Dr.
Zorab Aloians Beitrag zum Seminar Die
Geschichte der kurdischen Yeziden; ihre Religion; Gründe, die
dazu führten, ihr Land zu verlassen, Zukunftsperspektiven in
Deutschland organisiert von Deutsch-Ausländische Gemeinschaft
Westerstede e.V. am 17.02.20059
Im heutigen Gespräch werde ich das Yezidentum im Allgemeinen, dessen Mythen und die Situation der yezidischen Gruppen in Deutschland versuchen, zu präsentieren.
Die
Geschichte meiner Familie zeigt das Schicksal der yezidischen
Kurden
Meine Großeltern stammen aus Kars, Nord Kurdistan (Kurdistan-Turkei). Kars war ein Ort im historischen Serhed Gebiet, wo, wie 1913 die osmanische Statistiken zeigen, 37.000 Yeziden lebten. Nur 8.000 von ihnen konnten nach dem Ersten Weltkrieg dem Genozid entkommen und nach Armenien und Georgien (damals Teil der Russischen Monarchie) fliehen. Dieser Genozid richtete sich gegen Armenier, Christen, nicht muslimische Kurden und alle andere kurdischen Patrioten. Meine Großeltern konnten nach Armenien fliehen und meine Eltern sind dort geboren und zur Schule gegangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind meine Eltern nach Georgien ausgewandert und ich bin in Georgien geboren und aufgewachsen. Nach dem Gymnasium fuhr ich nach Leningrad (Sankt Petersburg), Russland, wo ich an der Universität Sprachwissenschaft und Geschichte studiert habe. Als die UdSSR unterging, bin ich nach Budapest, Ungarn, gegangen, um weiter an der Central-European University und Eotvos Lorand Universität zu studieren. Zur Zeit wohne ich in Deutschland und es scheint sich eine alte Erfahrung zu bestätigen, dass wie unsere Verwandte sagen, bei uns nicht eine Generation an dem selben Ort bleibt und nicht begraben wird. Aus dem Grund verfolge ich die Integrationsdiskussion in Deutschland mit großem Interesse.
Napoleon Bonaparte soll gesagt haben, Geographie sei Schicksal. Die Geschichte der Yeziden beweist die Richtigkeit dieses Aphorismus auf schreckliche Weise: Seit Anbeginn der Geschichte war die Heimat der Yeziden – Kurdistan – das zentrale Durchgangsland zwischen Kleinasien und Mesopotamien und deshalb immer wider Schauplatz diverser Machtkämpfe.
Die Yeziden gehören innerhalb der kurdischen Gemeinschaft zu einer kleinen religiösen Minderheit. Heute gibt es nur Kurden, die Anhänger dieser Religion sind. Es gibt keine anderen Nationen und Völker, die Anhänger der yezidischen Glaubensgemeinschaft sind. Die Yeziden sind Kurden und teilen insofern ihr Schicksal. Sie leben in der Türkei, im Irak, in Syrien, in Teilen der ehemaligen Sowjetunion (besonders Armenien, Georgien und der Russischen Föderation) und heute auch in Europa (überwiegend in Deutschland).
Mit der Islamisierungswelle in Kurdistan hat sich auch ihr Schicksal entschieden. Die Mehrheit der Kurden (aber nicht alle) wurde zum Islam bekehrt. Die Yeziden, zusammen mit anderen alten Religionsgruppen der Kurden wie Shabak, Yaresan, Kakei, Christen und Juden, hielten an ihrem Glauben fest und waren fortan als Minderheit mit Unterdrückung, Diskriminierung und einer Verfolgung, die als Massaker bezeichnet werden kann, konfrontiert.
Wie bekannt, sind laut Koran und Islam, nur Sabea, Juden und Christen als die Völker des Buches anerkannt und akzeptiert im islamischen Raum. Die Yeziden, die bis ins 14. Jahrhundert die Mehrheit bei den Kurden waren, gehörten nicht zu dieser privilegierten Kategorie und hatten keine Schutzgesetze im Islam-dominierten Osmanischen und Persischen Reich. Die Religion der Yeziden wurde im Osmanischen Reich und in der türkischen Republik nicht ins Verwaltungssystem und in die Gesellschaft integriert, weil sie nicht zu den monotheistischen „Buchreligionen“ gehörten. Die Yeziden gehören daher nicht zu den im Lausanner Abkommen anerkannten Minderheiten und können deswegen in der heutigen türkischen Republik keinen Anspruch auf die Rechte der Minderheiten erheben. Sie besitzen keinen rechtlichen Status.
Es gibt keine verlässlichen Daten über die Größe der yezidischen Bevölkerung, da die Zahl der Yeziden in keinem der Länder, in denen sie leben bzw. lebten, statistisch erfasst ist. Ich persönlich schätze die Zahl der yezidischen Kurden weltweit zwischen 700.000 und 1 Million.
Es ist zu einem Bestandteil der yezidischen Geschichte geworden, sich immer gegen Unterdrückung und Vertreibung zu wehren und sich oft in Bergregionen zurückziehen. Nur dort konnten sie ihre Religion unbehelligt ausüben und mündlich an die nächsten Generationen weitergeben. Erst seit etwa 30 Jahren haben Wissenschaftler die Chance, yezidische mündliche Literatur, Gebete, Erzählungen und Gedicht über kosmische Vorstellungen, zu veröffentlichen.
Die
meiste Literatur über Yeziden, nach dem Kurdischen und
Arabischen, existiert in Russisch, weil seit dem 18. Jahrhundert
die yezidische Gebiete in der Grenzeregion zwischen dem Russischen
und dem Osmanischen Reiche liegen. Außerdem hatten seit dem 19.
Jahrhundert die Europäer Interesse am yezidischen Glauben gezeig.
So gibt es heute viel Material auf Englisch, Französisch und
Italienisch. Die Yeziden faszinierten auch Karl May, der in seinem
Buch „Durchs wilde Kurdistan“ Sympathien für die Yeziden
zeigt:
„Nach
derselben hielt Mir Scheik Khan eine kurze Ansprache an die
Priester. Er schilderte in kurzem Worten die Notwendigkeit, seinen
Wandel von jeder Sünde rein zu halten, allen Menschen Gutes zu
tun, seinem Glauben treu zu bleiben und ihn gegen alle Feinde zu
verteidigen.
Wir
stiegen die nach Baadri zu gelegene Höhe hinan. Überall trafen
wir Männer, Frauen und Kinder mit Fackeln und Lichtern, und von
allen wurden wir mit einer wirklich kindlichen Freude begrüßt
und angeredet... Wer den Genuß vollständig haben wollte, mußte
sich selbst in Dunkel befinden.“
Jahrhunderte
lang hatten viele Autoren positive Vorstellungen über die Yeziden
geäußert. Zum Beispiel, schrieb ein andere Schriftsteller, der
berühmte türkische Autor kurdischer Herkunft Yaþar Kemal
(„Firat Suyu Kann Akiyor Baksana, S. 245“):
„...
dreimal am Tag wenden sie sich an die Sonne und beten. Ihre Gebete
sind nicht wie unsere, einstudiert. Jeder der will, mag er Kind,
jung oder alt, Emir oder Scheich sein, stellt sich vor die Sonne
und erzählt ihr das, was in diesem Augenblick sein Herz spricht.
Vielleicht sind dieses die schönsten Gebete, die die Menschheit
je hervorgebracht hat. Vielleicht entspringen die schönsten
Lieder, die schönsten Dichtungen diesen Gebeten. Vielleicht
wurzeln alle Legenden und Sagen Mesopotamiens in diesen
Gebeten“.
Die
Yeziden sprechen Kurdisch, eine indogermanische Sprache der
Iranischen Sprachgruppe. Alle yezidischen mündlichen Texten,
Gebete und so weiter sind auf Kurdisch, das von 40-50 Millionen
Leuten im Nahen Osten gesprochen wird.
Die
Gemeinde Yeziden
Heut zu Tage ist das Yezidentum der Glaube an die Einigung und Einheit, an einen Gott, obwohl es durch die Geschichte hindurch auch Politeismus und Dualismus erlebt hatte.
Es gibt viele verschiedene Theorien über die Herkunft und den Namen der Yeziden. Trotzdem teile ich die Meinung, dass der Begriff „Yezidentum“, “Ezdayi“, „Yezidi“ aus dem kurdischen Wort “Yezdan“, „Ezda“ – für Gott, kommt.
Die
Religion der Yeziden besteht aus Regeln, Verboten, Geboten,
Ritualen, Erzählungen und Mythen. Außer Gott existieren in der
yezidischen Religion die sieben Erzengel, die wahrscheinlich eine
zoroastrianische kulturelle Abstammung haben. In die täglichen
Gebete der Yeziden werden diese Engel miteinbezogen. Oberhaupt der
sieben Engel ist Tawusi Melek, die Engel Pfau, der von Gott mit
der Aufsicht über die Erde beauftragt worden ist, und der im
Besonderen die Yeziden schützen soll. Neben Tawusi Melek, dem
Engel Pfau, gibt es noch andere Heilige, der wichtigste ist
Scheich Adi (1071-1161), der im 11.-12. Jahrhundert das Yezidentum
reformiert hat. Laut yezidischer Kosmologie soll Scheich Adi das
Gute verkörpern. Scheich Adi hat viele Elementen des Sufismus,
einem islamischen Mystizismus, ins Yezidentum gebracht.
Der Ranghöchste, innerhalb dieser Hierarchien ist der Mir von Scheichan; er hat die uneingeschränkte Macht und Befugnis, über sein Volk nach seinem Gutdünken zu entscheiden. Er braucht aber die Zustimmung des Geistlichen Parlaments (Meclîsa Ruhanî), das aus 7 Personen besteht. Mirs traditioneller Sitz liegt in Baadre, einige Kilometer von dem Heiligtum Lalisch in Kurdistan-Irak entfernt.
Die
nächste Stufe in der Hierarchie der Yeziden nehmen die Pirs ein.
Gemäß der Religion haben die Pirs die gleiche religiöse
Stellung wie die Scheichs, diese sind aber zum Teil höher
angesehen als die Pirs.
Die
Qewwals leben in zwei Dörfern von Basik u Bahzani, die etwa 35 km
von Mosul entfernt liegen. Die Qewwals lernen von ihren Vätern
alle religiösen Gedichte, mündlichen Geschichten der Yeziden und
alle heiligen Erzählungen auswendig. Sie sind somit das religiöse
Gedächtnis der Yeziden.
Die
Nächsten in der Hierarchie sind die Kochek. Sie sind im Gegensatz
zu den anderen nur eine Laienbruderschaft. Ihrer Kaste kann jeder
Yezide beitreten, der seine Kräfte und Dienste dem Scheich Adi
unterstellen will. Ihre Aufgabe hier besteht zum größten Teil
darin, bei den Festen Brennholz aus den Bergen zu holen und auch
sonst für das leibliche Wohl der Anwesenden zu sorgen.
Die
Murid (Laien) stellen die Mehrheit der yezidischen
Glaubensgemeinschaft dar, diese Gruppe bezieht ihren
Lebensunterhalt aus Landwirtschaft und Handel. Die Pflicht dieser
Gruppe ist, ihren sogenannten Oberen zu dienen und ihnen eine Art
von Steuer aus ihrem Einkommen abzugeben. Jede Murid–Familie hat
einen Scheich und einen Pir.
Die
heiligen Elementen der Yeziden
Die
Sonne, das Feuer, der Mond, die Erde, das Wasser und die Luft sind
die heiligen Elemente der Yeziden. Drei grundlegenden
Eigenschaften gelten für jeden Yeziden:
1.
Rasti: Die Wahrheit, Gerechtigkeit. Jeder Yezide ist verpflichtet
stets die Wahrheit zu sagen und an das Wahrhafte zu glauben.
2.
Zanin: Das Bekenntnis, Wissen.
3.
Scherm: der Scham. Jeder, der über Schamgefühle verfügt, wird
nie etwas schlechtes tun.
Über
die Bedeutung der Musik im Rahmen der yezidischen Mythologie wird
folgendes überliefert: Erst wurde der Körper erschaffen, und
dann die Seele, die den Körper betreten sollte, um ihn mit Leben
zu erfüllen. Sie war aber unwillig und weigerte sich. Gott
erschuf die Musik und konnte sie dadurch dazu bewegen. Am Anfang
des Lebens war die Musik.
Das
Newrozfest hat auch bei den Yeziden eine besondere Bedeutung. Der
Legende zufolge beginnt die kurdische Zeitrechnung 612 vor
Christus, als der Schmied Kawa den Tyrannen Dahak erschlägt und
das kurdische Volk befreit. Die Kurden feiern jedes Jahr am 21.März
Newroz, das Neue Jahr – und Widerstandfest, als Symbol ihrer
Befreiung. Man zündet ein Feuer an, singt und tanzt herum und
springt über das Feuer. Newroz (21. März, seit 612 v. Chr.-
Neues Jahr → jeitzt nach dem kurdischem Kalendar: 2619).
Charschema
Sor
Dieses Fest wird bei den Yeziden am ersten Mittwoch im April gefeiert. Das Fest spielt sich folgendermaßen ab: Am Festtag muss in jedem Haus Fleisch sein, wobei das Vieh bereits am Vortrag geschlachtet und das Fleisch in der Nacht zubereitet werden soll, um dann am Mittwochmorgen von den Priestern gesegnet zu werden. Auch der Toten wird gedacht: im Laufe des Tages begeben sich die Frauen auf den Friedhof und legen Nahrungsmittel auf den Gräbern nieder. Das fest selber wird zu Ehren von Tawusi Melek gefeiert. Außerdem glauben die Yeziden, dass an diesem Tag alle Engeln auf die Erde kommen.
Cejna
Cemaiye - Scheich Adi Feierlichkeiten
Die Yeziden fasten im Jahr 2 Mal für drei Tage. Die erste 3 Tage wird für die Sonnenfeier nach dem ersten Freitag im Dezember gefastet. Sie beginnen am Montag und fasten für drei Tage, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Das Fasten im Dezember für drei Tage ist gemäß der Religion der Yeziden für jeden Pflicht. In einigen Regionen, wie bei den Yeziden in der Türkei fastet man im Dezember nicht nur drei, sondern neun Tage. Zu Ehren Xidir Ilyas (Sankt Georg oder Mar Bahram) wird im Februar gefastet.
Das
Ritual zur Harrbeschneidung
Tawusi
Idole spielen in der yezidischen Religion eine große Rolle. Im
Zusammenhang mit dem Tawusi Melek gibt es viele verschiedene
Versionen des Schöpfungsberichts, die ich nicht alle hier aufführen
kann.
Gott
ist nur der Schöpfer, nicht auch der Erhalter der Welt. Er ist
nicht aktiv und kümmert sich nicht um die Welt. Das tätige, ausführende
Organ des göttlichen Willens ist Tawusi Melek, der das Alter Ego
Gottes ist. Die Yeziden glauben offenbar an keine Hölle, an
keinen Teufel im judeo-christo-islamischen Sinn und an keine Höllenstrafe.
Aber die Yeziden mussten einen Kompromiss finden, um sich ihren
christlichen und muslimischen Nachbarn zu erklären.
7000
Jahre lang hat Tawusi Melek wegen die Sünden der Menschheit
geweint. Mit den Tränen von Tawusi Melek soll das Höllenfeuer
gelöscht worden sein. Zeitweise wurde Tawusi Melek zwar als
Teufel (Scheytan) angesehen, aber durch seine Rehabilitierung
wieder in den Stand des Engels gehoben.
Die
Welt bewegt sich durch einen zyklischen Verlauf vom Leben zum Tod
und wieder vom Tod zum Leben durch Transmigration der Seelen. Wenn
jemand gestorben ist sagen die Yeziden, dass er „das Kleid
gewechselt hat“ (kiras guharin). Der Körper ist vergänglich,
aber die Seele ist unsterblich.
Es
gibt eine Vielzahl von Tabus.
Geschichte
der Yeziden
Hier
kann man mit der modernen Geschichte anfangen, die an die
Vergangenheit appelliert. Die dominierte Bewegung des modernen
kurdischen Nationalismus bis 2000 bildete die PKK, die Ongra Gel
heißt. Ihr Konzept basiert auf kulturnationalen Ideen. Diesem
Konzept entsprechend findet die Nation ihre Legitimierung und
ihren Anspruch auf territoriale und kulturelle Einheit in der
Kontinuität der Geschichte.
Der
Ursprung der Kurden wird auf die Meder zurückgeführt. Die
Eroberung Kurdistans durch fremde Herrscher soll im Jahre 550 v.
Chr. mit dem Sieg der Perser über die Meder begonnen haben. Im
Gegensatz zu den semitischen Assyren und den mittelasiatischen Türken
wird die indioeuropäische Herkunft der Meder und damit auch der
Kurden betont. Die Religion Zarathustras wird als die
vorislamische Religion der Kurden anerkannt. Damit unterscheidet
sich der ursprüngliche Glaube der Kurden vom Islam und
vorislamischen Religionen der Türken und Araber. Aus dieser
Perspektive heraus werden die Yeziden als die „echten ursprünglichen
Kurden“ wahrgenommen und die Religion der Yeziden als
spezifische ‚kurdische’ Glaube definiert.
Einer
der asylberechtigten Informanten, der seit 1989 in Deutschland
lebt, begründete sein Interesse an der nationalen Bewegung
folgendermaßen:
„Man
darf in Deutschland nicht mehr in den alten Mustern denken. Unsere
erworbenen Fähigkeiten gelten hier nichts... Als
Yezidigemeinschaft müssen wir mit unserer Kraft versuchen, unsere
Kinder auszubilden, um in der Gesellschaft wichtige Positionen zu
haben. Zweitens ist es sehr wichtig, dass unsere Kinder unsere
Muttersprache nicht verlernen. Durch die Sprache wird die Kultur,
die Tradition, die Denkweise einer Gesellschaft von einer
Generation zur nächsten vermittelt. Wir müssen daher mit den
anderen Kurden zusammenhalten, damit wir überleben und uns zu
einer modernen Nation entwickeln können“(Breddermann,
S. 84).
Es ist erwähnenswert zu sagen, dass die heutigen Bewohner Kurdistans, nämlich die Nachfahren der Meder und Kardukan, die schon vor den Türken und Arabern neben vielen Völkern sowie den Persern, Griechen, Römer, Byzanz, Sumerer, Armenier und Assyrern lebten.
Was aber den verstorbenen Ad-Damlouji anbetrifft, so schreibt dieser auf der Seite 428 seines Buches „Das Yezidentum“ folgendes:
„Wahrlich spielten Entscheidungen durch religiöse Gutachten (Al-Fatawa), die eine Gruppe von Gelehrten des Islams verkündeten, eine wichtige und gefährliche Rolle im Leben dieser Leute. Dadurch wurden sie in zermürbende Kriege verwickelt, die über drei Perioden andauerten. Sie erlitten alle Arten des Schmerzes und der Qual, sie ergaben sich aber an keinem Tag. Würden wir diese Gelehrten nach den Gründen fragen, die sie zur Verkündung dieser Al-Fatawa bewegten, die dieses Land während der ganzen Zeitspanne in Chaos und Lethargie versetzten, würden sie antworten: Es ist die Religion. Als ob die Religion in ihren Seitenteilen zerrissen und in ihren Stützpfeilern zerstört worden wäre“.
Die Massaker
an den und die Islamisierung der Yeziden sind in der kollektiven
Erinnerungen sehr schmerzhaft. Es wird in alltäglichem
Sprachgebrauch über die Verfolgung und Gewalt, ob in physischer
Form, geredet.
Um einem
Menschen, einer Nation oder einer Religion politisch und militärisch
schaden zu können, braucht man irgendeine Legitimation. Die
sogenannten „Glaubenskriege“, die im Namen eines Gottes und
gerade deswegen “legitimiert“ gegen die Andersgläubigen geführt
werden, sind im Grunde genommen ein purer Gewaltakt, ein Versuch
der absoluten Vernichtung.
In 13.
Jahrhundert hatten die Yeziden die Chance einen kurdischen Staat
mit yezidischer Religion zu gründen, die yeizidsche Armee hat die
Kämpfe gegen die herrschenden Mongolen und Seldschuken jedoch
verloren. Die Fahne
der Yeziden – Rot, Gelb und Grün – ist heut zu Tage die
offizielle Fahne der PKK.
Ich zeige
nur die Operationen gegen die Yeziden im 18. Jahrhundert und nur
in einem Gebiet im heutigen Kurdistan-Irak.
1715: der
Vali von Baghdad, Hasan Pascha benutzt die Araber Tayy-Beduinnen
gegen die Yeziden,
1733: Ahmed
Pascha verwüstet die Yezidi- Dörfer am Zab Fluß,
1752:
Suleyman Pascha tötet zahllose Menschen bei einem Angriff auf die
Yeziden des Sindschar,
1767: Der
Vali von Mosul, Amin Pascha, entsendet seinen Sohn um den
Sindschar zu plündern,
1773: der
Vali von Mosul plündert den Sindschar,
1779: der
Vali von Mosul entsendet seinen Bruder um den Sindschar zu plündern,
1785: der
Vali von Mosul, Abd al-Baqi, wird bei einer Strafexpedition
besiegt und getötet,
1790: Cholo
Beg, der Mir des Scheichan, interveniert in einer gewaltsamen
Auseinandersetzung zwischen dem Pascha von Amadiya und einigen
seiner Verwandten. Er wird hierbei getötet,
1791: die
Tayy Araber überfallen den Sindschar,
1792: Plünderung
des Sindschar durch Mohammad Pascha von Mosul,
1793:
Strafexpedition des gleichen Vali gegen den yezidischen Mihirkan,
1794: eine
Truppe die von Suleyman Pascha entsendet wurde plündert den
Sindschar,
1800:
unterstützt von Beduinen der Obeyd, Hamdan und Tayy (Araber) verwüstet
Abd al Aziz Beg von Bagdad den Scheichan und zerstört 25 Dörfer
der Yeziden.
Yeziden
in Deutschland
Die
meisten der in Deutschland lebenden Yeziden suchten Zuflucht bei
Angehörigen ihrer Gemeinschaft, die als Arbeitsmigranten hier
herkamen. Da die Yeziden eine sehr strenge endogame Gruppe
darstellen, bilden die Verwandschaftsbeziehungen, trotz der
Verstreutheit der Gemeinde über ein sehr weites Gebiet ein enges
Netz. Dieses Netz ermöglichte eine Kettenimmigration nach
Deutschland. Andere sind aus politischen Gründen nach Deutschland
geflohen. Schnell gelang es den Yeziden, Gemeinden in vielen Städten
Deutschlands zu bilden, vor allem in Niedersachsen (Kreis Celle),
Nordrhein-Westfalen (Emmerich) und in Saarland. In der Türkei
wurde die Vertreibung der Yeziden bereits vollzogen. Man kann
nicht mehr von einer Existenz der Yezidigemeinschaft in der türkischen
Republik reden. Die türkischen Yeziden in Deutschland haben keine
Heimat mehr, in die sie zurückkehren könnten. Dieser Zustand
unterscheidet sie von den anderen Migranten aus der Türkei, die
in der Rückkehr in ihre Heimat eine Alternative zum Leben in
Deutschland sehen.
Zum
ersten Mal in der modernen Geschichte können sich nach Hunderten
Jahren der religiösen Unterdrückung im Osmanischen und
Persischen Reich und später in den Islam-dominierten Staaten –
Irak, Syrien und die Türkei und auch von islamistischen Kurden -
die Yeziden in Deutschland organisieren. 1993 haben in Celle 200
Vertreter der Yeziden aus Deutschland die Entscheidung getroffen,
hier als Gemeinde zu überleben. Um Kontakten mit Yeziden in der
Heimat zu halten, müssen sie ein offizielles Zentrum gründen.
1996 wurde mit 110 Teilnähmern in Bielefeld die „Union der
Yeziden aus Kurdistan“ gegründet.
Die
Föderation der Yezidischen Kurden vereinigt die yezidischen
Organisationen bundesweit und möchte in Zukunft einen Weg für
yezidische Organisationen aus anderen Ländern öffnen. Es gibt
heute eine ziemlich große yezidische Bevölkerung in Belgien,
Holland, Russland, der Ukraine, in Armenien und Georgien. Die Föderation
will diese Gruppen zusammenbringen und Ihre Beziehungen mit
Yeziden, die in Kurdistan Gebietes in der Türkei, in Syrien und
in Irak leben, verstärken.
(Es
gibt viele Beispiele von aktuellen Aktivitäten der Föderation in
Deutschland, die zeigen, dass die Yeziden versuchen einen Modus
Vivendi mit Deutschen und Minderheiten zu finden. Das ist die
richtige Politik von kleinen Schritten, der die Yeziden sich
besser mit der neuen Heimat verbinden können.
(Am
19.11.2002. kamen die Yeziden aus der Föderation zum Bundesamt um
Johannes Düchting, der Autor eines Buches über uns, treffen.
Am
21.11.2001. hatten die Vertreter der Föderation Gemeinden aus NRW
getroffen. Sie haben in Rathaus Bielefeld ein Treffen mit
Gemeinde.
Am
17.12.2001. hatte der Yezidische Verein die Deutsche Studenten
eingeladen und über Yezidentum eine Diskussion geführt.
Außerdem,
seit 2 Jahren treffen die Yeziden regelmäßig die Vertreter des
Roten Kreuzes, Polizei und Jugendamt und diskutieren über die
Problemen. Solche Sammlungen findeten am 24.11.2001, 20.02.2002
und 16.04.2002 statt. Am 22.06.2002. werden die Yeziden an einem
Kulturfest teilnehmen und eigene Folkloregruppen präsentieren.
Regelmäßig
besuchen die Vertreter der Föderation die Evangelische Kirche und
ohne Terminen dürfen sie zum Bundesamt gehen.)
Im
April 2002 in Celle beim Kongress der Föderation und später
mehrmals in Oldenburg habe ich persönlich erlebt, wie die Frage
der Integration diskutiert wurde. Die alte Yeziden äußern Ängste,
dass Integration den Verlust der yezidischen religiösen
Besonderheiten bedeutet. Der Vorstand vom Kongress und der
Vorstand der Yezidischen Gemeinde in Oldenburg sowohl als auch die
jugendliche erklären, dass in Deutschland die Yeziden auf der
einen Seite ihre ethnische und kulturelle Identität behalten müssen,
auf der anderen Seite sich der
europäischen Gesellschaft aber öffnen, weil hier keine
aggressive Unterdrückung stattfinde.
Die
Yeziden sind eine Minderheit innerhalb der Minderheiten und sind
deswegen benachteiligt. Man muss zu Kenntnis nehmen, dass
Toleranz, Akzeptanz und freies Zusammenleben bedeutet. Heut zu
Tage haben die Yeziden Sorgen, weil kein Land sie unterstützt und
sie nicht in ihrer Heimat sind. Vielleicht kann das europäische
Projekt die Stimme der Yeziden deutliche machen, weil in Europa
Minderheiten beachtet werden. Manche sagen, dass in Europa
existiert religiöse Freiheit mit Defiziten, aber die Yeziden hätten
sich gefreut, wenn sie eine solche Situation in der Türkei
vorgefunden hätten.
Yezidische
Frauen
1. Die yezidische Familie ist normalerweise monogam. Gemäss yezidischer Tradition darf der Mann eine zweite Frau nur heiraten, wenn die erste unfruchtbar ist.
2. Die yezidischen Mädchen dürfen zwar nicht wählen, welchen Mann sie heiraten. Sie dürfen aber die Vorschläge der eigenen Familie und Verwandten ablehnen, wenn der vorgeschlagene Junge ihnen nicht gefällt.
3. Im Mittelalter lebten Yeziden unter muslimischer Mehrheit, die die Yeziden immer islamisieren wollten. Deswegen verboten die yezidischen Mirs (religiöse Führer), den yeizidischen Jungen und Mädchen mit Muslimen studieren. 1907 hat der yezidische Mir Ismail Beg Chol gesagt, dass die Junge und Mädchen moderne Wissenschaft und Kunst studieren sollten. Seitdem ist die Anzahl der studierenden Jugendlichen (besonders Mädchen) höher, als die der muslimischen Kurden.
Ein
Beispiel aus einem yezidischen Text
Zum
Schluss möchte ich einen yezidischen Text vorlesen: „Das Lied
der Überlegenden“ oder „Das Lied der Laien“ (Beyta Cindî).
Die kurze Übersetzung lautet: Oh Überlegender, steh auf, du
hast genug geschlafen, in Dunkelheit gab es viele dunkele
Ereignisse. Nun musst du diese aufräumen, um Gott zu dienen.
Cindiyo rabe roj e
Bes
vê xewa hindoje
Xewa
berê sibê zor edab û doj e
Cindiyo, rabe, rabe
Bes bi vê xewê tu þa be,
Xewa berê sibê zor ezab e
Rabe ji xewêd þirîne
Bes
gorê teng bibîne
Feqîr
dibê kerr bin, dibê kîn e
Rabe ji xewêd tariye
Xew heram dibûn li cindiye
Wê li Xudanên maþan û
cenbeqiye
Rabe
ji xewêd sibehe
Xew heram dibû li medehe
Wê li Xudanê xerqehe
Rabe xewêd hingora
Xew heram dibû li zora
Wê li Xudanêd xerqêd bi mohra
Rabe ji tarî bave
Qesd bike merzêd ave
Ciwan
bike destan û çave
Eva bû adetê me zirbave
Extra
Im Jahre 1872 haben die Yeziden in einem Brief vom Osmanischen Reich verlangt, dass ihnen zugesichert werden sollte, nicht zum Militärdienst eingezogen zu werden. Darüber hinaus werden darin einige wichtige Grundlagen des Yezidentums beschrieben.
-
Es ist unmöglich für einen Yeziden, in die Armee zu gehen.
- Jede(r) Yezide muss 3 mal im Jahr-im
April, September und November-die Symbole von Tawusi Melek
besuchen.
- Jede(r) Yezide muss das Heiligtum Lalisch
einmal im Jahr besuchen. Er soll vom 6.Oktober bis zum 13. Oktober
das Heiligtum von Scheich Adi besuchen.
- Bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang
muss ein Yezide zu einem Platz gehen, wo sich keine Muslims,
Christen und Juden
befinden. Er soll beten.
- Wenn ein Yezide stirbt, dann muss er
Biraye Axirete, ein Scheich, ein Pir oder ein Qewwal anwesend
sein, der für ihn um Vergebung bittet.
- Jede(r) Yezide sollte Erde vom Grab von
Scheich Adi bei sich haben, das ihn beschützt.
- Wenn ein Yezide fastet, dann soll er zu
Hause fasten. Jede Morgen vor dem Fasten muss der Yezide zu seinem
Scheich oder Pir gehen, und bevor er am Abend sein Fasten bricht,
muss er sie ebenfalls besuchen. Bevor er mit dem Essen beginnt,
soll der Fastende zwei oder drei Gläser vom heiligen Wein des
Pirs oder Scheichs trinken.
- Jede(r) Yezide muss einen/eine
Bruder/Schwester für das Leben nach dem Tod/Biraye Axirete haben.
- Jede(r) Yezide muss ein Unterhemd tragen,
das sich Gerivan nennt.
- Yeziden sollen keine Kleidung tragen, die
eine blaue Farbe hat.
Es gibt noch ein weiteres Dokument von 1908, das von Ismail Beg, dem Prinzen der Yeziden, verfasst wurde, und dass er den Yeziden in Armenien geschickt hat. Das Dokument von Ismail Beg, dem Sohn Ebdi Beg besagt folgendes:
-
Wir glauben an einen Gott, den Schöpfer des Himmels, der Erde
und Allen Lebens.
-
Kein Yezide sollte sich scheiden lassen. Außer wenn durch drei
Zeugen eine Untreue bestätigt werden kann.
-
Den Yeziden ist es nich erlaubt, Geld gegen Zinsen zu verleihen.
-
Ein Yezide darf nicht am Mittwoch baden oder Geschlechtsverkehr
haben.
-
Diebstahl ist strengstens verboten. Diebe müssen bestraft werden.
-
Ein Yezide soll die Gesetze des Landes befolgen, in dem er sich
befindet.
- Ein Yezide darf
keine falschen Schwüre leisten. Die
Yeziden müssen Schulen bauen und ihre Kinder in der Wissenschaft
und in den Sprachen ausbilden.
Mythen
Nachdem Gott
eine weiße Perle erschuf, erschuf Er aber dazu einen Vogel Namens
Anfar, auf dessen Rücken er die Perle deponierte, um sich dann
selbst auf dieser für 40 000 Jahre niederzulassen. Dort auf dem Rücken
Anfars begann Gott die sieben Engel zu erschaffen, am Sonntag
erschuf er den Tawusi Melek, die erste Emanation Gottes, in dessen
Hand alle Macht gelegt ist und der sozusagen als ausführendes
Organ des göttlichen Willens fungiert. Dies anderen sechs Engel
waren dem Tawusi Melek unterstellt und hatten alle von ihm eine
Aufgabe in der Schöpfung zugeteilt bekommen. Danach erschuf Gott
die sieben Himmel, die Erde, die Sonne und den Mond. Nur die Schöpfung
des Menschen und der Tiere blieb seinem letzten Engel Nurail überlassen.
Tawusi Melek wurde kurz nach seiner Schöpfung, da er sich selbst
hochmütig mit Gott gleichstellte, aus dem Paradies in die Hölle
verbannt und als Scheytan (Teufel) betitelt.
Newroz
Eine alte
Legende erzählt von dem grausamen Tyrannen Dahak, der in grauer
Vorzeit das Land beherrschte. Aus seinen beiden Schultern wuchsen
böse Schlangen. Dahak fütterte die Schlangen mit den Gehirnen jünger
Männer, damit die Schlangen nicht sein Gehirn frässen. Jeden Tag
mussten zwei Jungemänner des Volkes getötet werden, um Dahaks
Schlangen zu füttern. Eines Tages rief der Schmied Kawa das Volk
zum Aufstand auf. Am 21 März marschierte das Volk unter seiner Führung
mit brennenden Fackeln zum Schloss, besiegte Dahak und tötete die
Schlangen.
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