahme des irakischen Teiles) teilweise verboten oder aber nicht in den Schulen unterrichtet bzw. die Publikationen in kurdischer Sprache verboten waren, hat die kurdische Sprache insbesondere in der Türkei eine Art Stillstand bis hin zur Verarmung erlebt.

Einer Politik aggressiver Assimilation unterworfen, blieb vielen Kurden nichts anderes übrig als in den offiziellen Staatssprachen wie Türkisch, Arabisch und Persisch zu schreiben bzw. zu singen. Viele im Nahen Osten bekannte Autoren und Künstler sind kurdischen Ursprungs, einige davon haben sich auch in Europa einen Namen gemacht wie der Autor Yasar Kemal, der kein einziges Wort in kurdischer Sprache geschrieben, aber viele traditionelle kurdische Märchen und Fabeln zur Grundlage seiner Bücher gemacht hat.

 

Meine Damen und Herren,

wie Sie aus diesen Ausführungen entnehmen können, ist die Unterdrückung der kurdischen Sprache in der Heimat sehr unterschiedlich, je nach der politischen Situation der Besatzerstaaten.

So gab es in Irakisch-Kurdistan Zeiten, wie jetzt zur Zeit auch, freie Entfaltungsmöglichkeiten der kurdischen Sprache, vom Schulunterricht bis zum Hochschulstudium und eine breite Palette kurdischsprachiger Publikationen; auch in den kurdischen Enklaven in der ehemaligen Sowjetunion gab es eine relative Freiheit für die Entfaltung der kurdischen Sprache, während dessen es in Nordkurdistan/Türkei seit Gründung der türkischen Republik eine ununterbrochene Repression gab, die soweit ging, dass Personen verhaftet wurden, nur weil sie auf öffentlichen Plätzen Kurdisch gesprochen haben.

Auch im syrischen Teil Kurdistans wird der kurdischen Sprache keinen Platz im öffentlichen Leben eingeräumt, weder in der Schule noch in anderen staatlichen Institutionen ist sie erlaubt.

 

b) Im Exil

Exil ist für viele Kurden nicht nur das europäische Exil, sondern auch das Exil in den türkischen Großstädten und im Westen der Türkei.

Dieses Exil der Hoffnungs- und Chancenlosigkeit der vielen kurdischen Heimatvertriebenen bietet ausschließlich negative Vorzeichen für den Erhalt der kurdischen Sprache und damit der Identität von Millionen von Menschen.

Nur die Beherrschung der türkischen Sprache bietet überhaupt eine Chance auf einen Arbeitsplatz, darüber hinaus werden Kurdisch sprechende Menschen schnell verdächtigt, „Separatisten“ zu sein und auch von den zwar vorhandenen kurdischsprachigen Publikationen wird jede zweite Ausgabe beschlagnahmt. Wer seine Identität nicht freiwillig aufgibt, hat keine Chance auf ein menschenwürdiges Dasein außerhalb der Geccekondos und so ist es kein Wunder, dass es viele kurdische Menschen nach Europa zieht.

Aber wie sind die Möglichkeiten auf Wahrung und Entfaltung der kurdischen Muttersprache in Europa?

Es herrscht Pressefreiheit und daher gibt es zahlreiche kurdische Publikationen, Zeitungen, Zeitschriften, kurdische Rundfunksendungen und auch eigene kurdische Fernsehkanäle wie MEDYA-TV. Allerdings setzt die Möglichkeit zur Teilnahme an diesem Angebot voraus, dass man seine Muttersprache in Wort und Schrift erlernen kann. Besteht diese Möglichkeit aber tatsächlich?

Im europäischen Exil haben kurdische Kinder - wie für Angehörige anderer Nationen selbstverständlich - kein Recht auf Schulunterricht in ihrer Muttersprache.

Zwar gibt es eine europäische Richtlinie zur schulischen Ausbildung von ausländischen Kindern in der Europäischen Gemeinschaft, deren Artikel 3 besagt:

„Ferner ergreifen die Mitgliedstaaten ......die notwendigen Maßnahmen, um unter Koordinierung mit dem normalen Schulunterricht die Unterrichtung dieser Kinder in ihrer Muttersprache und der Kultur ihres Herkunftslandes zu fördern“,

aber die Umsetzung dieser Forderung, was die kurdischen Kinder und ihre Muttersprache anbetrifft, ist in den meisten Staaten der europäischen Gemeinschaft völlig unzureichend.

So gibt es in der Bundesrepublik Deutschland zwar einige Bundesländer wie Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, die erste Schritte in der Einführung eines muttersprachlichen Unterrichts für kurdische Kinder unternommen haben, das ganze geschah aber oft nur unter schwierigen Umständen und großen Widerständen. Bisher wurde den aus der Türkei stammenden kurdischen Kindern der türkische Sprachunterricht verordnet - ein politischer Zynismus, wenn man bedenkt, dass die Praxis ihrer Unterdrücker -die ausschließliche Geltung und Unterrichtung der türkischen Sprache-  im Exil fortgesetzt wird.....

Das Gesagte gilt ebenfalls für die Erforschung der kurdischen Sprache an den europäischen Universitäten. Obwohl es ca. 30-40 Millionen Menschen gibt, die Kurdisch sprechen und obwohl in Europa weit über eine Million Kurden leben, wird die kurdische Sprache an den europäischen Universitäten außerordentlich stiefmütterlich behandelt.

Nur an der Universität von Paris gibt es eine kurdologische Abteilung, ansonsten wird die kurdische Sprache an europäischen Universitäten nur als Randgebiet der Iranistik behandelt. Traurige Tatsache ist jedenfalls, dass man sich zu Ende des 19. Jahrhunderts, als sowohl den Kurden Europa und den Europäern die Kurden kaum bekannt waren, sehr viel intensiver mit der kurdischen Sprache auseinander gesetzt hat als heute.

Alle diese Maßnahmen bzw. Unterlassungen erfolgen mit dem einen Ziel: Man will die kurdische Sprache als den wichtigsten Teil der Identität eines Volkes verkümmern und letztlich sterben lassen. Leider haben die demokratischen Völker des Westens diese Politik bisher unterstützt oder zumindest nichts dagegen unternommen.

Zum Abschluss meines Vortrages möchte ich Ihnen ein Gedicht vortragen, das das ganze Elend der kurdischen Sprachlosigkeit und die Identitätsvernichtung, die durch die Unterdrückung der Sprache an den kurdischen Menschen betrieben wird, deutlich macht. Das Gedicht hat den Titel „Tochter Maras“. Gemeint ist damit die Stadt Kahramanmaras, eine Großstadt in Nordkurdistan / Türkei, in der überwiegend Kurden leben, die aber das Gesicht, die Identität dieser Stadt nicht prägen dürfen, alles, die Fassade, die Lebensart, Politik und Kultur, Erziehung und Sprache hat Türkisch zu sein, also eine Tochter Kurdistans, deren Erzieher und Vater aber nur eine Denkrichtung zulässt..... aber hören Sie selbst......

 

Tochter Maras

An deiner Wiege wurde dir gesagt:

Dein Vater ist der große Kemal,

nie lässt er seine Kinder im Stich.

So viele Male hat man dich gefragt:

Wer ist dein Vater, denn er liebt auch dich?

Das du es fast vergessen hättest

wessen Sprache deine Zunge spricht.

 

In der Schule wurdest du geplagt:

Ich bin stolz, deine große Tochter zu sein.

niemand, auch du nicht, hätte gewagt

es zu sagen: Ich bin Kurdin, nur allein

gegen euch alle stehe ich auf, bekenne

mich schuldig, nicht Türkin zu sein.

 

Wie gut hat dieser Vater dich erzogen

spielst deine Rolle dressiert wie ein Hund

eine Tochter, die um ihre Herkunft betrogen

umherirrt unter deinesgleichen, in ihrer Seele wund

verletzt immer wieder, zurückgestellt

eine Magd im letzten Winkel der Welt.

 

Was ist, wenn du jemals entdeckst

dass er niemals dein Vater war?

Wenn du in dir Gefühle erweckst

die auffliegen wie eine freie Schar

von Wildgänsen Richtung Kurdistan?

Dort ist der Hort der betrogenen Seelen

die ihre Worte nicht mehr wählen.

(Oktober 1998)



[1] das Territorium, das überwiegend von Kurden bewohnt wird.

 

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