Dr. Zurab Aloian (Bremen)

Kaukasisches Mosaik

Das Kaukasus-Gebiet reicht vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meer. Im Norden grenzt es an das russische Tiefland, während es sich den Süden mit den kurdischen Bergen der Türkei und des Irans teilt. Geographisch gesehen bilden der nördliche Kaukasus, der ein Teil der Russischen Föderation ist, und der Trans-Kaukasus, welcher aus den unabhängigen Staaten Armenien, Aserbaidschan und Georgien besteht, eine Region. Bis heute bewahrt die Topographie uralte Spuren von Verbindungen zur kaukasischen Kultur: der Fluß Kura (Mtkvari), der durch Georgien und Aserbaidschan fließt, erhielt seinen Namen vom persischen König Kyros dem Großen, die westliche georgische Region Kolkheti wird mit der Geschichte der Argonauten verbunden, wobei Medea und Jason in dieser Gegend beliebte Vornamen sind. Es ist fast überflüssig, den Begriff „kaukasische Abstammung“ zu erwähnen, der hauptsächlich in Nordamerika zur Benennung des hellhäutigen Typus weitverbreitete Verwendung findet.

Ironischerweise findet der moderne Kaukasus, bis vor kurzem noch eine vergessene Provinz der Sowjetunion, meist im Zusammenhang mit kaspischen Ölreserven Erwähnung. Streitigkeiten über Petroleumvorkommen und Pipelines haben mehr als eine harmonische internationale Allianz zerschlagen: Petroleum ist ein gefährliches Geschäft. Am Tschetschenien-Krieg ließ sich bestens die überlegene Bedeutung des Öls über die Menschen beobachten: Während Zehntausende von tschetschenischen Partisanen, russischen Truppen und Zivilisten verletzt oder getötet wurden, blieben die Ölraffinerien unbeschadet – hier hatten die Antagonisten gemeinsame finanzielle Interessen.

Stalin, Beria, Schevardnadse, Alijev, sogar Primakow sind in dieser Region aufgewachsen. Gorbatschow machte etwas nördlich von dieser Region politisch Karriere. Die Einheimischen denken in komplexen Zügen, weswegen Schach im Kaukasus auch so beliebt ist: Der zehnte Weltmeister, Tigran Petrosian, war ein Armenier aus Georgien; Schachspielerinnen wie Gaprindaschwili und Tschiburdanidse sind Georgierinnen, der Weltranglistenerste im Schach, Garri Kasparow, ist Kind einer jüdisch-armenischen Familie und erhielt seine Ausbildung in Baku (der Hauptstadt Aserbaidschans).

Was machte den Kaukasus so interessant für die großen russischen Schriftsteller Puschkin, Lermontow und Tolstoi, für Brecht und den Ungarn Jókai? Was reizte Herodot und Strabo daran, die kaukasischen Stämme und ihre Bräuche so ausführlich zu beschreiben? Der Wein und die Sonne, historische Legenden und moderne Fantasien, ebenso wie die Verschiedenheit der religiösen und ethnischen Gruppen mögen uns diese Geheimnisse offenbaren.

Man kann beeindruckt und sogar erstaunt sein über die Vielzahl an Sprachen und Nationalitäten auf diesem kleinen Fleck der Erde. Kein Wunder also, wenn der Kaukasus schon vor langer Zeit als „Berg der Nationen“ bezeichnet wurde. Das beste Beispiel für die überdauernden Identitäten könnte die Republik Daghestan im nördlichen Kaukasus sein: 102 ethnische Gruppen, von denen mit 600.000 die Awaren die größte darstellen und die Lezginen über 300.000 sowie die Darginen 200.000 Personen zählen. Hingegen werden die meisten Sprachen von nur 200-500 Ortsansässigen in Dutzenden von abgelegenen Gebirgsdörfern gesprochen. Für die meisten Linguisten sind diese Sprachen bemerkenswert: So hält die tabasaranische Sprache (50.000 Muttersprachler) mit 46 Kasus den Rekord in der Grammatik. Ein anderes Beispiel: Es gibt die andianische Sprache, welche der Andianischen Untergruppe der Andi-Awar-Dido-Gruppe, welche wiederum selbst zum Daghestanischen Zweig der Nakh-Daghestanischen Sprachfamilie zählt, zugeordnet wird. So eine lange Bezeichnung für gerade mal 20.000 Muttersprachler! Vergessen wir nicht: Hier geht es nur um das kleine Daghestan. Es gibt noch andere Republiken innerhalb der Russischen Föderation – Adygea, Tschetschenien, Inguschetien, Nord-Ossetien, Karatschaewo-Tscherkessien, Kabardino-Balkarien. Darüber hinaus gibt es Republiken im Transkaukasus mit ihrem eigenen kulturellen Identitäten:_ Abchasien, Adscharien und Süd-Ossetien (Georgien), Nagorno-Karabach und Nachitschewan (Aserbaidschan). Diese Republiken wurden alle formal anerkannt, und noch mehr streben nach Anerkennung. Aber all diese Nationen sind weit weg, nicht in Europa, und im Krieg wie auch im Frieden können „die Guten“ und „die Bösen“ nicht auseinandergehalten werden – es sind einfach alles Minderheiten, die eine zerbrechliche, wen auch historisch bewährte Balance gehalten haben.

Menschen haben sich über die Jahrhunderte hinweg im Kaukasus versteckt um Verfolgungen zu entgehen: Selbst die russisch sprechenden Molokaner (eine „häretische“ christliche Sekte, welche von der Hauptrichtung der russischen Kirche ausgeschlossen worden war) konnten in Armenien und Georgien Zuflucht finden, lange bevor diese beiden Länder in das russische Kaiserreich integriert wurden. Man stelle sich vor: Die Russen flüchten vor der Unterdrückung in ihrem eigenen Land in den Kaukasus! Zu Zeiten der Sowjetunion drängte es aus den gleichen Gründen viele freidenkende Russen, im Kaukasus Zuflucht zu nehmen, in einer intellektuellen heilen Welt, der als sonniger Urlaubsort in den steilen Bergen getarnt war. Dies hatte einen einfachen Grund: Die kommunistischen Autoritäten im Kaukasus erlaubten, wen über Vergangenheit und Gegenwart gesprochen wurde, eine etwas entspanntere Atmosphäre als ihre russischen Kollegen. Sie waren einfach praktisch orientiert: Lass die Leute reden und trinken, sonst machen sie ihrem Ärger mit Gewehren Luft. Moderne Entwicklungen beweisen, dass man, wenn Dinge in Frieden diskutiert werden, eine gute Chance besteht, jegliches Blutvergießen zu vermeiden. Übrigens ist das nicht nur im Kaukasus so.

In religiösen Angelegenheiten waren die Armenier das erste Volk, welches den christlichen Glauben – um 334 n.Chr. – auf nationaler Ebene annahm. Es folgten die Georgier, die immer noch ihren frommen orthodox-christlichen Glauben bewahren, und dies trotz jahrhundertelanger Versuche des osmanischen und persischen reiches, ihnen „weltweite Werte“ beizubringen. Die Menschen in Aserbaidschan, die georgisch-sprechenden Adscharen und die Mehrheit im Nord-Kaukasus praktizieren den Islam. Einige jüdische Gruppen, die nie von Einheimischen unterdrückt wurden, überlebten und zogen teilweise nach Israel: die im Hochland lebenden Tats (die eine iranische Sprache sprechen und mit Muslimen vermischt sind), die georgischen Juden (welche direkt aus Babylon in das Land zogen), wie auch die europäischen aschkenasischen Siedler, die im 19. Jahrhundert kamen. Es wird angenommen, dass viele der Juden Überlebende des einst mächtigen Chasaren Kaganates sind, wie auch die Ossetier Nachkommen der Alaner sind, deren militärische Macht der Balkan, Ungarn und Russland zu spüren bekamen. Abgesehen davon, gibt es noch zahlreiche traditionelle Kulte die praktiziert werden – besonders in Abchasien.

Es mag vielleicht seltsam klingen, aber die aktive Ausdehnung des Islam in dieser Region fand erst im 18. Jahrhundert begann. Der Erfolg des Islam kam mit dem religiösen Orden des Nakschbandija, welcher von den Kurden des osmanischen Reiches reformiert wurde und so den kurdischen Aufständen in der Türkei und im Iran diente. Der kurdische Typus des Nakschbandija verbindet islamische Ergebenheit mit Nationalismus und wurde in dieser Form von den Tschetschenischen und Daghestanischen allmählich als eine Ideologie des Widerstandes gegen die russische Besatzung angenommen. Dem Nakschbandija ist es zu verdanken, dass kurdische Aufstände im Mittleren Osten noch heute stattfinden; er half auch den Nord-Kaukasiern, die russische Herrschaft und ihr von Stalin erzwungenes Exil in Zentralasien zu überleben.

Der kulturelle Aspekt des Kaukasus ist unglücklicherweise im Westen nicht bekannt. Die Georgier und Armenier haben ihre eigene Schrift, die weder lateinisch, noch kyrillisch Ursprungs ist. Ihre geschriebene Literatur entstand lange, bevor sich die modernen europäischen Sprachen entwickelten. Movses Khorenazi aus Armenien (5. Jahrhundert n.Chr.) hinterließ einen detaillierten Bericht über die Antike, während der georgische Dichter Schota Rustaveli (12. Jahrhundert n.Chr.) den Höhepunkt der literarischen Kunst darstellte. Der abchasisch-georgische Philosoph Johannes Petritzi (11. Jahrhundert n.Chr.) trug, in einem griechischen Kloster verweilend, zu neo-platonischem Denken bei, und der kurdische Dichter Nizami aus Aserbaidschan (12.-13. Jahrhundert n.Chr.) wurde einer der größten Vertreter der persischen Literatur. Weiterhin finden sich in Daghestanischen Schriften, genauer in der Leibeslyrik, gekonnt eingebundene Weisungen des Korans, welche dazu dienen, eine Liebste zu preisen und Leidenschaft auszudrücken. Die fabelhaften Teppiche und verzierten Zobelfelle wurden in der gesamten islamischen Welt geschätzt. Die georgische polyphone Musik ist eine erstaunliche Widerspiegelung der Natur und menschliche Hingabe. Die Adygener, zusammen mit den venezianischen und genuesischen Siedlern und Händlern, entwickelten ebenfalls eine originelle musikalische Tradition. Die Heilkunst der Adygener und ihrer Verwandten – den Schapsug, den Abasinern und den Zirkassiern – basiert auf religiöser Tradition und dem vielgestaltigen Kräuterreichtum ihres Heimatlandes.

Die Kaukasier mögen Wein und scharfes Essen. Aber solch eine Mahlzeit wird nur zusammen mit Trinksprüchen, Scherzen und Musik genossen. Es gibt sogar einen Toastmaster, der die Trinkzeremonien organisiert und zum „Diktator“ werden kann, wenn die Anwesenden seine Instruktionen nicht befolgen. So muss auf einer Hochzeitsfeier der erste Trinkspruch den „jungen Turteltäubchen“, der zweite ihren Eltern, der dritte ihren Brüdern und Schwestern und so weiter, gewidmet werden. Es könnten auch Trinksprüche auf Mätressen und Liebhaber, Gelehrte und Musiker, sowie Freunde und Feinde ausgesprochen werden. Ein Toast auf das Heimatland, zum Beispiel, würde in Georgien so klingen:

„Als Gott die Menschen schuf und sie in Nationen aufteilte, entschied er sich dafür, jeder Nation ihr eigenes Stück Land zu geben. Die Nationen traten an Gott heran und erhielten, je nach ihrer Bevölkerungsgröße und ihren Verdiensten, jeweils ein Gebiet. Aber die Georgier waren zu sehr mit dem Trinken beschäftigt, so dass sie diese Gelegenheit verpassten. Als sie ihren Fehler erkannten, baten sie den Allmächtigen Gnade walten zu lassen. Daraufhin sagte Gott den Georgiern: Ich habe alles Land verteilt, aber ich behielt ein Stück für mich. Euren Fehler kann  ich euch vergeben, und ich werde das Stück Land eurer Nation schenken, während ich selber von nun an im Himmel residieren werde.“  

Die vergnügten Kaukasier wurden deshalb schon immer als reich, gesund, stark, sexuell aktiv und traditionell männlich dominiert gesehen.

Die zahlreiche Witze spiegeln dieses Bild wider. Von den Charakteristika der verschiedenen kaukasischen Gruppen erzählen Anekdoten, insbesondere wie schlau und ironisch ihre Mitglieder sein können.

Ein kaukasischer Mann wird eingezogen, um im Krieg zu kämpfen. Vom Schlachtfeld schreibt er seiner Frau: „Ach Liebling, hier wird so intensiv geschossen, dass sie einen Menschen töten könnten!“

Ein Dorf im Gebirge. Es ist der 100. Hochzeitstag eines Ehepaares. Ausländische Journalisten fragen den Ehemann: „Haben sie während der 100 Jahre ihres gemeinsamen Zusammenlebens jemals daran gedacht, sich von ihrer Frau scheiden zu lassen?“ „Nie,“ antwortet der Mann, „aber manchmal spielte ich mit dem Gedanken sie umzubringen.“

Der Arzt fragt einen kaukasischen Patienten: „Leiden Sie unter erotischen Träumen?“ Der Patient: Warum sollte ich darunter leiden?“

Zwei Kaukasier sitzen im Restaurant: „Was für einen Wein bevorzugst Du?“ „Leider bin ich nicht ganz gesund, weshalb mir der Doktor verboten hat Wein zu trinken.“ „Ach, mein Arzt hat mir den Alkohol auch verboten, aber ich habe ihn ein bisschen bestochen, und dann hat er mir erlaubt.“

Ein russischer Fahrer wird an der georgischen Grenze angehalten: „Sie sind zu schnell gefahren. Bitte erklären Sie den Sachverhalt schriftlich in der georgischen Sprache!“ „Aber ich kann kein georgisch. Könnte ich die Erklärung nicht auf russisch schreiben?“ „Nein, dies ist Georgien und Sie müssen eine schriftliche Erklärung auf georgisch abgeben.“ Daraufhin gibt der Russe dem Polizisten 25 Rubel. Der Polizist freut sich: „Sehen Sie, Sie können ja doch georgisch!“

Oh ja, es ist wichtig die jeweilige Landessprache zu beherrschen! 

Der Trend, den Kaukasus als kulturelles Italien für die russische Intelligenzija zu sehen, fing mit Puschkin an, der die Region einmal besuchte und die Bäder von Tiflis genoss. Zu seiner Überraschung bekam er eine übertriebene Geschichte über den kurdischen Stamm der Yeziden zu hören, welche besagte, dass sie den Teufel anbeten würden. Mit seiner Ballade im Stile Lord Byrons „Der Gefangene des Kaukasus“ schuf Puschkin regelrecht eine literarische Mode für erhabene Szenerien, kühne Gebirgsbewohner und liebliche „Bergmädchen“. Obwohl Puschkin gebieterische Verse wie „Der Kaukasus liegt mir zu Füßen“ verwendete und die russische Herrschaft voraussah, konnte er bei seinen Landsleuten keinen russisch-nationalen Antagonismus gegen die Hochländer entfachen.

Die russische Öffentlichkeit leibte die empfundene Genugtuung in die freie, belebende Bergwelt zu tauchen, um dem entmutigenden russischen Polizeistaat zu entgehen. Auf gleicher Wellenlänge mit Puschkins Romantik, verbanden Lermontow und andere empfindsame russische Autoren die Berggrenze mit Freiheit und schneidigen Stammesmännern. Mit dieser Anschauung übereinstimmend, bezeichnet Tolstoi in seinem Tagebuch den kaukasischen Krieg (von russischen Truppen und der vom Imam Schamil geführten Daghestanisch-Tschetschenischen Armee 40 Jahre lang ausgetragen) als gemeinen und ungerechten Krieg. Kriege sind gemein und ungerecht. Die Würde großer wie kleiner Gemeinden ist immer noch ein Konzept, mit dem man die Musik der schneebedeckten Berge des Kaukasus und seinen eiskalten Flüssen verstehen kann.